Noch ein Leserbrief

Aus einem evangelischen Gemeindebrief

aus dem Januar 2008, nicht signiert

Zur Diskussion

Natürlich tut es weh, wenn ein „Christian“ oder eine geborene „Lüdenscheid“ sich neuerdings zum islamischen Glauben bekennt. So wie es immer weh tut, wenn jemand sich vom christlichen Glauben abwendet, der oder die einmal mitgemacht und mitgebetet hat. Und natürlich müssen wir ganz genau nachfragen, wie das eigentlich bewertet wird, wenn ein ehemaliger Muslim Christ werden will. Ob es ebenso bedauert wird, wie wir eine Konversion zum Islam vielleicht bedauern, oder ob darin ein eigentlich todeswürdiges Verbrechen gesehen wird. Wir müssen darauf bestehen, dass Christen sich in islamischen Ländern auch ungestört und öffentlich zum Gottesdienst versammeln dürfen, auch in Kirchen. Das ist übrigens in vielen islamischen Ländern auch der Fall.

Aber solange der Westen eines der reaktionärsten islamischen Regime im Nahen Osten als engsten Verbündeten pflegt, ist die Glaubwürdigkeit des westlichen Engagements für Demokratie etwas angeschlagen. Und die Toleranz, die wir fordern, muss in unserem Land auch gelebt werden. Für ein antiislamisches Ressentiment sollte es in einer christlichen Gemeinde genauso wenig Platz geben wie für ein antijüdisches.

Antwort auf „Zur Diskussion“ (anonym)

Von einem Gemeindemitglied (auch anonym)

Ressentiment ist ein elastischer Begriff, der in philosophischen, psychologischen, soziologischen und nicht zuletzt umgangssprachlichen Kontexten durchaus unterschiedlich ausgedeutet worden ist. Mein Fremdwortlexikon übersetzt ihn mit „Abneigung (einer Person oder Sache) gegenüber“.

„Ressentiment“ mag bedeuten: Abneigung oder Ablehnung trotz relativ hoher Informiertheit. „Ressentiment“ kann ebenso bedeuten: Unbehagen oder Vorurteil bei fehlender oder unzulänglicher Information.

Solche Haltungen können sicherlich anerzogen, vermittelt oder auf andere Weise „betreten“ werden, wie sie auch wieder „verlassen“ werden können. Selbst grobe Fehlurteile und Vorurteile können vom Individuum vorübergehend verwendet werden und, bei förderlichem Umfeld, als unzulänglich und unreif durchschaut und wieder abgelegt werden.

„Man gibt sich immer die Gesetze, die man braucht“, so lautet ein bemerkenswerter Spruch eines Psychologen. Ein weiterer: „Vorurteile sind etwas Nützliches. Wenn wir keine Vorurteile gegen Schmutz hätten, würden wir uns nicht waschen.“

Was für eine „christliche“ Gemeinschaft wären wir, von jedem Kirchenbesucher zu verlangen: „Alle Fehl- und Vorurteile ablegen, sonst kommst du nicht hier `rein!“ oder „Menschen mit Ressentiments sind hier unerwünscht!“

So einer „christlichen“ Gemeinde möchte ich nicht angehören: Das schmeckt mir dann doch zu sehr nach Frömmelei oder gar Tugendterror, nach Manipulation und Gesinnungsschnüffelei.

Ich bestehe auf meine gehörige Portion an facettenreichen antiislamischen Ressentiments und kritisiere sogar das ultraorthodoxe Judentum sehr. Es mag ja sein, dass es mir an Information mangelt, lese ich ja auch erst seit fünfzehn Jahren Koran und Hadithen: Sehr, sehr vieles am Fiqh‑Islam und Scharia‑Islam behagt mir gar nicht und findet meine Missbilligung. Glücklicherweise weiß ich mich dabei mit vielen Muslimas und Muslimen auch dieser Stadt einig, denen sowohl der traditionalistische Islam als auch der Polit‑Islam als äußerst unbehaglich und sogar ablehnenswert erscheint.

Der Beitrag „zur Diskussion“ fällt christlichen, muslimischen und ex‑muslimischen Menschenrechtlern und Frauenrechtlern ebenso elegant wie tragisch in den Rücken. Sicherlich aus Uninformiertheit.

NN

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