Islam versus Renaissance

النهضة

Nahda:

Erneuerung, Auferstehung, Wiedergeburt.

Islamische Renaissance.

Renaissance ist … ?

Islam bleibt Fundamentalismus

und verneint das autonome

Individuum.

Jacques Auvergne

Eine 1888 bei Camille Flammarion erschienene, meist als „deutscher Holzschnitt des frühen sechzehnten Jahrhunderts“ bezeichnete Grafik zeigt einen kriechenden Gelehrten mit Mantel und Wanderstab, der unter einer bestirnten Halbkugel seitwärts gleichsam ausbricht und nach so etwas wie unerhörten neuen Sonnen kosmischer Erkenntnisse greift, die hinter dem Himmel und Horizont der Gewohnheit liegen.

Flammarion betitelte die wohl aus eigener Hand stammende und bewusst historisierende Zeichnung mit „L‚atmosphère. Météorologie populaire“ – „Himmelskunde, volkstümliche Wetterkunde und Sternendeutung“ und „un naïf missionaire du moyen age“ – „einfältiger mittelalterlicher Kundschafter oder Missionar.“ Ob dem Werk wirklich ein deutscher Renaissance-Holzschnitt zugrunde liegt sei hier einmal unerheblich. Flammarion erwähnte explizit die Abkehr aus dem Weltbild des Mittelalters, welches in theokratischer Manier Naturerklärung und Sozialordnung der (noch wenig umkämpften) Ausdeutung der „heiligen Schrift“ unterstellte. Dass womöglich ein angesehener Kirchenmann den Schock der „neuen Welt“, des Weltbildes neuer Horizonte und Erkenntnisse erfährt, gibt der Grafik eine pikante Würze. „Neue Welt“ war auch der angemessene Name für die am Ausgang der Renaissance entdeckten Teilkontinente Nord- und Südamerika.

Innerhalb des altvertrauten Raumes des Holzschnittes des Flammarion also liegen Sonne, Mond und Sterne, entbreitet sich eine heimatliche Landschaft mit Bäumen und Häusern. Mit Geisteskraft und Entdeckerfreude sprengt der Forscher den Rahmen, welchen Mythos, Religion und ständische Gesellschaft bislang vorgegeben haben.

Renaissance.

Die heterogenen politreligiösen Bewegungen der islamischen Gesellschaften des neunzehnten Jahrhunderts sind immer wieder als „Islamische Renaissance“ bezeichnet worden. Die Renaissance des 15. Jahrhunderts und des Humanismus indes, der Geist von couragierten und nonkonformistischen Intellektuellen wie Reuchlin, da Vinci oder Petrarca zielte auf eine Befreiung und Betonung des „eigensinnigen“ (Hermann Hesse) Individuums, zielte auf das von magischen oder sonstigen unreif-religiösen Fesseln befreite Denken, Sprechen und Schreiben, auf Männer und vielleicht schon auf Frauen autonomer künstlerischer oder wissenschaftlicher Tätigkeit.

Zu diesen durchaus demokratiefreundlichen Dynamiken aber stehen Faschismus, Stalinismus und Islamismus „halbierter Moderne“ (Ulrich Beck) als geistige Rückschritte hinein in eine totalitäre Politreligion (Theokratie) in einem unversöhnlichen Gegensatz. Das Wort „islamische Renaissance“ verhöhnt geradezu den europäischen Humanismus und die in ihm wurzelnden Werte der Aufklärung. Der allenfalls säkular zähmbare, grundsätzlich jedoch bis zu Allahs vermutetem Weltende vollständig unreformierbare orthodoxe Islam wird wohl niemals eine tragfähige Grundlage einer beispielsweise arabischen Gesellschaft kultureller Moderne sein können.

Renaissance. Der Mensch wagte es, sich im Mittelpunkt seines und „des“ Universums anzusiedeln und zu sehen, und zwar das Individuum eines Aristoteles oder Platon, nicht das Kollektiv von Konfuzius oder Mohammed. Sinnfällig konnte Leonardo da Vinci um 1490 das Proportionsschema des Vitruv zu einer weltbekannten Grafik umsetzen, die den Menschen als eingebunden in die mathematisch-klaren und zugleich göttlich-harmonischen Strukturen des Weltganzen weiß und spürt. Ein Denken, das beispielweise keinen dualistischen Bruch zwischen einer göttlichen und einer teuflischen beziehungswiese nichtgöttlichen Sphäre zu dulden bereit ist, vielmehr ein ebenso pantheistisches wie mit Rationalität zu durchdringendes Universum, frei von den geistig-seelische Fesseln obskurer Tabus. Das war ein Angriff auf das geistige Primat der christlichen Theokratie und wurde von dieser auch so verstanden. Ein Wiederhall antiker Ethik schuf ein heilsam konkurrierendes Gegenbild und Gegengewicht zur katholischen Ordo Dei und beflügelte das Naturbetrachten und Forschen. „Als die Götter noch menschlich waren, waren die Menschen göttlich.“

Diese Freiheit ist bislang so gut wie keinem muslimischen Journalisten, keinem muslimischen Physiker, Biologen oder Geologen zugänglich. Als eine die orthodoxe islamische Umgebung zutiefst störende und damit für dich als in Stamm und Umma eingekerkertes Wesen schlicht unfunktionale Haltung wird diese – humanistische – Freiheit von 99 % der weltweiten Muslime auch nun wirklich nicht vermisst, was sich in jeder westeuropäischen Schulklasse wiederspiegelt. Deutlich wird, dass es zwischen Marokko und Malaysia eine Renaissance bislang weder gegeben hat noch geben kann. Die Mu’taziliten einer hoffnungsvollen islamischen Philosophie des neunten Jahrhunderts oder die Lehren eines Averroës (Ibn Ruschd) des zwölften Jahrhunderts wurden von der islamischen Orthodoxie brutal ausgerottet, ihr Denken wird von keinem türkischen oder türkisch-deutschen Imam auch nur wiedergegeben und in den meisten Fällen noch nicht einmal verstanden.

Renaissance. Der Mensch durfte sich aufgerufen fühlen zum angstfreien Lernen und Weiterentwickeln, ohne Rücksicht auf Vordenker oder Vorbeter. Die dem Subjekt des Betrachters zum autonomen Analysieren überlassene Weltnatur als Untersuchungsgegenstand konnte die Erde um die Sonne kreisen (zu‑)lassen und lehnte das einem monotheistischen, allmächtigen Gott geometrisch entsprechende heliozentrische Weltbild christlicher Theokratie ab.

In der Kunst begannen Individuen damit, ihre Schöpfungen oder Kunstwerke zu signieren: Der anonyme Kunsthandwerker, für Burgherr oder Bischof tätig, wurde vom autonomen Künstler abgelöst, der sich durch seinen kreativen Schöpfungsakt womöglich einem Schöpfergott ähnliche Persönlichkeitszüge aneignete oder jedenfalls anmaßte.

Wiewohl von der gelegentlichen Entgleisung eines Geniekults verzerrt, sollte der Gelehrte wie der Künstler der Renaissance jedem Menschen als nachahmenswertes wie zugängliches Leitbild dienen. Universelle Bildung und kreatives Schöpfertum war für jeden erreichbar, unabhängig von theologischer Bildung, Stand oder Abkunft. Der Mensch sah sich aufgerufen, sich einer persönlichen, stetig vertieften Bildung ermächtigen und dem hohen Standard der kreativen Universalgelehrten nachzueifern. Nicht wenige Wissenschaftler in Renaissance und Barock nämlich waren zugleich bekannte Künstler. Indem selbst christlich Empfindende nun verschiedenartigste Texte, nicht zuletzt die Texte der heiligen Schriften schonungslos und sehr persönlich kritisieren konnten, wandelte sich das Klima der Renaissance sehr konsequent zum Klima der Reformation.

Europas Säkularisierung begann, einen weiten geistigen Raum aufzuspannen, Religion und Wissenschaft traten wie zwei Torpfosten auseinander und forderten zum autonomen Durchschreiten auf. Innerseelisch konnte sich der Raum für die Außenansicht auf die Religion ebenso entfalten wie der Zugang zum Denken in persönlicher Religiosität. Eine befreite, reife Spiritualität ist auch nur mit dieser säkularen Haltung gegeben, vor- oder antimoderne Religion ist wenig mehr denn geheiligter Okkultismus. In extremen Theokratien fällt Glaube und Vernunft in eins, ist der Forscher zugleich der Vorbeter und sind die erwähnten beiden Torpfosten zu einem einzigen, kritiklos als „wissenschaftlich“ zu verehrenden Totempfahl verschmolzen.

Renaissance. In der theokratischen „Kultsäule“ des Dogmas der päpstlichen Unfehlbarkeit begannen sich erste Risse zu bilden.

Ein anti-emanzipatorischer Rückschlag folgte erst im Barock als dem Zeitalter der Gegenreformation, doch war für ganz Europa das freie Denken nicht mehr aufzuhalten und setzte den nachmaligen absolutistischen Regierungsformen aus der Sicht der Gelehrsamkeit das Zeitalter der Aufklärung entgegen. Begonnen hatte der Ausstieg aus dem reichlich theokratisch geprägten Mittelalter allerdings mit der Renaissance, mit Geistern wie Dante Alighieri, Jakob Böhme (Gott erscheine dem Menschen als Wille, Kraft, Leben), Nikolaus von Kues, Leonardo da Vinci, Boticello oder, im untergehenden byzantinischen Reich, mit dem an Platon orientierten, antikirchlichen Gelehrten Γεώργιος Γεμιστός Πλήθων, Georgios Gemistos Plethon. Sowohl eine christliche als auch eine islamische Gesellschaftsordnung hielt der griechische Renaissance-Humanist Plethon für schlicht unreif und dem Menschen unwürdig. Dem ist auch aus demokratischer Sicht zuzustimmen. Plethons griechischer Schüler, der Humanist Basilios Bessarion, geboren in Trapezunt türkisch besetzt Trabzon, wurde säkular ebenso Platonforscher wie religiös Kardinal. Um sich die Weite dieses späten byzantinischen Denkens zu vergegenwärtigen und die Beschränktheit des Islam der letzten tausend Jahre, stelle man sich einen Ibn Warraq oder Salman Rushdie als Dozenten an der Kairoer al-Azhar vor.

Byzanz wandelte sich zu Istanbul. Kurden diskriminieren, Griechen mindestens kulturell auslöschen. Der Artikel 301: Beleidigung des Türkentums. Armenier-Völkermord durchführen und in der Enkelgeneration der Täter dessen Erwähnung bestrafen lassen. Geht doch, auch als EU-Kandidat, na bitte. „Du bist nichts, die Umma ist alles“ (Ümmühan Karagözlü).

Eine Haltung wie Dante Alighieri oder Plethon sie lebten, das Göttliche mit dem Vielgestaltig-Einen zu einem rational erfassbaren Weltall ausgesöhnt, sie würde zu Recht den Namen islamische Renaissance verdienen. Es wird indes noch viel Wasser den Tigris, Nil oder Rhein herunter fließen, bis islamisierte Mehrheiten gemeinsam mit reifen muslimischen Persönlichkeiten wie Wafa Sultan oder Bassam Tibi nach dem autonomen Denken und Gestalten rufen und nach der säkularen Gesellschaft statt nach Sunna, Scharia und Kalifat.

Die antidemokratische Sunna der von Allah angeordneten Frauenherabwürdigung und der heiligen Verachtung aller „Ungläubigen“ sowie Koran und Hadithen als textliche Zeugnisse eines geistig-seelischen Gefängnisses werden dieser monotheistischen Religion den Weg in die kulturelle Moderne sehr erschweren, ihren muslimischen Angehörigen und uns Menschen im Bereich des islamischen Umweltveränderns.

Die Menschheit der Welt hat ein Problem: Dem Islam hat bis heute eine echte – humanistische – Renaissance gefehlt.

Jacques Auvergne

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