Universelle Frauenrechte sind universelle Menschenrechte

Rede von Serap Cileli anlässlich der Trauerkundgebung für Gönül Karabey in Wiesbaden

Hingerichtet – im Namen der Ehre

Die 20-jährige Gönül Karabey und die 23-jährige Hatun Sürücü entzogen sich dem traditionellen islamischen Lebensstil, um sich aus der Sklaverei zu befreien und ein Leben in Freiheit zu führen. Den Drang nach Freiheit und Emanzipation mussten sie mit ihrem Leben bezahlen.

Zeitlebens standen sie im Schatten ihrer Tradition. Sie waren im Besitz ihrer Familie. Im Leben und auch im Tod. Ihre Killer sind die eigenen Brüder. Die Ehre dieser Herren wurde- angeblich durch den westlichen Lebensstil ihrer Schwestern verletzt.

Mit sechs Schüssen wurde Gönül von ihrem Bruder hingerichtet, weil sie sich gegen die Zwangsehe, mit einem Mann aus dem gleichen Kulturkreis, wehrte und stattdessen ihrem Herz gefolgt war. Sie wollte einen Deutschen heiraten.

Auch Hatun Sürücü wurde von ihrer eigenen Familie mit drei Schüssen hingerichtet, weil sie halt zu Deutsch war.

Und das in einem Land, das damit stolziert, dass die Frauen frei und gleichberechtigt seien. Und wir haben Gönüls und Hatuns Familie freiwillig unterstützt. Wir haben viel zu lange „Zwangsehen“ geduldet und bei „Ehrenmorden“ weggeschaut.

Gleichzeitig wurden und werden die Ehrentäter „statt Mörder als Helden“ von ihrer Familien gefeiert. Aber auch in diesem Rechtsstaat werden von deutschen Gerichten Rabatte gewährt, wenn es um so genannte Ehrenmorde geht.

Sogar manch naive deutsche sowie türkischstämmige Politikerinnen kritisierten unser Engagement gegen Zwangsheirat- Ehrenmorde -Kinderhochzeiten und Importbräute. Und unterstellen uns – den binationalen Frauenrechtlerinnen- Ausländerfeindlichkeit zu schüren.

ZUM BEISPIEL:

Die Integrationsbeauftragte Marieluise Beck (Grüne) behauptet, dass man die Gewalt an moslemisch- türkisch- kurdische Frauen und Mädchen nicht thematisieren darf, weil das die Integration behindere.

Frau Marieluise Beck erwartet von uns „Opfer jeglicher Art von Gewalt“ uns zu verstummen und zu schweigen, damit kein falsches Bild von der türkischen Community entsteht.

Wir – die Opfer dieser blutigen Tradition – sollen die erlebte Gewalt verbergen und herunterspielen. Wir sollen die Ehrenmorde und Zwangsverheiratungen in Deutschland nicht zu einem öffentlichen Thema machen, weil wir damit angeblich nur Vorurteile schüren.

Im Interview mit der Frankfurter Rundschau bewertet Frau Beck die Studie „Viele Welten leben“ und teilt uns mit: „ Die aktuelle Diskussion über die Lebenssituation von Migrantinnen in Deutschland geht an deren Lebenswirklichkeit vorbei, denn durch die Betonung und oft auch durch die Skandalisierung von Einzelschicksalen entsteht ein häufig verzerrtes Bild“.

Also, wir brauchen uns doch keine Sorgen zu machen, nicht wahr? Alles ist in bester Ordnung. Hatun, Melek, Meryem, Semra und jetzt GÖNÜL, wurden von ihren Vätern, Brüdern oder Ehemännern „im Namen der Ehre“ ermordet.

Doch dies sind alles nur Einzelschicksale!

Man dürfe nicht skandalisieren!

Nein!!! Frau Beck!!!

Das Schicksal von Hatun und Gönül sind typisches Beispiel für den gnadenlosen Ehrenkodex, dem in Europa jährlich unzählige Frauen und Mädchen aus den Einwandererfamilien geopfert werden. Weil die jeweiligen Regierungen sie vor Gewalt in der Familie nicht ausreichend schützen konnten.

Weil, die Ehemänner oder andere männliche Familienangehörige sich berechtigt sahen über ihre Leben und Tod zu bestimmen. sie waren alle Frauen und Mädchen aus diesem Land die daran gehindert wurden, wie Menschen zu leben. Frauen und Mädchen aus Migrantenfamilien, die unter dem starken Einfluss moslemisch- patriarchalischer Tradition standen.

Sie sind die Mütter, die Schwestern, die Verlobten, die Freundinnen, die Geliebten und die Ehefrauen. Sie sind, mitten unter uns, Opfer der patriarchalischen Gesetzgebung. Ihre Mörder sind meistens der Vater, der Bruder, der Verlobte, der Freund, der Geliebte und der Ehemann.

Ist es eine Frage des Schicksals und der Bestimmung? Oder ein staatliches System des Nichts- wissen- Wollens?

Ich lehne jede Religion, jede Kultur und jedes Gesetz ab, die Ungleichheit sanktioniert.

Ich verurteile Rechtsverständnisse, die das Verhalten der gewalttätigen Männer

rechtfertigen, indem sie den Frauen die Schuld geben.

Es gibt keine religiöse oder kulturelle Rechtfertigung für Gewalt und Gewaltanwendung an Frauen und Kindern. Deshalb darf es auch keine Akzeptanz für Gewalt geben, die kulturell oder religiös begründet wird.

Der Ehrenmord an Gönül Karabey ist in Deutschland der 7. Mord in 9 Monaten, etwa der 52. seit 1996.

Deshalb fordere ich:

Die Zwangsverheiratung soll als eigenständiger Strafbestand verfolgt werden. Migrantinnen, die zur Zwangsverheiratung ins Ausland verschleppt wurden, benötigen ein deutlich längeres Rückkehrrecht als nach den geltenden ausländerrechtlichen Bestimmungen möglich ist.

In Deutschland zwangsverheirateten Migrantinnen muss ein eigenständiges Aufenthaltsrecht eingeräumt werden.

Im Jugendhilferecht müssen Veränderungen zugunsten der Betroffenen eingeführt werden. Opfer sollten in Strafverfahren die Möglichkeit einer Nebenklage erhalten. Gleichzeitig müssen wir ihre geheimen Aufenthaltsdaten besser schützen, auch wenn die Opfer nicht an Zeuginnenschutzprogrammen teilnehmen.

Statt weiterer Kürzungen im Bereich der Frauenhäuser und Kriseninterventionsstellen benötigen wir mehr Schutz- und Beratungseinrichtungen auch mit interkulturellen Kompetenzen.

Migrantinnen und Migranten- Communities müssen aktiv werden. Um die Betroffenen wirklich zu erreichen, müssen Aufklärung und Prävention vor allem in und durch die Migrantinnen und Migranten -Communities selber geschehen.

Ihre Meinungsführerinnen und Meinungsführer sowie die türkischsprachigen Medien in Deutschland müssen sich öffentlich zum Selbstbestimmungsrecht der Frauen bekennen.

Meine Damen und Herren…, Ehrenmorde zu kritisieren, sie zu ächten hat nichts, gar nichts mit Rassismus oder Ausländerfeindlichkeit zu tun. Im Gegenteil, das bedeutet aktiv sein gegen Gewalt und Intoleranz. Ehrenmorde sind weder „Ehrensache“ noch „Familiensache“. Kulturelle Toleranz endet da, wo Menschenrechte verletzt werden. Und Gewalt gegen Frauen ist eine klare Verletzung der Menschenrechte

Keine Toleranz für „Ehrenmorde“

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