Das Orientbild des Ali Schariati

جنس

ǧannasa

to make similar, to assimilate; to naturalize

anähneln, gleichartig machen; einbürgern

Islamischer Humanismus

Zu Ali Schariatis »Das Menschenbild im Marxismus, in anderen abendländischen Denkschulen und im Islam«. Von Jacques Auvergne

Bonn im Oktober 1983, Godesberger Allee 133-137. Viereinhalb Jahre nach der jenseitszentrierten Staatwerdung, die irdisch mit der rechtlichen Deklassierung der Frau, dem Verhindern von Pressefreiheit und mit massenhafter Folter und Hinrichtung korankonform zu begleiten war und bis heute ist, gab die Botschaft der Islamischen Republik Iran gesammelte Reden des Ali Schariati, heraus, die dieser zur Zeit der Studentenrevolte in Berkeley, Paris und Frankfurt, in den Jahren zwischen 1965 und 1970, an der Universität zu Maschhad gehalten hatte: »Das Menschenbild im Marxismus, in anderen abendländischen Denkschulen und im Islam«.

Schariati (ʿAlī Šarīʿatī) war Sohn eines idealistischen Aktivisten und geachteten Koranexegeten, der Mitte der Vierziger Jahre das Zentrum für die Verbreitung der Islamischen Wahrheit (Kanun-e Nashr-e Haqayeq-e Eslami, The Center for the Propagation of Islamic Truths) gegründet hatte, Vater und Sohn traten der von Abolqasem Shakibnia geführten Bewegung der Gott ergebenen Sozialisten bei, deren Credo lautete, Mohammeds Gefährten seien Sozialisten gewesen und der Staat von Medina die erste klassenlose Gesellschaft. Der kluge Dhimmi Karl Marx kann in dieser Logik nur ein fahler Abglanz des Ur-Sozialisten Mohammed sein. Ali war damals erst vierzehn Jahre alt (1).

Das um 1972 ohne Schariatis Einwilligung und auch nur Kenntnis veröffentlichte Manuskript, er verbüßte, was sehr wohl öffentlich bekannt war, zwischen September 1973 und März 1975 eine Gefängnishaft, erschien in der auflagenstarken Zeitung »Keyhan« als Artikelserie, das iranische Original titelte »Ensan, Eslam va Maktabha-yi Maqrebzamin« (Mensch, Islam und die Denkschulen des Westens) und wurde von Robert Campbell ins Englische übersetzt als »Marxism and Other Western Fallacies: An Islamic Critique« (Mizan Press, Berkeley 1980). Die »Keyhan« verschwieg den Lesern, die meinen mussten, einen aktuellen und mit Zustimmung des Autors veröffentlichten Text zu lesen, dass das Redemanuskript bereits ein halbes Jahrzehnt alt war (2).

Im Mai 1977 verließ Schariati, den die Gefängnishaft sicherlich gesundheitlich sehr belastet hatte, den Iran, am 19.06.1977 starb er im englischen Southampton an einem Herzinfarkt. Vielleicht ist es der chaotisch-explosiven Lage und dem folternden Geheimdienst SAVAK des Schahs zuzuschreiben, dass sogleich das Gerücht aufkam, Schariati sei ermordet worden. Ganz ausgeschlossen ist ein Mord sicherlich nicht, doch wie wäre es mit dem eifersüchtigen Chomeini als Täter, der in den folgenden Jahren ungezählt oft unter Beweis gestellt hat, dass ein Menschenleben gegenüber Allahgottes Glanz nichts, aber auch gar nichts zählt und den ein im Volk beliebter, unorthodoxer Querkopf ja vielleicht bei seinen Rückkehrplänen störte, so sehr man den angesehenen Schariati zur Vorbereitung der Revolution genutzt hat. Es kann nur einen geben.

Im Vorwort von ruft die Presse- und Kulturabteilung der iranischen Botschaft die Europäer indirekt dazu auf, zur Frömmigkeit zurückzufinden, und sei es zur christlichen, ein Impuls, der durch Politik, Kirche und Pädagogik begeistert aufgegriffen worden ist bis heute im so genannten “Dialog mit dem Islam“ demokratiegefährdend fortgesetzt wird. Schariatis Rolle als die des feinsinnigsten aller Theoretiker der Islamischen Revolution ist von Nichtmuslimen bis heute im Allgemeinen übersehen worden, Muslime sehen hierbei einmal wesentlich klarer.

Nicht völlig zu unrecht, wenn auch unter Nichtberücksichtigung der feindbildbedürftig-manichäischen und damit islamverwandten Dimension des Marxismus, ordnet Schariati diesen der über Jahrhunderte herausgebildeten abendländischen Welt- und Gesellschaftsdeutung zu. Insbesondere in seiner klassisch-bildungsbürgerlichen Haltung und Lebensweise und mit dem ohne Platon, Renaissance und Aufklärung wohl schwerlich möglichen und mit dem Islam bis heute inkompatiblen Vorbehalt des Verstandes gegenüber dem religiösen Dogma erweist sich Karl Marx in der Tat als Kind des Abendlandes, wenngleich man ihm einen geradezu gnostischen Wunsch nach Weltüberwindung nachsagen kann, die bei dem antietatistischen und überhaupt strukturhassenden Teil seiner heutigen selbst ernannten und linksradikalen Nachfolger (Islamismusfreundin Sabine Schiffer, die Quṭb-begeisterte evangelische Theologin Beate Sträter) eine spezifisch linke Islamverherrlichung rechtfertigt.

Wenn die Herausgeber also Ali Schariati mit einem “Schariati zeigt des weiteren auf, warum sich der abendländische Humanismus gegen die Religion stellen mußte und wie die marxistische Religionskritik davon beeinflußt wurde” anpreisen, liegen sie insofern richtig, als dass Atheismus und Kirchenkritik neben jesuanischer Ethik und christlicher Sozialarbeit zu den Quellen der kulturellen Moderne zu rechnen sind, maßen sich gleichwohl das Monopol auf Religionserklärung und Verwaltung von Religiosität an. Christen und noch Unsittlichere erhalten bekanntermaßen aus den Händen der zur globalen politischen Führung und volkspädagogischen Erniedrigung oder Vernichtung der Islamskeptiker berechtigten Rechtgeleiteten eine daʿwa, Einladung, und dieses 86 Seiten dünne Büchlein ist eine solche. Der mittlerweile verstorbene Schariati konnte seine Zustimmung nicht mehr verweigern. Warum soll man einen utopischen Dissidenten nicht als Märtyrer vermarkten.

Gleich zu Beginn nimmt Schariati eine Position der Zivilisationskritik und der frommen Innerlichkeit ein und zitiert lobend Alexis Carrell: “Je mehr sich der Mensch der Außenwelt zugewandt und darin weiter vorgewagt hat, um so mehr hat er sich von sich selbst entfernt und sein wahres Selbst vergessen”, das uns an die spannend geschilderte Besteigung des Mont Ventoux (3) erinnert, die Francesco Petrarca (1304 – 1374) am Folgetag in einem Brief beschrieb. Das Gipfelerlebnis von Europas mutmaßlich erstem Touristen, dem italienischen Dichter und Humanisten Petrarca ist schönste Bergsteigerliteratur, doch knickt der Gebildete am 25.04.1336 vor der bedingt heilsrettenden Gottheit masochistisch ein, ein Wort kirchlichen Gehorsams zitierend, wie ein fundamentalistischer Muslim einen Koranvers. Petrarca hält bei aller Entdeckerfreude und stolzer Leistungsbereitschaft die Perspektive der wissenschaftlichen Magieüberwindung (Maria Sibylla Merian, Alexander von Humboldt, Charles Darwin) noch ebenso wenig aus wie das naturkundlich-hedonistische (Hermann Löns, Reinhold Messner) oder pantheistisch autonome (Goethe, Thoreau, Hesse) Herangehen an die (für uns seltsam göttlich bleibende) Natur, sein beim Lesen eines Verses von Augustinus auf dem Ventouxgipfel gefundenes Selbst ist eben nicht das Ego des Atheisten oder auch nur Hedonisten, sondern immer noch dasjenige der katholischen Doktrin, und etwas kleinlaut und in Angst vor der ewigen Verdammnis schlich Petrarca aus der strahlenden Bergwelt zurück in die düstere europäische Civitas werdender Renaissance. Wildnis macht halt Angst.

Schariati legt los:

7. Nach Ansicht von Dewey mangelt es dem Menschen von heute mehr an Selbstbeherrschung und Selbsterkenntnis als dem Menschen des Altertums.

Statt den Werteverfall fortzusetzen, gehe man nun zurück zur Disziplin. Angesichts des Sozialpädagogik und Jugendverbandsarbeit beherrschenden Dogmas des Amorphen ist die Kulturkritik des Pädagogen und Philosophen John Dewey (1859-1952) plausibel, leider hat Schariati mit Selbstbeherrschung den radikalen Sunna-Gehorsam gemeint und mit Selbsterkenntnis jene von Engeln und Teufeln umflatterten Standards der Islamwissenschaft, die ganz bewusst da Mauern bauen, wo weiter gedacht werden müsste, und die den “tugendhaften” Männern Lizenzen zur Gewaltanwendung gegen Frauen und Nichtmuslime verleihen, wo das universelle Menschenrecht Grenzen setzen muss. Den Titel “L`homme, cet inconnu” des erwähnten Carrell aufgreifend, orakelt Schariati:

7, 8. denn den Menschen erkennen bedeutet sich selbst erkennen … gerade der Mensch, der dringender als alles andere erkannt werden muss, ist ein Unbekannter. Hier handelt es sich in der Tat um ein lebenswichtiges Erkennen. … alle wissenschaftlichen, sozialen und ideologischen Versuche unserer Zeit, den Menschen wahrhaftig zu befreien, oder ihm zumindest ein Gefühl des Glücks zu vermitteln, [sind] hauptsächlich deswegen gescheitert, weil … der Mensch entweder unbekannt geblieben oder ganz in Vergessenheit geraten ist.

Die Antwort, die Schariati in seinem Leben gefunden hat, überrascht uns nicht besonders: Die Erkenntnis, die uns den “Unbekannten” näher bringt, sei bereits im Koran vorweggenommen, und jede Einsicht in das Wesen des Menschen und in die Bestimmung der Menschheit sei eine islamische.

Die in jenen Jahren Hoffnung erweckende, Form annehmende und Ekstase liefernde Revolution der “Achtundsechziger” sei zum Scheitern verurteilt, solange nicht der authentische Islam die Sache untermauere, der, wie Schariati nahelegt und wie Pöttering (Mai 2008) und Horst Köhler (Mai 2010) versichern, eine polygame und apostatenmordende »iKfR« sei, eine “im Kern friedliche Religion”.

Die technologische Moderne habe versagt, dem Menschen ein erfülltes Leben zu bescheren, ihre bemerkenswerten Errungenschaften bedürfen der moralischen Leitung und der reifen Einsicht, die nur aus Sunna und Scharia bezogen werden könne:

8. Daher hat das neue Bildungs- und Erziehungssystem, das … sich die immensen technologischen Möglichkeiten und … wissenschaftlichen Erkenntnisse … zunutze macht, keine großen Erfolge vorzuweisen … Im Gegenteil, es erweist sich … als unergiebig.

Die Moderne sei gar keine, sondern eine technologisch entwickelte, moralisch verflachte Wüste, die zu ihrer Gesundung des sozialrevolutionären Islam dringend bedarf.

Solange dem heutigen Menschen die schariakonforme Weltbetrachtung fehlt, sei er orientierungslos:

8. Er kann leben, wie er will, weiß jedoch nicht, wie er leben soll, weil er nicht weiß, warum er lebt.

Nach der Zerstörung der (angeblich) Heimatlichkeit und Handlungssicherheit stiftenden europäischen Religion würden die beiden Ersatzreligionen namens Kapitalismus und Sozialismus, einer in zwei Hälften zerbrochene Schale ähnlich, den West- beziehungsweise Osteuropäer umgeben oder in die Zange nehmen.

Die Lösung (Ḥasan al-Bannā: al-Islām huwa al-ḥall) aus diesem doppelten Unheil, diesem Skylla und Charybdis vergleichbaren Dilemma, sei natürlich der Islam, dem die Geometrie der berüchtigten “Mittigkeit” (al-wasaṭiīya) zukomme, das In-sich-Ruhen und, in der Unübersichtlichkeit der Moderne, ebenso die die flexible Richtschnur der persönlichen und sozialen Heilwerdung, die eine unermesslich mächtige Gottheit im Chaos der Einzelereignisse gewissermaßen als den MEDIAN (Ali Schariati nach Abolqasem Shakibnia) vorgebe. Der Median ist der Zentralwert der Mathematik, der, etwas islamisiert, panisch bis sadistisch den Rest der Welt nach rechts vom Weg (fällt in die Hölle) und links davon (auch für das Höllenfeuer) in gespielter Unschuld selektiert. Der islamisch nutzbar gemachte Median gleicht der bei al-Ghazali garantierten ṣirāṭ-Paradiesbrücke, die eine jede Seele nach ihrem Tod überschreiten muss, die den Höllenabgrund überspannt und dabei ebenso rutschig wie schmal ist: aṣ-ṣirāṭ al-ǧaḥīm, anglisiert zu sirat al-jahim, Bridge of Hell.

Der Median wird bei Schariati zum wichtigsten Gleichnis der guten (islamischen) Hoffnung: Wie eine Wirrnis von Sandkörnern auf einer Platte (die einem fotografierten Mückenschwarm ähnelnden Punkte in einem Koordinatensystem) nur von einer geradezu übernatürlichen Macht durch eine Linie in zwei gleich umfangreiche, nämlich zwei gleich viele Punkte umfassende Flächen aufgeteilt werden kann, so biete der sich zwischen Kapitalismus und Sozialismus hindurch schlängelnde Islam den Situationen beziehungsweise Individuen (Punkte) die einzige Chance, den beiden dekadenten Doktrinen von Kapital und Kommunismus zu entkommen. Die Sunna-basierte Selbstaktualisierung und letztlich der Schariastaat wird zur MEDIAN SCHOOL, zur Seinsweise der Ausgewogenheit (»Maktab-e Vaseteh-e Islam, The Median School Of Islam«).

10. [Im Humanismus] versucht der Mensch, sich [von den Naturkräften] zu befreien, sein eigener Herr zu sein und die höhere Gewalt der Natur zu werden, d. h. die Stellung von Zeus einzunehmen, der die Herrschaft der Natur über den Menschen symbolisiert. Ein erstaunlicher und verhängnisvoller Trugschluss, dem … Voltaire, … Feuerbach und Marx erlegen sind, kommt dadurch zustande, dass sie die mythische Welt der alten Griechen … mit der geistigen und heiligen Welt der östlichen Religionen gleichgesetzt haben.

Die Spaltung der Welt in Osten und Westen beziehungsweise der einen Menschheit in das östliche und das westliche Menschentum begegnet uns heute bei Necmettin Erbakan und Tariq Ramadan, wir haben sie zurückzuweisen, da wir wissenschaftliche Fragestellungen und Erkenntnisse für ebenso universell halten wie unsere Forderung nach der Gleichberechtigung der Frauen und Atheisten und da wir um die Gefahr der ethnoreligiös begründeten Apartheid wissen, auf die der orthodoxe (revolutionäre, kulturrassistische) Islam nicht verzichten kann.

Schariati verflacht das Griechentum unzulässig. Auch dabei erweist er sich ganz als Nachfolger des im Jahre 1111 verstorbenen al-Ghazali, der die griechischen Philosophen nur studierte, um ihren emanzipatorischen Einfluss zu bannen und sie, für den Islam, für alle Zeit zu zerstören. Die Entwicklung der Gottesbilder, etwa Hermes, Zeus oder Apoll, von einem Stammestotem zu einem väterlich-patriarchalischen, zuletzt zu einem ästhetisch-philosophischen und, in der späten urbanen Gegenkultur der Mysterienkulte, ekstatisch-wiederverzaubernden Prinzip ist Schariati nicht bekannt oder nicht wichtig, die Geistesfreiheit eines Platon oder Aristoteles würdigt er nicht, die Machtpolitik gewisser Priesterbünde (Athen, Delphi) übergeht er, da man den Scheichs und Ayatollahs auf die Schliche kommen könnte und Allahs Liebling Muḥammad gleich mit.

Aus einer wenig nachvollziehbaren Schmähung der alten Griechen also stolpert Schariati in den Bereich des Korantreuen, wenig zufällig eine inzwischen in Kirchentagsmilieus und bei Dialogveranstaltungen beliebte Vermischung des jüdischen und christlichen mit dem islamischen Menschen- und Gottesbild vornehmend:

10. In dieser Welt jedoch wird Satan, der ranghöchste Engel, Gottes, verbannt und verflucht, weil er sich geweigert hat, wie alle anderen Engel auf Gebot Gottes Adam zu huldigen.

Die Christen sollen zu ihrer Religiosität zurückfinden – und sich dem politischen Anspruch (Kalifat) des Islam unterordnen, nicht zuletzt zu seinem frauenentrechtenden Anliegen. Wie er soziale Gerechtigkeit und Islam, Gleichberechtigung der Frauen bzw. Nichtmuslime und Scharia sowie Pressefreiheit und Koran in Übereinstimmung bringen will, verrät Schariati nicht, hatte aber ein Leben lang Zeit dazu. Jedes Zurückweisen der Gottheit aus der öffentlichen Sphäre diffamiert Schariati als “Materialismus”, lautstarke Rufe der Parteigänger eines monotheistischen Gottes sind also im öffentlichen Raum ebenso zu dulden wie das heilssichernde Sinnzeichen der Macht der Scharia, der Schleier.

Schariati lässt offen, ob er den Satan und die Engel wenigstens teilweise allegorisch versteht, wir müssen dem gebildeten Iraner daher mindestens unterstellen, das ungehemmte Fürwahrhalten der Geister und Dämonen für gemeinschaftsförderlich und staatserhaltend zu erachten. Die imaginierten Geister ließen nicht lange auf sich warten … und beauftragten ihren unfehlbaren Statthalter im Jahre 1979 aus dem Pariser Exil heranzufliegen, mit Stockschlägen und Verhaftungen allen Frauen des Iran in kürzester Zeit den Tschador aufzwingen und jeden Religionskritiker als “Terroristen” einzusperren sowie im Namen Allahs zu foltern und zu ermorden. Hat sich Ali Schariati einen anderen Islamstaat vorgestellt als denjenigen des Ayatollah Chomeini und seiner seit 31 Jahren herrschenden Tyrannei? Das mag ja sein, und es mag auch sein, dass er alleine die islamische Diktatur nicht hätte verhindern können, doch den islamischen Staat mit herangerufen hat der Intellektuelle. Der erfolgreiche Redner Schariati trägt Mitschuld an der Velayat-e Faqih, der Herrschaft des Obersten Rechtsgelehrten.

Die mittelalterlichen und neuzeitlichen Europäer und mit ihnen die neuzeitlichen Nordamerikaner seien aus dem nach Schariatis Auffassung unspirituellen, diesseitsverliebten, seelischen und ethischen Griechentum niemals herausgekommen, dem es um nichts anderes gehe, als sich durch Unterwerfung der Natur den Himmel zu erobern und sich selbst auf den Thron der patriarchalischen Gottheit zu setzen:

11. Auf dieser Basis versuchte der griechische Humanismus durch die Absage an die Götter, die Ablehnung ihrer Herrschaft und die Befreiung der versklavten Menschen aus den Ketten des Himmels, zu einem anthropozentrischen Weltbild zu gelangen, den Menschen zum Prüfstein für das Richtige und das Falsche zu machen, seinen Körper zum Maßstab für das Schöne zu erheben und nur jenen Bereichen des Lebens Bedeutung beizumessen, die dem Menschen Macht und Freude bringen.

Warum sollten die Nichtmuslime denn auch Sphären verehren, die ihnen Ohnmacht und Schmerz bringen? Und: wenn wirklich auch der seine Talente entfaltende weibliche, kranke, kindliche und alte Mensch ästhetisch-ethisches Leitbild ist und nicht nur der männliche und dabei ethnisch hellenische Mensch als gesunder Jugendlicher, kampftstarker Krieger und königlich Herrschender Tyrann oder Gott, kann sich von einem “Menschen im Mittelpunkt” die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte ebenso gut ableiten wie von einem christlichen Gedanken der Gottesebenbildlichkeit jedes Menschen. Schariati unterschlägt, dass der Islamapostat keine Würde hat (und die muslimische Frau nur die halbierte Würde), oder jedenfalls selbst dann kein Recht auf Leben, wenn man das Gesteinigtwerden als besondere Weise des Würdigens versteht. Der Iraner ist zu weder zu dumm noch zu feige, sich gegen die Todesstrafe auszusprechen, also billigt er die Tötung der Ehebrecherin und das Ermorden des bekennenden Schariafeindes als den nach seiner Meinung einzig wahren Humanismus, als den “islamischen Humanismus”.

Allahzentrik statt Anthropozentrik: Es gehe darum, die Verehrung (unbedingte Wertschätzung) des Menschen zu überwinden und Gott wieder in den Mittelpunkt zu stellen, allerdings nicht etwa einen Gott, der die Universalität der Menschenrechte fordert oder wenigstens wohlwollend toleriert, sondern einen Geist, der die Herabsetzung der Frau und die Gewalt gegen den Atheisten oder Polytheisten verlangt, einen Kriegsgott, Allahgott.

Ziemlich raffiniert lässt Schariati beide miteinander konkurrierende zeitgenössische Weltbilder Europas aus einem einzigen, in Wurzel und Zielsetzung dekadenten westlichen Humanismus entstehen, den Kapitalismus ebenso wie den Atheismus, den US-Imperialismus wie die Sowjetherrschaft. Die aus orthodox-islamischer Sicht durch die Juden mit verfälschten Schriften ausgestattete und ohnehin durch den islamischen Propheten überwundene Schale des Christentums sei in den Kapitalkult und in atheistische Doktrin zerbrochen, in NATO und Warschauer Pakt. Ein günstiger Bühnenhintergrund war der Kalte Krieg allemal, um dem Islam die ungeschmälerte al-wasaṭīya zuzuschreiben, die berüchtigte Mittigkeit der “nation justly balanced, in der Mitte stehenden Gemeinschaft ”. Wenn zwei sich streiten, freut sich der Allah.

Und so, wie höchst anschmiegsame Trennöle zwischen zwei verkeilte Bauteile fließen, beginnt Allahs Sittenlehre, zwischen den nach Schariatis Aussage zum Niedergang verurteilten Gebäuden von Marktliberalismus und Planwirtschaft, zwischen den beiden gigantischen Monolithen Washington und Moskau beziehungsweise Neu-Delhi und Peking hindurchzukriechen, die Blöcke aufzuspalten und die Spielregeln für jede künftige internationale Debatte zu setzen (Öl liefert der Orient zufällig ja auch ganz real). Aus heutiger Sicht scheint der inzwischen erfolgte politische Zusammenbruch der ihrem Verständnis nach antikapitalistischen Sowjetunion einem Schariati ebenso Recht zu geben wie die seit wenigen Jahren herannahende Wirtschaftskrise bei uns als den mehr oder weniger fälschlich so genannten Kapitalisten. Wir sollten die soziale Marktwirtschaft freilich ebenso weiterentwickeln wie grundsätzlich verteidigen und das Sharia-Banking nach Kräften eingrenzen, denn wer in den USA oder in Westeuropa einen kommunistisch inspirierten Kleinbetrieb oder einen allahzentrischen Bauernhof aufbauen und führen will, kann das ja (leider, mag man sagen) ausprobieren, was umgekehrt (meinungsfreie Zone in China oder Pakistan, privatwirtschaftliche Rechtssicherheit in Dschidda oder Pyöngyang für Ausländer) nicht möglich ist.

Schariatis globale Kulturgeschichte in zehn Sätzen ist von Antijudaismus und Antisemitismus gewürzt und stellt den Islam als die letzte Chance der seit Jahrtausenden gequälten und in die Irre geführten Menschheit dar:

27, 28. Um sein Volk aus der Knechtschaft der imaginären Mächte zu befreien, kämpfte Konfuzius gegen den Aberglauben. Doch dieses Prinzip erstarrte später … . Der Hinduismus, der … dem Körper der Welt den Geist einhauchte, wurde zu … Aberglauben, in dem eine große Anzahl von Göttern die Menschen angreift, … zu mörderischer Askese, zu Erniedrigung und zu Knechtschaft im Sinne der Priesterschaft. Buddha kam, um die Hindus zu erlösen … . Doch seine Anhänger wurden zu Buddha-Verehrern. (Das persische Wort für Götze Bot stammt von dem Wort Buddha ab und Botparasti bezeichnet die schlimmste Form von Schirk [Götzendienerei].) Messias, der verheißene Erlöser, kam, die Menschheit aus den Fesseln des Materialismus und der Rabbinerverehrung zu erlösen, die Religion von dem Dienst an den Geschäftsleuten und Rassisten von Israel zu befreien, Versöhnung, Liebe und Seelenfrieden herzustellen … Doch das Christentum wurde zum Nachfolger des Kaisertums, die römische Kirche hielt die imperiale Ordnung aufrecht … Die Religion des Friedens wurde zum Vorwand eines beispiellosen Blutvergießens …

Schariati leitet über zur Lehre Mohammeds, spielt ein wenig den Islamreformer oder vielmehr den Islamrestaurator, denn der Ur-Islam sei frei von jeder Verunreinigung:

Und schließlich kam der Islam als letztes Glied der Entwicklungskette der Religionen und verkündete die Einheit Gottes und die Erlösung …, um … den Menschen aufzufordern, statt den Menschen Gott zu dienen und statt der Unterdrückung der Religionen die Gerechtigkeit des Islam zu wählen. Doch der Islam wurde zum arabischen Kalifat, diente zur Rechtfertigung der barbarischen Eroberungen, verlieh … [den] Seldschuken und Mongolen im Namen der Jurisprudenz, der Theologie und der Mystik eine religiöse Aura und legte den moslemischen Menschen in die Ketten der Vorherbestimmung. Der Weg der Erlösung führte nicht mehr über Tauhid, Frömmigkeit, Rechtschaffenheit und Wissenschaft, sondern über Nachahmen … oder er diente zur Flucht vor den Realitäten der Gesellschaft und des Lebens in eine unwirkliche Welt, … gekennzeichnet … durch … Pessimismus gegenüber der Geschichte … und durch die Unterdrückung aller natürlichen Triebe und Neigungen.

Letztlich hat die Menschheit nach Schariati nur den Auftrag, der wahren Religion wieder zur Geltung (zur Macht) zu verhelfen, die islamische Seinsweise zu verwirklichen. Zum Ablegen der Scharia aufzurufen, ringt sich der Kulturkritiker nämlich gar nicht durch, womit wir ihm wohl nicht Unrecht tun, aus seiner Islamverherrlichung herauszulesen: “Je mehr Scharia, desto mehr Glück, je mehr Islam, desto mehr Humanismus”.

Aber ach, Allahs Freunde haben es schwer:

39. Zweifellos ist es heute nicht leicht, über die Religion zu sprechen. Der moderne Geist kann sie sich kaum als einen befreienden und progressiven Faktor vorstellen. Was ist dieser moderne Geist? … Er kommt aus dem Westen …

Und “Westen” (ġarb, al-maġrib) steht im Arabischen bekanntlich auch für Merkwürdigkeit, Fremde, Exil, Abweichung und Verrat an der sozialen Ordnung als der Seinsweise des “Ostens” (šarq, al-mašriq), an der gesunden (islamischen) Lebensweise.

39. Doch wenn heutzutage vom Westen die Rede ist, denkt der östliche Intellektuelle nur an Kapitalismus, Industrie, Christentum, Kolonialismus und bürgerlichen Liberalismus. Will er sich gegen sie wehren und sie ablehnen, greift er zum Marxismus, den er als wirksamste wissenschaftliche Waffe betrachtet. Dabei ist man sich selten … bewusst, dass der Marxismus selbst eine reine Schöpfung … eben dieses Westens ist

Die antiislamisch angekränkelten Orientalen sollen, befindet Schariati, nicht Zuflucht bei Marx nehmen, sondern bei Mohammed, und erkennen, dass ihre antikapitalistische Kritik am Westen selbst ein Produkt Europas oder der Gottlosigkeit oder der Dekadenz (das alles sei austauschbar) ist.

Die Religionskritiker oder Atheisten nennt Schariati Materialisten und droht mit der Hölle oder jedenfalls lässt den Koran mit den unsagbar schmerzhaften Flammen bereitwillig drohen. Der iranische Denker nimmt im Folgenden (Widerlegung der Thesen eines Karl Marx) die schreckhafte und kriecherische Rolle desjenigen an, der im Hauptmann von Köpenick sagt: “Du pochst an die Weltordnung, Willem. Det is Versündigung”, wenn er nicht sogar dem reinigende Scheiterhaufen verwendenden Himmelsfreund Calvin zu ähneln beginnt:

45. Mit scharfer Kritik spricht der Koran die Materialisten an: Wähnt ihr, daß wir die Ordnung dieser Welt umsonst geschaffen haben? Und gibt zur Antwort: Wir haben den Himmel und die Erde und alles, was dazwischen ist, nicht umsonst geschaffen (38/27). Gott setzt die Angelegenheiten der Welt nicht ohne Grund und Ursache in Bewegung. Alles stützt sich fest auf die Sunna (Verfahren) Gottes; Du wirst am Verfahren Gottes keinen Wechsel und du wirst daran keine Veränderung feststellen können (35/34). Alles in der Natur, in der Geschichte und im Menschen ist der vorbestimmten Zeit und dem bestimmten Maß unterworfen. Den wichtigsten Beweis göttlicher Existenz bietet der Koran mit dem Hinweis auf die rationale Ordnung der Natur.

Glauben wir Ali Schariati, ist Auftragsmord damit ebenso rational wie das Heiraten sechsjähriger Mädchen, mit denen man sexuell verkehren kann, sobald diese neun Jahre alt sind. Finsterster islamischer Fundamentalismus jedenfalls spricht aus Schariatis Zeilen und daneben die Unbeholfenheit, auf die Religionskritik von Karl Marx anders zu reagieren als mit dem Blick auf Sozialordnung und Weltnatur, den der Koran bereithält.

48, 49. In seiner Religionskritik geht Marx den leichtesten Weg, auch wenn er dabei von einem gelehrten Philosophen zu einem Propagandaprediger oder sophistischen Politiker werden muß. Das ist ihm der Mühe wert, weil in jedem Fall der Zweck die Mittel heiligt, auch wenn die Mittel nach den Worten von Lenin Unbarmherzigkeit gegen die Religion sein sollten.

Diesen Punkt der Kritik an Marx und vor allem Lenin mag man als religiöser Mensch teilen, auch als freiheitlicher Atheist. Sicherlich ist ein diesseitiger politischer Kult Religionsersatz, Hitlerismus und Maoismus ähnelten einander frappant, wie sich übrigens auch der verordnete Führerkult um Idi Amin und Muammar al-Gaddafi sehr ähnelt. Schariati weigert sich, auf das totalitäre Wesen des Islam einzugehen, denn die Hexenverbrennung oder Calvins Mord an Servet war mit einem Jesus von Nazareth nicht zu rechtfertigen, Islam aber ist beides in Unlösbarkeit, Welterklärung und Lebensführungsdiktatur, Mythos und verstaatlichte Sexualmoral, Ritual und Kulturrassismus. Das, worauf es angekommen wäre, nämlich, den Muslimen einen Weg als säkularer Staatsbürger vorzuleben, sieht Schariati nicht oder sieht und verhindert es.

Der Marxismus wird zur islamischen Gegenreligion, zum Antiislam, Marx zum verkörperten Iblīs und Lenin zum ad-Daǧǧāl, zum Fürsten der Finsternis. Marxismus als Heerschar von Teufeln und Dämonen, denen man als Gegengift einen noch schwärzeren Heerführer, den edlen muslimischen, gewaltige Armeen führenden Mahdī entgegenzusenden berechtigt ist, der den Daǧǧāl töten wird:

54. der Islam und der Kommunismus Marxscher Prägung [stehen] als zwei umfassende Ideologien … in vollkommenem Gegensatz zueinander.

Hell gegen Dunkel, Allahs schiitisch-iranisches Licht gegen die Finsternis der staatengründenden Atheisten. Islam, so beruft sich Schariati auf Gewährsmann Marx, sei im Gegensatz zum Marxismus reine Herzlichkeit:

55. Die marxistische Welt ist … nach den Worten von Marx herz- und geistlos. … Im Gegensatz dazu basiert die islamische Kosmologie auf dem Glauben an das Verborgene. Mit dem Verborgenen (Qaib) ist die unerkannte Wirklichkeit gemeint, die jenseits dessen existiert, was unseren Sinnen zugänglich ist … Sie wird als eine höhere Wahrheit, als das Zentrum aller Bewegungen, Gesetze und Erscheinungen dieser Welt betrachtet.

Eine allen Dingen der Welt gemeinsame Ursache anzunehmen ist ja vielleicht ein feiner Zug und unter allen Religiösen sehr üblich, doch möchte ich nicht, dass mein womöglich eintretender tageweiser Zweifel an der Gottheit meine Bürgerrechte außer Kraft setzt. Schariati weiß genau, dass es dem muslimischen Kind oder Jugendlichen nicht zusteht, sich eine in nennenswertem Umfang persönlich gefärbte Vorstellung von Allahgott, Mohammed, Jesus oder Abraham zu machen oder die Teufel in das örtliche Heimatmuseum zu verbannen und den Apostatenmord ins Museum für mittelalterliche Geschichte.

55. Der Glaube an das Verborgene wird in der zweiten Sure des Koran (Die Kuh) als Voraussetzung für die Rechtleitung und als Prinzip der Frömmigkeit genannt

Eher wohl schon ist es der absolute Gehorsam, der im Islam Voraussetzung für “Frömmigkeit” ist, jedenfalls ist mit “das Verborgene” gerade nicht das Unantastbare gemeint, wie es sich aus der Menschenwürde (körperliche Unversehrtheit, volle Würde und volle Rechte auch für Ungläubige und sogar für Frauen) ergibt und glücklicherweise auch aus der Ethik des jüdischen Predigers Jesus. Aus Allahs Sphäre des “Verborgenen” stammen die Peitschenhiebe, welche die Haut des Weintrinkers oder der Ehebrecherin zerfetzen, mit “verborgener” Kraft wird Hand und Säbelkinge in Schwung gesetzt, um den muslimischen Scharfrichter in “Bewegung, Gesetz und Erscheinung” (nach Schariati) zu bringen, damit er den Kopf des Gotteslästerers, Dealers, Zauberers, Terroristen oder Regierungskritikers abtrennt. Das Teheraner Foltergefängnis Evin ist der Bereich des “Verborgenen” und der “Hölle”, und der Rest der Welt hat seit spätestens Sommer 2009 allen Grund zu Hoffnung, dass die Mehrheit der Iranerinnen und Iraner auf so eine “Verborgenheit” und “Spiritualität” spuckt.

55. Dieses Verborgene ist in Wahrheit der absolute Geist und Wille der Existenz.

So redet ein Faschist.

59. Wir sehen, daß das Mensch-Gott-Verhältnis in der islamischen Philosophie ein gegenseitiges ist, wobei Selbsterkenntnis und Gotteserkenntnis zu Synonymen werden, ja sogar erstere die Voraussetzung für die zweiten ist

Mit der Besonderheit, dass du alles nichtschariakonforme in deinem Hirn und in deiner Alltagspraxis vernichten musst, um dann beglückt behaupten zu dürfen, auf der selben Wellenlänge wie Allah zu schwingen (was auch stimmt, nur du bist ein untoter Toter, ein voll-muslimisierter Clon).

81. Der Humanismus ist in der Tat die Gesamtheit aller göttlichen Werte des Menschen, die von der Religion in die Kultur und Ethik der Menschheit eingebracht wurden.

Etwas ungemütlich fühlt sich der Iraner im Kerker der verlorenen Weltheimischkeit, in Sunna und Scharia, dann doch, und er flüchtet sich ins Paradies:

82. Der Geist stirbt niemals. Ich meine den Geist, von dem im Koran die Rede ist – nicht die individuelle Seele, sondern jene bewegende, lebenspendende, göttliche Kraft, die wie die Posaune des Erzengels Esrafil über den leblosen und erstarrten Körper einer Epoche hinweg in wunderbarer Weise ertönt und die tödliche Stille des Friedhofs, in dem die Menschheit und ihr erlösungsuchender Geist begraben werden sollen, in Aufruhr verwandelt, wodurch eine neue Bewegung, eine neuen Auferstehung beginnt und die Menschheit in einer anderen Zeit ein anderes Leben führt.

Bei so viel Weltekel könnte einem noch der Marxismus attraktiv werden. Aber der Islamische Staat kommt vor dem Weltende auch noch, Schariati spricht, etwas an die Nationalsozialisten erinnernd, von der “Bewegung”:

84, 85. Vor dreißig Jahren erklärte Iqbal, der Mensch brauche heute mehr denn je eine geistige Interpretation der Welt. Obwohl Iqbals Worte auch dies implizieren, muß noch hinzugefügt werden: Er braucht auch eine geistige Interpretation des Menschen. Heute stehen wir an der Grenze zwischen zwei Epochen, einer zu Ende gehenden Epoche, in der die westliche Zivilisation und die kommunistische Ideologie daran gescheitert sind, die Menschheit zu befreien, und einer beginnenden Epoche … . In … dieser neuen Bewegung hat der Islam einen bedeutenden Stellenwert

Zweifelsohne kann der Islam erst dann beim Aufbau dieser Zukunft den ihm zukommenden Betrag leisten,

… den ihm seit Mohammeds Zeiten zukommenden Beitrag …

wenn er sich von der Last jahrhundertelanger Erstarrung, des Aberglaubens und der Vermengung

… das Licht mit der Finsternis vermengt, das Göttliche vom Satanischen besudelt, Manichäismus pur …

befreit und zu einer lebendigen Ideologie wird, statt eine alte Kultursammlung zu bleiben. Und das ist die Aufgabe der islamischen Aufgeklärten.

Lamya Kaddor: “Die Aufklärung ist für den Islam nicht übertragbar.”

Ermordete zeitigte sie in großer Zahl, war die “Bewegung” von 1979 also denn im islamischen Sinne nicht “lebendig” genug, fehlt noch etwas Renaissance, ich meine: Islamische Renaissance?

86. Nur auf diese Weise wird der Islam – nach einer Glaubensrenaissance und der Überwindung von Isolation und Reaktion – imstande sein, sich am Widerstreit der Meinungen … zu beteiligen, als Vorbild zu dienen … Das ist … eine verantwortungsvolle Aufgabe. Sie entspricht nicht nur dem Wesen der islamischen Lehre, sondern auch dem ausdrücklichen Gebot des Koran: Gott gehört der Osten und der Westen. Und so haben wir euch (Muslime) zu einer in der Mitte stehenden Gemeinschaft gemacht, damit ihr Vorbilder unter den Menschen seid; der Gesandte aber wird euer Vorbild sein (Koran 2/142-143). Wir sehen, je umfassender eine Ideologie ist und je mehr sie sich mit dem Wesen des Menschen befasst, um so tiefer und umfassender ist ihre Konfrontation mit dem Islam, der ebenfalls alle Bereiche des Lebens umfasst.

In diesem Sinne ist die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte ebenso “Ideologie” wie die universelle organisierte Vernunft namens Wissenschaftlichkeit. Der Islam muss also beides als Konkurrenz betrachten und als Gefährdung des Seelenheils, erklärt uns Schariati, die kulturelle Moderne mit ihren unteilbaren Menschenrechten, nicht zuletzt mit ihrer Gleichberechtigung der Frau. Soweit die AEMR “umfassend“ gemeint ist, soweit sie sich ernst nimmt, ist sie ebenso durch den Islam anzugreifen wie Wissenschaft, Kunst, Presse und Forschung. Wir Angehörigen der kulturellen Moderne (fälschlich gerne: des “Westens”) jeder Nichtreligion, Ex-Religion oder Religion, auch die muslimischen Staatsbürger unter uns, können Schariati nicht ausweichen, denn selbst Psychologie, Pädagogik und Soziologie befassen sich mit dem “Wesen des Menschen” und sind von Ali Schariati soeben als Widersacher des Himmelsgottes eingestuft worden.

Einen Krieg mit den Mitteln der freiheitlichen Demokratie gilt es zu führen, nicht gegen die als Staatsbürger zu betrachtenden Muslime, sondern vielmehr und nach Möglichkeit mit ihnen, gegen den schariatisch organisierten Islam und seine neuzeitverweigernden (islamistischen) und schlicht totalitären Erziehungs- und Bildungsprogramme. Europa kann diesen Krieg verlieren, es wird dann eben für lange Zeit islamische Wissenschaft, islamische Kunst, islamische Presse und islamische Forschung geben, bis sich auch da der Wunsch nach Aufklärung und Emanzipation Bahn bricht. Das Denken eines Schariati wird bei dieser ernst gemeinten Islamreform allerdings keine Rolle spielen.

Jacques Auvergne

(1) ʿAlī Šarīʿatī und das Zentrum für die Verbreitung der Islamischen Wahrheit (Kanun-e Nashr-e Haqayeq-e Eslami, The Center for the Propagation of Islamic Truths).

Ali Rahnema: »An Islamic Utopian. A Political Biography of Ali Shariati«, Erstveröffentlichung bei Tauris, London & New York 1998, neu aufgelegt 2000

http://books.google.de/books?id=yoQQ2YzmMyMC&printsec=frontcover#v=onepage&q&f=false

(2) Ali Rahnema: »Pioneers of Islamic Revival«, London 1994 & Atlantic Highlands, New Jersey (USA) 1994, darin das Kapitel, ab Seite 208, Ali Rahnema: »Ali Shariati: Teacher, Preacher, Rebel«, als Dreizehnjähriger las Schariati Kafka und Schopenhauer (211,212), was man gerne glaubt. Nach dem mathematischen Zentralwert, dem Median, nannte Schariati seinen harmonischen Totalitarismus namens Islam: „Die Median-Schule des Islam: Maktab-e Vaseteh-e Islam, The Median School of Islam“ (eigentlich „Tarikh-e Takamol-e Falsafi, A History of the Development of Philosophy“ (213)).

»Ensan, Eslam va Maktabha-yi Maqrebzamin«, wörtlich: Mensch, Islam und die Denkschulen des Westens, Seite 239

http://books.google.de/books?id=Bmz9y2osH1YC&printsec=frontcover#v=onepage&q&f=false

(3) Uli Auffermann zitiert beim Bergsteigermagazin BergNews in »Der Geburtstag des Alpinismus. Francesco Petrarca und die Besteigung des Mont Ventoux« die Beschreibung der Wanderung des touristischen Pioniers, nach: Karl Heinrich Waggerl (Hrsg.): »Der Berg – Landschaft als Erlebnis«. Kindler Verlag, München 1957

http://bergnews.com/service/petrarca-mont-ventoux/petrarca-mont-ventoux.php

Mont Ventoux von Südwesten, Marcus Ostermann stellte sein geschmackvolles Foto über die Wiki Commons der Menschheit zur Verfügung, danke

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/0/04/Mont_ventoux_von_suedwesten.jpg

Mont Ventoux von Norden, von Mirabel-aux-Baronnies aus

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/8/86/Mont_ventoux_from_mirabel.jpg

Gipfelerlebnis, gerade kein ängstlicher Scholar da. Schwache Nerven sollen dort keinen heiligen Text lesen – oder gerade doch lesen. Blick nach Norden, alpenwärts

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/a/a6/Ventoux_Nordseite_Schoener_Blick_Zu_Den_Alpen.jpg

(4) Daǧǧāl, gesprochen Dadschdschaal, englisch geschrieben Dajjal … ad-Daǧǧāl, „der Täuscher, der Betrüger“, ausführlicher auch genannt al-Masīḥ ad-Daǧǧāl, „der Falsche Messias“.

Harun Yahya: »Der Antichrist (Dajjal) hat heimlich sein Werk begonnen«

http://www.harunyahya.de/artikel/artikel52_der_antichrist.php

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