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Der türkische Schariati

Februar 10, 2011

انفصالي

infiṣālī

separatistic

sezessionistisch

Religionspolitik als Sezession aus dem Universellen

Zum »Alternative Paradigms. The Impact of Islamic and Western Weltanschauungs on Political Theory« des Ahmet Davutoğlu. Jacques Auvergne übersetzt und kommentiert den an Koran und Scharia orientierten langjährigen außenpolitischen Berater von Recep Tayyip Erdoğan.

Ob der bärtige Schweizer Missionar Nicolas Blancho (1) von der Steinigung redet oder der am französischen IESH ausgebildete bayerische Schariagelehrte Bajrambejamin Idriz vom Islam, sei es auf der Deutschen Islamkonferenz oder im lokalen interreligiösen Dialog, muslimische Religionsführer provozieren den in Ausdünnung befindlichen säkularen Staat kraftvoll im Namen der vor dem ewigen Verderben zu rettenden muslimischen Seele und vor allem im Namen des angeblich so andersartigen Orients.

Mit Orient oder orientalisch ist seit Ali Schariati („Gharbzadeghi“ für „Westitis, Okzidentose“) freilich „anti-westlich“ gemeint oder vielmehr gegenmodern, denn sinngemäß bekennt jeder Schariafreund: Mein Nein zum Okzident ist mein Nein zur AEMR. Koranbasiert glaubensbewegte (islamisch revolutionäre) Szenen vermarkten ihre Kontrastkultur des Hasses auf die Meinungsfreiheit und die Gleichberechtigung der Frau gekonnt als charmanten Jugendprotest oder als einfältig fromme Suche nach den sozialen und seelischen außereuropäischen, sprich medinensischen, Ursprüngen, das Ziel dieser Islampolitiker bleibt, solange es eine freiheitliche Demokratie gibt, das religiös begründete Sonderrecht, die Rechtsspaltung.

Der so genannte Westen dient dabei lediglich als willkommenes Mittel der Erweckung von Schuldgefühlen (die Kreuzzüge, die Kolonialzeit), und dass sich nichtmuslimische Nationalisten und sonstige, oft rechts- oder linksradikale Kritiker der offenen Gesellschaft zunehmend auf dem Gleis des Abendländischen oder des Europäischen zu bewegen beginnen, erleichtert dem Islamischen Revolutionär bekanntlich die Arbeit (2). Wer das famose Abendland verteidigt und nicht die AEMR, wer seine Werte „europäisch“ nennt und nicht universell, baut fleißig mit am Kalifat.

Wissenschaftlichkeit beispielsweise ist nicht westlich oder christlich, schließlich fällt ein angehobener und dann losgelassener Stein in Pjöngjang oder Teheran nicht anders nach unten als in Paris oder Köln. Wir haben die Gleichberechtigung der Atheisten oder Frauen auch unter kurdischen Jesiden oder orthodoxen Hindus durchzusetzen und würden den global denkenden Islamisten durchaus dienen, wenn wir Koranlästerung oder Apostatenmord lediglich als unabendländisch oder unchristlich erklären, zumal Jesus in der Tat noch keine Lizenz zum Töten hatte, weil der Dīn noch nicht vollständig herab gesendet worden war.

Gelebter koranbasierter Glaube (ad-Dīn) ist die Herabsetzung der Frauen, die emotional wie juristisch durchzusetzen ist. Scharialobbyisten wissen: Die am 10.12.1948 mit weltweitem Anspruch aufgestellte Norm der Gleichbehandlung ist religiös begründet zu überwinden, sie werden sagen: Meine Damen und Herren, anders als Hitler und Honecker haben Sie doch nichts gegen Religion?

Zu Beginn der Neunziger Jahre und damit zum Auftakt einer Tätigkeit als Assistenzprofessor an der Islamischen Universität von Malaysia begann der Ahmet Davutoğlu (3) damit, Gedanken zur angeblichen Wesensverschiedenheit von Islam und Okzident zusammenzufassen. Sie wurden 1994 als »Alternative Paradigms. The Impact of Islamic and Western Weltanschauungs on Political Theory« publiziert, wobei der größere Teil seiner philosophischen Gottesbeweise bereits in der 1990 beendeten Doktorarbeit erschienen ist.

Davutoğlu:

1. Lange Zeit waren viele Gelehrte und Politiker davon überzeugt, dass der übliche westliche Lebensstil, Denkstil und Politikbetrieb leicht und rasch von den Muslimen adaptiert werden würde, ohne dass diese ihr Islamisches Glaubens- und Regelsystem abschwächen oder gar aussetzen würden oder müssten. Doch zum allgemeinen Erstaunen begannen gerade diejenigen muslimischen Intellektuellen, die die westlichen Lebensweisen und Theorien besonders gründlich studiert hatten, sich dezidiert zu ihrer persönlichen Einbindung in ihre spirituellen und soziokulturellen Normen des Islam zu bekennen.

Qutb, Maududi, Schariati, Erbakan.

Davutoğlu verschweigt diese vier Namen bewusst, und deutet an, das Verschmähen der AEMR sei eine Art von Naturgesetz. Unhinterfragbar wird die Menschheitsbevölkerung in Nichtmuslime („der Westen“) und Muslime gespalten, in zwei globale Kollektive mithin, die einander auf ewig religiös und kulturell wesensfremd zu bleiben hätten, um nur ja ihre „Wurzeln“ nicht zu verlieren, ihre „Identität“.

In den 1980er Jahren erschienen dann auch die ersten Bücher zum Thema dieses „Islamischen Revivalismus“ (Esposito 1980 und 1983, Mortimer 1982, Pipes 1983).

Der professionelle Schariaverharmloser John Esposito (4) sitzt heute in der rechtsspaltend aktiven United Nations Alliance of Civilizations (AoC), gemeinsam mit Hodschatoleslam Chatami, den der deutsche Wissenschaftsrat (WR) für Sommer 2010 skandalöserweise nach Köln eingeladen hatte (5).

Begriffe wie fundamentalistisch oder radikal, wie sie die Orientalisten so gerne verwenden, um aus der Masse der simplen Muslime diejenigen Gruppen abzuheben, die dezidiert darauf hinarbeiten, eine Islamische Seinsweise, einen Islamischen Way of Life in einem ganzheitlichen, umfassenden gesellschaftlich-politischen Rahmen zu verwirklichen, offenbaren lediglich die Unschärfe und damit Unbrauchbarkeit dieser beiden Begriffe.

Salafismus als Lifestyle klingt für manch einen nichtmuslimischen enthemmten Fremdenfreund alternativ und protestkulturell, exotisch und aufmüpfig. Das Kalifat als Way of Life.

Ahmet Davutoğlu leitet damit über zum wortreich und raffiniert, aber letztlich wenig überzeugenden Darstellen einer „semantischen Kluft“, die den „Westen“ schlicht dazu unfähig belasse, den Islam als Zivilisation auch nur exakt zu beschreiben. Europäern, Nichtmuslimen jedenfalls, fehle das Vokabular und damit das Werkzeug, die Scharia angemessen zu würdigen. Aus dieser sprachlichen Unzulänglichkeit resultiere die Unfähigkeit des wissenschaftlich verhafteten Denkens über die Schönheit und Harmonie der Islamischen Gesellschaftsordnung.

Nichtislam sei ein Herausreißen aus der Harmonie kosmischer Zusammenhänge. Ratio und rational begründete Justiz ist für Davutoğlu damit eine Art von Grausamkeit, allemal eine seelische Kälte.

2. In Wesen und Angelegtheit ist der Islam als eine Weltanschauung zu bezeichnen, die als eine ganz grundsätzliche Alternative zur philosophisch-politischen Tradition des Westens anzusehen ist.

Murad Wilfried Hofmann, zwischen 1987 und 1994 war der Jurist, konvertierte Muslim (1980) und Bundesverdienstkreuzträger (1984) deutscher Botschafter in Algerien und Marokko, wählte das Propagieren des unterdrückerischen und frauenfeindlichen Islam als Alternativkonzept und Kontrastkultur gleich zum Buchtitel: Der Islam als Alternative (6).

Auch Allahs Diplomat zauberte mit dem Trick, dabei Wittgenstein missbrauchend, dass die reale menschliche Erkenntnisfähigkeit, bedingt durch ungenaue oder unzutreffende Wortwahl oder jedenfalls Sprache, allzu oft nicht in der Lage sei, die überlegenen Werte des Islam anzuerkennen.

Dass ein in den USA oder in Europa bereits halbwegs vollumfänglich (Familienrecht, Erbrecht) gelebter originärer Islam den Ausstieg des Muslims aus einem jeden AEMR-basierten Recht bedeutet, sollen die Nichtmuslime, so locken Davutoğlu und Hofmann, also bitteschön sehend „tolerieren“ oder gerne auch übersehen.

Du brauchst nicht so genau hinzuschauen, Demokrat, der Schariafreund sieht für dich. Erkenntnistheoretisch kannst du dich seines empfindsamen Bewertens von Frauenrechten sowieso nicht annähern. Mach es dir nicht so schwer und betrachte Mohammed einfach als den eigentlichen Feministen.

Oder denke anders und behalte deine Gesetze und lass uns Muslime ein „alternatives“ (gesondertes) Recht sprechen. Ohne Zweitfrau und neunjährige Ehefrau laufen wir schließlich in Gefahr, unsere andersartig angelegte kulturelle (islamische) bzw. religiöse (islamische) „Identität“ zu verlieren.

Einerseits begegnen uns simplifizierende Erklärungen der Islamischen Wiederbelebung (Islamic Revival). So meinte Pipes (1983) ernsthaft, dass nur der aktuelle Ölboom für die scheinbar weltweite politische Machtzunahme des Islam ursächlich sei, das Islamic Revival sei damit nichts als ein flimmerndes Phantom, eine optische Täuschung und Fata Morgana. In jedem Fall, so argumentiert Pipes weiter, könne der [aktiv demokratieverweigernde] politische Islam nur von kürzester welthistorischer Dauer sein.

Davutoğlu liegt richtig. Der geschmeidige Schönredner und Leiter des Middle East Forums Daniel Pipes, zu Harvard-Studienzeiten war sein eigener Vater dort Professor, hat vom Islam, den er krampfhaft vom Islamismus abgrenzt, nach Jahrzehnte währender Beobachtung immer noch keine Ahnung oder arbeitet, kapitalismusnah und königlich saudifreundlich, auf ein globalisierungstaugliches Zwei-Nationen-Modell hin, das die AEMR der Scharia im Zweifelsfall höflich nachordnet. Wer die neokonservative Freundschaft zwischen den USA und Saudi-Arabien ebenso verteidigen muss wie diejenige zwischen den USA und Israel, muss wohl genau dort landen, wo Daniel Pipes thront und uns, etwas verbissen, das Märchen vom demokratiefähigen Islam verbreiten.

Herumgereichte Placebo-Islamkritiker gibt es damit nicht nur von politreligiöser („islamistischer“) Seite, man denke an die schariatreue Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi oder die kopftuchlose Kämpferin für den Schleier Emel Zeynelabidin, sondern auch von Kfz- (Abdullahi an-Na’im, sponsored by FORD) bzw. Erdöllobby, reaktionärer Kirchenpolitik (Rowan Williams) sowie von wertkonservativ daherkommenden Türkeiverstehern (Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS)). Das islamwissenschaftlich ausgebildete derzeitige KAS-Mietmaul ist Mathias-Rohe-Schüler Michael Kiefer, einer der mittlerweile zahlreichen einflussreichen Befürworter eines Islamischen Religionsunterrichts an staatlichen Schulen.

2. Ziel dieses Buches ist die Entwicklung einer vergleichenden Analyse zwischen der Westlichen und der Islamischen Politiktheorie und Gesellschaftsbetrachtung. … Die Frage, wie und durch welche Prozesse diese beiden alternativen Gesellschaftskonzepte, jeweils vermittelt durch ein Gefüge von unlösbar tief verankerten Werten, auf die politischen Vorgehensweisen wirken, ist der besondere Schwerpunkt dieses Buches.

Ahmet Davutoğlu ist der Ansicht, dass eine Wertedebatte unter Nichtmuslimen für alle Zeit zu anderen Ergebnissen führen muss als eine innermuslimische. Eine gemeinsame Werteordnung brauche und könne es nicht geben (es sei denn, die islamische).

In Fortsetzung der Kulturpolitik des Wegbereiters der Islamischen Revolution Ali Schariati sind auch für den türkischen Kulturkreistheoretiker und jetzigen Außenminister Schariavolk und westlich Geprägte abhäsiv wie Öl und Wasser, verfeindet wie Hund und Katz.

Es gibt zwei Sorten Mensch. Koranbasierter Kulturrassismus, geeignet, die USA und Europa so zu zerlegen wie den indischen Subkontinent.

Ohne Schariaverweigerer (Nichtmuslime) gibt es keine Muslime, das Höllenfeuer dort braucht schließlich Brennmaterial und der Sittenwächter der Ḥisba auf Erden einen berechtigten Anlass, zuzuschlagen. Islam ist Feindbildbedürftigkeit.

3. Das Problem der Nomenklatur (nomenclature) und des konzeptionellen Rahmens (conceptual framework)

Ihr Nichtmuslime missversteht uns und unseren Islam, eure Übertragung des Begriffes vom Dīn, von der Religion, ist falsch:

Im Zentrum jeder vergleichenden Untersuchung zwischen der Islamischen und der Westlichen Zivilisation begegnet uns das Problem der Nomenklatur, der unterschiedlichen Benennung.

Angesichts der unaussprechlich erhabenen islamischen Pracht ist und bleibt der nichtmuslimische Passant verwirrt. Allahgott als Hütchenspieler bzw. sein türkischer Kalif Davutoğlu bringt, bei Nutzbarmachung der Herren Schleiermacher, Tillich und Husserl, den Abendländern das korrekte Denken bei.

Zum Zwecke der Überwindung der Wissenschaft und der wissenschaftlich fundierten AEMR muss ein zweifaches kontrolliertes Vokabular her, den Dhimmis und den Schariafreunden ihr jeweils eigenes Glossar. Im Glücksfall reicht eine Chiffre gleich für beide Anwendergruppen: „Sichtbarwerdung des Islam“ (Nilüfer Göle), „Verkörperte Alterität im öffentlichen Raum“ (Simonetta Tabboni), „Komplementarität der Religionen“ (Pfr. Dr. Reinhard Kirste), „kulturelle Differenz“ (Barbara John), „Flexibilität der Scharia“ (Ömer Özsoy), „Islam heißt Frieden“ (Zaqzouq, IGD, ZMD, ENFAL, „Familialismus, Virginität“ (Ursula Boos-Nünning), „im Kern friedliche Religion“ (Hans-Gert Pöttering, Horst Köhler) oder „religionsbezogene Wissenschaften“ (Wissenschaftsrat (WR)). Solches lässt man die Dhimmis plappern, während unsere Koranfreunde von Hidschab, Scharia und Kalifat wissen.

In seinem Roman 1984 (verfasst 1946/47, erschienen 1949) nannte George Orwell eine kalkulierte Sprachveränderung durch die politisch Mächtigen Newspeak, Neusprech.

Klares Reden würde Davutoğlus Gejammer über die Begrifflichkeit allerdings rasch als faulen Zauber entlarven. Der Dschihad der Nomenklatur bedarf daher zunächst der Zerstörung der Deutschen (und Französischen und Englischen) Sprache. Wer dann noch klar denkt, wird öffentlichkeitswirksam als Brunnenvergifter etikettiert, der Lächerlichkeit preisgegeben oder solange niedergeschrieen, bis er sich („funktional, tolerant“) anpasst. Als Islamstratege macht man das, bevorzugt, noch nicht einmal selber, sondern lässt nichtmuslimische Liebhaber des Amorphen und Antietatistischen (Sabine Schiffer) bzw. des organisierten Christentums (Rowan Williams, Jean-Louis Tauran) diese Rolle übernehmen oder greift zurück auf bewährt schariatreue echte oder angebliche Nichtmuslime wie Jörg Lau (verheiratet mit Mariam Lau, der Tochter von Bahman Nirumand), Mathias Rohe (Gesellschaft für Arabisches und Islamisches Recht (GAIR)) oder Thorsten Gerald Schneiders (Ehemann von Lamya Kaddor).

7. Auf der anderen Seite waren die muslimischen Gelehrten nicht untätig und versuchten, in Epistemologie und Methodologie, das von Verwestlichung geprägte Selbstverständnis der jeweiligen [orientalischen] Eliten zu überwinden. Die hohe Anzahl an Zeitschriften und Büchern, welche die [zeitlos-korangemäßen] religiösen Wahrheiten gerade angesichts der neuesten technisch-wissenschaftlichen Erfindungen und Erkenntnisse verteidigen, lässt sich sicherlich durch diesen Zugzwang erklären.

Davutoğlu nennt leider keine Namen. Wir dürfen ihm unterstellen, Hamidullah, Maududi, Qutb und Schariati im Sinne zu haben, wenn er von muslimischen Gelehrten (Muslim scholars) spricht.

Das Buch der Bücher muss eine Erklärung für jede neue Entdeckung bieten. Allahs türkischer Außenminister fordert von jedem treuen Muslim die Islamisierung der Wissenschaften. Wer sich ihr in den Weg stellt, ist „verwestlicht“ und damit ein Verräter an Islam und Türkentum.

Wie nebenbei ist die Wissenschaft damit halbiert oder auch verdoppelt worden, ab sofort gibt es eine wahre (islamische) und eine trügerische (nichtislamische) Wissenschaft. In seiner Weisheit schenkt Allahgott den Ungläubigen das falsche Wissen, den Geist des Unglaubens.

11. Grundlegend für den westlichen intellektuellen Diskurs der Nachrenaissance ist die Konstruktion einer Metaphysik, welche die Grenzen der menschlichen Erkenntnisfähigkeit, die letztlich der Sinneswahrnehmung zugänglich sind, nicht verlässt.

Das ist korrekt, seit Voltaire und Sigmund Freud, nach Herder und Hegel allerdings bereits seit Protagóras (keine Gottheit, sondern der Mensch trifft die Entscheidung zwischen den wirklichen und den unwirklichen Dingen) und dem platonischen Sokrátes (das die Mitmenschen überzeugende philosophische Leben couragierter Geistesfreiheit als höchster Sinn, ohne vor religiös argumentierenden irdischen Richtern Angst zu haben), hat sich der forschende menschliche Geist von den das Forschen doch eher behindernden Geistern emanzipiert. Ja, seit Renaissance und Aufklärung, mit den erwähnten griechischen Denkern letztlich seit 24 Jahrhunderten, ist der Teufel arbeitslos und haben die vielleicht noch viel älteren Kobolde und Elfen ihren Anspruch auf gesellschaftliche Rücksichtnahme verloren. Den Koran allerdings umschwirren Engel und Dämonen, jedenfalls meinte Mohammed das allen Ernstes, der in Sachen Jenseitsverwaltung keinen Spaß verstand.

Gegenaufklärer Davutoğlu hat jetzt das Problem, den Nordamerikanern und Europäern zu vermitteln, dass nur eine in Justiz und Wissenschaft integrierte Scharia den Anspruch auf liberale Meinungsvielfalt, Pluralität der Lebensformen und legal garantierte Religionsfreiheit umsetze. Gleichsam mit der Brechstange will Davutoğlu in die für ihn offensichtlich schier unerträglich glatten und sterilen Wände von götterfreier (säkularer) Pädagogik und wissenschaftlich begründetem Recht eine Nische für die Anderswelt stemmen, eine Bresche schlagen für Weltgericht und Schöpfergott.

Was in der kulturellen Moderne allenfalls, und meinetwegen gerne, das Individuum beflügeln und der relativ kleinen jeweiligen Religionsgemeinschaft zum nicht totalen Ritus werden darf, soll dem muslimischen Kollektiv die Verweigerung des nüchternen Denkens sichern und den so genannten Muslim in den „Schutzraum“ von medinensischem Wohlverhalten (Sunna) und angewandter islamischer Rechtslehre (Fiqh) einsperren.

Der koranbasierten und damit prinzipiell gewaltbereiten zweiten Staatlichkeit leistete Kurienkardinal Jean-Louis Tauran mit seinem nachchristlichen „Der Islam bringt Gott zurück nach Europa“ unnötigerweise Hilfestellung. Auch der anglikanische Spitzen-Religionsstratege und Erzbischof Rowan Williams sehnt sich nach der Integration der seelenrettenden Diskriminierung. Die AEMR allerdings muss zum Intermezzo werden, wenn mit kirchlicher Hilfe das islamische Jenseits verstaatlicht werden soll.

13. Agnostische, polytheistische und pantheistische Lehren oder Bruchstücke formten das Amalgam der Seinslehre Platons.

Die mutigeren Griechen jonglierten couragiert mit den allseits bekannten Sprachebenen, eben weil sie die Rache der erzürnten Göttinnen und Götter gar nicht mehr befürchteten. Anaxagóras allerdings erlebte eine, uns Heutigen aus dem Iran bemerkenswert vertraute Reaktion der lokalen Himmelswächter, und wurde angeklagt, der Tatvorwurf lautete Gottlosigkeit. Zwar konnte Periklēs ihn vor der Hinrichtung retten, doch musste der Athener Denker, der die blasphemische Vermutung ausgesprochen hatte, dass der heilige Mond nicht selbst leuchte, sondern das Sonnenlicht reflektiere und dass die als Gottheit verehrte Sonne ein profaner glühender Stein sei und dabei etwas größer als der Peloponnes, den Rest seines Lebens in Verbannung in Lámpsakos (heute türk. Lapseki) verbringen, am Ostufer der Dardanellen. Um 500 v. Chr. hatte Anaxagóras in Klazomenaí (heute Kilizman) an der liberalen ionischen Küste unweit von Smyrna (İzmir) das Licht der Welt erblickt. Luciano De Crescenzo verglich einmal die am Westufer Kleinasiens gelegenen griechischen Kolonistenstädte Ioniens (Ionía) mit dem dynamischen New York bzw. mit der „Neuen Welt“ und Athen mit dem konservativen London.

Bürgerlichkeit (Säkularität) ist erst erreicht worden, als der Einzelne ungeschmälerten Lebenssinn in Liedern wie Der Mai ist gekommen oder Im Frühtau zu Berge finden konnte und nicht ausschließlich in Maria, breit den Mantel aus (katholisch, Innsbruck 1640) oder Ein feste Burg ist unser Gott (evangelisch, Martin Luther wohl vor 1529). Und das heißt ja gar nicht, dass der Bürger diese Lieder nicht jederzeit singen kann, sondern dass er keine Angst davor hat, langfristig bzw. dauerhaft im Höllenfeuer zu brennen, wenn er nächsten Sonntagvormittag in den Gemeindegesang eben nicht mit einstimmt, sondern genüsslich im Wald spazieren geht, wo er zwar nicht die Engel, aber die kleinen Vögel jubilieren hört.

Bereits im Jahr 1910 mag der polnischstämmige deutsche Steinkohlearbeiter mehr Lebensfreude aus Brieftaubenzucht und Schrebergarten bezogen haben als aus dem Rosenkranzgebet, während seinem norddeutschen Zeitgenossen die Lektüre der Heimat- und Naturbeschreibung eines Hermann Löns nicht mehr zwanghaft das sofortige Absingen von Psalmen aufnötigte, um den lauernden Gehörnten fern zu halten. Und trotzdem konnten sich beide als Christen verstehen, eine Weise der säkularen (demokratietauglichen) Religiosität, die unter Muslimen leider noch viel zu selten ist.

Der Wissenschaftsrat (WR) nimmt es anscheinend tolerant in Kauf, dass die minderjährigen „Nichtmuslime“ beim Schulgartenprojekt oder Wandertag (Lernen am Modell; global denken – lokal handeln) an Rüdiger Nehbergs Einsatz für die einstweilen nichtislamisierten Yanomami am oberen Orinoco denken, während ihre auf den Koran zu verpflichtenden Klassenkameraden das Tun der ostafrikanischen Umweltaktivistin Wangari Maathai nur als sinnvoll verstehen können, weil aufgeforstetes Land intensivieren Dienst an Allahgott und Kalifat ermöglicht. Das den Biologieunterricht besuchende Duisburger oder Kölner Dhimmikind darf künftig also bei der Wasserbestimmung am Teich, neugierig wie Maria Sibylla Merian oder Alexander von Humboldt, nach Wasserlinse und Libellenlarve fahnden, während seine sittlich einwandfreie Mitschülerin verschleiert am Tümpel steht und „naturkundlich“ über die Größe Allahs sinniert.

Eine schariatische Arbeitsteilung im Klassenzimmer wäre das durchaus, denn ohne in ausreichender Anzahl in der Ǧahannam (downstairs) verbrennende Menschen ist es in der Ǧanna (upper class) ewiger Nähe zu Allāh nicht angenehm temperiert.

Ewige Fußbodenheizung, sozusagen.

17. Die Umwandlung des Christentums von einer messianischen Religion semitischen Ursprungs zu einem allumfassenden Gemisch von Glaubenssystemen geschah innerhalb des synkretistischen Weltgefühls der Pax Romana.

Was geschichtsbewusste Christen ja gar nicht abstreiten, Priester, Bischof und Papst sind sicherlich ebenso wenig jesuanisch wie Trinitasdogma, Kirchenarchitektonik und Weihnachtsbaum. In der Manier islamischer Revolutionäre wie Āyatollāh Ḫomeinī oder Saiyid Quṭb schmäht Erdoğan-Berater Ahmet Davutoğlu das Christentum als Mischmasch, als verunreinigt. Er versäumt dabei leider, den Islam als Mischwesen aus manichäischem Weltekel, ostafrikanischem Geisterglauben, jüngerer mediterraner Frauenverachtung, orientalischer Tyrannis und antiker Sklavenökonomie zu bezeichnen, die Sunna das reinste Flickwerk zu nennen und Allahgott als den Wolpertinger unter den Schöpfergöttern.

Man kann den nach seinem Verständnis makellos „reinen“ Islam freilich auch anders würdigen, als konsequentestes Theoriegebäude des Hasses auf das Fremde und das Gemischte, als hemmungslosesten religiösen Freibrief auf Sadismus für die kultgläubigen (muslimischen) Männer, als globales Gefängnis für alle Nichtmuslime und Frauen.

47. Wichtigster Grundsatz der theozentrischen Kosmologie des Islam ist der Glaube an den Tauḥīd.

Größtmögliches (Allāh wohlgefälliges, denn er alleine ist akbar) Glück im Diesseits und Jenseits vermag den Menschen, inschallah, alleine der tauḥīd zu garantieren, der Dreierlei ist: Die Unteilbarkeit Allahs, seiner Umma und seines Gesetzes. Wer nach dem tauḥīd ruft, hat damit ebenso sein und dein persönlich bejahtes und gelebtes Schariagesetz (ʿaqīda) gemeint wie das durch eine Elite gesellschaftlich angewandte Schariarecht (fiqh). Ohne energisch erstrebten und durchgesetzten Schariastaat (Kalifat) schließlich ist dein Gerede vom tauḥīd kalter Kaffee, und ob du in Sachen Eingottglaube (at-tauḥīd) zu den Strebsamen (way to Allah) oder den Nachlässigen (way to hell) zu rechnen bist, kannst du gar nicht wissen, sondern beantwortet dir dein Scheich oder Großmufti.

Der negative Aspekt des Tauḥīd meint die Zurückweisung jeder anderen Quelle von Transzendenz oder Herrschaft, während der positive Aspekt den Gehorsam aller Wesen gegenüber dem Fokus des Absoluten bedeutet, gegenüber Allāh. In der allumfassenden Islamischen Weltanschauung (in the holistic Islamic Weltanschauung) ist Tauḥīd der Hauptstrom von der Theorie zur Praxis, vom Glauben zum Leben und vom Ideal zur Realität.

Das [Tauḥīd] zugrunde liegende Verb ist waḥḥada, als ein Einziges erklären, hier also Gott als den Einen und das Eine zu bekennen. Die Wurzel von Islām ist salima, das bedeutet aufgeben, sich ausliefern, sich unterwerfen, gemeint ist, sich bedingungslos der Herrschaft Allahs zu unterwerfen. Derjenige, der sich völlig aufgibt und ganz unter Allahs Willen unterwirft, wird Muslim genannt.

Wörtlich heißt waḥḥada vereinen, vereinheitlichen. Nur der koranische Gott ist Souverän, nichts darf die Größe Allahs schmälern. Konsequent (salafistisch) verstanden kommt die Anwendung menschengemachter Gesetze einem Götzendienst gleich.

60. Die zivilisatorische Aufbauleistung mit [den Werkzeugen von] ʿaqāʾid und uṣūl ad-dīn als den beiden Kodifizierungen des Islamischen Glaubens sowie die Entwicklung des kalām als die theologische Systematisierung standen am [erfolgreichen] Ende der Bestrebungen, den Herausforderungen des sozialen Wandels trotzend, eine korantreu bleibende Ontologie zu reproduzieren.

Als das perfekte Geschöpf gestorben war und, nach 855 n. Chr., als sogar die dritte der rechtschaffenen Generationen die Sozial- und Staatspolitik der umma nicht mehr heilssichernd steuern konnte, begann die Ära der Hadithjongleure (Kodifizierer der prophetischen Legenden) und Sunnavirtuosen (Orthopraktiker, „Salafisten“). Diese Kräfte, einander durchaus antagonistisch, sowie die weiteren Gegenspieler der Mystiker (taṣauwuf, Sufismus) und „islamischen Rationalisten“ (muʿtazila, allahzentrische Ratio; was islamische Vernunft ist, kann der vernünftigsten Handlungsanleitung nicht widersprechen, dem Koran), bestimmen die innerislamische (schariatreue) Debatte bis heute.

Der im Jahre 1111 verstorbene al-Ġazālī verbrachte dann die Meisterleistung, diese vier Zerrkräfte zu bändigen und die letzten Sphären des menschlichen Daseins „zu schariatisieren“, dem Islamischen Gesetz einzuschreiben, Mutaziliten und Sufis allerdings waren als Kulturpädagogen des Kalifats in den gemeinschaftlichen („sunnitischen“) Dienst zu stellen oder zu töten. Ohne Herrschaft gewährende Hadithverwaltung sollte Islam auch unter Schiiten nicht mehr funktionieren.

Kalām ist lediglich schöngeistiger Disput innerhalb der ehernen Banden der Scharia, eine ihren Namen verdienende Theologie kann es im (nicht reformierbaren) Islam nicht geben. Bemerkenswert ehrlich nennt Ahmet Davutoğlu die von dir in deinem Leben zu erwerbende innere (ʿaqīda, pl. ʿaqāʾid) und die auch von dir der Politikwerdung zuzuführende äußere (uṣūlu d-dīn) Sphäre der Scharia die zwei „Kodifizierungen des Islamischen Glaubens“. Und den Nichtmuslimen erzählt man immer noch, die Scharia sei nicht erlernbar und auch nicht nachzulesen. An der Islamic University In Madinah (IU, http://www.iu.edu.sa), der Darul Uloom Deoband (www.darululoom-deoband.com, http://www.darululoom.org.uk) oder am burgundischen IESH (www.iesh.org) wird Scharia, wird Islam, so sorgsam gelehrt und so eifrig gelernt, dass al-Ghazali und sicherlich sogar Mohammed zufrieden sein könnten.

Offenbarung als Bedeutungsvermittlung ist im Islam etwas Fortwährendes, genauer: etwas, von Ādam bis Muḥammad, wiederholt Auftretendes.

Um der verstandesmäßig doch sehr unterbelichteten Menschheit das zur Seelenrettung unabdingliche Lernpensum zu vermitteln, benötigte der fürsorgliche Gott namens Allāh ein Curriculum, das sich über viele Jahrhunderte und viele Propheten erstreckte.

Wer Muḥammad nicht akzeptiert, tut Ādam Unrecht und vergeht sich nicht zuletzt an ʿĪsā bin Mariam, den die Fehlgeleiteten Christus nennen.

Der Medinastaat bleibt der Menschheit das unübertrefflich intensive Laboratorium sittlicher Menschwerdung. Gegen Ausbildungsende gab der höchste Lehrmeister, der unverständliche Gott der Ungleichbehandlung und Willkür, mit Sure 5:3 bekannt:

Heute habe Ich euch eure Religion vervollkommnet und Meinen Dienst an euch vervollständigt und euch den Islam als Religion auferlegt (7).

82. Wertetheoretische Normativität: Einheit von Leben und Gesetz (axiological normativeness: Unity of life and law)

Sittliches Zusammenleben ist angewandtes Gottesgesetz, Staatlichkeit ist realisierte Scharia. Aus Sicht des Absoluten (aus Sicht Allahs) bist du ein Islamisches Paragraphenzeichen.

Grundlegendes Merkmal Islamischer Wertenorm (Islamic axiological normativeness) ist ihre Deutung der Verantwortlichkeit des Menschen auf Erden im Sinne der Einheit von Leben und Gesetz. …

Damit erweist sich das Islamische Verständnis der moralischen Verantwortlichkeit des Menschen als unmittelbar mit seinem seinstheorethischen Standort im Weltganzen verknüpft.

Selbst die Naturgesetze verlassen die schariatischen Bahnen nicht. Dein Denken, dein Handeln, dein Herzschlag ist Scharia. Einerlei, ob du Gehorsam oder Frevel übst, bei Bedarf ist eben dein Gesteinigtwerden oder deine Höllenqual Scharia.

85. Damit kennzeichnen das Islamische Göttliche Gesetz, verglichen mit anderen [von Menschen ersonnenen] Gesetzeswerken, einzigartige Wesensmerkmale.

Genau: Praktische Frauenentwürdigung, Versklavung der Nichtmuslime, göttliche Willkür, Lizenz auf Sadismus. Erregende Lebensangst, hochnäsiger Weltekel und herrschaftliches Sendungsbewusstsein.

Die [gelehrigen] Darstellungen der Ziele der Scharia widerspiegeln die [äußerst] umfassende wertetheoretische Basis des Islamischen Gesetzes.

Menschliches Dasein ist Göttliches Recht. Es gibt kein Entrinnen.

123 Was die politische Legitimation im Islam betrifft, so ist sie, im Gegensatz zur Vorgehensweise des Westens, in ihrer gesellschaftswissenschaftlichen und erkenntnistheoretischen Basis unmittelbar den ureigenen Vorgängern verpflichtet.

Und das sind die Salaf aṣ-Ṣāliḥ, die rechtschaffenen Ahnen. Muslim und Nichtmuslim entstammen zwei unterschiedlichen Bautypen oder Versuchsreihen des Schöpfergottes, der eben nur ein einziges Mal die ungeschmälerte sittliche Seinsweise offenbarte. Jesus etwa durfte noch nicht töten, denn die wahre Religion war noch nicht herangereift.

123 Der Glaube an die Einheit der menschlichen Verantwortung und die Einheit des Lebens entspringt unmittelbar dem Glauben an die transzendentale Einheit Allahs.

Der säkulare Muslim kämpft gegen diese Einheit des Lebens, er tanzt aus der Reihe und ist dementsprechend als unsozial auszurufen und zum koranisch korrekten Handeln zu zwingen. Eine halbierte Scharia würde Allahgott halbieren, angreifen.

123 Der prägnanteste Charakterzug der Islamischen Weise von Legitimation ist sein normativer Charakter.

Glauben heißt gehorchen.

Allahs Faschismus wird vom Schweizer Professor Reinhard Schulze als »iN« etikettiert, verpackt und vertrieben, als »islamische Normativität« (Scharia). Dr. Schulze: „Auch soll erörtert werden, wie die islamische Normativität – der Begriff wurde von Baber Johansen (8) in den 1980er Jahren zunächst eingeführt, um eine passende Übersetzung des arabischen Begriffs sharî’a zu finden – zum „gesatzten Recht“ (sharî’a) wurde und wie das Verhältnis von moralischen Normen und Rechtsnormen gestaltet war. … In diesem Masterseminar geht es um Geltungsansprüche, die mit der islamischen Tradition begründet werden und die den Islam als „normative Ordnung“ definieren. … Schließlich wird es darum gehen, den aktuellen Status der islamischen Normativität in öffentlichen Geltungsansprüchen zu analysieren. Hier wird zu fragen sein, wie das religiöse Selbstverständnis muslimischer Gemeinschaften auf moderne Prinzipien der Normativität wie liberale und demokratische Prinzipien der Rechtstaatlichkeit sowie rationale Standards und theorieüberprüfende Kriterien der empirischen Wissenschaften reagiert.“

Davutoğlus gleich erfolgender Ruf nach dem Kalifat, sein Aufruf zur muslimischen Sezession aus der Universalität von Wissenschaftlichkeit und Menschenrechten, steht in der Tradition von Ḥasan Aḥmad ʿAbd ar-Raḥmān al-Bannā (1906-1949). Seelenrettung statt Vernunft, Scharia statt Gleichberechtigung der Frau. Der Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen (2005, Seite 30) zitiert den Gründer der Muslimbruderschaft:

„Die Ausrüstung des Orients ist Sitte und Glauben; wenn er diese beiden verliert, so verliert er alles, wenn er zu ihnen zurückkehrt, so kehrt alles zu ihm zurück. … Daher werden sich die Führer des Ostens um die Festigung des Geistes und um die Wiedergewinnung seiner verlorenen Moral bemühen, denn dies ist der einzige Weg zu einer echten Renaissance. Diesen Weg aber werden sie nur finden, wenn sie zum Islam zurückkehren und an seiner Lehre festhalten.“

Multikulturelle Europäer werden nervös und möchten so gerne glauben, dass der ihnen irgendwie unangenehme „politische Islam“, gemeint ist der organisierte Islam, eine Art von Überreaktion auf den Kolonialismus oder gar auf den Nationalsozialismus sei. Wer al-Ghazali, al-Dschauzi (Abū al-Faraǧ ibn al-Ǧawzī, 1116-1201) oder Ibn Taimiya (1263-1328) liest, weiß jedoch, dass Ḥasan al-Bannā den Islam völlig richtig verstanden hat.

124 So ist das Kalifat als die ultimative religiös-politische Institution ein in seinem Ursprung ganz und gar Islamisches sozio-politisches Gebilde. … Sir Thomas W. Arnold (The Caliphate (9)) ist zuzustimmen, dass das Kalifat keine Nachahmung irgendeiner bereits bestehenden Zivilisation bzw. politischen Organisation war, sondern der Ausfluss von [selbst] für die Araber völlig unvertrauten Umständen, der jenen Charakter anzunehmen begann, der diesen [zeitlichen und örtlichen] Umständen vollkommen angepasst war. Damit wurde das Kalifat als politische Organisation [durchaus] zum Kind seiner Zeit und verstand sich nicht als ein Wiederaufleben (revival) irgendeiner politischen Institution früherer Epochen. So konnte es im Rahmen der Islamischen Expansion in das ganze Gebiet zwischen Nil und Oxus [zwar] eine [jeweils charakteristische] Institutionalisierung geben, die [gleichwohl] der spezifischen erkenntnistheoretischen und wertebezogenen Dimension [des Islam] verpflichtet blieb.

Allah ist schließlich kein Nachäffer, sondern absolut originell. Folgerichtig hat eine Wiederbesinnung auf Islamische Werte, etwa in der Türkei oder in der Diaspora in Europa, ein „Revival“ des authentischen Kalifats (632-855 n. Chr.) darzustellen. Das Kalifat, einst unabgestanden und unverstaubt, sei erneuert und verjüngt und „an Zeit und Ort“ angepasst.

Islam ist kein Traditionsverein, sondern Salafismus, korantreue Jugendbewegung. Scharia in alter Frische sozusagen, oder, frei nach Karl Marx bzw. Leo Trotzki: Der Islam als permanente Revolution. Ob die Familie des Mordopfers das ewige Blutgeld (diyya) akzeptiert, bleibt im irdischen Kollektiv der Paradiesanwärter damit weiterhin spannend.

Die koranisch verbürgte, religiös getrieben Hände und Köpfe abhackende Säbelklinge bleibt ewig scharf, muss aber nicht unbedingt zum Einsatz kommen inschallah. Alles eine Frage des Einzelfalls.

Kadi und Mufti sind damit auch in Sarajevo (Mustafa Cerić) oder Braunschweig (Muhamed Seyfudin Ciftci) so wenig von Arbeitslosigkeit bedroht, wie es tausend Jahre vor Mohammed die delphische Orakelbeantworterin war, Pythía (10).

125 Heutzutage besteht das grundlegende Problem für die Muslimischen Gesellschaften, vor allem für ihre durch den Westen geprägten Eliten, darin, dass moderne, westliche soziopolitische und sozioökonomische Standards deren [nichtislamische, eben westliche] Werte reproduzieren. Muslime stehen damit vor der entscheidenden Frage, entweder ihre ewigen Werte zu verraten oder der Verfremdung zu widerstehen. Die erste Runde im Kampf mit dieser zivilisatorischen Herausforderung schien ein Sieg der westlich orientierten Eliten dazustellen, aber auf längere Sicht begann sich die geheime Kraft der ewigen Werte als Quelle für jenen Widerstand zu erweisen, den die traditionelle soziopolitische Kultur [des Kalifats] einst aufbaute.

Tunesiens Säkulare oder die türkischen Kemalisten werden als Feinde des „muslimischen“ Volkes dargestellt. Der gottesfürchtige Türke hat Ankaras Elite zu boykottieren.

Der iranische Schriftsteller Jalal Al-e Ahmad (Ǧalāl Āl-e Aḥmad, 1923-1969), Sohn eines schiitischen Klerikers und dem Vernehmen nach in 30. Generation vom Fünften Imam der Zwölfer Schiiten Muḥammad ibn ʿAlī al-Bāqir (681-733 (11)) und damit vom einzigen vollkommenen irdischen Wesen abstammend, warf den Verrätern am Iranisch-Eigenen und Islamisch-Eigenen in einem 1962 illegal erschienenen Buch sinngemäß an den Kopf, westlich infiziert zu sein und an Vergiftung durch den Imperialismus zu leiden sowie an Euromanie (12).

Nach dem Zweiten Weltkrieg noch Kapitalistenhasser und global denkender Kommunist, später Schahgegner in der Nationalen Front (Jebhe Melli) um Mossadegh und zuletzt Mitstreiter an Chomeinis Islamischer Revolution, konnte der Theoretiker der Verweigerung universeller Menschenrechte die angeblich ewige Wesensverschiedenheit von Orient und Okzident immer klarer herausarbeiten und die genannten Vorwürfe im auch von Ali Schariati aufgegriffenen Makel ultimativer Gesinnungslumperei verdichten, der sich als Westitis oder Okzidentose wiedergeben lässt: Gharbzadegi!

Mit dem sadistischen Seitenhieb auf die gescheiterte prowestliche Elite verhöhnt Ahmet Davutoğlu natürlich den ab 1934 als Atatürk bekannten Mustafa Kemal (1881-1938) und seine im heutigen Beamtenbetrieb von Ankara noch tonangebende Anhängerschaft. Politologe Davutoğlu, Absolvent des rein staatlichen Istanbuler Gymnasiums (İstanbul Lisesi (13)), einer durch die deutsche Kultusministerkonferenz anerkannten Deutschen Auslandschule, an dem bereits im Jahr 1914 22 deutsche Lehrer eingestellt worden waren, wirbt für ein weiteres Zurückdrängen der Säkularen in der Türkei, für eine Schariatisierung oder sogar Salafisierung des Landes.

Am 1884 gegründeten İstanbul Lisesi gingen die einstigen türkischen Ministerpräsidenten Mesut Yilmaz und Necmettin Erbakan zur Schule.

151. Seinstheoretisch legitimierte Politik (Ontologically justified political power)

In einem [absoluten] Kontrast zur Westlichen [gesellschaftlichen] Erfahrung beinhaltet die Islamische Tradition eine allumfassende theozentrische Auffassung und Rechtfertigung politischer Macht (a complete theocentric interpretation and justification of political power). …

Diese starke und unmittelbare Verbindung zwischen ontologischer Transzendenz und politischer Macht wurzelt in Koran und Hadith als den beiden Quellen von ʿaqāʾid [(muslimischem Glauben und Schariagehorsam, sg. ʿaqīda)] und fiqh [(geheiligter und heilssichernder Rechtssprechung)].

Eine auf Teufelsabwehr und Seelenrettung verzichtende Politik ist für Ahmet Davutoğlu der „islamischen“ Türkei keinesfalls zuzumuten, der Staat des Modernisierungsdiktators Kemal Atatürk ist demzufolge islamisch umzugestalten, zu „entwestlichen“. Wer als Türke den koranbasierten Staat nicht will, begeht Verrat an der nationalen und religiösen Sache.

152. Die Vorstellung, dass die Gesamtheit von Macht und Autorität allein Allāh zusteht, impliziert zugleich die Zeitbezogenheit und Relativität des jeweiligen irdischen wirtschaftlichen und staatlichen Systems.

Vieles ist islamisch möglich, flunkert Herr Davutoğlu, Kalifat könne alles Mögliche sein. Korrekt ist, dass auch Maududi oder Ayatollah Chomeini, gespielt bescheiden, nur ihr Bestes geben können, da nur Allahgott allmächtig ist. Der Kalif kann also religiös begründet ein wenig Parlamentarismus spielen oder massenhaft morden, das ist letztlich gar nicht so wichtig, da nur das Jenseits zählt und dein Gehorsam dem Islam gegenüber. Um den so genannten Westen zu irritieren und das eigene zu muslimisierende Fußvolk gleich mit, lässt sich die „Zeitbezogenheit und Relativität“ (Davutoğlu) von Ökonomie und Administration auch als Demokratiefreundlichkeit darstellen.

Wie man es halt gerade braucht: Den Radikalen sendet man die Botschaft von der zeitlosen Verpflichtung auf das Kalifat, den Säkularen erzählt man das („auf Zeit und Raum bezogene“) Märchen von der islamischen Toleranz. Allāh ist ausgesprochen anpassungsfähig.

Soweit zu Ahmet Davutoğlu. Der 1959 in Konya geborene zeitweilige Gastdozent an der türkischen Militärakademie spricht fließend Deutsch.

Wenn in Jahrhunderten von einer Höhlendecke ein spitzer Tropfstein gewachsen ist, ein Stalaktit, und sich von Zeit zu Zeit ein einzelner Wassertropfen löst, wird auf einem darunter befindlichen unterirdischen Weiher eine konzentrische Welle entstehen, die uns gleichnishaft für die ideellen, musischen, intellektuellen und politischen, kurz: Für die zivilisatorischen Äußerungen einer Menschengemeinschaft stehe. Uns Universalisten reicht dabei eine Menschheit und entsprechend eine Zivilisation, uns reicht ein gleichnishafter Tropfstein und ein einheitliches und gleich behandelndes Recht. Den Rassisten bzw. Kulturrassisten jedoch und ihrer linksradikalen bzw. wertevergessen-linken Spielart der Multikulturellen ist das nicht genug, sie brauchen einen zweiten Tropfstein, damit die Staatlichkeit und Kultur werdende Welle der exotisierten Anderen auf Dauer einen anderen Mittelpunkt hat und die Bereiche der Wellenkollision durch allgemeines Nichthandeln oder durch islamisches Handeln zu lösen sind.

Der kulturelle und zivilisatorische Impuls der so genannten Muslime stamme schließlich aus einer anderen Sphäre oder Quelle als derjenige der Nichtmuslime, ein gemeinsamer Rechtsrahmen für die deutschen oder europäischen Christen und Muslime sei daher widernatürlich, jedenfalls unmenschlich. Die Rechtsspaltung sei attraktiv und unvermeidlich, sie sei ebenso alternativ wie alternativlos. Das von Ahmet Davutoğlu im Titel verwendete Wort alternativ ist, im Sinne einer Entweder-oder-Entscheidung (lat. alter als der zweite von zweien), eng geführt zu lesen (un choix entre deux possibilités distinctes), wenn wir im Wort alterNATiv nicht gar das lateinische nāscentia, Geburt bzw. nātus est, Geborensein (naître, être né) entdecken wollen. Der Muslim wäre dann der zivilisatorisch Andere, der Andersgeborene, die NPD oder Tariq Ramadan hätten sicherlich nichts dagegen einzuwenden, und die Multikultis lässt man beim Reden von der alternativen Scharia noch ein wenig an Daseinsfreude und Lotterleben der Hippiezeit denken.

Scharialobby, Neonazis und linke Multikultiszene sind sich bemerkenswert einig darin, dass der famose Orient das Recht wenn nicht die Pflicht hat, anders zu sein die angeblich abendländisch verwurzelten Europäer. Imame ermuntern die Christen zur Einhaltung der biblischen Gebote.

Nur in einem säkularen Staat hat oder hätte die Religion frei von ökonomischen und machtpolitischen Interessen sein können, der inzwischen beschworene „eine Gott“ des Dialogs mit dem Islam jedoch ist die ungleich behandelnde Gottheit der Dhimmitude. Jean-Louis Taurans politischer Kultgott ist die Gottheit der Zweitfrau und der Steinigung, der Gott von Hidschab und Dschihad. Der Kurienkardinal und Vorsitzende des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog erleichtert Europas Kopftuchlobby die Arbeit und erschwert Europas muslimischen Säkularen das Leben.

Am 01.05.2009 löste Ahmet Davutoğlu seinen Amtsvorgänger Ali Babacan ab und wurde Außenminister der Türkei. Im Folgejahr traf er zwei Mal, im Januar und im Juli 2010, mit seinem deutschen Amtskollegen Guido Westerwelle zusammen (14).

Solange nichts zur Vermutung Anlass gibt, dass der heutige Davutoğlu von seinem 25 Jahre alten Streben nach Scharia und Kalifat abgerückt ist, dürfen wir sein Konzept der Stratejik Derinlik (Strategic Depth, „Strategische Tiefe“) als Fahrplan ins Kalifat verstehen.

Man sollte Davutoğlu den Said Ramadan Kleinasiens nennen, den türkischen Schariati.

Jacques Auvergne

(1) „Der Neo-Muslim, damals erst 22-jährig, sorgte mit verfassungsfeindlichen Äusserungen für Aufsehen. Die Scharia, liess er verlauten, stehe «im Zweifelsfall» über dem Schweizer Recht. Und was den Dschihad betreffe, den heiligen Krieg für den Islam, so sei er «noch nicht auf dem Niveau», um ihn glaubhaft führen zu können. … Frauen gehörten «von Natur aus» ins Haus, sagte Blancho in der Sendung «Schweiz aktuell». … Zu den Stargästen des Seminars gehörten der deutsche Prediger Pierre Vogel, auch er ein Konvertit, dem zuvor mehrmals die Einreise in die Schweiz verweigert worden war, und Abu Anas alias Mohammed Ciftci. «Allah sagt: ‹Ihr sollt eure Frauen schlagen, wenn sie nicht gehorchen›», mit dieser und ähnlichen Aussagen ist Anas in Internetvideos zu sehen.“, von: Philip Gut, aus: Bin Laden in Biel, in: DIE WELTWOCHE, 07.04.2010.

http://www.weltwoche.ch/index.php?id=538019

Schweizer Hanbalismus (Salafismus) firmiert als Islamischer Zentralrat der Schweiz (IZRS). Abu Ammar Abdullah = Nicolas Blancho. Abu Nusaybah = Abdel Azziz Qaasim = Patric Illi. Oscar Bergamin = Oscar Assadullah Mukhtar Bergamin.

Reto Wissmann: Islamisches Zeltlager am Bielersee, in: DER BUND, 09.06.2010.

http://www.derbund.ch/schweiz/standard/Islamisches-Zeltlager-am-Bielersee/story/23350288/print.html

(2) Nach Auffassung das pakistanischstämmigen Ṣiddīq Ġurūb ist jede Politik werdende Berücksichtigung von Islamgott inklusive Islamteufel, auch der parteibildende Kampf gegen derlei Magie und Barbarei, selber ein Steigbügelhalter des Kalifats, sei es als den Islam großzügig verwendender Nationalismus oder Faschismus oder aber als Kartell panischer Fehlgeleiteter und als, muslimbruderseits hoch erwünschte, verschreckte Schafherde von Dhimmis:

Eine rechte Allianz gegen den Islam? Warum eine jede konservative Partei antiislamischen Selbstverständnisses das Werk der Muslimbruderschaft fördert. Ein Gleichnis von Edward von Roy.

http://jacquesauvergne.wordpress.com/2010/02/06/161/

(3) Ahmet Davutoğlu

http://turkeymacedonia.files.wordpress.com/2010/04/ahmet_davutoglu.jpg

Bei: Turkey Macedonia – Turkish and Macedonian friedship. „This blog is dedicated to the ongoing struggle for human rights in Greece in regards to the recognition of the Turkish and Macedonians minorities that live in the country, who have been for many years denied the right to self identification.“, wo man zu Batı Trakya Birliği Bonn (West-Thrakien, Griechenlands Scharia im Familienrecht mit legaler Kindbraut) in die alte deutsche Bundeshauptstadt verlinkt.

http://www.westtrakien.com/batitrakya/index.html

(4) The Alliance of Civilization (AoC) was established in 2005, at the initiative of the Governments of Spain and Turkey, under the auspices of the United Nations. Prof. John Esposito (United States). H.E. Hojjatoleslam Seyyed Mohammad Khatami (Iran).

http://www.unaoc.org/content/view/160/197/lang,english/

Siegfried Kohlhammer: „Wesentlichen Anteil an Ramadans Erfolg bei den nicht-muslimischen Europäern hat – neben den üblichen Unverdächtigen und Apologeten des Islamismus wie Reinhold Schulze oder John Esposito – die Linke.“, aus: Kohlhammer: Pyromanischer Feuerwehrmann, in: DIE WELT, 20.05.2006.

http://www.welt.de/print-welt/article218074/Pyromanischer_Feuerwehrmann.html

(5) Hodschatoleslam Chatami, darf mit begeisterter Billigung des Wissenschaftsrats (WR) die künftigen deutschen universitären Islamischen Studien weiterhin ebenso kraftvoll beeinflussen wie Ägyptens Schariaminister Zaqzouq: „So hat Professor Mahmoud Zakzouk, Minister für Religiöse Angelegenheiten in Ägypten, angekündigt, bei der „Verwirklichung dieser Pläne (gemeint ist die Einrichtung von Islamischen Studien) mit Rat und Tat mitzuhelfen“. Auch der ehemalige Staatsminister des Iran, Seyed Mohammad Khatami, bewertet unser Vorhaben und unsere Tagung als „sehr wichtig im Sinne einer konstruktiven Zusammenarbeit zwischen der islamischen Welt und dem Westen.“

http://www.wissenschaftsrat.de/download/archiv/Strohschneider_Begruessung.pdf

(6) »Der Islam als Alternative« (Murad Wilfried Hofmann 1992), analysiert von Jacques Auvergne.

http://jacquesauvergne.wordpress.com/2009/10/05/144/

(7) Sure der Tisch, Sūratu l-Māʾida, Sure 5:3. Sahih International übersetzt: This day I have perfected for you your religion and completed My favor upon you and have approved for you Islam as religion.

Muhsin Khan übersetzt: This day, I have perfected your religion for you, completed My Favour upon you, and have chosen for you Islam as your religion.

http://quran.com/5/3

Muhammad Muhsin Khan. Anerkannter Koranübersetzer und renommierter Mediziner (Herzkrankheiten). Lebensweg: Pakistan (Provinz Panjab; Lahore), Großbritannien (Wales), Saudi-Arabien (Taif (aṭ-Ṭāʾif); Medina (al-Madīna al-munawwara, „die erleuchtete Stadt“)).

http://en.wikipedia.org/wiki/Muhammad_Muhsin_Khan

(8) Baber Johansen, Karlsruhe 26.-28.04.2002. Auf dem Rechtspolitischen Kongress der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) hält der gebürtige Berliner Baber Johansen einen so genannten Festvortrag, der dem auf Seelenrettung ausgerichteten Kulturrassismus namens Scharia huldigt („Diesen Prozess der Normenfindung nenne ich die islamische Normativität. … Mit den anderen [ägyptischen] Verfassungsprinzipien müssen die der islamischen Normativität , wie das Gericht ausführt, „eine organische Einheit“ bilden.“). Der offensichtlich sozialdemokratisch verträgliche Karlsruher Vortrag lautete: »Das juristische Erbe des Islams in der Moderne. Offenbarte Normen, staatliche Gesetze und globales Recht«. Zur engagiert realisierten Scharia (iN) wusste der damals in der französischen Hauptstadt lehrende Studienleiter der Hochschule für Sozialwissenschaften im Jahre 2002, der drei Jahre später als Professor für Islamische Religionsstudien an der Divinity School (Harvard, US-MA) zu arbeiten begann:

„Die Juristen des Heiligen Rechts unterscheiden zwischen den Offenbarungsgrundlagen des Rechts, der shari’a, und den juristischen Qualifikationen von Handlungen und Institutionen, die aus diesen Offenbarungsgrundlagen durch menschliche – und daher fehlbare – Anstrengungen abgeleitet sind.

Sie trennen auch zwischen dem Recht als religiöser Norm einerseits und den Regulierungsmassnahmen der politischen Herrscher, die diese als Teil ihrer Leitungs- und Steuerungskompetenz wahrnehmen.

Der Begriff der shari’a verweist also zum einen auf die unfehlbaren Offenbarungsgrundlagen der von den Juristen erarbeiteten islamrechtlichen Normen, zum anderen auf den offenen Prozess mit stets ungewissem Ausgang, in dem aus diesen Offenbarungsreferenzen durch die Vernunftanstrengungen von Juristen Normen zu finden und zu formulieren sind, die dann kontrovers zwischen den Juristen diskutiert werden.

Diesen Prozess der Normenfindung nenne ich die islamische Normativität.

Ich grenze ihn ab gegen die Summe der so gewonnenen Normen und der sie stützenden Argumentationen, die in der Rechtswissenschaft, dem fiqh, von den einzelnen Rechtsschulen rezipiert, dokumentiert und zur Schuldoktrin erhoben wird.

Diese Normen nenne ich die islamrechtlichen Bestimmungen.

Beide sind deutlich abgegrenzt gegen die politischen Regulierungsmassnahmen.

Die Juristen produzieren einen Überschuss an konfligierenden Lehrmeinungen zu jeder Frage und aus diesem Reichtum einander widersprechender Lehrmeinungen wählen die juristischen Autoren und Lehrer die aus, die ihnen am einsichtigsten sind.

Es gibt keine Institution, die in letzter Instanz für alle Juristen entscheiden kann, welche Norm rechtens ist.

Die Autorität der Rechtsnormen bleibt, im Prinzip, an die personale Autorität der Juristen gebunden.

Hier setzt die spezifische Funktion der Rechtsschulen ein: sie wählen Lehrmeinungen aus, deren Autorität im Rahmen der Schule anerkannt wird.

Sie lehren solche Doktrinen und stabilisieren sie durch ihre Weitergabe, so dass die Kontinuität des juristischen Denkens gewährleistet ist.

Sie begrenzen zugleich die Kompetenz des einzelnen Juristen zur freien Rechtsfindung“

http://www.fes.de/rechtspolitischer-kongress/koo/fest-3.htm

Baber Johansen was appointed Professor of Islamic Religious Studies at Harvard Divinity School in 2005. His research and teaching focus on the relationship between religion and law in the classical and the modern Muslim world. He served as Directeur d’Atudes at the Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales (Centre d’Atude des normes juridiques), Paris (1995-2005), and Professor for Islamic Studies at the Freie Universitat Berlin (1972-1995). In 2006 he was appointed Affiliated Professor at Harvard Law School and Acting Director of its Islamic Legal Studies Program for 2006 to 2010. In 2007 he was affiliated with the Department of Near Eastern Languages and Civilizations.

http://fora.tv/speaker/9597/Baber_Johansen

Schariaverharmloser Reinhard Schulze und die totalitäre iN (islamische Normativität), Kurs W6224, 17.9.2009 – 17.12.2009, 8:00 – 10:00, Falkenplatz 11, Bern, Schweiz

http://evub.unibe.ch/pievub/?KursID=3475026&KursNr=W6224&UeberschriftID=504035&page=detail

(9) Thomas W. Arnold, The Caliphate (London 1924)

http://www.scribd.com/doc/27709844/The-Caliphate-Sir-Thomas-Arnold

(10) Rechtleitung, noch schariafrei, verschafft uns Pythía (Πυθία), die seherische Priesterin zu Delphi. Priestess of Delphi (1891), Öl auf Leinwand 160 x 80 cm, Gemälde von John Collier (1850–1934)

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/25/Collier-priestess_of_Delphi.jpg

Fatwa-Vorläufer, noch dem Rätselhaften verhaftet. Was kommt morgen, Karrieresprung oder Karriereknick? Göttin Themis, zeitweise Chefin am delphischen Orakel, klärt den Aigeus auf. Attische Kýlix (κύλιξ, vgl. lat. Calix; Kelch), rotfigurig, um 435 vor Christus.

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/7/79/Themis_Aigeus_Antikensammlung_Berlin_F2538.jpg

The Pythia (1917), Jacek Malczewski (1854-1929), Öl / Lwd.

http://www.mlahanas.de/Greeks/images/PythiaMalczewski.jpg

(11) Muhammad al-Baqir, der Fünfte Imam

http://en.wikipedia.org/wiki/Muhammad_al-Baqir

(12) JALAL AL-I AHMAD: OCCIDENTOSIS: A Plague From the West. Translated by R. Campbell, Annotations and Introduction by Hamid Algar. Zu Gharbzadaghi (Westitis, Occidentosis) 26 Treffer.

http://multiworldindia.org/wp-content/uploads/2010/05/occidentosis.pdf

Hamid Algar, der schariafreundliche Professor aus dem kalifornischen Berkeley. Mit Begeisterung übersetzte der Islamkonvertit die Schriften Ayatollah Chomeinis ins Englische: „One person who had heard of the concept of velayat-e faqih was Hamid Algar, the man who had translated Khomeini’s lectures on the subject into English. When Algar, a British-born convert-to-Islam and Khomeini supporter”, aus: Elmer Swenson: »What Happens When Islamists Take Power? The Case of Iran«

http://gemsofislamism.tripod.com/khomeini_promises_kept.html

(13) İstanbul Lisesi – Türkocağı Caddesi No: 4 Cağaloğlu / İstanbul

http://www.istanbullisesi.k12.tr/

Noch fühlt man sich Atatürk verpflichtet

http://www.istanbullisesi.k12.tr/#PageID259

Ein frohes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins neue Jahr wünscht die Deutsche Abteilung des Istanbul Lisesi allen Leserinnen und Lesern unserer Website.

http://www.istanbullisesi.net/

(14) Rheinische Post, 07.01.2010. „Am Abend wurde er in Istanbul erwartet, wo am Freitagmorgen Gespräche mit dem Staatsminister für Europa, Egemen Bagis, sowie mit dem griechisch-orthodoxen ökumenischen Patriarchen Bartholomäus I. geplant sind. Am Nachmittag reist er weiter in die Golfstaaten. Begleitet wird der Außenminister von deutschen Wirtschaftsvertretern.“

http://www.rp-online.de/politik/deutschland/Westerwelle-schuert-EU-Hoffnung_aid_803849.html

NZZ, 28.07.2010. Westerwelle trifft mit seinem türkischen Amtskollegen Ahmet Davutoglu zusammen

http://www.nzz.ch/westerwelle_trifft_mit_seinem_tuerkischen_amtskollegen_ahmet_davutoglu_zusammen_1.6956146.html

DER WESTEN, 28.07.2010. Daniel Freudenreich: Westerwelle demonstriert Schulterschluss mit der Türkei

http://www.derwesten.de/nachrichten/politik/Westerwelle-demonstriert-Schulterschluss-mit-der-Tuerkei-id3297291.html

Ali Schariati und der ideale Islam

Juni 17, 2010

التلبية

at-talbiya

Das Folge leisten auf einen Zuruf,

die Annahme der Einladung (1)

Ali Schariati und der Islam als »Schule«

Zum Abschnitt »Der Entwurf einer Schule« aus Ali Schariatis »Die Islamkunde«, Teheran, ohne Erscheinungsjahr, also vermutlich etwa 1970. Von Jacques Auvergne.

Hier wird die Übersetzung des aus dem iranischen Kermanschah stammenden Mohammed Djassemi »Macht und politische Ordnung im Iran« herangezogen, Djassemis Inauguraldissertation im Fach Philosophie aus dem Jahre 3 der Installation der Allahkratie auf iranischem Boden (Augsburg 1981). Djassemi wurde wie Schariati 1933 geboren und lebt heute auf der größten nordfriesischen Insel, im Eigenverlag veröffentlichte er »Der neue Humanismus: Auf dem Wege zu einer humanen Gesellschaftsordnung« (Tinnum, Gemeinde Sylt 2005).

Zunächst zu Schariatis Prägung und Horizont.

Der am 23.11.1933 geborene Ali Schariati, korrekt gesprochen ʿAlī Šarīʿatī, war Sohn des idealistischen islamischen Aktivisten und schariatreuen sprich menschenrechtswidrigen Koranexegeten Aqa Mohammad Taqi Shariati. Aqa Mohammad Taqi führte Sohn Ali in den Kreis um Abolqassem Shakibnia ein, einem Theoretiker der revolutionären Chimäre namens Islamischer Sozialismus, einer hinterlistigen oder hoffnungsvollen Fehletikettierung für Dhimmitude oder Kalifat. Ali Schariati schrieb sich am Teacher’s Training College zu Maschhad ein, wurde 1952 Gymnasiallehrer und gründete die Islamic Students‘ Association, was nach Protestaktionen zu seiner kurzfristigen Verhaftung führte. Im Folgejahr, am 19.08.1953, wurde mit Hilfe des amerikanischen Geheimdienstes CIA die demokratisch gewählte Regierung um Mohammad Mosaddegh gestürzt (1953 Iranian coup d’état). Schariati nahm Kontakt zur National Resistance Movement of Iran (NAMIR) auf. Bis 1955 studierte Schariati erfolgreich (Bachelor) an der Ferdousī-Universität zu Maschhad. 1957 wurde er wieder eingesperrt, gemeinsam mit sechzehn Mitgliedern des NAMIR.

In den Jahren zwischen 1958 und 1963 lebte Schariati in Paris, wo er Soziologie studierte, als exzellenter Student erkannt und geehrt wurde und Sartre kennenlernte. Um 1959 arbeitete Schariati mit dem FLN zusammen, der algerischen Nationalen Befreiungsfront (le Front de Libération Nationale), die zunehmend intensiv eine Fusion von Sozialismus, Nationalismus und Islam ausarbeitete. Schariati las später die Schriften des antikolonialistischen Vordenkers Frantz Fanon und wurde, 1964 in den Iran zurückkehrend, mit der Anklage subversiver Umtriebe für einige Wochen ins Gefängnis geworfen. Der Algerienkrieg (la Guerre d’Algérie) der FLN dauerte von 1954 bis 1962 und endete mit der Unabhängigkeit Algeriens von Frankreich.

Neben den erwähnten Herren Shakibnia und Fanon hatte der Klerikersohn Jalal Al-e Ahmad (1923-1969) prägenden Einfluss auf Schariati. Al-e Ahmad war kurzzeitig Tudeh-Kommunist und wurde als Autor des antiimperialistisch-antieuropäisch motivierten »Gharbzadegi« (1962) berühmt, der Begriff bedeutet etwa „Westlichkeitswahn, Europäisch-amerikanisch verursachte Erkrankung des Orients“ und wurde um 1940 durch einen Heidegger-Kenner und radikalen Kulturrelativisten, durch den die universellen Menschenrechte dezidiert verweigernden Antisemiten und Teheraner Professor Ahmad Fardid geprägt, dessen geistige Nähe zu Sayyid Quṭb oder Adolf Hitler aufschlussreich ist für das Verweigern der universellen Menschenrechte vieler muslimisch geprägter Intellektueller bis in unsere Zeit, welche die angeblich kolonial ausgerichtete AEMR durch den Koran ersetzt wissen möchten. Das Buch »Gharbzadegi« (Occidentosis: A Plague from the West) wurde 1962 illegal veröffentlicht, das eher hasserfüllt als spöttisch gemeinte Gharbzadegi wird im Englischen treffend mit Occidentosis, Euromania oder Westernitis wiedergegeben. Der radikale Kulturrelativismus Fardids wird heute durch Schariafreund Abdolkarim Soroush (Hossein Haj Faraj Dabbagh) fortgeführt, den wir als global denkenden Proislamisten erkennen sollten, als Gegner der kulturellen Moderne und als Demokratierisiko. Nach 1953 war Al-e Ahmad für mehrere Jahre in Haft. Als ein weiteres persönliches Vorbild wird für den 1977 im englischen Exil verstorbenen Schariati Shapur Bakhtiar (Shāpūr Bakhtīār, 1915-1991) gelten können.

Bakhtiar besuchte als Jugendlicher die französische Schule in Beirut, war Student an der Sorbonne, Kämpfer in den Internationalen Brigaden des Spanischen Bürgerkriegs, im Zweiten Weltkrieg Mitglied des französischen Widerstands der Résistance und war schließlich, zu Beginn des Jahres 1979 wenige Wochen lang der letzte iranische Premierminister unter dem Schah. Bei Ausbruch der Islamischen Revolution konnte Bakhtiar nach Frankreich flüchten, wo er im Folgejahr, im Juli 1980, einem versuchten Mordanschlag gegen ihn entkam, bei dem ein Polizist und ein Nachbar starben. Bakhtiar lebte weiterhin in Suresnes im Westen des Großraums Paris (Département Hauts-de-Seine), wo er mit seinem Sekretär in der eigenen Wohnung durch drei Angreifer im August 1991 ermordet wurde, wie zu vermuten ist vom iranischen Geheimdienst.

Soweit zu Schariatis Prägung und Horizont, nun zu seinem Text.

Gleich mit dem ersten Satz erläutert uns Ali Schariati, was für ihn maktab bedeutet, was einem iranischen Intellektuellen eine „Denkschule“ ist, eine umfassende Weltanschauung nämlich, die den Charakter gesund erhalte und zivilisiere, ihn zur Tugend und Sitte forme und die allein uns als Hörern oder Lesern Verlässlichkeit und nachhaltiges Glück biete:

1. Wenn ich „Schule“ meine, so ergibt sich dafür folgende Definition: Schule besteht aus … einer konsistenten und proportionalen Reihe (auch: Summe) philosophischer Ausschau, religiöser Überzeugung, moralischer Werte und praktischer Methoden, die in einem kausalen Zusammenhang ein dynamisches, sinnvolles, richtungsweisendes und lebendiges Ganzes ausmachen; alle Organe dieses Ganzen werden von demselben Blut gespeist und von einem einheitlichen Geist beseelt.

Ein wissenschaftlicher Experte kann eine „Schule“ (Maktab) haben oder nicht.

Wie wir wissen, legt Ali Schariati sich und uns den Eintritt in die Schule der ewigen islamischen Bewegung nahe, die er, den mathematischen so genannten Zentralwert (Median) zur Verherrlichung Allahs gleichnishaft verwendend, als »The Median School Of Islam« anbietet, als Gleichzeitigkeit aus persönlichem, zur Orthopraxie mahnendem Heilsweg, korantreuem Gleichklang der Rhetorik und monopolistisch das gelingende Leben garantierender staatlicher Ethik der Scharia.

Dass damit jede Individualität islamisch-glücklich (totalitär) überwunden ist und ein jeder bereits jetzt weiß, was der die Bühne betretende Wissenschaftler, Journalist oder Poet gleich erzählen wird, schreckt den gottesfürchtigen Iraner nicht, was uns erschrecken sollte:

1. Wenn ein Experte für Physik eine „Schule“ besitzt, so können Sie im voraus erraten, welche Ansichten er über die wirtschaftlichen und klassenmäßigen Probleme hat, bevor er seine diesbezüglichen Meinungen geäußert hat. Von einem Experten der Ökonomie, – vorausgesetzt, dass er eine „Schule“ hat, – kann man ebenfalls annehmen, dass er diese oder jene philosophische Ansicht über die Welt oder die Natur besitzt.

Mit Schariati nämlich hält der fiktive koranbasierte Physiker oder Volkswirtschaftler den frühmittelalterlichen Staat von Medina für die erste klassenlose Gesellschaft und für die perfekteste aller Demokratien und erkennt den aus der Sphäre des absoluten Überblicks allerlei Einflüsterungen erhaltenden Mohammed als den vollkommensten Wissenschaftler aller Zeiten.

Alle irdischen sozialen Missstände sind damit auf grundsätzliche Islamferne zurückzuführen, individuelles Fehlverhalten ist Glaubensmangel.

1, 2. bei einer Person, die eine „Schule besitzt, bilden die ökonomischen, religiösen und philosophischen Ansichten … und selbst ihre künstlerische und literarisch Geschmacksrichtung ein zusammenhängendes (auch: harmonisches) Gewebe

Eine Biographie werdende Textilie, ein Wohlverhalten werdendes Flechtwerk, die oder das sich, haben wir einen vorbildlichen Menschen vor uns, aus der nahezu ungefilterten und ungehemmten Webekunst Allahgottes strickt, der allein schließlich Anstoß und Ursache ist, da er andernfalls nicht allmächtig wäre.

Der Asoziale weist einen islamrechtlichen Webfehler auf und der koranisch verbürgte Teufel wird zur sozialen Laufmasche.

2. Somit bildet die „Schule“ ein System, dessen einzelne Trabanten: Individuelle Affekte, soziales Verhalten, charakterliche (auch: moralische) Besonderheiten und insbesondere die philosophischen, religiösen und gesellschaftlichen Ansichten um eine zentrale Sonne kreisen

… den sonnigen Allah …

In sich sinnvoll und geschlossen befindet sich das System in einer bestimmten Richtung in Bewegung.

… in Richtung des harmonischen Miteinanders der schlussendlich rechtsverschiedenen „Gesamtgesellschaft“, in Richtung des Kalifats.

2. Und eine solche „Schule“ ist es, die Bewegung hervorbringt, Konstruktives leistet, gesellschaftliche Macht entwickelt, Engagement und Verantwortungsgefühl entstehen lässt, jedoch können weder Expertentum noch Wissenschaften eine ähnliche Wirkung verursachen. Und seit man den Islam aus einer „Gesinnungsschule“ zu einem „kulturellen Wissensgut“, einer „Ansammlung von Wissenschaften“ verwandelte, entledigte ihn man seiner Dynamik, seiner Verantwortung und seines sozialen Selbstbewusstseins, wobei ihm die Wirkung auf die Gestaltung des gesellschaftlichen Schicksals der Menschheit [abhanden kam].

Echter kultureller Fortschritt sei und bleibe stets korantreu. Am islamischen Wesen soll die Welt genesen, der makellose Ur-Islam aber ist durch gemeine Lobbies in die Verkrustung überführt worden.

Ohne sich von der Scharia zu distanzieren, stellt sich der Redner als ein Islamreformer vor. Wie sehr er den Klerus der Zwölferschia kritisiert, bleibt aus erklärlicher Vorsicht offen. Schariati erscheint gewissermaßen als schiitischer Salafist, jedenfalls als ein schiitischer Puritaner, der Lebensfreude, soziale Gerechtigkeit, Antikolonialismus und technologischen Fortschritt aus der einzig brauchbaren Handlungsanweisung herausliest, aus dem Koran.

Insofern ist Ali Schariati deutlich radikalislamischer als ein schließlich auch historisch gewachsenes Erbe verkörpernder iranischer Geistlicher, die deutliche Nähe zwischen al-Maududi und dem zu unrecht als „links“ oder „fortschrittlich“ gehandelten Schariati mag an dieser Stelle deutlich werden.

2, 3. (In meiner Vorlesung also) besitzt die Islamkunde eine solche (oben dargelegte) Bedeutung, keine (bloße) Kultur(-geschichte), keine bloße Ansammlung von Wissenschaften, die man studieren sollte. Selbstverständlich sind die islamischen Wissenschaften, die islamische Kultur sehr wertvoll und inhaltsreich und gereichen der islamischen „Zivilisation“ sehr zum verdienten Ruhm, jedoch (bei mir) hat die Islamkunde die Bedeutung der islamischen Ideologie

Erworbenes Wissen zur Scharia sei nachrangig, zunächst käme es auf die totale persönliche, eigentlich: ex-persönliche, Hingabe an. Im Stile des besonders weltüberwindend orientierten Teils der Sufis mahnt Schariati zum Tadscharrud, zur Ich-Abstreifung.

4, 5. Der Islam als eine Ansammlung von Wissenschaften hat sich während der Geschichte der islamischen Zivilisation zu einer Summe von philosophischen, theologischen (Kalām), linguistischen, historischen, kommentatorischen Wissenszweigen entwickelt. … Und der Weg, über diese Wissenschaften ein Wissen zu erlangen, ist, sie zu studieren. Aber den Islam als eine Ideologie muss man auf eine andere Weise verstehen und kennenlernen; der Islam als Ideologie ist keine fach-spezifische Disziplin, sondern das Fühlen einer „Schule“, er ist Glaube und nicht eine Kultur, sein Verstehen heißt Überzeugung und nicht das bloße Ansammeln von Wissen

Wie nebenbei bejaht Schariati die Schariawissenschaft und ihre mächtigen iranischen Eliten, verwirft aber ein etwaiges plattes Memorieren seitens der Koranschüler beziehungsweise ein eventuelles ausgesprochenes Karrieredenken der Geistlichen, sondern fordert eine ekstatische und militante (ich-auslöschende) Begeisterung und Hingabe eines jeden Adepten orientalischer Kultur oder religiöser Erkenntnis. Ali Schariati ruft zu einer vollkommenen Islamisierung des Bewusstseins des Einzelnen auf, zu einer seelischen Islamischen Revolution.

Für die profanen Äußerlichkeiten war in den Folgejahren Ruhollah Chomeini zuständig, Feingeist Schariati indessen bekümmerte sich um das vorbereitende religiöse Kribbeln der jungen Generation. Sein modern, hedonistisch und spontan daher kommendes islamverherrlichendes Denken bleibt eine Gefahr für Europa und Nordamerika, nicht zuletzt die jungen Muslime in Deutschland betreffend, die wir Sozialpädagogen und Sozialarbeiter vor der unkritischen oder pflichtschuldig-begeisterten Lektüre der Texte Schariatis warnen.

Das geradezu suchthafte Bestreben, den „eigentlichen“ Islam als harmlos und menschenfreundlich darzustellen, wird in den kommenden Jahren darauf angewiesen sein, Schariati in allen europäischen Sprachen zu vermarkten. Für vulnerabel dürfen wir hierbei die im Altersdurchschnitt oft eher jungen und sich gerne der politischen Linken zurechnenden Milieus der Amateure von attac, JuSo und AStA ebenso halten wie die multikulturell orientierten (enthemmt machtgeilen?) erwachsenen und professionellen Szenen der beiden Großkirchen, etwa dort, wo man seit Jahren eine Rabeya Müller zu Kirchentagsveranstaltungen einlädt oder überall da, wo man den demokratieüberwindenden Satz der Lamya Kaddor „Die Aufklärung ist nicht für den Islam übertragbar“ bagatellisiert oder als problematisch schlicht nicht mehr wahrzunehmen vermag.

Der Platonverachter und Renaissanceverspotter Schariati betreibt die Einbürgerung des Humanismus in den menschenverachtenden Islamischen Staat:

9. Mit dem Begriff „Humanismus“ meine ich hier den „Wert der Wahrheit“, der Bestimmung und des Sinnes, den jeder Mensch in seiner „Schule“ für die Menschheit in Aussicht stellt. Es handelt sich daher nicht um die spezielle Bedeutung des Begriffs im Sinne vom „Wesen des Menschen“, die bei den alten Griechen, in der Renaissance sowie bei den verschiedenen Schulen des Radikalismus im 18. und 19. Jahrhundert und schließlich beim Existentialismus im 20. Jahrhundert eine Rolle gespielt hat.

Die wertebeliebige Selbstbezogenheit der Existentialisten würde man ja gerne ausführlicher kritisieren, aber ist es nicht so, dass Schariati soeben die Intention und Arbeit der europäischen Aufklärung als radikal bezeichnet hat? Den Atheismus (Feuerbach, Nietzsche), der seine Pfahlwurzel sicherlich nicht in koranischer oder auch nur monotheistischer Erde schlagen möchte, hält der Iraner für einen Radikalismus.

Säkular religiöse Menschen, darunter es ja durchaus auch, aufgrund der islamischen Gewaltbereitschaft allerdings mittlerweile selbst in Deutschland erklärlich zurückhaltende, Muslime gibt, können den Atheismus entspannt als eine von mehreren Quellen sehen, aus denen sich die kulturelle Moderne speist und mit ihr jene Lebensform nährt, die jedem Menschen, auch dem weiblichen, maximale Chancen bietet: die freiheitliche Demokratie.

Nach der fiṭra-Konzeption, dem natürlichen Geschaffensein und göttliche Annäherung suchenden Ausgerichtetsein auf Allah hin, erklärt Schariati den gesunden (allahbewussten, schariakonform handelnden) Menschen zum Utopisten und Idealisten, zur Verkörperung gelingenden Lebens:

18, 19. Demnach entspringt die Bildung von Utopien, – allen äußerlichen Argumenten zuwider –, dem unumstößlichen und individuellen Bedürfnis jedes idealistischen Menschen. … Grundsätzlich ist der Wunsch nach einer „Über-Gesellschaft“ in der Fiṭra des Einzelnen und im Gewissen jeder Gesellschaft verankert. … Grundsätzlich beweist die Existenz von Utopien … , dass der Mensch stets geneigt ist, sich vom „gegebenen Zustand“ aus zu einem „gewünschten“ Zustand hin zu bewegen.

Wobei das Wünschenswerte wie zufällig mit dem sozialen Ideal des Koran übereinstimmt und nach Schariati selbst der engagierte Atheist die Existenz Allahs dadurch beweist, dass er zu etwas hin will.

Ṭālib, Schüler, heißt im eigentlichen Sinne Hin-Streber.

19. Aber die „Über-Gesellschaft“ einer „Schule“ ist keine phantastische Gesellschaft mehr; sie ist vielmehr eine ideale Gesellschaft, die entsprechend dem Geiste einer Schule fundiert (errichtet) werden soll; die Bekenner dieser Schule betrachten das Leben in einer solchen Gesellschaft als das eigentlich menschliche

So, wie es nur zwei Parteien geben kann, die Partei Satans und die Partei Allahs, könne es, folgt man Schariati, nur zwei Schulen geben, die antiislamisch-kranke von Karl Marx beziehungsweise Lenin und die proislamisch-gesunde, die eine Staatwerdung ihrer Lebensweise anstrebt, das Kalifat.

Schariati baut die eventuell vorhandenen Hemmschwellen des Zuhörers ab, den Schariaverweigerer öffentlich als unmenschlich anzuprangern, und verherrlicht den politisierten Eingottglauben, at-tauḥīd, in welchen er, ohne gegen die Scharia zu verstoßen, jeden pantheistischen und atheistischen Anspruch gleich integriert, was allerdings nur bedeutet, dass der Intellektuelle den hungrigen Islam die aus Allahgottes Blickwinkel allzu dürren Dimensionen von Pantheismus und Atheismus vollständig schlucken lässt:

23. Tauḥīd als weltanschaulicher meiner Schule. Meine Weltanschauung besteht aus dem „Tauḥīd“ … eine Auffassung von der Welt als Einheit und nicht als Teilung derselben in Diesseits und Jenseits (dunyā und ākhirat), in Physik und Metaphysik, in Materie und Geist, in Körper und Seele

Der Parteigänger einer göttlichen Natur hat fürderhin zu schweigen, Wanderer Schariati hat die Führung über den Pantheismus übernommen und ihn in sein Reisegepäck gesteckt, in Richtung der Glückseligkeit strebend, der größtmöglichen Nähe zu Allah.

Ganz im Hier und Jetzt die Höllenflammen knistern hören und den Paradiesglanz leuchten sehen, für besonders „dynamische“ Muslime ist das nun wahrlich kein spirituelles Problem.

Allah ist und will die Einheit, andernfalls hätte er ja einen zweiten Gott (den Teufel bzw. die Erde) neben sich. Schariati benutzt einen theologischen Taschenspielertrick und sagt nicht, dass er die Scharia nicht zur Basis aller Politik machen will und den Koran nicht zur Verfassung, darauf aber wäre es angekommen.

Kalifatspolitiker Mustafa Cerić verwendet in seinen englischen Texten das deutsche Wort Weltanschauung. Schariati:

23. Ich verstehe darunter [unter dem tauḥīd] eine „Weltanschauung“ und bin der Meinung, dass der Islam die gleiche Bedeutung dem Tauḥīd beimisst. Ebenfalls fasse ich „Schirk“ (=Vielgötterei) von demselben Blickwinkel auf. … „Schirk“ [ist] eine Weltanschauung, eine Auffassung vom Ganzen, die besagt, dass das Universum aus einer Summe von diversen, disharmonischen, in sich widersprüchlichen und heterogenen Bestandteilen, aus verschiedenen, völlig selbständigen und unversöhnlichen Polen, aus divergierenden Bewegungen, aus zerstreuten und zusammenhanglosen Wesenheiten … besteht. … Der Tauḥīd sieht das Universum als ein Imperium an, während … „Schirk“ es als eine feudale Ordnung betrachtet.

Blendend argumentiert, leider schariatreu und damit menschenrechtswidrig.

Ein wirklich mächtiger Teufel wäre ein zweiter Gott neben Allahgott und ist daher als Glaubensbestandteil zurückzuweisen, bedarfsweise mit der selben Prügel, die den Teufel islampädagogisch im Hirn des Kindes installiert. Der erkenntnistheoretisch unzulängliche Mensch bleibt damit vom Islam abhängig wie der Süchtige von seiner Droge, denn Kausalität und Kohärenz schaffen nicht die Naturgesetze, sondern schafft die Gottheit. Zugleich kann nicht einmal die Welt eine wirklich eigene Bedeutung haben, da diese die Rolle und Allmacht Allahs schmälern würde.

Mit dem Buch der Bücher bewaffnet, dem Ur-Buch schlechthin, geht Schariati beherzt ans Naturbetrachten:

27. Unter allen religiösen, wissenschaftlichen und philosophischen Werken ist [es] eigentlich nur der Koran, der alle Dinge, Realitäten und Bewegungen in der Natur als „āyāt“ bezeichnet.

Als Zeichen, so āyāt wörtlich, als Hinweis auf die Allmacht und Allgegenwart des Islamgottes. Die Verse des Koran selbst heißen so, Einzahl āya, und das menschliche Auge hat seit der Offenbarung an Mohammed den Eigenklang der Stimme Gottes, die koranischen Schriftzeichen, aus Stein, Baum, Stern, Quelle, Blume und Mensch herauszulesen, jedes andere Lesen, jede andere Wissenschaft, wäre schließlich Polytheismus und damit todeswürdig.

29. Widerspruch und Zwietracht [sind] mit der fundamentalen Annahme der Tauḥīdī-Weltanschauung unvereinbar. Demnach kann es in der Tauḥīdī-Weltanschauung keinen Widerspruch im Sein, keinen Widerspruch zwischen Mensch und Natur, Seele und Körper, Diesseits und Jenseits, Materie und Geist, sowie keinen rechtlichen, klassenmäßigen, sozialen, politischen, rassischen, völkischen, territorialen, blutsmäßigen, erblichen (genetischen), wesensmäßigen, anlagemäßigen (= fiṭrī) und sogar ökonomischen Widerspruch geben

Allahgott hat eben für alles gesorgt. Nach der fiṭra ist jeder Mensch als Muslim geboren und allenfalls nachträglich von seinen, in dieser Logik widernatürlich handelnden, Eltern oder Pädagogen zum Juden, Christen, Hindu oder Atheisten erzogen worden. Territoriale Widersprüche sind ebenfalls harmonisch zu beseitigen, nämlich durch Eroberung der Dār al-harb durch die Dār al-Islām, damit die unsteigerbar beglückende Einheit wirklich für jeden erfahrbar wird.

Das Kalifat, legt Schariati uns nahe, sei die von Karl Marx gut gespürte aber unzulänglich entworfene klassenlose Gesellschaft. Der letzte Prophet und mit ihm Muslim Schariati (wobei dieser auch hierin seinem Vater treu folgt) werden zum veritablen Sozialisten, und wer als junger Iraner den ganzen, den echten Sozialismus will, könne ihn nur auf dem Wege der Vertiefung des islamischen Bewusstseins erreichen.

29, 30. Der Widerspruch von Diesseits und Jenseits, … Vernunft (= ‚aql) und Erleuchtung (= ischrāq), Wissenschaft und Glaube, … Herrschern und Beherrschten, Geistlichkeit und Nicht-Geistlichkeit, … Licht und Finsternis, gutem und bösem Prinzip, … Proletariern und Kapitalisten … ist nur mit der „Schirk-Weltanschauung“ vereinbar, d. h. mit dem Dualismus, der Trinitätslehre oder Polytheismus vereinbar, und nicht mit dem „tauḥīd“, der die Schau der Einzigkeit darstellt.

Problem war gestern. „Der Islam ist die Lösung.“

Die Geistlichkeit abzuschaffen könnte den Exilanten Chomeini sauer werden lassen, aber Schariati hat das, genau betrachtet, soeben gar nicht gefordert: Der Ayatollah kann auch künftig also sehr wohl existent sein, wir Nichtkleriker sollen mit Schariati einfach keine Unterschiede mehr sehen zwischen den Scheichen und uns als den Gehorsamspflichtigen – auf zum Friedensfest.

Zwischen dem im Staatsauftrag Steine werfenden Muslim und der zu steinigenden Frau gebe es, nur mit ausreichender Weisheit betrachtet, keinen störenden Widerspruch, sondern bestehe dieser erhabene Fluss der Einheit des Seins und der göttlichen Harmonie.

31. Der Mensch hat innerhalb der Tauḥīdī-Weltanschauung nur vor einer Macht Furcht, er ist nur einem Richter gegenüber verantwortlich, er blickt nur nach einem Mekka (= Qibla) … im umgekehrten Fall wäre alles ohne „ihn“ nichtig und sinnlos … (Denn allein) die Ergebenheit (= taslīm, abstammend von islam!) „ihm“ gegenüber, welche zugleich das Grundgesetz des Seins ist, setzt den Menschen in die Lage, gegen alle falschen Mächte und demütigenden Fesseln der Angst und Habgier … zu rebellieren.

Humanität ist Gottgehorsam.

53. So gesehen ist auch der Kampf der Religion gegen Religion ein historischer Kampf: Die auf Vielgötterei aufbauende Religion … führt Krieg, um das gesellschaftliche „Schirk“, die Uneinigkeit der Klassen zu rechtfertigen, wogegen der Kampf der monotheistischen Religion … die Rechtfertigung der Einheit von Klassen und Rassen zum Ziele hat. Dieser historische Kampf zwischen Kain und Abel, „Schirk“ und „Tauḥīd“, … der Religion der List … und der Religion der Aufklärung, der Bewegung und der Revolution … wird bis zum Ende der Zeit (= ākhir az-zamān) andauern.

Der auf Kulturrassismus gegründete Koran legt dem Leser nahe, was Schariati natürlich weiß, das Judentum als die heilsgefährdende Lehre kosmischer Niedertracht und List zu begreifen, eine nach Schariati offensichtlich „ganzheitlich-harmonische“ Weltsicht, die sich im heutigen, muslimischerseits praktizierten Antisemitismus und Israelhass im Bereich zwischen Muslimbruderschaft und Millî Görüş äußert.

Dass Gotteskrieger Schariati wieder beim Dualismus der Manichäer gelandet ist, geht im vor lauter Kult um die kosmische Einheitlichkeit nicht mehr in den Verstand. Islam beseitigt jeden Widerspruch, denkt man ihn nur radikal genug. Letztlich betrifft dieser Fundamentalismus jede doktrinär aufgefasste beziehungsweise angedrillte Religiosität, wir sollten daher Qualitätskriterien für demokratietaugliche Religiosität bekennen.

In seinem Holländischen Tagebuch erkannte Leon de Winter, worum es für Europa bei der Integration eben nicht der Scharia, sondern der Muslime geht: „Wir sollten die Arroganz aufbringen, unsere neuen islamischen Mitbürger Verträglichkeit, Individualität und die Rechte und Pflichten des modernen Bürgertums zu lehren, doch wir lassen uns von den Illusionen des Multikulturalismus lähmen. Seit den sechziger Jahren machen wir uns selbst weis, alle Kulturen seien gleichwertig. Wenn das so wäre, wäre Kannibalismus nur eine Frage des Geschmacks. In den Niederlanden wie in ganz Europa wird der Druck der Intoleranten auf unsere Toleranz zunehmen.“

Rächer Schariati reinigt die Erde:

54. Das wird eine zwangsläufige Revolution sein, um der Kainschen Geschichte ein Ende zu setzen und die Gleichheit aller im Weltmaßstab zu verwirklichen. … … dies geschieht in Form einer Weltrevolution, einer historischen und klassenmäßigen Rache, die sich mit aller Entschiedenheit über das gesamte Leben der Menschheit erstreckt.

Schariati will den Weltfrieden der Pax Islamica, das Globalkalifat. Angesichts von so viel Glaubenseifer könnte ja selbst ein Chomeini anerkennend staunen. Mangel an Entschiedenheit wird man den iranischen Islamrevolutionären der späten Siebziger Jahre nun wahrlich nicht vorwerfen können.

Der 1977 verstorbene Schariati stellt sich uns mit seinen, den politischen Umsturz im Namen des Islam fordernden Sätzen als Wegbereiter der 1979 errichteten göttlichen Diktatur vor und löst endlich auch das Betriebsgeheimnis von dem, was er sich unter einer „Schule“ vorstellt:

66. Die Ideologie ist innerhalb dieser Schule, – um es in einem Wort zu sagen –, gleichbedeutend mit dem Islam.

Um dem Publikum allerdings sogleich ein neues Rätsel zu präsentieren:

Die Frage aber lautet, mit welchem Islam?

Ganz viele kleine Islame. Oder sagt man Islams?

Der in Bahnhofsvierteln ohne Gewerbeschein auf unsere Wettgelder erpichte Trickser verwendet mehrere Hütchen. Und nur eine Kugel. Taschenspieler Schariati verdoppelt die Scharia oder halbiert sie:

67. Der Islam von „Gerechtigkeit und Führung“ Ja! Der Islam von „Kalifaten, Klassen und Aristokraten“ Nein!

Der Islam von „Freiheit, Bewusstsein und Bewegung“ Ja! Der Islam von „Gefangenschaft, Schlaf und Ruhe“ Nein!

Der „kämpferische“ Islam Ja! Der „geistliche“ Islam Nein!

Der Islam als „Gesinnungs- und Gesellschaftskampf“ als „wissenschaftliche und rationale Autorität“ Ja! Der Islam von „Imitation, Fanatismus und Ergebenheit“ Nein!

Der Islam von „Koran“ Ja!

Der Mann betrügt weniger uns als vor allem sich selbst.

68. Das, was ich als Suchender wünsche, ist eine Rückkehr zum Islam als einer „Ideologie“. … Den Islam als Ideologie … kann man begreifen, wenn man die … Hauptkomponenten einer wissenschaftlich analytischen und komparativen Untersuchung unterzieht: Allah, Koran, Mohammed, Mustergefährten (=ṣaḥabī) und (Propheten-)Staat (=Madīna).

Die ideale Gesellschaft … heißt „Umma“. … Das Wort „Umma“ … beinhaltet einen fortschrittlichen Geist, eine dynamische, engagierte und ideologische Schau der Gesellschaft.

70, 71. Der ideale Mensch = „Der Kalif Gottes“. Das ist ein „gottähnlicher Mensch“, in dem der „Gottesgeist“ über die „satanisch-schlammige“ Hälfte gesiegt hat … Die Richtschnur der Bildung, die pädagogische Philosophie rührt von dem Imperativ her: „Gewöhnet euch an die göttliche Ethik! … Das schließt zugleich die Absage an jedwede fixe und konventionelle Erziehungsmaßstäbe ein. … Dieser ideale Mensch durchquert die „Natur“ und wird dabei Gott gewahr; er wendet sich den „Menschen“ zu und gelangt somit an Gott. Dieser sein Weg geht also nicht an der Natur vorbei und macht keinen Bogen um die Menschen.

Religiöses Kleingeld. Islamisches Einmaleins.

Die Natur dem Kalifat nutzbar machen. Und zugleich die muʿāmalāt-Dimension der Scharia erfüllen, jene Verpflichtungen, die Allāh dir den Menschen gegenüber aufgetragen hat und deren Nichteinhaltung, etwa, als Mann ohne triftigen Grund dem Freitagsgebet fern bleiben oder als Frau kein Kopftuch zu tragen und dem Ehemann ungehorsam zu sein, dich nach deinem Ableben in das Höllenfeuer eingehen lässt.

Bedauerlich, dass der Iraner lebenslang die universellen Menschenrechte nicht als wertvoll erkannt und verteidigt hat. Schariati hätte besser Pistazien gezüchtet und zur Geistes- und Religionsgeschichte der Menschheit geschwiegen, als sich (und die Geschichte) derartig zu verbiegen. So sehr kann die Jahrhunderte alte Scharia das Denken eines Menschen verzerren.

Der „einzelfallorientierte“ (willkürliche) Islam von Scharia und Fiqh hat sich nicht verändern können, er wird es auch nie. Der barbarische Kult hat den Hirnen und Leibern von muslimischen Intellektuellen wie Ali Schariati vielmehr den einzigen irdisch möglichen Verwendungszweck zugewiesen, nämlich zu jenem Geröll zu werden, den eine Armee zum Erreichen des Schlachtfeldes nun einmal braucht, zum Schutt der Aufmarschrampe des islamischen Faschismus.

Wer daraus nichts lernen möchte, wird die mordreiche Lektion wiederholen müssen. So lange wir Europäer oder Nordamerikaner unseren Politikern und Kirchenfunktionären nicht widersprechen können oder vielmehr wollen, die faktenfern behaupten, der Islam sei eine „im Kern friedliche Religion“, droht der islamische Totalitarismus auch in Europa mit klandestinen Geheimdiensten, Entführungen und Auftragsmorden Einzug zu halten. Der organisierte Islam der Scharia – und einen anderen organisierten Islam gibt es nicht – gefährdet im polizeilich und journalistisch kaum noch erreichten Abseits unserer Städte die freiheitliche Lebensweise längst mit Zwangsheirat und Ehrenmord, mit Polygamie sowie mit elf- oder zwölfjährigen schwangeren Bräuten, kurz, mit eben der Rolle der Frau, die der keinesfalls falsch verstandene Allahgott als sittlich einwandfrei und deine Seele rettend vorsieht.

Wer war und wer blieb Ali Schariati, der Zornige und Belesene, der antikolonialistische Aktivist, der Sohn des Tafsīr-Fachmannes, der religiös beseelte Antikommunist, der Kenner von Europas Geschichte und Literatur, der strahlende iranische Redner in Moscheen, auf Marktplätzen und in Universitäten, der Mann mit dem gewinnenden Lächeln, dessen Stimme jahrelang in Hunderttausenden von Iranern Stolz und Hoffnung erwecken konnte? Chomeinis Maskottchen.

Der Harlekin des Kalifats.

Jacques Auvergne

(1) Muslim, begebe dich in die Harmonie mit dem ursprünglich islamischen Weltall, übe dich in der absolute Befolgung, at-talbiya, in der einzig angemessenen Antwort auf die absolute Einladung: „Labbayka Hajjan – O Allah! I answer Your call to perform Hajj.“

“Labbayk, allahumma labbayk … – Dear God! I accept your invitation …”

Aus: HÜSSEYİN ALGÜL: »The blessed days and nights of the Islamic Year«, İzmir 2005 (Originaltitel: Mübarek Gün ve Geceler, 2004)

http://books.google.de/books?id=mk-E3rDUFgIC&printsec=frontcover#v=onepage&q&f=false

Scheich Muhammed Ali FARKÛS (Ferkous) aus Algerien (»Cheikh Ali Ferkous sort enfin de son silence et donne son avis sur la question de … «). Seine Fatwas finden sich unter http://www.fatawaferkous.com). Farkûs / Ferkous spricht zu uns über die einzig mögliche Annahme der einzig wahren Einladung, über die Talbiya, die von den Männern laut erfleht wird, die mit ihrer Stimme zur Verführung und Sünde verlockenden Frauen dürfen sie denken:

“Talbiya: is to say in hajj or in`Umra “Labbayk Allahumma Labbayk, Labbayk La Sharîka Laka Labbayk, Innal Hamda Wan Ni`mata Laka Wal Mulk, La Sharîka Lak (here I am at Your service O Lord, here I am, here I am. There is no partner to you. Here I am. Truly, the praise and favor is yours, and the dominion. There is no partner to you).”

“For this reason, a Muhrim woman in hajj or in `Umra makes Talbiya and does not rise her voice. The sharia ordered her also to clap her hands and not saying Tasbîh in the prayer, all this in order to avoid temptation and avoid falling into sin.”

http://www.ferkous.com/eng/Bk9.php

Die Xenophobie des Ali Schariati

Juni 16, 2010

التطابق

at-taṭābuq

Kongruenz

Das Nichtislamische verstoßen

Jacques Auvergne betrachtet die in Abadan gehaltene Rede Ali Schariatis: »Exploitation und Raffinierung der kulturellen Quellen«

Dem Betreiben von Konrad Adenauer dürfte es zu verdanken gewesen sein, das neue Verwaltungszentrum der vom barbarischen Faschismus befreiten drei westlichen Besatzungszonen, der Bundesrepublik Deutschland, in den Süden der Kölner Bucht zu legen. Nachfolgend siedelten sich die ausländischen Vertretungen im rheinischen Bonn an: China, Sowjetunion, USA, und, in der Godesberger Allee 133-137 (Presse- und Kulturabteilung), die Botschaft des ab 1979 alle Frauen unter den Ganzkörperschleier prügelnden iranischen Gottesstaates. Auf der besonders gesicherten dritten Etage dieses Hauses haben sich nach Informationen der The Federation of American Scientists (FAS) in sechs Büros und mit einem Radiosender ausgerüstet 20 Nachrichtendienstler Tag und Nacht darum bemüht, in der Bundesrepublik Militär- und Wirtschaftsspionage zu betreiben und die 100.000 deutschen Exil-Iraner zu überwachen (1).

Im Oktober des Jahres 1980 übersetzte die zwielichtige Botschaft der seit achtzehn Monaten für Allahgott folternden und mordenden Islamischen Republik die Rede »Exploitation und Raffinierung der kulturellen Quellen«, die der 1977 verstorbene Ali Schariati (ʿAlī Šarīʿīatī) vor Studenten der Stadt Abadan (Ābādān) gehalten hatte.

Abadan liegt im Tiefland unweit des südirakischen Basra (Baṣra) am Schatt al-Arab (Šaṭṭ al-ʿArab), dem Zusammenfluss von Tigris und Euphrat gelegenen) und ist ein Zentrum der Ölförderung. Im Ersten Golfkrieg (Iran–Iraq War), der 1980 begann und bis 1988 andauerte und vermutlich etwa 500.000 Tote forderte, davon etwa 60 % Iraner, wurde Abadan teilweise zerstört. Sechzig Prozent der Einwohner des inzwischen 400.000 Einwohner zählenden Abadan, das eine der größten Erdöl-Raffinierien der Welt beherbergt, sind in Clan-Strukturen lebende iranisch-schiitische Araber, daneben gibt es heute ethnische Südwestiraner von den Völkern der Bachtiaren und Luren, die erst um 1990 angesiedelt wurden. Kurz vor dem koranbasierten Umsturz von 1979 wurde Abadan von einem Terroranschlag heimgesucht, als dessen Auftraggeber der Islamist und bekennende Haupttäter Hossein Takbalizadeh die Vereinigung der kämpfenden Geistlichkeit verantwortlich macht: Im brennenden Kino Cinema Rex, das den 1979 entstandenen, tragisch-sozialkritischen Kriminalfilm Gavaznha („Hirsche“) von Masoud Kimiai zeigte, starben am 19.08.1978 mindestens 430 und bis zu 600 Menschen, im gesamten Iran wurden an diesem Tag Brandanschläge verübt, achtundzwanzig Orten.

Der Titel spielt auf den Vortragsort an und ruft zu, Stolz auf die iranische und vor allem islamische Geschichte und Identität auf, eine Erbschaft und Verpflichtung, die angeblich jeden Studenten wesensgemäß von einem französischen oder russischen, US-amerikanischen oder chinesischen Studenten unterscheide. Die Juwelen des Islam gelte es gewissermaßen bergmännisch zu heben und das koranbasierte iranische geschichtliche Erbe zum Aufbau einer neuen Zivilisation zwischen zwei bedrohlichen Imperien, zwischen Kommunismus und Kapitalismus zu verfeinern. Das traditionsreiche iranische Judentum und der iranische Zoroastrismus sind dem Redner keine Silbe wert. Schariatis Variante der Vaseteh- oder wasaṭīya-Konzeption („Mittigkeit“; Koran 2:143 As an umma, a nation justly balanced) wurde in jenen Jahren als „Na Sharghī, Na Gharbī! Neither East, Nor West!“ vernehmbar, ein Appell, den Großayatollah und Revolutionsführer Ruhollah Chomeini nur wenige Jahre später mit einer gewissen Veränderung oder Ergänzung als revolutionären Sprechchor verbreiten ließ: „Na Gharbī, na Sharghī, Dschomhūrī-ye Eslāmī!“, und damit klar machen ließ, was für einen vernunftbegabten Menschen künftiglich das mittlere Maß und was von nun an unser aller politische Ausgewogenheit ist: „Weder West noch Ost – Islamische Republik!“

Die Botschaft der Islamischen Republik Iran lobte denn vor drei Jahrzehnten (1980) auch – posthum – den beliebten und begabten Redner und verwendete ihn, wohl nicht ganz zweckentfremdet, als Einweiser in die sich auf Mohammeds medinensische Staatsgründung berufende Allahkratie: „In den Jahren vor der Islamischen Revolution Irans war Ali Schariati bemüht, der jungen iranischen Generation ein neues kulturelles Bewusstsein zu vermitteln. Er hatte erkannt, dass ohne dieses Bewusstsein ein Aufbegehren gegen den von innen und außen erzwungenen Modernismus nicht möglich ist. … Er forderte daher die Rückbesinnung auf die echten kulturellen Werte und lehnte jede unreflektierte Übernahme der zur Entfremdung führenden Ersatzkultur ab (Seite 5).“

Bis heute sind Europas politisch ambitionierte Koranleser zwischen Necmettin Erbakan, Tariq Ramadan, Mustafa Cerić und Pierre Vogel darauf angewiesen, die universellen Menschenrechte, nicht zuletzt die Gleichberechtigung von Mann und Frau, als „modernistisch“ zu klassifizieren, als widernatürlich und gotteslästerlich oder jedenfalls als dringend multikulturell zu ergänzen, allein die Legalisierung der ewigen Scharia, zunächst zumindest im Familienrecht, bewahre die Muslime davor, sich zu „entfremden“. Unentbehrlich zu diesem System heilssichernden Wohlverhaltens, hier sind sich Schiiten und Sunniten einig, sei die Verhüllung des weiblichen Leibes mit, funktional bewertet, allzu großzügig geschnittenem Stoff, mit einem Schleier, dessen Minimalvariante das so genannte Kopftuch darstellt, das auch Lehrerinnen im staatlichen Schuldienst nicht vorenthalten sein darf.

Schariati:

7. Verehrte Zuhörer, meine Damen und Herren, Kommilitonen! … Eine Nation, eine Gesellschaft verfügt sowohl über wirtschaftliche Quellen und Bodenschätze als auch über kulturelle und geistige Quellen, sie sich im Laufe der Geschichte angehäuft haben.

Durchaus in der Manier eines Nationalisten verherrlicht Muslim Schariati in der von schiitischen Arabern bewohnten Stadt das der Gottheit wohlgefällige Eigene und setzt das dämonisch Fremde herab, iranische Geschichtstümelei mit dem koranisch vorgegebenen Hass auf alles Nichtislamische verschmelzend. Der Redner fordert die heilige Abwendung von einem Zustand der ökonomischen und spirituellen Unwürdigkeit:

8. Ein Volk kann … aus Rückständigkeit und Dekadenz in einen Zustand der geistigen und sozialen Kreativität und Aufbautätigkeit übergeleitet werden.

Weltbürgerlichkeit habe man genügend bewiesen. Vom inhumanen Europa könne man ohnehin nichts Nützliches lernen:

8. In den letzten Jahrzehnten hat die neue, gebildete Generation Asiens und Afrikas die philosophischen, kulturellen und geistigen Schulen Europas unmittelbar kennengelernt. … Phrasen, die uns nichts angehen, die mit unserem Schicksal, mit unseren Sorgen und Problemen nichts zu tun haben. Der Orientale leidet unter Hunger, der Abendländer unter Übersättigung.

Schariati holt die Antikapitalisten und Kolonialismuskritiker in Orient und Okzident ab. Zugleich initiiert er die Bereitschaft, die Welt in kulturrelativistischer Weise zu denken, es gebe eine Mehrzahl von Weltregionen, deren Standards nicht aufeinander zu übertragen seien. Was unter den radikalen Konstruktivisten der europäischen Sozialen Arbeit von heute und bei den Multikulturalisten des halbernst gemeinten deutschen Integrationsbetriebs auf Zustimmung stoßen dürfte, denn endlich hat man mit Ali Schariati die Erlaubnis, diese nervenden Standards der AEMR und die frauenrechtlichen Forderungen einer Alice Schwarzer nicht auf die irgendwie so geheimnisvoll andersartige Spezies übertragen zu müssen, auf die von „Alterität“ und „Differenz“ gekennzeichneten und damit nahezu außerirdisch anmutenden Muslime, auf die mehr oder weniger freiwillig im Einklang mit Sunna und Scharia lebenden Einwanderer in Köln-Ehrenfeld oder Duisburg-Marxloh.

Man kann den edlen, aufregend männlichen Wilden so lassen, wie er ist, auf Wunsch polygam, der Ehefrau das Ausgehen verbietend und der Tochter das Heiraten eines Nichtmuslimen oder das Zusammenleben mit einer Frau oder ein Leben als Ledige, und so preist man als Prof. Dr. Ursula Boos-Nünning die „Virginität“, den Jungfernhäutchenkult, und die arrangierte Ehe. Wenn man als Sozialdezernent oder Sozialpädagoge erst allüberall im Bildungsbereich und Arbeitsleben das Kopftuch zulässt und die spirituelle Burka gleich mit, wird die Integration schon gelingen, so schlimm ist die Implementierung der Scharia ins Rechtssystem ja auch wieder nicht, wie uns Rowan Williams, Mathias Rohe, Christian Giordano und Mustafa Cerić erläutern, und überhaupt bleibe der Islam eine „im Kern friedliche Religion“, wie die Herren Pöttering und Köhler versichern. Zurück zu Schariati.

Beides sei verkümmert und müsse geschichtsbewusst und koranbasiert neu organisiert werden, Ökonomie und Kultur des Iran, unabhängige Nutzung der Bodenschätze und religionszentriertes Geistesleben, sonst drohe eine Fortsetzung der Abhängigkeit und eine Zukunft als wirtschaftlich ausgebeutete und auch seelisch versklavte Kolonie der US-Amerikaner und der Europäer:

12. Wenn eine Gesellschaft nicht fähig ist, ihre materiellen Ressourcen in ihren Dienst zu stellen, finden sich andere Gesellschaften, die diese Fähigkeit besitzen und davon Gebrauch machen. … Der aufgeklärte Europäer, der den Orient besser kennt als wir Orientalen, benutzt unsere kulturellen und geistigen Quellen und schafft neue philosophische Schulen und Ideen.

Schariati fährt mit seiner sanften Volksverhetzung fort: Europa sei der ewige Feind des Orients, das Territorium der Widersacher der schariatreuen Humanität, Irans Zukunft liege im politischen Anti-Okzidentalismus:

13. Der Gegner, der ein Volk um seine Unabhängigkeit und nationale Identität bringt, lehrt es am besten, wie es sie wieder zurückerlangt. Daher ist es notwendig, zu ergründen, wie wir durch den Westen von unseren kulturellen und geistigen Quellen abgeschnitten wurden.

Von der eigenen Makellosigkeit und Unschuld überzeugt zu sein, ist ein Ausdruck orthodox-muslimischen Selbstbewusstseins und enthemmter Lernverweigerung. Ein sehr islamisches Denken offensichtlich, mit dem Finger auf das Gegenüber zu zeigen und zu sagen: „Der da hat angefangen!“ So wird das nichts mit dem Ankommen in der kulturellen Moderne.

Die Internationale der Antiokzidentalisten hingegen sei human, da sie islamisierungsfreundlich ist und auf volle Frauenrechte und Pressefreiheit verzichtet:

14. Hätten wir lieber statt Bert BRECHT Katib YASIN gelesen, anstelle von Jean Paul SARTRE Omar MOULUD oder Omar EZGAN kennengelernt, statt Albert CAMUS Frantz FANON gelesen, um uns kennenzulernen.

Der algerische Schriftsteller Yacine KATEB (1929-1989) ist gemeint, der unter dem Künstlernamen »Kateb Yacine« schrieb, ein moralischer Anwalt für die Minderheitenrechte der Berber, der sich ab 1947 zum Kommunismus bekannte. Der Aktivist mischte Lokalpatriotismus oder auch Xenophobie mit Atheismus und Islamresistenz: „L‘ Algérie arabo-islamique est une Algérie contre-nature.“ Kateb Yacine arbeitete kürzere Zeit als Dockarbeiter und dann als Journalist, lebte vorübergehend in Paris, lernte 1954 Bertolt Brecht kennen, hielt sich zeitweilig in Kairo auf und nahm eine Einladung in die Deutsche Demokratische Republik (DDR) an. Der Religionskritiker und Kopftuchgegner trat für die Gleichberechtigung der Frau ein, Schariafreund Schariati muss ihn also missverstanden haben, und setzte sich für das Tamazight, die Berbersprache ein. Sohn Amazigh Kateb singt heute bei der französischen Musikergruppe »Gnawa Diffusion«, die er 1992 in Grenoble gründete (2).

Frantz Fanon (1925-1961) war ein auf Martinique geborener Psychologe, Politiker und Autor. Der Ideologe der Entkolonialisierung und Unterstützer des 1954 gegründeten algerischen, nach der gewonnenen Unabhängigkeit Sozialismus mit Islambegeisterung verschmelzenden »Front de Libération Nationale« (FLN, Ǧabhat al-Taḥrīr al-Waţanī), der Nationalen Befreiungsfront, wird in radikalislamischen Kreisen ebenso wie bei Europas linksradikalen Proislamisten mit Begeisterung zitiert. Bei ahlu-sunna.com etwa verbreitet ein gewisser Mohammed Isa ein Wort von Frantz Fanon: „Das Problem ist klar: die Fremden müssen verschwinden. Bilden wir eine gemeinsame Front gegen den Unterdrücker und verstärken wir diese Front durch den bewaffneten Kampf“ und betreibt auch gleich dschihadistische Nachrüstung mit Malcolm X: „Wenn du nicht bereit bist, dafür zu sterben, dann streiche das Wort »Freiheit« aus deinem Vokabular (3).“

Mit billigem Rechtspopulismus ruft Schariati zum Verwerfen des „Westlichen“ auf, zum Boykott von einem populären amerikanischen Erfrischungsgetränk und zur Hinwendung zum Iranisch-Nationalen, das sich bei Schariati bekanntlich aus der Quelle namens Religion oder vielmehr Allah speist. Der Feind sei im eigenen Volk zu finden, als der gemeine Gewalt anwendende, prowestliche Dekadente:

22. Wir haben nicht einmal mehr die Fähigkeit, unsere Getränke auszusuchen. Welcher [Iraner] hat schon den Mut zu sagen: Mir schmeckt kein Coca Cola? Was geht dich das an, was hast du denn schon zu bestimmen, dass dir kein Cola schmeckt, sondern Buttermilch? Schämst du dich denn nicht, so etwas zu behaupten, auch wenn du dein Leben lang Buttermilch getrunken hast?

Das mag ja in humorigem Stil vorgetragen worden sein und von den Studenten der Stadt des Erdöls Abadan mit Erheiterung aufgefasst, doch lässt sich denken, wie sehr ein nationalistisch-iranischer und zunehmend streng an der Scharia orientierter Konformismus das Klima auf dem Universitätsgelände bestimmt haben mag: Jeder Student erhält aus der Hand Ali Schariatis den Freibrief, den Sympathisanten des amerikanischen oder europäischen Lebensstils als Landesverräter zu brandmarken und die Forderung nach vollen Rechten für Atheisten und Frauen für einen fortgesetzten Versuch der Zerstörung der islamisch-iranischen Kultur und Erhabenheit.

Dabei gibt sich Schariati keinesfalls als Theoretiker, sondern inszeniert sich den jungen Menschen als orthopraktisches Vorbild an gereinigter, „entwestlichter“ Gesinnung, fordert die konsequente orientalisch-islamische Lebensweise, ohne dass wir wissen, ob der Redner zur Stunde europäische Straßenschuhe oder arabische Sandalen trug. Mit der unfreiwillig albernen, verbissenen Logik eines xenophoben Trägers von Trachtenjankerl und Lederhose berichtet Schariati aus dem fernen Europa:

23. Als ich in der Schweiz einen Freund aufsuchte, sah ich, dass er ein Paar orientalischer Schuhe an die Wand seines Zimmers gehängt hatte. „Was ist das?“ fragte ich ihn. „Rückbesinnung auf mich selbst,“ erwiderte er. „Das ist keine Rückbesinnung, wie du glaubst. Wenn du dich wirklich auf dein Iranertum besinnen willst, musst du wissen, dass der Iraner seine Schuhe nicht an die Wand hängt, sondern vor die Tür stellt, um sie anzuziehen. Wenn du dieses orientalische Schuhwerk angezogen [hättest] und damit auf die Straßen von Genf gegangen wärest, hätte ich verstanden, wie ernst du es meinst.“

Traditionsbewusstsein oder die ernste Suche nach dem Authentischen könnte uns ebenso anrühren wie fröhlich-geradlinige Heimatliebe, doch bemüht sich Schariati nicht, etwaigen schamanisch-animistisch inspirierten oder mutterrechtlich organisierten Stämmen der islamisch beherrschten Erdteile auf die Spur zu kommen oder auch der Lebensweise und Ethik der diskriminierten orientalischen Christen seiner Gegenwart, sondern verteufelt das Vaterlandsvergessene beziehungsweise Uniranische an sich, und, an dieser Stelle des Vortrags noch etwas wenig hörbar, dämonisiert er ebenso alle Unislamische oder gar Islamfeindliche.

24. Die kolonialistische Soziologie Europas hat es richtig verstanden: Um dem Orient die Identität zu nehmen, ihn ohne Mühe auszuplündern, irrezuführen und zu regieren, musste man ihn von seiner Geschichte trennen; sobald er die Identität verliert, läuft er mit Stolz und Opferbereitschaft dem Westen nach.

In den Grenzen der immerhin bereits 1948 verfassten Menschenrechte lässt sich eine antikolonialistisch motivierte innere Bewegtheit der Menschen im damaligen Iran sicherlich gut nachvollziehen (und vielleicht auch bei den Ägyptern zur Zeit des Baus des Suez-Kanals, einem Milieu, dem Ḥasan al-Bannā entstammte bzw. das er nutzen konnte, der Gründer der Muslimbruderschaft). Schariati vernebelt hier Menschenrechte und koloniale Ausbeutung ganz bewusst, um jeden Atheisten und jede Frauenrechtlerin als einen Agenten der Ausbeuter darzustellen. Damit lädt er die Schuld auf sich, der Islamischen Revolution den Weg bereitet zu haben. Den Totalitarismus von Sunna und Scharia, die Willkür und der geheiligte Sadismus der Islamischen Sakraljurisprudenz des Fiqh kannte Schariati gut genug, er hat hier ganz bewusst zur Menschenrechtswidrigkeit der Scharia geschwiegen, stattdessen mit grandiosem Gestus Coca-Cola verworfen.

Cola-Gegner Schariati wurde erhört. Im Jahre 2002, in welchem Saudi-Arabien zum Cola-Boykott aufrief, erfand der in Frankreich wohnhafte Tawfik Mathlouthi die proislamistische, antijüdische und propalästinensiche Variante des Cola-Trinkens, Mecca-Cola. Mecca-Cola, deren Unternehmenssitz mittlerweile in Dubai (Vereinigte Arabische Emirate) ansässig ist, sponsorte das im Oktober 2003 in Malaysia abgehaltene Gipfeltreffen der Organisation of the Islamic Conference (OIC), ihre trinkbare antiwestliche Gesinnung war dabei offizielles Getränk jener Organisation, deren Kairoer Menschenrechtserklärung von 1980 alle Gesetze unter den Vorbehalt der Scharia stellte (4).

Nun wird Schariati fromm und erweist sich zwar als Muslim, aber ebenso, die aus seiner Sicht moralisch angekränkelten Europäer betreffend, als ein Führer der etwas minderwertigen Dhimmis zur ehrlichen christlichen Gottesfurcht, stammt doch alle Humanität von Allahgott und war Martin Luther, ohne es zu wissen, durch Mohammed inspiriert:

26. Die Islamisierung des Christentums während der Kreuzzüge hat den Protestantismus hervorgebracht. Ein Teil des Christentums wurde zu einer protestierenden und kritisierenden, einer profanen, auf dem materiellen und sozialen Leben beruhenden Religion. Das Christentum, das während der tausendjährigen Periode des Mittelalters den Stillstand bewirkte, wurde zu einem Faktor der Bewegung und des Aufbaus in Europa. Die Behauptung, die Absage an die Religion in der Renaissance habe die moderne Zivilisation hervorgebracht, ist falsch. … Es war der Protestantismus, der die neue Zivilisation hervorbrachte.

Das Fünfzehnte und Sechzehnte Jahrhundert sei also beinahe die gesamteuropäische Herrschaft Allahs gewesen, nur zum Islam hätten die Abendländer noch übertreten müssen. Dann wäre das Paradies auf Europas Erden zum Greifen nahe gewesen, denn:

26, 27. In der Renaissance gab es keinen Materialismus und Atheismus. Die führenden Köpfe und Persönlichkeiten der Renaissance waren alle religiös. … Die Bewegung der Renaissance kam nicht zustande, um eine Absage an die Religion zu erteilen. Damals kam man noch nicht auf die Idee, wie Hitler die Geschichte erst ab heute zu erschaffen.

Wie Hitler, ja, und wie Mohammed, der Zerstörer der altorientalischen Kultur und der altarabischen Erinnerungsfähigkeit.

Mao, Hitler und Mohammed stehen für den totalitären Kunstmythos, der, einer Explosion einer Atombombe gleich, Geschichtlichkeit, Zweifel und Zwischentöne auslöscht zu einem ewig wiederholten Jetzt. Widersacher dürfen für das bewahrte oder gesteigerte Allgemeinwohl getötet werden. Soziales Wohlverhalten mit allgegenwärtigen Geheimdiensten und gewalttätigen Sittenwächtern durchgesetzt, jeder Mensch ausgelöschten Eigenwillens, jedes Ex-Individuum hat sich in Orthopraxie zu üben. Dissidentenmord wird bei Mohammed, Hitler und Mao zum „schönen, wohltätigen“ Handeln und hebt die glaubensbewegte „Harmonie“. Man stimme gefälligst mit ein in das Gejubel der Eintracht.

Harmonierhetorik pur: Derweil in China jährlich etwa 8.000 Menschen hingerichtet werden (5) und während die Volksrepublik die Militärdiktatur des kleinen Nachbarlandes Myanmar kalkuliert (Burma hat demnächst einen Tiefwasserhafen, das an Wäldern arme China braucht den Rohstoff Holz (6)) billigt, lautet eine Aufschrift am Pekinger Tor des Himmlischen Friedens, an dem Mao Zedong am 01.20.1949 die Volksrepublik China ausrief „Lang lebe die Einheit der Völker der Welt.“

Schariati fordert eine Islamische Restauration, Renaissance oder Revolte, einen Islamischen Protestantismus. Es gelte, analog zu den Europäern zu handeln, historisierend-orientalisch und anti-europäisch, parallel zu ihnen, nationaliranisch und radikalislamisch, dabei aber nicht auf ihre Lügen hereinzufallen, mit denen sie ihr aggressives Christianisierungsbestreben im falschen Namen von Demokratie oder Menschenrecht tarnen:

27. Was bedeutet Renaissance? Renaissance ist die Rückkehr zu den alten griechischen Quellen, die im Mittelalter unerkannt blieben. Sie bedeutet keinen Abfall vom Christentum, sondern die Umsetzung des christlichen Empfindens, der christlichen Kultur von einem Zustande der Schwäche, des Stillstands, in einen Zustand der kritischen, konstruktiven, intellektuellen und beweglichen Zielsetzung, das heißt, in den Protestantismus. Diese Entscheidung der europäischen Intellektuellen im 15. Jahrhundert und in den beiden darauffolgenden Jahrhunderten bewirkte die große westliche Zivilisation von heute; nämlich die Entscheidung, auf die westlichen kulturellen Quellen der alten Griechen und Römer sowie auf die großen Quellen der christlichen Glaubenslehre zurückzugreifen. … Das haben sie getan, und erreicht, was sie wollten. Warum erzählen sie uns das Gegenteil? Sie hätten sich von der Religion losgesagt …

So gesehen – radikalislamisch – wird jede Demokratisierung eines außereuropäischen Landes zur Christianisierung und wird das weltweite Umsetzen von allgemeinen Menschenrechten, also auch von Frauenrechten, zu einem Akt der Versklavung der Muslime durch die europäischen und nordamerikanischen Kolonialherren. Nicht viel anders argumentieren Murad Wilfried Hofmann, Recep Tayyip Erdoğan und Pierre Vogel, und allen dreien kann man leider nicht nachsagen, die Scharia falsch verstanden zu haben.

Die Scharia will die Erniedrigung der Frau, das sklavenähnliche Leben der Juden und Christen und den Mord an jedem bekennenden Islamapostaten. Einen anderen Islam gibt es seit 1.400 Jahren leider nur in der von Barbara John, Ursula Boos-Nünning, Armin Laschet oder Mathias Rohe inszenierten Als-ob-Wirklichkeit der wenige Stunden währenden Akustik der Integrationsdebatten oder auf den Bühnen der beispielsweise um den katholischen Theologen Thomas Lemmen und Ehefrau Melanie Miehl kirchlich organisierten (finanzierten) rituellen Islambeschwichtigung: Den „im Kern friedlichen“ Dialog-Islam.

Die Scharia ist nicht modernisierbar, die diesbezüglichen Projekte von Abdullahi Ahmed an-Na’im in den USA und Mathias Rohe in Deutschland gefährden die Demokratie und arbeiten auf die zu vermeidende Rechtsspaltung hin. Wir wollen das einheitliche Recht, keine islamrechtlich befreiten Zonen mit Vielweiberei und dem nur maskulinen Aufenthaltsbestimmungsrecht über das Kind. Schariati:

29. Was müssen wir nun tun? Wir müssen die Kontinuität der Kultur wiederherstellen.

So ungefähr sagt es in Deutschland auch die NPD.

Von Menschenrechten spricht Schariati gar nicht erst, er will sich durch das beängstigende Weltall am alleinig rettenden Strick, der bekanntlich mit einem Ende an der mohammedschen Vergangenheit festgeknotet ist, in die Zukunft zu Allahgott entlang führen lassen. Der so genannte Denker möchte vom Medinastaat ins Paradies hangeln wie einst der Theseus am Ariadnefaden durchs grausige Labyrinth krauchte.

Doch noch sei der echte, wahre Islam verschüttet, ein Schulfach Islamischer Religionsunterricht sei in das derzeitige Schulsystem, das Teil des antimuslimischen und prowestlichen Systems ist, Adorno: Es gibt kein richtiges Leben im Falschen, gar nicht integrierbar, wie Schariati ob seiner frechen Unorthodoxie etwas in Hektik geratend befindet:

29. Unter diesen Umständen gibt es nur einen einzigen Weg, nämlich sie [die Religion] aus dem Programm zu streichen. Man sollte die Religionskunde aus dem Programm streichen, damit die Absolventen überhaupt nicht wissen, was Islam ist. Sie sollen nichts darüber gehört haben. Nur so können sie später den wahren Islam kennenlernen und verstehen.

Der nach Ali Schariati makellose Ur-Islam ist vorläufig individuell zu verherrlichen. Spontanverherrlichung, sozusagen. Millionenfach.

Schuld an der derzeitigen Wahrnehmungsstörung der Muslime zu ihrer orientalischen Geschichte und Kultur sowie vor allem zum Islam ist der „Westen“:

31. Die Abendländer haben leider unsere Geschichte im Gegensatz zu der Geschichte der Afrikaner nicht verleugnet, sondern gesagt, ihr habt eine, aber in dieser Form. Wir haben sie uns angesehen und uns davor geekelt.

Die Scharia ist für aufgeklärte Menschen ekelhaft, nicht so für Herrn Schariati.

31. Wir flüchteten vor dem Bild, das von uns gezeichnet wurde, und nahmen Zuflucht bei der europäischen Kultur

Unsinn, der so genannte islamische Teil der Welt braucht Pressefreiheit, keinen Wiener Walzer, Frauenrechte und Religionsfreiheit statt Currywurst.

Dieses „Bild in den Köpfen“ der Menschen über den Islam sei schrecklich verzerrt. Dem Anschein und der Tatsache ist als frommer Muslim eben niemals zu trauen. Eine Art von Bildersturm muss her:

31. Unser Ausweg besteht darin, dieses Bild zu zerstören und … unsere großen kulturellen Quellen bewusst … zu erforschen und zu bearbeiten – aber nicht so, wie es der Westen für uns getan hat, wovor man sich ekeln muss.

Die neunjährige Ehefrau und die Steinigung der Ehebrecherin ist für Ali Schariati völlig in Ordnung, sich vor dem per Imam-Ehe legalisierten Sex mit einem kleinen Mädchen oder vor dem Anblick der das gesamtmuslimische Seelenheil rettenden zerschmissenen Frau zu ekeln ist für den revolutionären Feingeist hingegen gar nicht in Ordnung.

31. So wie wir in der Wirtschaft die Rohstoffe in Energie umwandeln und große Industrie- und Produktionsstätten aufbauen, Bewegungen entfesseln, so müssen wir auch im Denken, in der geistigen Tätigkeit, in der Bildung unserer Persönlichkeit und kulturellen Unabhängigkeit handeln.

Der fromme Antikommunist und Antikapitalist sagt ungefähr: Iraner, macht euch bereit für Allahs irdische Herrschaft. Wie wir heute wissen, hat das iranische Volk dem angeblichen Modernisierer des Islam erfolgreich gelauscht.

Jacques Auvergne

(1) The Federation of American Scientists (FAS). „One example of the coordinated efforts of Iranian intelligence is found in Iran’s diplomatic mission in Bonn at Godesberger Allee 133-137, which is the headquarters of the Iranian intelligence services in Europe. Some 20 staff members work for the Ministry of Intelligence and Security, and representatives from other agencies also use the embassy’s specially secured third floor, where six offices and a radio room are reserved for the agents. From the six-story building in the government district the services monitor the 100,000 Iranians living in Germany, harass undesirable opposition members, and attempt to procure technology in Germany for the production of nuclear, chemical, and biological weapons. In the German language area alone, there are as many as 100 firms allegedly under Iranian influence for the procurement of such sensitive technology. Other bases of operations include the consulates in Frankfurt and Hamburg, and the „Imam-Ali Mosque“ in Hamburg, said to be the largest Muslim religious center outside the Islamic world.“

http://www.fas.org/irp/world/iran/jcso.htm

(2) »Gnawa Diffusion«

Gnawa ist die Musik der im 16. Jahrhundert schariakonform verschleppten und verkauften dunkelhäutigen Sklaven (Ghnaoua), die später regional eine veritable Sufi-Tariqa darstellten und ihre sehr afrikanisch gebliebene Musikkultur oberflächlich islamisierten

http://mon.algerie.voila.net/images/Actu07_Gnawa.jpg

»World Music Central. Your Gateway to the World of Music« stellt die Band »Gnawa Diffusion« vor:

“France has had a long tradition of producing bands specialized in „musical fusion“. Listening to the rich musical cross-over in the work of Gnawa Diffusion, it appears that this term might very well have been invented to define the innovative new sound of Amezigh Kateb’s band. The members of Gnawa Diffusion, who are based in Grenoble in the South East of France, come from a rich mix of musical and cultural backgrounds. Fusing their individual influences into a collective sound, Gnawa Diffusion have woven elements of rap, ragga, jazz, reggae and rai into a vibrant musical patchwork.”

http://worldmusiccentral.org/artists/artist_page.php?id=4790

(3) »Islam nach Quran und Sunnah und dem Verständnis der as-Salih« lässt im Chat über »Die Wiederbelebung des Islam« Frantz Fanon verwenden.

http://www.ahlu-sunnah.com/threads/23131-Wiederbelebung-des-Islam

Über Administrator Tariq erfahren wir: „Geschlecht: Männlich, Religion: Islam, Glaubensrichtung: Ahlu Sunnah, Herkunft: Deutschland/Marokko.“

http://www.ahlu-sunnah.com/members/2548-Tariq

Das englische Wikipedia nennt Fanon unter Black nationalism (Nationalisme noir)

http://en.wikipedia.org/wiki/Black_nationalism#Frantz_Fanon

Nationalisme noir

http://fr.wikipedia.org/wiki/Nationalisme_noir_aux_%C3%89tats-Unis

(4) Mecca-Cola, propalästinensich. Ne buvez plus idiot, buvez engagé – Trinken Sie nicht mehr dumm, trinken Sie engagiert!

http://en.wikipedia.org/wiki/Mecca-Cola

Allahgott und der Cola-Feind Schariati können zufrieden sein, seit 1979, seit der Islamischen Revolution, trinkt Teheran Zam Zam Cola

http://en.wikipedia.org/wiki/Zam_Zam_Cola

Seit 2005 gibt es Qibla-Cola

http://en.wikipedia.org/wiki/Qibla_Cola

(5) China und die harmonisierende Todesstrafe. Bei Wiki, Quelle siehe unten (HRIC), findet sich der Hinweis: „Liu Renwen, ein Professor am internationalen Rechtsinstitut der chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften äußerte, dass in China ca. 8.000 Menschen pro Jahr hingerichtet würden. Damit würden in China etwa 20 Mal so viele Todesstrafen verhängt wie in allen anderen Ländern der Welt zusammen.“

http://de.wikipedia.org/wiki/Menschenrechte_in_der_Volksrepublik_China#Todesstrafe

In THE MYSTERY OF CHINA’S
DEATH PENALTY FIGURES berichtet Wang Guangze: “China executes an estimated 8,000 people each year, nearly 20 times the number of people executed in all other countries combined.”, veröffentlicht bei: HRIC, Human Rights In China

http://hrichina.org/public/PDFs/CRF.2.2007/CRF-2007-2_Mystery.pdf

HRIC, Human Rights In China

http://hrichina.org/public/index

(6) Warum China ein möglichst undemokratisches Burma braucht. Über den geplanten Tiefwasserhafen berichtet die in Düsseldorf erscheinende Wirtschaftswoche in ihrer Online-Ausgabe wiwo.de vom 08.10.2007.

In »Der hässliche Verbündete« weiß Matthias Kamp:

„Vor allem die großen Rohstoffvorkommen Myanmars haben Pekings Begehrlichkeiten geweckt. Allein die nachgewiesenen Gasvorkommen von 540 Milliarden Kubikmetern sind mit die größten in Asien. Dazu kommen Nickel, Kupfer, Erdöl und das so dringend für den chinesischen Bauboom benötigte Holz. … Kyauk Phyu, etwa 600 Kilometer westlich von Rangun, soll einen Tiefwasserhafen bekommen, über den Öl und Gas aus Afrika und dem Nahen Osten dann nach China fließen werden. Der teure und zeitaufwendige Seeweg über die Straße von Malakka wäre dann für Chinas Importe und Exporte überflüssig.“

http://www.wiwo.de/politik-weltwirtschaft/der-haessliche-verbuendete-228762/

Das Orientbild des Ali Schariati

Juni 15, 2010

جنس

ǧannasa

to make similar, to assimilate; to naturalize

anähneln, gleichartig machen; einbürgern

Islamischer Humanismus

Zu Ali Schariatis »Das Menschenbild im Marxismus, in anderen abendländischen Denkschulen und im Islam«. Von Jacques Auvergne

Bonn im Oktober 1983, Godesberger Allee 133-137. Viereinhalb Jahre nach der jenseitszentrierten Staatwerdung, die irdisch mit der rechtlichen Deklassierung der Frau, dem Verhindern von Pressefreiheit und mit massenhafter Folter und Hinrichtung korankonform zu begleiten war und bis heute ist, gab die Botschaft der Islamischen Republik Iran gesammelte Reden des Ali Schariati, heraus, die dieser zur Zeit der Studentenrevolte in Berkeley, Paris und Frankfurt, in den Jahren zwischen 1965 und 1970, an der Universität zu Maschhad gehalten hatte: »Das Menschenbild im Marxismus, in anderen abendländischen Denkschulen und im Islam«.

Schariati (ʿAlī Šarīʿatī) war Sohn eines idealistischen Aktivisten und geachteten Koranexegeten, der Mitte der Vierziger Jahre das Zentrum für die Verbreitung der Islamischen Wahrheit (Kanun-e Nashr-e Haqayeq-e Eslami, The Center for the Propagation of Islamic Truths) gegründet hatte, Vater und Sohn traten der von Abolqasem Shakibnia geführten Bewegung der Gott ergebenen Sozialisten bei, deren Credo lautete, Mohammeds Gefährten seien Sozialisten gewesen und der Staat von Medina die erste klassenlose Gesellschaft. Der kluge Dhimmi Karl Marx kann in dieser Logik nur ein fahler Abglanz des Ur-Sozialisten Mohammed sein. Ali war damals erst vierzehn Jahre alt (1).

Das um 1972 ohne Schariatis Einwilligung und auch nur Kenntnis veröffentlichte Manuskript, er verbüßte, was sehr wohl öffentlich bekannt war, zwischen September 1973 und März 1975 eine Gefängnishaft, erschien in der auflagenstarken Zeitung »Keyhan« als Artikelserie, das iranische Original titelte »Ensan, Eslam va Maktabha-yi Maqrebzamin« (Mensch, Islam und die Denkschulen des Westens) und wurde von Robert Campbell ins Englische übersetzt als »Marxism and Other Western Fallacies: An Islamic Critique« (Mizan Press, Berkeley 1980). Die »Keyhan« verschwieg den Lesern, die meinen mussten, einen aktuellen und mit Zustimmung des Autors veröffentlichten Text zu lesen, dass das Redemanuskript bereits ein halbes Jahrzehnt alt war (2).

Im Mai 1977 verließ Schariati, den die Gefängnishaft sicherlich gesundheitlich sehr belastet hatte, den Iran, am 19.06.1977 starb er im englischen Southampton an einem Herzinfarkt. Vielleicht ist es der chaotisch-explosiven Lage und dem folternden Geheimdienst SAVAK des Schahs zuzuschreiben, dass sogleich das Gerücht aufkam, Schariati sei ermordet worden. Ganz ausgeschlossen ist ein Mord sicherlich nicht, doch wie wäre es mit dem eifersüchtigen Chomeini als Täter, der in den folgenden Jahren ungezählt oft unter Beweis gestellt hat, dass ein Menschenleben gegenüber Allahgottes Glanz nichts, aber auch gar nichts zählt und den ein im Volk beliebter, unorthodoxer Querkopf ja vielleicht bei seinen Rückkehrplänen störte, so sehr man den angesehenen Schariati zur Vorbereitung der Revolution genutzt hat. Es kann nur einen geben.

Im Vorwort von ruft die Presse- und Kulturabteilung der iranischen Botschaft die Europäer indirekt dazu auf, zur Frömmigkeit zurückzufinden, und sei es zur christlichen, ein Impuls, der durch Politik, Kirche und Pädagogik begeistert aufgegriffen worden ist bis heute im so genannten “Dialog mit dem Islam“ demokratiegefährdend fortgesetzt wird. Schariatis Rolle als die des feinsinnigsten aller Theoretiker der Islamischen Revolution ist von Nichtmuslimen bis heute im Allgemeinen übersehen worden, Muslime sehen hierbei einmal wesentlich klarer.

Nicht völlig zu unrecht, wenn auch unter Nichtberücksichtigung der feindbildbedürftig-manichäischen und damit islamverwandten Dimension des Marxismus, ordnet Schariati diesen der über Jahrhunderte herausgebildeten abendländischen Welt- und Gesellschaftsdeutung zu. Insbesondere in seiner klassisch-bildungsbürgerlichen Haltung und Lebensweise und mit dem ohne Platon, Renaissance und Aufklärung wohl schwerlich möglichen und mit dem Islam bis heute inkompatiblen Vorbehalt des Verstandes gegenüber dem religiösen Dogma erweist sich Karl Marx in der Tat als Kind des Abendlandes, wenngleich man ihm einen geradezu gnostischen Wunsch nach Weltüberwindung nachsagen kann, die bei dem antietatistischen und überhaupt strukturhassenden Teil seiner heutigen selbst ernannten und linksradikalen Nachfolger (Islamismusfreundin Sabine Schiffer, die Quṭb-begeisterte evangelische Theologin Beate Sträter) eine spezifisch linke Islamverherrlichung rechtfertigt.

Wenn die Herausgeber also Ali Schariati mit einem “Schariati zeigt des weiteren auf, warum sich der abendländische Humanismus gegen die Religion stellen mußte und wie die marxistische Religionskritik davon beeinflußt wurde” anpreisen, liegen sie insofern richtig, als dass Atheismus und Kirchenkritik neben jesuanischer Ethik und christlicher Sozialarbeit zu den Quellen der kulturellen Moderne zu rechnen sind, maßen sich gleichwohl das Monopol auf Religionserklärung und Verwaltung von Religiosität an. Christen und noch Unsittlichere erhalten bekanntermaßen aus den Händen der zur globalen politischen Führung und volkspädagogischen Erniedrigung oder Vernichtung der Islamskeptiker berechtigten Rechtgeleiteten eine daʿwa, Einladung, und dieses 86 Seiten dünne Büchlein ist eine solche. Der mittlerweile verstorbene Schariati konnte seine Zustimmung nicht mehr verweigern. Warum soll man einen utopischen Dissidenten nicht als Märtyrer vermarkten.

Gleich zu Beginn nimmt Schariati eine Position der Zivilisationskritik und der frommen Innerlichkeit ein und zitiert lobend Alexis Carrell: “Je mehr sich der Mensch der Außenwelt zugewandt und darin weiter vorgewagt hat, um so mehr hat er sich von sich selbst entfernt und sein wahres Selbst vergessen”, das uns an die spannend geschilderte Besteigung des Mont Ventoux (3) erinnert, die Francesco Petrarca (1304 – 1374) am Folgetag in einem Brief beschrieb. Das Gipfelerlebnis von Europas mutmaßlich erstem Touristen, dem italienischen Dichter und Humanisten Petrarca ist schönste Bergsteigerliteratur, doch knickt der Gebildete am 25.04.1336 vor der bedingt heilsrettenden Gottheit masochistisch ein, ein Wort kirchlichen Gehorsams zitierend, wie ein fundamentalistischer Muslim einen Koranvers. Petrarca hält bei aller Entdeckerfreude und stolzer Leistungsbereitschaft die Perspektive der wissenschaftlichen Magieüberwindung (Maria Sibylla Merian, Alexander von Humboldt, Charles Darwin) noch ebenso wenig aus wie das naturkundlich-hedonistische (Hermann Löns, Reinhold Messner) oder pantheistisch autonome (Goethe, Thoreau, Hesse) Herangehen an die (für uns seltsam göttlich bleibende) Natur, sein beim Lesen eines Verses von Augustinus auf dem Ventouxgipfel gefundenes Selbst ist eben nicht das Ego des Atheisten oder auch nur Hedonisten, sondern immer noch dasjenige der katholischen Doktrin, und etwas kleinlaut und in Angst vor der ewigen Verdammnis schlich Petrarca aus der strahlenden Bergwelt zurück in die düstere europäische Civitas werdender Renaissance. Wildnis macht halt Angst.

Schariati legt los:

7. Nach Ansicht von Dewey mangelt es dem Menschen von heute mehr an Selbstbeherrschung und Selbsterkenntnis als dem Menschen des Altertums.

Statt den Werteverfall fortzusetzen, gehe man nun zurück zur Disziplin. Angesichts des Sozialpädagogik und Jugendverbandsarbeit beherrschenden Dogmas des Amorphen ist die Kulturkritik des Pädagogen und Philosophen John Dewey (1859-1952) plausibel, leider hat Schariati mit Selbstbeherrschung den radikalen Sunna-Gehorsam gemeint und mit Selbsterkenntnis jene von Engeln und Teufeln umflatterten Standards der Islamwissenschaft, die ganz bewusst da Mauern bauen, wo weiter gedacht werden müsste, und die den “tugendhaften” Männern Lizenzen zur Gewaltanwendung gegen Frauen und Nichtmuslime verleihen, wo das universelle Menschenrecht Grenzen setzen muss. Den Titel “L`homme, cet inconnu” des erwähnten Carrell aufgreifend, orakelt Schariati:

7, 8. denn den Menschen erkennen bedeutet sich selbst erkennen … gerade der Mensch, der dringender als alles andere erkannt werden muss, ist ein Unbekannter. Hier handelt es sich in der Tat um ein lebenswichtiges Erkennen. … alle wissenschaftlichen, sozialen und ideologischen Versuche unserer Zeit, den Menschen wahrhaftig zu befreien, oder ihm zumindest ein Gefühl des Glücks zu vermitteln, [sind] hauptsächlich deswegen gescheitert, weil … der Mensch entweder unbekannt geblieben oder ganz in Vergessenheit geraten ist.

Die Antwort, die Schariati in seinem Leben gefunden hat, überrascht uns nicht besonders: Die Erkenntnis, die uns den “Unbekannten” näher bringt, sei bereits im Koran vorweggenommen, und jede Einsicht in das Wesen des Menschen und in die Bestimmung der Menschheit sei eine islamische.

Die in jenen Jahren Hoffnung erweckende, Form annehmende und Ekstase liefernde Revolution der “Achtundsechziger” sei zum Scheitern verurteilt, solange nicht der authentische Islam die Sache untermauere, der, wie Schariati nahelegt und wie Pöttering (Mai 2008) und Horst Köhler (Mai 2010) versichern, eine polygame und apostatenmordende »iKfR« sei, eine “im Kern friedliche Religion”.

Die technologische Moderne habe versagt, dem Menschen ein erfülltes Leben zu bescheren, ihre bemerkenswerten Errungenschaften bedürfen der moralischen Leitung und der reifen Einsicht, die nur aus Sunna und Scharia bezogen werden könne:

8. Daher hat das neue Bildungs- und Erziehungssystem, das … sich die immensen technologischen Möglichkeiten und … wissenschaftlichen Erkenntnisse … zunutze macht, keine großen Erfolge vorzuweisen … Im Gegenteil, es erweist sich … als unergiebig.

Die Moderne sei gar keine, sondern eine technologisch entwickelte, moralisch verflachte Wüste, die zu ihrer Gesundung des sozialrevolutionären Islam dringend bedarf.

Solange dem heutigen Menschen die schariakonforme Weltbetrachtung fehlt, sei er orientierungslos:

8. Er kann leben, wie er will, weiß jedoch nicht, wie er leben soll, weil er nicht weiß, warum er lebt.

Nach der Zerstörung der (angeblich) Heimatlichkeit und Handlungssicherheit stiftenden europäischen Religion würden die beiden Ersatzreligionen namens Kapitalismus und Sozialismus, einer in zwei Hälften zerbrochene Schale ähnlich, den West- beziehungsweise Osteuropäer umgeben oder in die Zange nehmen.

Die Lösung (Ḥasan al-Bannā: al-Islām huwa al-ḥall) aus diesem doppelten Unheil, diesem Skylla und Charybdis vergleichbaren Dilemma, sei natürlich der Islam, dem die Geometrie der berüchtigten “Mittigkeit” (al-wasaṭiīya) zukomme, das In-sich-Ruhen und, in der Unübersichtlichkeit der Moderne, ebenso die die flexible Richtschnur der persönlichen und sozialen Heilwerdung, die eine unermesslich mächtige Gottheit im Chaos der Einzelereignisse gewissermaßen als den MEDIAN (Ali Schariati nach Abolqasem Shakibnia) vorgebe. Der Median ist der Zentralwert der Mathematik, der, etwas islamisiert, panisch bis sadistisch den Rest der Welt nach rechts vom Weg (fällt in die Hölle) und links davon (auch für das Höllenfeuer) in gespielter Unschuld selektiert. Der islamisch nutzbar gemachte Median gleicht der bei al-Ghazali garantierten ṣirāṭ-Paradiesbrücke, die eine jede Seele nach ihrem Tod überschreiten muss, die den Höllenabgrund überspannt und dabei ebenso rutschig wie schmal ist: aṣ-ṣirāṭ al-ǧaḥīm, anglisiert zu sirat al-jahim, Bridge of Hell.

Der Median wird bei Schariati zum wichtigsten Gleichnis der guten (islamischen) Hoffnung: Wie eine Wirrnis von Sandkörnern auf einer Platte (die einem fotografierten Mückenschwarm ähnelnden Punkte in einem Koordinatensystem) nur von einer geradezu übernatürlichen Macht durch eine Linie in zwei gleich umfangreiche, nämlich zwei gleich viele Punkte umfassende Flächen aufgeteilt werden kann, so biete der sich zwischen Kapitalismus und Sozialismus hindurch schlängelnde Islam den Situationen beziehungsweise Individuen (Punkte) die einzige Chance, den beiden dekadenten Doktrinen von Kapital und Kommunismus zu entkommen. Die Sunna-basierte Selbstaktualisierung und letztlich der Schariastaat wird zur MEDIAN SCHOOL, zur Seinsweise der Ausgewogenheit (»Maktab-e Vaseteh-e Islam, The Median School Of Islam«).

10. [Im Humanismus] versucht der Mensch, sich [von den Naturkräften] zu befreien, sein eigener Herr zu sein und die höhere Gewalt der Natur zu werden, d. h. die Stellung von Zeus einzunehmen, der die Herrschaft der Natur über den Menschen symbolisiert. Ein erstaunlicher und verhängnisvoller Trugschluss, dem … Voltaire, … Feuerbach und Marx erlegen sind, kommt dadurch zustande, dass sie die mythische Welt der alten Griechen … mit der geistigen und heiligen Welt der östlichen Religionen gleichgesetzt haben.

Die Spaltung der Welt in Osten und Westen beziehungsweise der einen Menschheit in das östliche und das westliche Menschentum begegnet uns heute bei Necmettin Erbakan und Tariq Ramadan, wir haben sie zurückzuweisen, da wir wissenschaftliche Fragestellungen und Erkenntnisse für ebenso universell halten wie unsere Forderung nach der Gleichberechtigung der Frauen und Atheisten und da wir um die Gefahr der ethnoreligiös begründeten Apartheid wissen, auf die der orthodoxe (revolutionäre, kulturrassistische) Islam nicht verzichten kann.

Schariati verflacht das Griechentum unzulässig. Auch dabei erweist er sich ganz als Nachfolger des im Jahre 1111 verstorbenen al-Ghazali, der die griechischen Philosophen nur studierte, um ihren emanzipatorischen Einfluss zu bannen und sie, für den Islam, für alle Zeit zu zerstören. Die Entwicklung der Gottesbilder, etwa Hermes, Zeus oder Apoll, von einem Stammestotem zu einem väterlich-patriarchalischen, zuletzt zu einem ästhetisch-philosophischen und, in der späten urbanen Gegenkultur der Mysterienkulte, ekstatisch-wiederverzaubernden Prinzip ist Schariati nicht bekannt oder nicht wichtig, die Geistesfreiheit eines Platon oder Aristoteles würdigt er nicht, die Machtpolitik gewisser Priesterbünde (Athen, Delphi) übergeht er, da man den Scheichs und Ayatollahs auf die Schliche kommen könnte und Allahs Liebling Muḥammad gleich mit.

Aus einer wenig nachvollziehbaren Schmähung der alten Griechen also stolpert Schariati in den Bereich des Korantreuen, wenig zufällig eine inzwischen in Kirchentagsmilieus und bei Dialogveranstaltungen beliebte Vermischung des jüdischen und christlichen mit dem islamischen Menschen- und Gottesbild vornehmend:

10. In dieser Welt jedoch wird Satan, der ranghöchste Engel, Gottes, verbannt und verflucht, weil er sich geweigert hat, wie alle anderen Engel auf Gebot Gottes Adam zu huldigen.

Die Christen sollen zu ihrer Religiosität zurückfinden – und sich dem politischen Anspruch (Kalifat) des Islam unterordnen, nicht zuletzt zu seinem frauenentrechtenden Anliegen. Wie er soziale Gerechtigkeit und Islam, Gleichberechtigung der Frauen bzw. Nichtmuslime und Scharia sowie Pressefreiheit und Koran in Übereinstimmung bringen will, verrät Schariati nicht, hatte aber ein Leben lang Zeit dazu. Jedes Zurückweisen der Gottheit aus der öffentlichen Sphäre diffamiert Schariati als “Materialismus”, lautstarke Rufe der Parteigänger eines monotheistischen Gottes sind also im öffentlichen Raum ebenso zu dulden wie das heilssichernde Sinnzeichen der Macht der Scharia, der Schleier.

Schariati lässt offen, ob er den Satan und die Engel wenigstens teilweise allegorisch versteht, wir müssen dem gebildeten Iraner daher mindestens unterstellen, das ungehemmte Fürwahrhalten der Geister und Dämonen für gemeinschaftsförderlich und staatserhaltend zu erachten. Die imaginierten Geister ließen nicht lange auf sich warten … und beauftragten ihren unfehlbaren Statthalter im Jahre 1979 aus dem Pariser Exil heranzufliegen, mit Stockschlägen und Verhaftungen allen Frauen des Iran in kürzester Zeit den Tschador aufzwingen und jeden Religionskritiker als “Terroristen” einzusperren sowie im Namen Allahs zu foltern und zu ermorden. Hat sich Ali Schariati einen anderen Islamstaat vorgestellt als denjenigen des Ayatollah Chomeini und seiner seit 31 Jahren herrschenden Tyrannei? Das mag ja sein, und es mag auch sein, dass er alleine die islamische Diktatur nicht hätte verhindern können, doch den islamischen Staat mit herangerufen hat der Intellektuelle. Der erfolgreiche Redner Schariati trägt Mitschuld an der Velayat-e Faqih, der Herrschaft des Obersten Rechtsgelehrten.

Die mittelalterlichen und neuzeitlichen Europäer und mit ihnen die neuzeitlichen Nordamerikaner seien aus dem nach Schariatis Auffassung unspirituellen, diesseitsverliebten, seelischen und ethischen Griechentum niemals herausgekommen, dem es um nichts anderes gehe, als sich durch Unterwerfung der Natur den Himmel zu erobern und sich selbst auf den Thron der patriarchalischen Gottheit zu setzen:

11. Auf dieser Basis versuchte der griechische Humanismus durch die Absage an die Götter, die Ablehnung ihrer Herrschaft und die Befreiung der versklavten Menschen aus den Ketten des Himmels, zu einem anthropozentrischen Weltbild zu gelangen, den Menschen zum Prüfstein für das Richtige und das Falsche zu machen, seinen Körper zum Maßstab für das Schöne zu erheben und nur jenen Bereichen des Lebens Bedeutung beizumessen, die dem Menschen Macht und Freude bringen.

Warum sollten die Nichtmuslime denn auch Sphären verehren, die ihnen Ohnmacht und Schmerz bringen? Und: wenn wirklich auch der seine Talente entfaltende weibliche, kranke, kindliche und alte Mensch ästhetisch-ethisches Leitbild ist und nicht nur der männliche und dabei ethnisch hellenische Mensch als gesunder Jugendlicher, kampftstarker Krieger und königlich Herrschender Tyrann oder Gott, kann sich von einem “Menschen im Mittelpunkt” die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte ebenso gut ableiten wie von einem christlichen Gedanken der Gottesebenbildlichkeit jedes Menschen. Schariati unterschlägt, dass der Islamapostat keine Würde hat (und die muslimische Frau nur die halbierte Würde), oder jedenfalls selbst dann kein Recht auf Leben, wenn man das Gesteinigtwerden als besondere Weise des Würdigens versteht. Der Iraner ist zu weder zu dumm noch zu feige, sich gegen die Todesstrafe auszusprechen, also billigt er die Tötung der Ehebrecherin und das Ermorden des bekennenden Schariafeindes als den nach seiner Meinung einzig wahren Humanismus, als den “islamischen Humanismus”.

Allahzentrik statt Anthropozentrik: Es gehe darum, die Verehrung (unbedingte Wertschätzung) des Menschen zu überwinden und Gott wieder in den Mittelpunkt zu stellen, allerdings nicht etwa einen Gott, der die Universalität der Menschenrechte fordert oder wenigstens wohlwollend toleriert, sondern einen Geist, der die Herabsetzung der Frau und die Gewalt gegen den Atheisten oder Polytheisten verlangt, einen Kriegsgott, Allahgott.

Ziemlich raffiniert lässt Schariati beide miteinander konkurrierende zeitgenössische Weltbilder Europas aus einem einzigen, in Wurzel und Zielsetzung dekadenten westlichen Humanismus entstehen, den Kapitalismus ebenso wie den Atheismus, den US-Imperialismus wie die Sowjetherrschaft. Die aus orthodox-islamischer Sicht durch die Juden mit verfälschten Schriften ausgestattete und ohnehin durch den islamischen Propheten überwundene Schale des Christentums sei in den Kapitalkult und in atheistische Doktrin zerbrochen, in NATO und Warschauer Pakt. Ein günstiger Bühnenhintergrund war der Kalte Krieg allemal, um dem Islam die ungeschmälerte al-wasaṭīya zuzuschreiben, die berüchtigte Mittigkeit der “nation justly balanced, in der Mitte stehenden Gemeinschaft ”. Wenn zwei sich streiten, freut sich der Allah.

Und so, wie höchst anschmiegsame Trennöle zwischen zwei verkeilte Bauteile fließen, beginnt Allahs Sittenlehre, zwischen den nach Schariatis Aussage zum Niedergang verurteilten Gebäuden von Marktliberalismus und Planwirtschaft, zwischen den beiden gigantischen Monolithen Washington und Moskau beziehungsweise Neu-Delhi und Peking hindurchzukriechen, die Blöcke aufzuspalten und die Spielregeln für jede künftige internationale Debatte zu setzen (Öl liefert der Orient zufällig ja auch ganz real). Aus heutiger Sicht scheint der inzwischen erfolgte politische Zusammenbruch der ihrem Verständnis nach antikapitalistischen Sowjetunion einem Schariati ebenso Recht zu geben wie die seit wenigen Jahren herannahende Wirtschaftskrise bei uns als den mehr oder weniger fälschlich so genannten Kapitalisten. Wir sollten die soziale Marktwirtschaft freilich ebenso weiterentwickeln wie grundsätzlich verteidigen und das Sharia-Banking nach Kräften eingrenzen, denn wer in den USA oder in Westeuropa einen kommunistisch inspirierten Kleinbetrieb oder einen allahzentrischen Bauernhof aufbauen und führen will, kann das ja (leider, mag man sagen) ausprobieren, was umgekehrt (meinungsfreie Zone in China oder Pakistan, privatwirtschaftliche Rechtssicherheit in Dschidda oder Pyöngyang für Ausländer) nicht möglich ist.

Schariatis globale Kulturgeschichte in zehn Sätzen ist von Antijudaismus und Antisemitismus gewürzt und stellt den Islam als die letzte Chance der seit Jahrtausenden gequälten und in die Irre geführten Menschheit dar:

27, 28. Um sein Volk aus der Knechtschaft der imaginären Mächte zu befreien, kämpfte Konfuzius gegen den Aberglauben. Doch dieses Prinzip erstarrte später … . Der Hinduismus, der … dem Körper der Welt den Geist einhauchte, wurde zu … Aberglauben, in dem eine große Anzahl von Göttern die Menschen angreift, … zu mörderischer Askese, zu Erniedrigung und zu Knechtschaft im Sinne der Priesterschaft. Buddha kam, um die Hindus zu erlösen … . Doch seine Anhänger wurden zu Buddha-Verehrern. (Das persische Wort für Götze Bot stammt von dem Wort Buddha ab und Botparasti bezeichnet die schlimmste Form von Schirk [Götzendienerei].) Messias, der verheißene Erlöser, kam, die Menschheit aus den Fesseln des Materialismus und der Rabbinerverehrung zu erlösen, die Religion von dem Dienst an den Geschäftsleuten und Rassisten von Israel zu befreien, Versöhnung, Liebe und Seelenfrieden herzustellen … Doch das Christentum wurde zum Nachfolger des Kaisertums, die römische Kirche hielt die imperiale Ordnung aufrecht … Die Religion des Friedens wurde zum Vorwand eines beispiellosen Blutvergießens …

Schariati leitet über zur Lehre Mohammeds, spielt ein wenig den Islamreformer oder vielmehr den Islamrestaurator, denn der Ur-Islam sei frei von jeder Verunreinigung:

Und schließlich kam der Islam als letztes Glied der Entwicklungskette der Religionen und verkündete die Einheit Gottes und die Erlösung …, um … den Menschen aufzufordern, statt den Menschen Gott zu dienen und statt der Unterdrückung der Religionen die Gerechtigkeit des Islam zu wählen. Doch der Islam wurde zum arabischen Kalifat, diente zur Rechtfertigung der barbarischen Eroberungen, verlieh … [den] Seldschuken und Mongolen im Namen der Jurisprudenz, der Theologie und der Mystik eine religiöse Aura und legte den moslemischen Menschen in die Ketten der Vorherbestimmung. Der Weg der Erlösung führte nicht mehr über Tauhid, Frömmigkeit, Rechtschaffenheit und Wissenschaft, sondern über Nachahmen … oder er diente zur Flucht vor den Realitäten der Gesellschaft und des Lebens in eine unwirkliche Welt, … gekennzeichnet … durch … Pessimismus gegenüber der Geschichte … und durch die Unterdrückung aller natürlichen Triebe und Neigungen.

Letztlich hat die Menschheit nach Schariati nur den Auftrag, der wahren Religion wieder zur Geltung (zur Macht) zu verhelfen, die islamische Seinsweise zu verwirklichen. Zum Ablegen der Scharia aufzurufen, ringt sich der Kulturkritiker nämlich gar nicht durch, womit wir ihm wohl nicht Unrecht tun, aus seiner Islamverherrlichung herauszulesen: “Je mehr Scharia, desto mehr Glück, je mehr Islam, desto mehr Humanismus”.

Aber ach, Allahs Freunde haben es schwer:

39. Zweifellos ist es heute nicht leicht, über die Religion zu sprechen. Der moderne Geist kann sie sich kaum als einen befreienden und progressiven Faktor vorstellen. Was ist dieser moderne Geist? … Er kommt aus dem Westen …

Und “Westen” (ġarb, al-maġrib) steht im Arabischen bekanntlich auch für Merkwürdigkeit, Fremde, Exil, Abweichung und Verrat an der sozialen Ordnung als der Seinsweise des “Ostens” (šarq, al-mašriq), an der gesunden (islamischen) Lebensweise.

39. Doch wenn heutzutage vom Westen die Rede ist, denkt der östliche Intellektuelle nur an Kapitalismus, Industrie, Christentum, Kolonialismus und bürgerlichen Liberalismus. Will er sich gegen sie wehren und sie ablehnen, greift er zum Marxismus, den er als wirksamste wissenschaftliche Waffe betrachtet. Dabei ist man sich selten … bewusst, dass der Marxismus selbst eine reine Schöpfung … eben dieses Westens ist

Die antiislamisch angekränkelten Orientalen sollen, befindet Schariati, nicht Zuflucht bei Marx nehmen, sondern bei Mohammed, und erkennen, dass ihre antikapitalistische Kritik am Westen selbst ein Produkt Europas oder der Gottlosigkeit oder der Dekadenz (das alles sei austauschbar) ist.

Die Religionskritiker oder Atheisten nennt Schariati Materialisten und droht mit der Hölle oder jedenfalls lässt den Koran mit den unsagbar schmerzhaften Flammen bereitwillig drohen. Der iranische Denker nimmt im Folgenden (Widerlegung der Thesen eines Karl Marx) die schreckhafte und kriecherische Rolle desjenigen an, der im Hauptmann von Köpenick sagt: “Du pochst an die Weltordnung, Willem. Det is Versündigung”, wenn er nicht sogar dem reinigende Scheiterhaufen verwendenden Himmelsfreund Calvin zu ähneln beginnt:

45. Mit scharfer Kritik spricht der Koran die Materialisten an: Wähnt ihr, daß wir die Ordnung dieser Welt umsonst geschaffen haben? Und gibt zur Antwort: Wir haben den Himmel und die Erde und alles, was dazwischen ist, nicht umsonst geschaffen (38/27). Gott setzt die Angelegenheiten der Welt nicht ohne Grund und Ursache in Bewegung. Alles stützt sich fest auf die Sunna (Verfahren) Gottes; Du wirst am Verfahren Gottes keinen Wechsel und du wirst daran keine Veränderung feststellen können (35/34). Alles in der Natur, in der Geschichte und im Menschen ist der vorbestimmten Zeit und dem bestimmten Maß unterworfen. Den wichtigsten Beweis göttlicher Existenz bietet der Koran mit dem Hinweis auf die rationale Ordnung der Natur.

Glauben wir Ali Schariati, ist Auftragsmord damit ebenso rational wie das Heiraten sechsjähriger Mädchen, mit denen man sexuell verkehren kann, sobald diese neun Jahre alt sind. Finsterster islamischer Fundamentalismus jedenfalls spricht aus Schariatis Zeilen und daneben die Unbeholfenheit, auf die Religionskritik von Karl Marx anders zu reagieren als mit dem Blick auf Sozialordnung und Weltnatur, den der Koran bereithält.

48, 49. In seiner Religionskritik geht Marx den leichtesten Weg, auch wenn er dabei von einem gelehrten Philosophen zu einem Propagandaprediger oder sophistischen Politiker werden muß. Das ist ihm der Mühe wert, weil in jedem Fall der Zweck die Mittel heiligt, auch wenn die Mittel nach den Worten von Lenin Unbarmherzigkeit gegen die Religion sein sollten.

Diesen Punkt der Kritik an Marx und vor allem Lenin mag man als religiöser Mensch teilen, auch als freiheitlicher Atheist. Sicherlich ist ein diesseitiger politischer Kult Religionsersatz, Hitlerismus und Maoismus ähnelten einander frappant, wie sich übrigens auch der verordnete Führerkult um Idi Amin und Muammar al-Gaddafi sehr ähnelt. Schariati weigert sich, auf das totalitäre Wesen des Islam einzugehen, denn die Hexenverbrennung oder Calvins Mord an Servet war mit einem Jesus von Nazareth nicht zu rechtfertigen, Islam aber ist beides in Unlösbarkeit, Welterklärung und Lebensführungsdiktatur, Mythos und verstaatlichte Sexualmoral, Ritual und Kulturrassismus. Das, worauf es angekommen wäre, nämlich, den Muslimen einen Weg als säkularer Staatsbürger vorzuleben, sieht Schariati nicht oder sieht und verhindert es.

Der Marxismus wird zur islamischen Gegenreligion, zum Antiislam, Marx zum verkörperten Iblīs und Lenin zum ad-Daǧǧāl, zum Fürsten der Finsternis. Marxismus als Heerschar von Teufeln und Dämonen, denen man als Gegengift einen noch schwärzeren Heerführer, den edlen muslimischen, gewaltige Armeen führenden Mahdī entgegenzusenden berechtigt ist, der den Daǧǧāl töten wird:

54. der Islam und der Kommunismus Marxscher Prägung [stehen] als zwei umfassende Ideologien … in vollkommenem Gegensatz zueinander.

Hell gegen Dunkel, Allahs schiitisch-iranisches Licht gegen die Finsternis der staatengründenden Atheisten. Islam, so beruft sich Schariati auf Gewährsmann Marx, sei im Gegensatz zum Marxismus reine Herzlichkeit:

55. Die marxistische Welt ist … nach den Worten von Marx herz- und geistlos. … Im Gegensatz dazu basiert die islamische Kosmologie auf dem Glauben an das Verborgene. Mit dem Verborgenen (Qaib) ist die unerkannte Wirklichkeit gemeint, die jenseits dessen existiert, was unseren Sinnen zugänglich ist … Sie wird als eine höhere Wahrheit, als das Zentrum aller Bewegungen, Gesetze und Erscheinungen dieser Welt betrachtet.

Eine allen Dingen der Welt gemeinsame Ursache anzunehmen ist ja vielleicht ein feiner Zug und unter allen Religiösen sehr üblich, doch möchte ich nicht, dass mein womöglich eintretender tageweiser Zweifel an der Gottheit meine Bürgerrechte außer Kraft setzt. Schariati weiß genau, dass es dem muslimischen Kind oder Jugendlichen nicht zusteht, sich eine in nennenswertem Umfang persönlich gefärbte Vorstellung von Allahgott, Mohammed, Jesus oder Abraham zu machen oder die Teufel in das örtliche Heimatmuseum zu verbannen und den Apostatenmord ins Museum für mittelalterliche Geschichte.

55. Der Glaube an das Verborgene wird in der zweiten Sure des Koran (Die Kuh) als Voraussetzung für die Rechtleitung und als Prinzip der Frömmigkeit genannt

Eher wohl schon ist es der absolute Gehorsam, der im Islam Voraussetzung für “Frömmigkeit” ist, jedenfalls ist mit “das Verborgene” gerade nicht das Unantastbare gemeint, wie es sich aus der Menschenwürde (körperliche Unversehrtheit, volle Würde und volle Rechte auch für Ungläubige und sogar für Frauen) ergibt und glücklicherweise auch aus der Ethik des jüdischen Predigers Jesus. Aus Allahs Sphäre des “Verborgenen” stammen die Peitschenhiebe, welche die Haut des Weintrinkers oder der Ehebrecherin zerfetzen, mit “verborgener” Kraft wird Hand und Säbelkinge in Schwung gesetzt, um den muslimischen Scharfrichter in “Bewegung, Gesetz und Erscheinung” (nach Schariati) zu bringen, damit er den Kopf des Gotteslästerers, Dealers, Zauberers, Terroristen oder Regierungskritikers abtrennt. Das Teheraner Foltergefängnis Evin ist der Bereich des “Verborgenen” und der “Hölle”, und der Rest der Welt hat seit spätestens Sommer 2009 allen Grund zu Hoffnung, dass die Mehrheit der Iranerinnen und Iraner auf so eine “Verborgenheit” und “Spiritualität” spuckt.

55. Dieses Verborgene ist in Wahrheit der absolute Geist und Wille der Existenz.

So redet ein Faschist.

59. Wir sehen, daß das Mensch-Gott-Verhältnis in der islamischen Philosophie ein gegenseitiges ist, wobei Selbsterkenntnis und Gotteserkenntnis zu Synonymen werden, ja sogar erstere die Voraussetzung für die zweiten ist

Mit der Besonderheit, dass du alles nichtschariakonforme in deinem Hirn und in deiner Alltagspraxis vernichten musst, um dann beglückt behaupten zu dürfen, auf der selben Wellenlänge wie Allah zu schwingen (was auch stimmt, nur du bist ein untoter Toter, ein voll-muslimisierter Clon).

81. Der Humanismus ist in der Tat die Gesamtheit aller göttlichen Werte des Menschen, die von der Religion in die Kultur und Ethik der Menschheit eingebracht wurden.

Etwas ungemütlich fühlt sich der Iraner im Kerker der verlorenen Weltheimischkeit, in Sunna und Scharia, dann doch, und er flüchtet sich ins Paradies:

82. Der Geist stirbt niemals. Ich meine den Geist, von dem im Koran die Rede ist – nicht die individuelle Seele, sondern jene bewegende, lebenspendende, göttliche Kraft, die wie die Posaune des Erzengels Esrafil über den leblosen und erstarrten Körper einer Epoche hinweg in wunderbarer Weise ertönt und die tödliche Stille des Friedhofs, in dem die Menschheit und ihr erlösungsuchender Geist begraben werden sollen, in Aufruhr verwandelt, wodurch eine neue Bewegung, eine neuen Auferstehung beginnt und die Menschheit in einer anderen Zeit ein anderes Leben führt.

Bei so viel Weltekel könnte einem noch der Marxismus attraktiv werden. Aber der Islamische Staat kommt vor dem Weltende auch noch, Schariati spricht, etwas an die Nationalsozialisten erinnernd, von der “Bewegung”:

84, 85. Vor dreißig Jahren erklärte Iqbal, der Mensch brauche heute mehr denn je eine geistige Interpretation der Welt. Obwohl Iqbals Worte auch dies implizieren, muß noch hinzugefügt werden: Er braucht auch eine geistige Interpretation des Menschen. Heute stehen wir an der Grenze zwischen zwei Epochen, einer zu Ende gehenden Epoche, in der die westliche Zivilisation und die kommunistische Ideologie daran gescheitert sind, die Menschheit zu befreien, und einer beginnenden Epoche … . In … dieser neuen Bewegung hat der Islam einen bedeutenden Stellenwert

Zweifelsohne kann der Islam erst dann beim Aufbau dieser Zukunft den ihm zukommenden Betrag leisten,

… den ihm seit Mohammeds Zeiten zukommenden Beitrag …

wenn er sich von der Last jahrhundertelanger Erstarrung, des Aberglaubens und der Vermengung

… das Licht mit der Finsternis vermengt, das Göttliche vom Satanischen besudelt, Manichäismus pur …

befreit und zu einer lebendigen Ideologie wird, statt eine alte Kultursammlung zu bleiben. Und das ist die Aufgabe der islamischen Aufgeklärten.

Lamya Kaddor: “Die Aufklärung ist für den Islam nicht übertragbar.”

Ermordete zeitigte sie in großer Zahl, war die “Bewegung” von 1979 also denn im islamischen Sinne nicht “lebendig” genug, fehlt noch etwas Renaissance, ich meine: Islamische Renaissance?

86. Nur auf diese Weise wird der Islam – nach einer Glaubensrenaissance und der Überwindung von Isolation und Reaktion – imstande sein, sich am Widerstreit der Meinungen … zu beteiligen, als Vorbild zu dienen … Das ist … eine verantwortungsvolle Aufgabe. Sie entspricht nicht nur dem Wesen der islamischen Lehre, sondern auch dem ausdrücklichen Gebot des Koran: Gott gehört der Osten und der Westen. Und so haben wir euch (Muslime) zu einer in der Mitte stehenden Gemeinschaft gemacht, damit ihr Vorbilder unter den Menschen seid; der Gesandte aber wird euer Vorbild sein (Koran 2/142-143). Wir sehen, je umfassender eine Ideologie ist und je mehr sie sich mit dem Wesen des Menschen befasst, um so tiefer und umfassender ist ihre Konfrontation mit dem Islam, der ebenfalls alle Bereiche des Lebens umfasst.

In diesem Sinne ist die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte ebenso “Ideologie” wie die universelle organisierte Vernunft namens Wissenschaftlichkeit. Der Islam muss also beides als Konkurrenz betrachten und als Gefährdung des Seelenheils, erklärt uns Schariati, die kulturelle Moderne mit ihren unteilbaren Menschenrechten, nicht zuletzt mit ihrer Gleichberechtigung der Frau. Soweit die AEMR “umfassend“ gemeint ist, soweit sie sich ernst nimmt, ist sie ebenso durch den Islam anzugreifen wie Wissenschaft, Kunst, Presse und Forschung. Wir Angehörigen der kulturellen Moderne (fälschlich gerne: des “Westens”) jeder Nichtreligion, Ex-Religion oder Religion, auch die muslimischen Staatsbürger unter uns, können Schariati nicht ausweichen, denn selbst Psychologie, Pädagogik und Soziologie befassen sich mit dem “Wesen des Menschen” und sind von Ali Schariati soeben als Widersacher des Himmelsgottes eingestuft worden.

Einen Krieg mit den Mitteln der freiheitlichen Demokratie gilt es zu führen, nicht gegen die als Staatsbürger zu betrachtenden Muslime, sondern vielmehr und nach Möglichkeit mit ihnen, gegen den schariatisch organisierten Islam und seine neuzeitverweigernden (islamistischen) und schlicht totalitären Erziehungs- und Bildungsprogramme. Europa kann diesen Krieg verlieren, es wird dann eben für lange Zeit islamische Wissenschaft, islamische Kunst, islamische Presse und islamische Forschung geben, bis sich auch da der Wunsch nach Aufklärung und Emanzipation Bahn bricht. Das Denken eines Schariati wird bei dieser ernst gemeinten Islamreform allerdings keine Rolle spielen.

Jacques Auvergne

(1) ʿAlī Šarīʿatī und das Zentrum für die Verbreitung der Islamischen Wahrheit (Kanun-e Nashr-e Haqayeq-e Eslami, The Center for the Propagation of Islamic Truths).

Ali Rahnema: »An Islamic Utopian. A Political Biography of Ali Shariati«, Erstveröffentlichung bei Tauris, London & New York 1998, neu aufgelegt 2000

http://books.google.de/books?id=yoQQ2YzmMyMC&printsec=frontcover#v=onepage&q&f=false

(2) Ali Rahnema: »Pioneers of Islamic Revival«, London 1994 & Atlantic Highlands, New Jersey (USA) 1994, darin das Kapitel, ab Seite 208, Ali Rahnema: »Ali Shariati: Teacher, Preacher, Rebel«, als Dreizehnjähriger las Schariati Kafka und Schopenhauer (211,212), was man gerne glaubt. Nach dem mathematischen Zentralwert, dem Median, nannte Schariati seinen harmonischen Totalitarismus namens Islam: „Die Median-Schule des Islam: Maktab-e Vaseteh-e Islam, The Median School of Islam“ (eigentlich „Tarikh-e Takamol-e Falsafi, A History of the Development of Philosophy“ (213)).

»Ensan, Eslam va Maktabha-yi Maqrebzamin«, wörtlich: Mensch, Islam und die Denkschulen des Westens, Seite 239

http://books.google.de/books?id=Bmz9y2osH1YC&printsec=frontcover#v=onepage&q&f=false

(3) Uli Auffermann zitiert beim Bergsteigermagazin BergNews in »Der Geburtstag des Alpinismus. Francesco Petrarca und die Besteigung des Mont Ventoux« die Beschreibung der Wanderung des touristischen Pioniers, nach: Karl Heinrich Waggerl (Hrsg.): »Der Berg – Landschaft als Erlebnis«. Kindler Verlag, München 1957

http://bergnews.com/service/petrarca-mont-ventoux/petrarca-mont-ventoux.php

Mont Ventoux von Südwesten, Marcus Ostermann stellte sein geschmackvolles Foto über die Wiki Commons der Menschheit zur Verfügung, danke

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/0/04/Mont_ventoux_von_suedwesten.jpg

Mont Ventoux von Norden, von Mirabel-aux-Baronnies aus

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/8/86/Mont_ventoux_from_mirabel.jpg

Gipfelerlebnis, gerade kein ängstlicher Scholar da. Schwache Nerven sollen dort keinen heiligen Text lesen – oder gerade doch lesen. Blick nach Norden, alpenwärts

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/a/a6/Ventoux_Nordseite_Schoener_Blick_Zu_Den_Alpen.jpg

(4) Daǧǧāl, gesprochen Dadschdschaal, englisch geschrieben Dajjal … ad-Daǧǧāl, „der Täuscher, der Betrüger“, ausführlicher auch genannt al-Masīḥ ad-Daǧǧāl, „der Falsche Messias“.

Harun Yahya: »Der Antichrist (Dajjal) hat heimlich sein Werk begonnen«

http://www.harunyahya.de/artikel/artikel52_der_antichrist.php

Ali Schariati: Wo fangen wir an?

Juni 14, 2010

تراكز

tarākuz

Konzentrizität

Mehr Allahzentrik, mehr Reform

Auszüge aus der knapp vierzig Jahre alten Rede von Ali Schariati: »Wo fangen wir an?« islamkritisch kommentiert. Von Jacques Auvergne

Weltweite Bekanntheit erlangte der Vortrag »Where shall we begin?«, den der Iraner Ali Schariati (ʿAlī Šarīʿatī, 1933-1977) am 22.11.1971 hielt, zu einem Zeitpunkt, an dem nach Aussagen der den hier untersuchten Redetext veröffentlichenden, seinerzeit im beschaulichen Bonn am Rhein ansässigen Botschaft der allahfaschistischen Islamischen Republik “noch keine Anzeichen für eine Revolution in Iran zu erkennen” gewesen waren, “die Monarchie wähnte sich in Sicherheit, und das Land wurde nach einhelligem Urteil der Beobachter als seine Insel der Stabilität bezeichnet. Um so verwunderlicher ist es, daß er schon am Beginn seiner Ausführungen die Fragestellung des Themas damit begründet, daß sich die Gesellschaft in einer Übergangsphase befinde und Fragen dieser Art in dem Bewußtsein gestellt werden, daß etwas geschehen müsse, um die herrschende Ordnung durch eine andere zu ersetzen” (Seite 3).

Tatsächlich scheint Schariati gleichsam prophetische Gaben besessen zu haben und sind zwischen seiner gesprochenen Rede und der Islamischen Revolution nur siebeneinhalb Jahre vergangen. Die Bad Godesberger Vertretung des seit 31 Jahren für Allahgott mordenden Mullah-Regimes verwendet den iranischen Intellektuellen nachträglich, im Oktober 1982, nur dreieinhalb Jahre nach der Staatwerdung der jenseitszentrierten Pflichtenlehre. Eine Nutzbarmachung, gegen die der als modern geltende Denker allerdings vielleicht gar nichts einzuwenden gehabt hätte. Denn sicherlich ist äußerlich ein größerer Kontrast zwischen dem mediterran und modern wirkenden, kurzhaarigen und glattrasierten Intellektuellen und dem patriarchalischen Würdenträger, dem mit Mantel und Turban geschmückten Ayatollah Chomeini, kaum möglich, womit uns die Widerspenstigkeit überlassen bleibt, das schier Unglaubliche für möglich zu halten, nämlich dass beide, Chomeini und Schariati, in ihrem Leben dass selbe gewollt zu haben. Nichts anderes jedenfalls versuchen wir hier zu belegen.

Dass wir etliche Dimensionen und Vokabeln Schariatis aus der Perspektive Allahgottes oder jedenfalls Mohammeds lesen sollten, behält die iranische Botschaft nicht einmal für sich: “Der Begriff ‚Aufgeklärtheit‘ erfährt dabei eine neue, wenn auch nicht in allen Einzelheiten neue Definition. Schariati greift dabei auf Quellen der islamischen Tradition zurück (Seiten 3 und 4). Wo nach seiner Ansicht der Aufgeklärte anfangen soll, sagt Schariati in dem vorliegenden Vortrag”, und wir brauchen die Antwort nicht lange zu suchen. Denn wenn sich einem Menschen, dessen sprichwörtliche Wolle in der als naturhaft behaupteten Farbe des Islam gefärbt worden ist, ein Problem oder eine Frage stellt, dann hat er die Antwort nicht irgendwo zu suchen und schon gar nicht bei sich selbst, sondern bei seinem Imam, dessen Scheich oder Ayatollah, dieser hat sich an Buchari zu halten jedenfalls darf er ihn nicht abrogieren, Buchari selbst trat millimetergenau in die in die Fußspuren der prophetischen Biographie und folgte islamfromm (absolut gehorsam) dem Koran, der Anweisung Mohammeds, um schließlich mit Mohammed und stellvertretend für ihn aus der einzigen Quelle zu trinken, aus der dieses Weltall entsprungen ist, aus jenem absoluten Anfang alle Erkenntnis und Ethik zu schöpfen, deren Sphärenmusik jeden individuellen Klang als satanischen Misston verstehen muss. Aller Dinge Anfang ist der redende und gewaltbereite Gott, anfangen im Einklang mit der Scharia heißt, bei Allah zu beginnen.

5. Wo fangen wir an? … Wer soll etwas anfangen? Und wofür?

Wo beginnen – selbstverständlich beim begrenzt barmherzigen Gott, dessen Name mit A beginnt. Wer – natürlich jeder, die Verweigerer sind tüchtig zu diskriminieren, damit, wie im Himmel so auf Erden, die vom Satan befallenen, fehlgeleiteten Menschen pädagogisch erlebbar bleiben und andere nicht anstecken. Wofür – um der Hölle zu entgehen, und um dafür vorab streng nach der Scharia zu leben. Mit diesen Antworten jedes gottesfürchtigen Muslimen, dem Jenseits mehr (Märtyrer, Sufis, Frauen) oder weniger (Präsidenten, Mafiosi, Ayatollahs, Scheichs) nachgeordnet, ergibt sich wie nebenbei der Aufbau einer heilssichernden Staats- und Gesellschaftsordnung, das irdische Kalifat.

5. nur der Aufgeklärte empfindet Verantwortung gegenüber seiner Gesellschaft

Der Schariaverweigerer sei von unlauteren Motiven getrieben und könne letztlich keine Verantwortung tragen.

6. Aufgeklärter ist derjenige, der sich sowohl seiner eigenen als auch der Situation der gesamten Gesellschaft in einem geschichtlichen Zeitraum bewusst ist.

Das entsprechende Geschichtsbewusstsein stiftet der in himmlischer Herkunft und geistiger Wirkung geschichtslose Koran.

6. Wissenschaftler wie Wernher von Braun und Albert Einstein sind aufgerufen, dieses geistige Erbe anzutreten und fortzuentwickeln.

Nur zum Islam müssen sie noch übertreten. Unwissentlich frönt Schariati einer Art von Cargo-Kult, den heftig abzulehnen seine dezidiert antiwestliche und wie beiläufig menschenrechtswidrige Islam- und Orientverherrlichung ausmacht. Schariati will das Mana des technischen Erfolgs für das Kalifat dienlich machen.

Angetrieben von einer sehr ähnlichen politischen Magie und umwölkt von Armeen, die einem esoterischen Führerkult verpflichtet sind, der sich mit dem Mahdi-Glauben überlagert, bastelt dieser Monate der islamfromme Herr Ahmadinedschad an der Atombombe, was die Menschheit verhindern möge.

7. Die Aufgeklärten. … Ihre größte Verantwortung besteht darin, der Volksmasse zur Selbsterkenntnis zu verhelfen

Die Mehrheit ist schließlich doof.

7. denn erst die Selbsterkenntnis macht eine erstarrte Volksmasse zu einer dynamischen Gesellschaft

Nachdem die Mehrheit den Heilsbringern oder der führenden Kaste gefolgt ist, stellt sich ein Zustand ein, der nachfolgend als goldenes Zeitalter im Geschichtsbuch steht. Die kulturrassistische Dhimmitude von al-Andalus muss dafür bekanntlich immer herhalten. Schariati selbst nennt hier keine vorbildliche Zeit, und so dürfen wir seiner Mischung aus Schweigen und Gotteslob entnehmen, dass er den prophetischen Staat von Medina und den Wirkungskreis des hochmittelalterlichen al-Ghazali nicht gerade für unmoralisch und wurmstichig halt.

7, 8. Der Wissenschaftler entdeckt die Tatsachen und erforscht und beschreibt sie; der Aufgeklärte weist den Weg zur Wahrheit. Der Wissenschaftler zeigt, wie die Dinge sind; der Aufgeklärte sagt, wie sie sein sollten.

Eine visionäre Quasi-Priesterschaft gibt den Kurs vor und umrahmt die gefälligst produktiven Wissenschaftler, wie der Bauer sich Nutztiere hält. Der Kurs der “in der Mitte stehenden Nation” (Koran: a nation justly balanced) ist natürlich der Weg der Vermeidung der Extreme, die lästerliche Namen wie “volle Frauenrechte“ oder “Pressefreiheit“ tragen.

Wer guckt jetzt erleuchteter aus der Wäsche, Bekir Alboğa, Benjamin Idriz oder Tariq Ramadan? Oder braucht der “Kundschafter und Vorreiter der Karawane” (8) das außeralltägliche Kostüm, das deine Folgsamkeit erheischende Sakralgewand? FIOE, ECFR und FEMYSO hätten für Europa diesbezüglich einen Großmufti im Angebot, der auf Lehrtätigkeiten in Malaysia und den USA zurückblicken kann und in Deutschland mit Friedens- und Toleranzpreisen überhäuft wird, den Bosnier Dr. Mustafa Cerić.

8. denn Wissen ist Macht, Aufgeklärtheit aber ist Erleuchtung. In diesem Sinne ist auch der im Koran und in der islamischen Kultur verwendete Begriff “hikma” (Weisheit) zu verstehen. … Dieses Licht der Einsicht und Erkenntnis, das den rechten Weg weist, ist die göttliche Erleuchtung.

Mag sein, dass Sunniten weniger romantisch argumentiert hätten, Chomeini indessen mag sich geschmeichelt fühlen. Die Unbegnadeten, um Schariatis Koranzitat (8) zu verwenden, die nicht zur erwählten Kaste angehören, nicht zu jenen, “denen Gott die Herzen erleuchten will”, tappen halt im Dunkeln und sind im Sinne des Gemeinwohls durch die Frommen von der politischen Führung abzudrängen.

9. Es gibt keine allen Aufgeklärten der Welt gemeinsamen Eigenschaften; ebensowenig gibt es “Weltbürger”. Denn von einem “Weltbürgertum” mit gleicher Sprache und Kultur sind wir noch weit entfernt!

Ali Schariati weist hier den Anspruch der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte zurück. Weder Aufklärungshumanismus und Wissenschaftlichkeit noch die Standards der Gleichberechtigung der Frau möchte der Iraner als universell begriffen wissen, denn wenn auch die Forscher fleißig arbeiten dürfen, führen sollen sie nicht. Geheimnisvoll geht es weiter, und wenn die islamische Gewissheit nicht vorausgesetzt werden könnte, wäre der Leser vollends orientierungslos, eine Verunsicherung an der kulturellen Moderne, von welcher Fundamentalist Schariati profitieren will:

10. Die Tatsache, nach Europa gefahren zu sein, neue Weltanschauungen kennengelernt, studiert und vielleicht ein Diplom erworben zu haben, berechtigt noch niemanden, sich als Aufgeklärter zu bezeichnen. Weil die Bezeichnungen “Aufgeklärter, “Wissenschaftler” und “Intellektueller” bei uns bislang als Synonyme verstanden wurden, hatten wir nie eine konkrete Vorstellung davon, was ein Aufgeklärter tatsächlich ist.

Nichts ist gewiss, nur die religiös begründete Segregation der Kulturräume:

11. So kann ein Schwarzafrikaner in seiner Gesellschaft als aufgeklärt gelten, in einer islamischen jedoch möglicherweise von keinem Nutzen sein. Dort ist er fremd und unbeholfen.

Um sich zu integrieren, muss der Schwarze also zur wahren Religion konvertieren.

11. Wer in Frankreich nach der industriellen Revolution oder in Westeuropa nach den Weltkriegen als Aufgeklärter galt und in seiner Gesellschaft eine konstruktive Rolle gespielt hat, kann diese Rolle beispielsweise in Indien nicht spielen und dort als Aufgeklärter eine Verantwortung übernehmen.

Lasst uns mit eurer AEMR in Ruhe. Der Parteigänger der Gleichberechtigung von Mann und Frau hat sich zwischen Kairo und Malaysia als “fremd und unbeholfen” zu fühlen, dafür sorgen die schariatreuen “Aufgeklärten” (Schariati), die im Sommer des Jahres 2009 jeden Wunsch des iranischen Volkes nach Weltbürgerlichkeit und Demokratie mit Knüppeln und Galgenstricken für einige Zeit, leider, erfolgreich beendeten.

12, 13. Ein Prediger, der bei einer bestimmten Teheraner Bevölkerungsschicht als guter Redner gilt, kann sich z. B. in den armen Dörfern der Wüste von Khorassan als sehr schlechter Redner erweisen.

Dafür zu sorgen, dass sich die einzelnen Milieus der Hauptstadt und diejenigen des gewaltigen Landes in Chancengleichheit, Weltverständnis und Menschenbild einander immer mehr annähern, möchte Schariati nicht. Vielleicht hält er das gespaltene iranische Volk für leichter kontrollierbar, der Parole “Teile und herrsche” folgend, die im politisch realisierten Islam nicht zuletzt für die höherrangige männliche und die niederrangige weibliche Menschenklasse gilt und ebenso für die erniedrigten Kasten der Dhimmitude mit dem sklavenähnlichen Status der Juden und Christen sowie der annähernden Rechtlosigkeit der Bahá’í und bekennenden Atheisten.

Schariati fährt fort, Gnadengabe, Esoterik und Führertum verherrlichend:

13. Der wahre Prediger ist weder Wissenschaftler noch Schulmeister, er ist einfach dazu berufen, aufzuklären.

Dabei sei radikale Spontaneität gefragt, denn Überblick hat schließlich nur die Gottheit. Die Freunde der Kontingenz (Niklas Luhmann) kommen voll auf ihre Kosten, und ein kleiner Herrscher (Professor, Sozialdezernent, Islamreferent) bleiben können sie vielleicht ja doch:

14. Keiner kann … mit Absolutheit für sich in Anspruch nehmen, ein Aufgeklärter zu sein. … Da muss er schon differenzieren, wann, wo und in welcher gesellschaftlichen Situation.

Ob es im Sprachgebrauch der kalkuliert verbreiteten Islamfröhlichkeit und Islamfreude eine ältere Quelle für das Wort “differenzieren” (November 1971, deutsch Bonn Oktober 1982) gibt?

14, 15. Bedauerlicherweise ist die Geschichte der Länder der Dritten Welt, insbesondere die der Islamischen Gesellschaften, gespickt mit den Irrtümern der Aufgeklärten. … Es ist die tragische Geschichte der islamischen, insbesondere der traditionell orientalischen Gesellschaften.

Tragisch ist das seit 31 Jahren andauernde Leiden der Bevölkerung unter dem Faschismus der Himmelswächter, das Sterben der ungezählten Hingerichteten und die Vertreibung der iranischen Regimekritiker ins Exil. Es sollte uns alarmieren, dass deutsche Muslime begeistert für Ali Schariati werben, beispielsweise tun das die im Fußnotenteil genannten paradiesverliebten Blogs »Meryems Welt« (FN 1), »muslime. glaubensinhalte im gesellschaftlichen kontext« (2), »Das klare Wort. Grup Vaha« (3) sowie »Morgendämmerung« (4). Die radikale Demokratieverachtung von »Meryems Welt« verdeutlicht das in Kalligraphie gehaltene Zitat, das die Blogbetreiberin feierlich auf den Titel ihrer Seite stellt, einer Weihe-Inschrift gleich: „Oh Herr, bereichere unsere Herzen in dieser vergänglichen Welt mit deiner überströmenden Liebe. Imam Chomeini“. Das Verbreiten der Texte von Ali Schariati sollte uns nicht viel weniger alarmieren als dasjenige der Schriften eines al-Maududi, Sayyid Qutb oder Necmettin Erbakan.

Kulturrelativismus über alles, außer vielleicht über Allahgott:

15. Als Zar Peter der Große nach einem Studienaufenthalt in Holland nach Moskau zurückkehrte, war er vielleicht ein Aufgeklärter, aber seine Art der Aufgeklärtheit war für seine nationale Gesellschaft nicht brauchbar.

Die zeitlose Scharia hätte dem königlichen Russen spirituell auf die Sprünge geholfen.

15. Nach langen Überlegungen schließlich glaubte er, die Ursache des Übels herausgefunden zu haben: Es waren die langen Bärte der Russen!

Beim Barte des Propheten, da hat der Iran was zu lachen. So ein dummer Russe. Und der Bartbefehl oder jedenfalls die Bartempfehlung eines Yusuf al-Qaradawi ist und bleibt sakrosankt. Heutige Freunde der nicht nur an dieser Stelle ein wenig rassistisch gefärbten Texte Ali Schariatis werden sich zufrieden zurücklehnen: iranischer Tschador und afghanische Burka dürfen auch weiterhin den Frauenleib umhüllen, denn mit ausbleibender Moderne hängt beibehaltenes Brauchtum (siehe Russenbart) grundsätzlich nicht zusammen, eher schon resultiert kulturelles Elend aus einem Erleuchtungsmangel der Führungselite. Let`s talk about sex:

17. Dabei ist der Kampf für die sexuelle Befreiung, der von Zeit zu Zeit in Afrika, Asien und insbesondere in der islamischen Welt ausbricht, lediglich ein Scheinmanöver, das von der Notwendigkeit eines echten Kampfes, der den Mächtigen der Welt gefährlich werden könnte, ablenken soll.

Und die Bonner Pfarrerin Dr. Beate Sträter kann weiterhin den ägyptischen Extremisten Sayyid Qutb mit dem südamerikanischen Befreiungstheologen Leonardo Boff vergleichen, während Sabine Schiffer aus Erlangen die Muslimbruderschaft für edle Streiter gegen Kapitalismus und US-Imperialismus zu halten beliebt. Das Islamische Recht beinhaltet nun einmal weibliche kontrollierte Sexualität und männliche sexuelle Kontrolle, und Ali Schariati möchte diese Pflichtenlehre vollumfänglich legalisieren, auch im Strafrecht soll die ewige Doktrin der Scharia Verstaatlichung erfahren und sollen Scharia-Richter flexibel (willkürlich) Recht sprechen.

Denn das Unheil dräut allenthalben, und so ist Spontaneität etwas sehr Islamisches: “Das rechte Wort am falschen Platz kann dem Unrecht dienen, wohingegen eine unbegründete Behauptung zur rechten Zeit durchaus eine positive Wirkung haben kann”, befindet Schariati (Seite 20). Sofern nur der Kontext stimmig ist, mag in dieser Logik auch mal ein Mord gerechtfertigt sein.

20, 21. In den fünfziger Jahren wurden die fortschrittlichen Ideen Rousseaus und Voltaires, die sich auf wissenschaftlich fundierte Gedanken des Nationalismus stützen, mit der Absicht wieder verbreitet, die algerischen Völker auseinanderzubringen.

Für die im Englischen gelegentlich Nation of Islam genannte umma zu werben, wäre aus Schariatis Sicht wohl sozialer.

24. Genaugenommen lautet die Frage also nicht: wo fangen wir an? sondern: wo fangen wir hier an? Demnach besteht also die dringendste Aufgabe des Aufgeklärten darin, herauszufinden, in welchem Zeitabschnitt der Geschichte sich die islamische Welt befindet.

Nicht die Menschheit, sondern der Weltislam ist die Solidargemeinschaft, auf die es dem belesenen Iraner ankommt. Diese umma sehnt sich nach einem neuen Goldenen Zeitalter:

24. Befinden wir uns im europäischen Zwanzigsten Jahrhundert, oder warum gehen wir den Weg der Europäer und werden zu Interpreten ihrer Autoren und zu Übermittlern ihrer Ideen? … Haben wir uns vom Zeitalter der Theokratie entfernt? … Leben wir im Mittelalter oder in der Zeit der Reformation? Leben wir im Zeitalter der Renaissance oder der Französischen Revolution?

Zunächst müssen wir also feststellen, in welchem Entwicklungsstadium wir uns befinden, ehe wir entsprechende Vorschläge machen können.

Chauffeur Schariati denkt mit und sagt gewissermaßen “Wo du wolle?”, wie die Comedy-Sendung »Taxi Sharia – Das Grauen hat vier Räder« ausdrückt. Oder, wie es pädagogische Praktiker sagen: “Wer nicht weiß, wo er hin will, braucht sich nicht zu wundern, wenn er ganz woanders rauskommt.”

Bei all dem vielen regionalen und zeitlichen Differenzieren ist es Schariati aus dem Sinn gekommen, die freie Meinungsäußerung zu verlangen, was ins Auge gehen kann, wie (zumal orientalische) Intellektuelle oder Schriftsteller doch eigentlich wissen müssten.

26. Unsere Kultur ist islamisch-religiös geprägt. … Unsere Aufgeklärten müssen sich darüber im Klaren sein, dass der Islam unsere Kultur geprägt hat und er die moralische Grundlage unserer Geschichte ist. Verkennen sie diese Tatsache – was nicht selten der Fall ist – geraten sie in einer Scheinwelt, in der sie sich frei von religiösen Überzeugungen fühlen, weil sie vom Geist des Europa des 19. und 20. Jahrhunderts beherrscht ist.

Dass ein religiöser Mensch, also auch ein muslimischer, seinen Glauben ja vielleicht privat leben möchte, kommt Schariati nicht in den Sinn. Vielmehr setzt er Religionskritik, zumal Islamkritik, mit einem verinnerlichten Geist der europäischen Kolonialzeit gleich. Die Scharia betreffend stehe jedem Iraner also nur der Weg der Islamverherrlichung offen, um wirklich als “aufgeklärter” Orientale gelten zu können.

27. Wenn wir, wie die europäischen Aufgeklärten des 16. und 17. Jahrhunderts, die Religion bekämpfen, begehen wir einen folgenschweren Fehler, denn das religiöse Empfinden unseres Volkes und die religiöse Kultur unserer Gesellschaft unterscheiden sich wesentlich von dem, was im Europa des Mittelalters herrschte.

Islamische Missstände sind dabei für Schariati stets etwas Unislamisches:

28. Der Aufgeklärte von heute muss sich vor Oberflächlichkeit und blinder Nachahmung hüten und erkennen, dass die irreführende Rolle, die, wie zu beobachten ist, die Religion heute spielt, nichts mit der wahren islamischen Religion und Kultur, welche die geistige Grundlage unserer Gesellschaft bilden, gemein hat und die bitteren Erfahrungen des Mittelalters nicht auf islamische Verhältnisse übertragbar sind.

Der unfassbare Islam sei missbraucht worden und werde verkannt. Das Muster ist beibehalten worden, der auf Deutschlands Dialogveranstaltungen beschworene “eigentliche” Islam ist ja gefälligst makellos. Lustvoller, tief nationaler Schmerz mag einen Teheraner Patrioten dann und wann ergreifen, Hauptsache, ein geschichtsbewusste Iraner entspricht der Devise: “Je mehr Islambegeisterung, desto mehr Aufklärung”, und liest fleißig im Koran:

28. Es ist unbedingt erforderlich, daß der Aufgeklärte einer islamischen Gesellschaft – unabhängig von seiner persönlichen Anschauung – den Islam kennt; erst dann ist er in der Lage, die Tragweite der Tragödie zu begreifen.

Indessen hält Schariati den Schleier (Hidschab, iranisch Parda), die Polygamie und die Verheiratung neunjähriger Mädchen für nicht der Rede wert, die allgemeinen Menschenrechte zu kennen ist offensichtlich auch nicht erforderlich.

29. In den letzten 300 Jahren ist die Religion durch das Verschulden der sie vertretenden Institutionen ihrer Eigendynamik beraubt worden.

Wenigstens schreibt er die Schuld an der islamischen Stagnation nicht den Europäern zu, was Lamya Kaddor (»Muslimisch – weiblich – deutsch: Mein Weg zu einem zeitgemäßen Islam«) betreibt. Nüchterne Beobachter halten Friedlosigkeit, Frauenentwürdigung und kulturelle Stagnation des Islam allerdings für neun bis vierzehn Jahrhunderte alt.

Schariati will die ganze Scharia (Nomen est omen), der Islam, die “im Kern friedliche Religion” (Pöttering im Mai 2008, Horst Köhler im Mai 2010) sei, im Gegensatz zu den anderen Religionen, reine, höchstmögliches Glück spendende Humanität:

29. Eins haben Katholizismus, Buddhismus, vedaische Anschauungen und Laotseismus gemeinsam: Sie halten die Menschen von den objektiven Realitäten des Lebens fern … Unsere religiöse Kultur, insbesondere die schiitische Richtung, weist keinerlei derartige Gemeinsamkeiten mit den genannten Religionen auf; sie lehnt solche Gedanken eindeutig ab!

Ob die gerne ganz und gar andersartigen Muslime nicht doch ein wenig mehr Ähnlichkeiten mit den von Schariati gerade beschimpften Nichtmuslimen haben, und folglich dem selben universellen Rahmen der Wissenschaftlichkeit und Rechtseinheitlichkeit unterliegen sollten?

Der angeblich moderne Denker wiederholt die uns in Deutschland aus dem, Islamkritikern gegenüber bereits leicht repressiv geführten, “Dialog mit dem Islam” bekannte Makellosigkeit des “eigentlichen” Islam:

29. Der [derzeitige, unzureichend gebildete] Aufgeklärte stellt eine gewisse Parallelität zwischen den Auswüchsen des mittelalterlichen Christentums und des Islam in unserer heutigen Gesellschaft fest und kommt so zu der falschen Schlussfolgerung, daß der Islam mit dieser Religion gleichzusetzen und daher zu bekämpfen sei, wie das Christentum im 19. Jahrhundert von den Aufgeklärten bekämpft wurde.

Schariatis Position und Argumentation ist mittlerweile dank CIBEDO, CIG, Eugen-Biser-Stiftung und Interreligiösem Rat fester Bestandteil der kirchlichen Islamrhetorik, genauer, Islambeschwichtigung, mit der islamskeptische Gegner und andere über die Scharia informierte Menschen damit unglaubwürdig gemacht werden, sie würden die Katholische Kirche “in die Zeit vor dem Konzil” zurückbringen wollen oder die Bismarcksche Feindseligkeit gegenüber jeglicher organisierter Religion (Kirchenkampf) heraufbeschwören. In unseren Kirchentagsmilieus könnten Schariatis Texte also bald begeisterten Anklang finden.

30. Der Aufgeklärte … muß sich darüber im Klaren sein, daß er eine besondere Kultur besitzt, die den Glauben, die geistigen Werte und die Ideale des Menschen mit lebensbejahenden Gedanken verbindet und vom Geist der Gleichheit und Gerechtigkeit getragen wird.

Die Frau erbt in der islamischen “Gleichheit” nicht 100, sondern 50 %, ihre Aussage vor Gericht gilt nur halb so viel wie diejenige eines Mannes. Die Verstoßung der Ehefrau ist nach Allahs Gesetz ebenso “gerecht” wie die Anschaffung einer Zweit- bis Viertfrau und der Geschlechtsverkehr mit der von der Gottheit freundlicherweise unbegrenzt gebliebenen Anzahl von Konkubinen des muslimischen Mannes. Dafür hat die geschlechtsreife, sprich heiratsfähige Frau (neun Jahre alt) ihre verstaatlichte Jungfräulichkeit oder kontrollierte Ex-Jungfräulichkeit und ihren Status als Besitz von Vater beziehungsweise Ehemann mit einem Stoffgefängnis kenntlich zu machen, insbesondere ihr Haupthaar zu bedecken, das im Islam so etwas wie ein Geschlechtsorgan darstellt. Für Schariati ist das kein Problem, denn:

31. Die Gerechtigkeit ist nicht nur einer der wichtigsten Grundsätze dieser Religion, sie ist die beherrschende Idee und die Zielvorstellung aller Propheten.

Der wenig plausibel als Islamreformer gehandelte Denker versäumt, auf die Kleinigkeit hinzuweisen, dass Noah, Abraham, Moses und Jesus in der islamisierten Menschheitsgeschichte keine andere Rolle haben, als auf das Kommen des letzten Propheten und auf Allahgottes durch Mohammed verkündete Scharia hinzuweisen, die ihrem Anspruch nach alle anderen Lebensformen überwunden hat, welche damit, sofern nicht abgelegt, als frevelhaft gelten müssen und der Menschheit den Weg zum ewigen Heil versperren.

33. Nachdem der Aufgeklärte sich über all diese Dinge klargeworden ist, wird er hier und heute mit der Religion beginnen …

Das haben wir gleich befürchtet: aller Anfang ist die Religion, anfangen heißt mit der Religion anzufangen, wobei Religion natürlich die einzig richtige ist, die koranbasierte.

33, 34. Von der Religion muß er eine korrekte und unmittelbare Vorstellung haben, die den kulturellen Hintergrund mit einschließt.

Irgendwie müssen die vier verschiedenen sunnitischen Rechtsschulen ja erklärt werden und vor allem bedarf die prekäre Daseinsberechtigung der Schia der Verteidigung als Kultur. Daneben benutzt Schariati das simple Muster, dass es für jeden Demagogen oder auch Pädagogen darum gehen muss, die Klientel “da abzuholen, wo sie steht”, eine Sprache zu sprechen, die im Milieu verstanden wird, umso mehr, als dass die Basis nicht wissen muss, dass die Reise zum großen Islamofaschismus geht, zum Kalifat. Vor allen Dingen muss der Islamist mit den Frauen vorsichtig sein, damit diese die Lust am Aufbau der schariabasierten Gesellschaft nicht verlieren, sondern die ihnen von Allahgott aufgebürdeten, barbarischen Zwänge als “Gleichheit und Gerechtigkeit” (Schariati 30) erleben oder das jedenfalls erzählen.

34. Das Engagement des Aufgeklärten beginnt also mit der Wiederbelebung seiner erstarrten Gesellschaft durch einen islamischen Protestantismus, um … eine religiöse Renaissance einzuleiten, d. h. zu jener lebensbejahenden, dynamischen, kraftvollen und gerechten Religion zurückzufinden … und … durch Rückbesinnung auf die eigene Kultur eine Wiedergeburt seiner Kultur einzuleiten und die eigene menschliche, geschichtliche und soziale Identität gegenüber der westlichen Kultur wiederzufinden.

Auf die krampfhaft durchzuhaltende Unterscheidung zwischen islamischer Kultur und westlicher Kultur, die uns drei bis vier Jahrzehnte später bei Tariq Ramadan begegnet, kann Schariati als orthodoxer Muslim und Freund der Allahkratie und damit als Gegner der Gleichberechtigung der Nichtmuslime und der Frauen nicht verzichten.

35 [Dem Engagement der islamischen “Aufgeklärten” wird es zu verdanken sein,] die nachahmende, gleichgültige, unterwürfige religiöse Haltung der Menschen in einer kämpferische, offensive und kritische Protesthaltung umzuwandeln, … um auf diese Weise eine befreiende Bewegung zu entfesseln.

Es dürfte wenig Zweifel daran bestehen, dass die islamische “Bewegung” (Schariati) durch den aus seinem französischen Exil zurückkehrenden Chomeini erfolgreich “entfesselt” worden ist.

35 ich … kann … mir nur wünschen, dass die Aufgeklärten zum geläuterten Glauben zurückfinden

An jeden, der jetzt noch Schariati als modern und human verteidigt: War Chomeinis Glaube denn etwa nicht geläutert genug? Wieviel mehr “geläutert” soll es denn noch sein, bitte?

Jacques Auvergne

(1) Dem paradiesischen Massenmörder widmet die Blogbetreiberin den Titelvers. Chomeini-Verehrerin Meryem von »Meryems Welt« meint zu einem anderen bekannten Scharatitext: „Dieses Buch ist längst ein Klassiker, 1971 verfasst von Dr. Ali Schariati, also einige Jahre vor der Islamischen Revolution im Iran.“ Meryem hält es nicht für angebracht, sich von dem islamischen Terrorstaat der Teheraner Mullahs zu distanzieren, weshalb wir davon ausgehen können, dass sie die Revolution von 1979 also einen vollen Erfolg wertet.

Die leider radikalislamisch motivierte Blogbetreiberin lobt Schariati als einen idealistischen Frauenfreund und korantreuen Feministen: „Seine Kritik geht in die Richtung seiner Heimat, wo über die europäische moderne Frau nur berichtet wird, dass sie im Zuge der „sexuellen Revolution“ allzeit verfügbar wird, einzig an Mode und Kosmetik und anderen Äußerlichkeiten interessiert sei und nichts beitrage zum wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Fortschritt. Das ist es, was der moderne Kolonialismus aus der iranischen Frau machen möchte. Die Aufforderung geht also dahin, sich am Vorbild Fatimas, a.s., zu orientieren, damit die Frau in der modernen islamischen Gesellschaft ihre neue, revolutionäre Rolle finden kann. Das Leben Fatimas, a.s., muss unter den iranischen Frauen bekannt werden, damit die Idee, sie sei nur ein hilfloses Opfer gewesen aus den Köpfen verschwindet.“

http://meryemdeutschemuslima.wordpress.com/2010/03/14/lekture-fatima-ist-fatima-von-dr-ali-schariati-wie-soll-die-islamische-frau-sein/

(2) Beim schariatreuen (radikalislamischen) Blog »muslime. glaubensinhalte im gesellschaftlichen kontext« titelt man am 15.08.2009 »Ein persischer Intellektueller, Denker und Reformer – Ali Schariati« und erkennt die sanfteste Variante der globalen islamischen Revolution: „Ali Schariati ist ein Intelektueller des 20 Jahrhunderts, geboren in Mezinan (Iran) 1933. Eine Persönlichkeit, die einen Muslim schildert, dessen Erscheinung die Welt näher zum Islam bringen will.“

http://muslime.wordpress.com/2009/08/15/ein-persischer-intellektueller-denker-und-reformer-ali-schariati/

(3) Beim Blog »Das klare Wort« der noch recht jungen Damen und Herren der Gemeinschaft »Grup Vaha« (Aysche Dix, Buenyaminumma, Havva Demiröz, Ethem Abdussamed, Sultan Ögüt), was auf Türkisch »Gruppe Oase« bedeutet, ist ein noch nicht ganz fehlerfrei Deutsch schreibende Demokratieaussteiger und korantreuer Jungrevolutionär am 27.06.2009 darum bemüht, im Beitrag »B. U. Schariati« Reklame für den gegenmodernen Denker zu machen, möge er künftig die Scharia verweigern und den säkularen Rechtsstaat bejahen:

„Ali Schariati ist ein Intelektueller des 20 Jahrhunderts, geboren in Mezinan (Iran) 1933. Eine Persönlichkeit, die einen Muslim schildert, dessen Erscheinung die Welt näher zum Islam bringen will. Dieser Mann ist ein Denker und Kritiker des Westens, des Kapitalismus, Leninismus und Marxismus. Er deutete in vielen seiner Reden, die er den emanzipierten Jungen Iranern vortrug, auf die Gefahren einer Zivilisierten von Habgier übermannten Welt, die die Nähe zur Religion und den Faden des Glückes mit dem Geld verbunden haben. … Die Gefahr, dass eine Gesellschaft, die sich nicht kennt und seine eigenen Werte verloren hat ist mit sich nicht zufrieden. Um glücklich zu sein muss der Mensch eine eigene Identität haben und zeigen das er da ist. Ali Schariati versuchte in vielen seiner Reden diesen Punkt den Menschen zu vermitteln. Religion ist ein Aspekt um sein Ich zu erlangen bzw. zu pflegen.“

http://grupvaha.wordpress.com/2009/06/27/ali-schariati/

Noch zum Blog »Das klare Wort« der »Grup Vaha«. Es ist schön und berührt mich, wenn junge Menschen Ziele haben, besonders, wenn diese Ziele von Ethik oder ernst empfundener persönlicher Religiosität bewegt sind. Wenn junge Menschen aus Nordrhein-Westfalen allerdings das weltweite Kalifat wollen und die Einführung der Scharia in Europa, ist mir das ungefähr so widerlich, als würden sie den Nationalsozialistischen Staat anstreben. Die fehlgeleiteten Blogbetreiber bekennen sich:

„Vaha Declaration: Wir fordern … Wir Jugendlichen sehen den Zustand der modernen Familie und sind ganz und gar nicht damit einverstanden. Wir sind der Meinung, dass sich die Lage und der Stellenwert der Familie in dieser Gesellschaft verändert werden muss und appellieren besonders an Muslimische Familien, wo doch der Koran immer wieder auf die Intuition Familie eingeht und versucht den Menschen klar zu machen wie wichtig die Familie für ein gesundes, intaktes Volk ist.“

Die deutsche muslimische Familie soll also nach der möglichst vollumfänglichen Scharia leben, ein Kurs, wie Yusuf al-Qaradawi ihn vorgibt. Ihr solltet dem Menschenbild und vor allem dem Frauenbild der Muslimbruderschaft und der Millî Görüş nicht hinterhertrotten.

„Wir wollen unseren Glauben ausleben ohne Beschränkungen und verweisen auf die Religionsfreiheit.“

Darauf verweisen wir auch, Polygamie oder die Verheiratung neunjähriger Mädchen ist nämlich mit Religionsfreiheit nicht gedeckt und in anderen die Angst vor der Höllenstrafe zu erwecken sollte Grup Vaha ebenso bleiben lassen wie die Verherrlichung des Hidschab. Der Islam kann in einem freiheitlichen Rechtsstaat nicht zur Gänze gelebt werden, da er eine eigene Staatlichkeit will und ein autonomes Rechtssystem darstellt. Der Islam von Scharia und Fiqh – und einen anderen organisierten Islam gibt es leider weltweit noch so gut wie gar nicht – ist durch Kulturrassismus, Frauenherabwürdigung und Frauenentrechtung sowie durch Indoktrination Minderjähriger mit dem Drohen von Höllenqualen gekennzeichnet. Nichtmuslime gelten als Menschen sittlich geringeren Wertes, Kopftuchverweigerinnen als Schlampen – ruft Grup Vaha dazu auf? Jeder darf in Deutschland an einen Engel glauben oder aber Allahgott für sich verwerfen, weil in der BRD Religionsfreiheit besteht, anders als in Saudi-Arabien oder im Iran.

„Wir setzten uns für die Integration ein, jedoch auf keinen Fall für die Assimilation. Unser Verständnis von Integration ist es nicht seine eigene Kultur abzulegen, sondern mit der hiesigen Gesellschaft zusammen zu arbeiten, sich gegenseitig zu respektieren anzuerkennen und voneinander zu lernen. Eine Integration kann unserer Meinung nach, nur dann funktionieren, wenn auf beiden Seiten, der hiesigen Gesellschaft und auch der emigrierten Respekt und Anerkennung herrscht. Wir betonen auch, dass der Islam keine Migranten Religion ist, sondern ein fest verwurzelter Teil Deutschlands ist. Wir verstehen uns weder als Türke, Araber, Kurde, Marokkaner… noch als Deutscher, sondern als Muslime, weil wir weder gefragt wurden, ob wir als Deutscher, Türke, Araber, Bosnier… geboren werden wollen, noch gefragt worden sind wo wir geboren werden wollen. Das ein zigste, dass wir als freie Menschen selber wählen durften war unsere Religion und unsere Lebensweise.“

Mit ähnlichen Worten treibt Recep Tayyip Erdoğan Deutschlands Türken in die abgeschottete und sich islamisierende Gegenkultur. Ihr wollt also keine Staatsbürger sein, sondern der Nation of Islam angehören, Muslime sein oder allenfalls Muslimstaatsbürger. Euer Kalifat könnt ihr nach Feierabend stundenweise und in begrenztem Rahmen zelebrieren, Peitschenhiebe (vierzig oder achtzig) für den Weintrinker dürft ihr aber auch dann nicht austeilen, obwohl Allahgott das vorschreibt. Ihr wollt leider immer noch die klassisch islamische Lebensweise nach der Scharia, das bedeutet für uns Staatsbürger: ihr wollt die Sezession und die Rechtsspaltung. Davon müsst ihr weg und euch in ein säkulares Verständnis des Muslim-Seins einüben. Religionsfreiheit umfasst beispielsweise, privat an ein Leben nach dem Tod zu glauben.

Am 30.04.2009 weisen die wie gesagt noch sehr jungen und hoffentlich lernbegeisterten Blogbetreiber auf die Vorläufigkeit der Vaha Declaration hin: „Sie soll weiter entwickelt werden. Wir bitten um Verbesserung und Vorschläge“, was wir soeben gerne getan haben.

http://grupvaha.wordpress.com/about/

(4) Der verschwörungstheoretische, antisemitische und an Chomeini orientierte Blog »Morgendämmerung« steht treu zu Ahmadinedschad („Präsident Ahmadinejad bekräftigte in seiner Rede: ‚Die Revolution ist noch nach 30 Jahren lebendig.'“) und kolportiert in »Hintergrund. Die islamische Revolution 1979 im Iran« das Gerücht, der iranische Geheimdienst hätte Ali Schariati ermordet.

http://morgendaemmerung.blogspot.com/2009/01/hintergrund-die-islamische-revolution.html