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Ali Schariati und der ideale Islam

Juni 17, 2010

التلبية

at-talbiya

Das Folge leisten auf einen Zuruf,

die Annahme der Einladung (1)

Ali Schariati und der Islam als »Schule«

Zum Abschnitt »Der Entwurf einer Schule« aus Ali Schariatis »Die Islamkunde«, Teheran, ohne Erscheinungsjahr, also vermutlich etwa 1970. Von Jacques Auvergne.

Hier wird die Übersetzung des aus dem iranischen Kermanschah stammenden Mohammed Djassemi »Macht und politische Ordnung im Iran« herangezogen, Djassemis Inauguraldissertation im Fach Philosophie aus dem Jahre 3 der Installation der Allahkratie auf iranischem Boden (Augsburg 1981). Djassemi wurde wie Schariati 1933 geboren und lebt heute auf der größten nordfriesischen Insel, im Eigenverlag veröffentlichte er »Der neue Humanismus: Auf dem Wege zu einer humanen Gesellschaftsordnung« (Tinnum, Gemeinde Sylt 2005).

Zunächst zu Schariatis Prägung und Horizont.

Der am 23.11.1933 geborene Ali Schariati, korrekt gesprochen ʿAlī Šarīʿatī, war Sohn des idealistischen islamischen Aktivisten und schariatreuen sprich menschenrechtswidrigen Koranexegeten Aqa Mohammad Taqi Shariati. Aqa Mohammad Taqi führte Sohn Ali in den Kreis um Abolqassem Shakibnia ein, einem Theoretiker der revolutionären Chimäre namens Islamischer Sozialismus, einer hinterlistigen oder hoffnungsvollen Fehletikettierung für Dhimmitude oder Kalifat. Ali Schariati schrieb sich am Teacher’s Training College zu Maschhad ein, wurde 1952 Gymnasiallehrer und gründete die Islamic Students‘ Association, was nach Protestaktionen zu seiner kurzfristigen Verhaftung führte. Im Folgejahr, am 19.08.1953, wurde mit Hilfe des amerikanischen Geheimdienstes CIA die demokratisch gewählte Regierung um Mohammad Mosaddegh gestürzt (1953 Iranian coup d’état). Schariati nahm Kontakt zur National Resistance Movement of Iran (NAMIR) auf. Bis 1955 studierte Schariati erfolgreich (Bachelor) an der Ferdousī-Universität zu Maschhad. 1957 wurde er wieder eingesperrt, gemeinsam mit sechzehn Mitgliedern des NAMIR.

In den Jahren zwischen 1958 und 1963 lebte Schariati in Paris, wo er Soziologie studierte, als exzellenter Student erkannt und geehrt wurde und Sartre kennenlernte. Um 1959 arbeitete Schariati mit dem FLN zusammen, der algerischen Nationalen Befreiungsfront (le Front de Libération Nationale), die zunehmend intensiv eine Fusion von Sozialismus, Nationalismus und Islam ausarbeitete. Schariati las später die Schriften des antikolonialistischen Vordenkers Frantz Fanon und wurde, 1964 in den Iran zurückkehrend, mit der Anklage subversiver Umtriebe für einige Wochen ins Gefängnis geworfen. Der Algerienkrieg (la Guerre d’Algérie) der FLN dauerte von 1954 bis 1962 und endete mit der Unabhängigkeit Algeriens von Frankreich.

Neben den erwähnten Herren Shakibnia und Fanon hatte der Klerikersohn Jalal Al-e Ahmad (1923-1969) prägenden Einfluss auf Schariati. Al-e Ahmad war kurzzeitig Tudeh-Kommunist und wurde als Autor des antiimperialistisch-antieuropäisch motivierten »Gharbzadegi« (1962) berühmt, der Begriff bedeutet etwa „Westlichkeitswahn, Europäisch-amerikanisch verursachte Erkrankung des Orients“ und wurde um 1940 durch einen Heidegger-Kenner und radikalen Kulturrelativisten, durch den die universellen Menschenrechte dezidiert verweigernden Antisemiten und Teheraner Professor Ahmad Fardid geprägt, dessen geistige Nähe zu Sayyid Quṭb oder Adolf Hitler aufschlussreich ist für das Verweigern der universellen Menschenrechte vieler muslimisch geprägter Intellektueller bis in unsere Zeit, welche die angeblich kolonial ausgerichtete AEMR durch den Koran ersetzt wissen möchten. Das Buch »Gharbzadegi« (Occidentosis: A Plague from the West) wurde 1962 illegal veröffentlicht, das eher hasserfüllt als spöttisch gemeinte Gharbzadegi wird im Englischen treffend mit Occidentosis, Euromania oder Westernitis wiedergegeben. Der radikale Kulturrelativismus Fardids wird heute durch Schariafreund Abdolkarim Soroush (Hossein Haj Faraj Dabbagh) fortgeführt, den wir als global denkenden Proislamisten erkennen sollten, als Gegner der kulturellen Moderne und als Demokratierisiko. Nach 1953 war Al-e Ahmad für mehrere Jahre in Haft. Als ein weiteres persönliches Vorbild wird für den 1977 im englischen Exil verstorbenen Schariati Shapur Bakhtiar (Shāpūr Bakhtīār, 1915-1991) gelten können.

Bakhtiar besuchte als Jugendlicher die französische Schule in Beirut, war Student an der Sorbonne, Kämpfer in den Internationalen Brigaden des Spanischen Bürgerkriegs, im Zweiten Weltkrieg Mitglied des französischen Widerstands der Résistance und war schließlich, zu Beginn des Jahres 1979 wenige Wochen lang der letzte iranische Premierminister unter dem Schah. Bei Ausbruch der Islamischen Revolution konnte Bakhtiar nach Frankreich flüchten, wo er im Folgejahr, im Juli 1980, einem versuchten Mordanschlag gegen ihn entkam, bei dem ein Polizist und ein Nachbar starben. Bakhtiar lebte weiterhin in Suresnes im Westen des Großraums Paris (Département Hauts-de-Seine), wo er mit seinem Sekretär in der eigenen Wohnung durch drei Angreifer im August 1991 ermordet wurde, wie zu vermuten ist vom iranischen Geheimdienst.

Soweit zu Schariatis Prägung und Horizont, nun zu seinem Text.

Gleich mit dem ersten Satz erläutert uns Ali Schariati, was für ihn maktab bedeutet, was einem iranischen Intellektuellen eine „Denkschule“ ist, eine umfassende Weltanschauung nämlich, die den Charakter gesund erhalte und zivilisiere, ihn zur Tugend und Sitte forme und die allein uns als Hörern oder Lesern Verlässlichkeit und nachhaltiges Glück biete:

1. Wenn ich „Schule“ meine, so ergibt sich dafür folgende Definition: Schule besteht aus … einer konsistenten und proportionalen Reihe (auch: Summe) philosophischer Ausschau, religiöser Überzeugung, moralischer Werte und praktischer Methoden, die in einem kausalen Zusammenhang ein dynamisches, sinnvolles, richtungsweisendes und lebendiges Ganzes ausmachen; alle Organe dieses Ganzen werden von demselben Blut gespeist und von einem einheitlichen Geist beseelt.

Ein wissenschaftlicher Experte kann eine „Schule“ (Maktab) haben oder nicht.

Wie wir wissen, legt Ali Schariati sich und uns den Eintritt in die Schule der ewigen islamischen Bewegung nahe, die er, den mathematischen so genannten Zentralwert (Median) zur Verherrlichung Allahs gleichnishaft verwendend, als »The Median School Of Islam« anbietet, als Gleichzeitigkeit aus persönlichem, zur Orthopraxie mahnendem Heilsweg, korantreuem Gleichklang der Rhetorik und monopolistisch das gelingende Leben garantierender staatlicher Ethik der Scharia.

Dass damit jede Individualität islamisch-glücklich (totalitär) überwunden ist und ein jeder bereits jetzt weiß, was der die Bühne betretende Wissenschaftler, Journalist oder Poet gleich erzählen wird, schreckt den gottesfürchtigen Iraner nicht, was uns erschrecken sollte:

1. Wenn ein Experte für Physik eine „Schule“ besitzt, so können Sie im voraus erraten, welche Ansichten er über die wirtschaftlichen und klassenmäßigen Probleme hat, bevor er seine diesbezüglichen Meinungen geäußert hat. Von einem Experten der Ökonomie, – vorausgesetzt, dass er eine „Schule“ hat, – kann man ebenfalls annehmen, dass er diese oder jene philosophische Ansicht über die Welt oder die Natur besitzt.

Mit Schariati nämlich hält der fiktive koranbasierte Physiker oder Volkswirtschaftler den frühmittelalterlichen Staat von Medina für die erste klassenlose Gesellschaft und für die perfekteste aller Demokratien und erkennt den aus der Sphäre des absoluten Überblicks allerlei Einflüsterungen erhaltenden Mohammed als den vollkommensten Wissenschaftler aller Zeiten.

Alle irdischen sozialen Missstände sind damit auf grundsätzliche Islamferne zurückzuführen, individuelles Fehlverhalten ist Glaubensmangel.

1, 2. bei einer Person, die eine „Schule besitzt, bilden die ökonomischen, religiösen und philosophischen Ansichten … und selbst ihre künstlerische und literarisch Geschmacksrichtung ein zusammenhängendes (auch: harmonisches) Gewebe

Eine Biographie werdende Textilie, ein Wohlverhalten werdendes Flechtwerk, die oder das sich, haben wir einen vorbildlichen Menschen vor uns, aus der nahezu ungefilterten und ungehemmten Webekunst Allahgottes strickt, der allein schließlich Anstoß und Ursache ist, da er andernfalls nicht allmächtig wäre.

Der Asoziale weist einen islamrechtlichen Webfehler auf und der koranisch verbürgte Teufel wird zur sozialen Laufmasche.

2. Somit bildet die „Schule“ ein System, dessen einzelne Trabanten: Individuelle Affekte, soziales Verhalten, charakterliche (auch: moralische) Besonderheiten und insbesondere die philosophischen, religiösen und gesellschaftlichen Ansichten um eine zentrale Sonne kreisen

… den sonnigen Allah …

In sich sinnvoll und geschlossen befindet sich das System in einer bestimmten Richtung in Bewegung.

… in Richtung des harmonischen Miteinanders der schlussendlich rechtsverschiedenen „Gesamtgesellschaft“, in Richtung des Kalifats.

2. Und eine solche „Schule“ ist es, die Bewegung hervorbringt, Konstruktives leistet, gesellschaftliche Macht entwickelt, Engagement und Verantwortungsgefühl entstehen lässt, jedoch können weder Expertentum noch Wissenschaften eine ähnliche Wirkung verursachen. Und seit man den Islam aus einer „Gesinnungsschule“ zu einem „kulturellen Wissensgut“, einer „Ansammlung von Wissenschaften“ verwandelte, entledigte ihn man seiner Dynamik, seiner Verantwortung und seines sozialen Selbstbewusstseins, wobei ihm die Wirkung auf die Gestaltung des gesellschaftlichen Schicksals der Menschheit [abhanden kam].

Echter kultureller Fortschritt sei und bleibe stets korantreu. Am islamischen Wesen soll die Welt genesen, der makellose Ur-Islam aber ist durch gemeine Lobbies in die Verkrustung überführt worden.

Ohne sich von der Scharia zu distanzieren, stellt sich der Redner als ein Islamreformer vor. Wie sehr er den Klerus der Zwölferschia kritisiert, bleibt aus erklärlicher Vorsicht offen. Schariati erscheint gewissermaßen als schiitischer Salafist, jedenfalls als ein schiitischer Puritaner, der Lebensfreude, soziale Gerechtigkeit, Antikolonialismus und technologischen Fortschritt aus der einzig brauchbaren Handlungsanweisung herausliest, aus dem Koran.

Insofern ist Ali Schariati deutlich radikalislamischer als ein schließlich auch historisch gewachsenes Erbe verkörpernder iranischer Geistlicher, die deutliche Nähe zwischen al-Maududi und dem zu unrecht als „links“ oder „fortschrittlich“ gehandelten Schariati mag an dieser Stelle deutlich werden.

2, 3. (In meiner Vorlesung also) besitzt die Islamkunde eine solche (oben dargelegte) Bedeutung, keine (bloße) Kultur(-geschichte), keine bloße Ansammlung von Wissenschaften, die man studieren sollte. Selbstverständlich sind die islamischen Wissenschaften, die islamische Kultur sehr wertvoll und inhaltsreich und gereichen der islamischen „Zivilisation“ sehr zum verdienten Ruhm, jedoch (bei mir) hat die Islamkunde die Bedeutung der islamischen Ideologie

Erworbenes Wissen zur Scharia sei nachrangig, zunächst käme es auf die totale persönliche, eigentlich: ex-persönliche, Hingabe an. Im Stile des besonders weltüberwindend orientierten Teils der Sufis mahnt Schariati zum Tadscharrud, zur Ich-Abstreifung.

4, 5. Der Islam als eine Ansammlung von Wissenschaften hat sich während der Geschichte der islamischen Zivilisation zu einer Summe von philosophischen, theologischen (Kalām), linguistischen, historischen, kommentatorischen Wissenszweigen entwickelt. … Und der Weg, über diese Wissenschaften ein Wissen zu erlangen, ist, sie zu studieren. Aber den Islam als eine Ideologie muss man auf eine andere Weise verstehen und kennenlernen; der Islam als Ideologie ist keine fach-spezifische Disziplin, sondern das Fühlen einer „Schule“, er ist Glaube und nicht eine Kultur, sein Verstehen heißt Überzeugung und nicht das bloße Ansammeln von Wissen

Wie nebenbei bejaht Schariati die Schariawissenschaft und ihre mächtigen iranischen Eliten, verwirft aber ein etwaiges plattes Memorieren seitens der Koranschüler beziehungsweise ein eventuelles ausgesprochenes Karrieredenken der Geistlichen, sondern fordert eine ekstatische und militante (ich-auslöschende) Begeisterung und Hingabe eines jeden Adepten orientalischer Kultur oder religiöser Erkenntnis. Ali Schariati ruft zu einer vollkommenen Islamisierung des Bewusstseins des Einzelnen auf, zu einer seelischen Islamischen Revolution.

Für die profanen Äußerlichkeiten war in den Folgejahren Ruhollah Chomeini zuständig, Feingeist Schariati indessen bekümmerte sich um das vorbereitende religiöse Kribbeln der jungen Generation. Sein modern, hedonistisch und spontan daher kommendes islamverherrlichendes Denken bleibt eine Gefahr für Europa und Nordamerika, nicht zuletzt die jungen Muslime in Deutschland betreffend, die wir Sozialpädagogen und Sozialarbeiter vor der unkritischen oder pflichtschuldig-begeisterten Lektüre der Texte Schariatis warnen.

Das geradezu suchthafte Bestreben, den „eigentlichen“ Islam als harmlos und menschenfreundlich darzustellen, wird in den kommenden Jahren darauf angewiesen sein, Schariati in allen europäischen Sprachen zu vermarkten. Für vulnerabel dürfen wir hierbei die im Altersdurchschnitt oft eher jungen und sich gerne der politischen Linken zurechnenden Milieus der Amateure von attac, JuSo und AStA ebenso halten wie die multikulturell orientierten (enthemmt machtgeilen?) erwachsenen und professionellen Szenen der beiden Großkirchen, etwa dort, wo man seit Jahren eine Rabeya Müller zu Kirchentagsveranstaltungen einlädt oder überall da, wo man den demokratieüberwindenden Satz der Lamya Kaddor „Die Aufklärung ist nicht für den Islam übertragbar“ bagatellisiert oder als problematisch schlicht nicht mehr wahrzunehmen vermag.

Der Platonverachter und Renaissanceverspotter Schariati betreibt die Einbürgerung des Humanismus in den menschenverachtenden Islamischen Staat:

9. Mit dem Begriff „Humanismus“ meine ich hier den „Wert der Wahrheit“, der Bestimmung und des Sinnes, den jeder Mensch in seiner „Schule“ für die Menschheit in Aussicht stellt. Es handelt sich daher nicht um die spezielle Bedeutung des Begriffs im Sinne vom „Wesen des Menschen“, die bei den alten Griechen, in der Renaissance sowie bei den verschiedenen Schulen des Radikalismus im 18. und 19. Jahrhundert und schließlich beim Existentialismus im 20. Jahrhundert eine Rolle gespielt hat.

Die wertebeliebige Selbstbezogenheit der Existentialisten würde man ja gerne ausführlicher kritisieren, aber ist es nicht so, dass Schariati soeben die Intention und Arbeit der europäischen Aufklärung als radikal bezeichnet hat? Den Atheismus (Feuerbach, Nietzsche), der seine Pfahlwurzel sicherlich nicht in koranischer oder auch nur monotheistischer Erde schlagen möchte, hält der Iraner für einen Radikalismus.

Säkular religiöse Menschen, darunter es ja durchaus auch, aufgrund der islamischen Gewaltbereitschaft allerdings mittlerweile selbst in Deutschland erklärlich zurückhaltende, Muslime gibt, können den Atheismus entspannt als eine von mehreren Quellen sehen, aus denen sich die kulturelle Moderne speist und mit ihr jene Lebensform nährt, die jedem Menschen, auch dem weiblichen, maximale Chancen bietet: die freiheitliche Demokratie.

Nach der fiṭra-Konzeption, dem natürlichen Geschaffensein und göttliche Annäherung suchenden Ausgerichtetsein auf Allah hin, erklärt Schariati den gesunden (allahbewussten, schariakonform handelnden) Menschen zum Utopisten und Idealisten, zur Verkörperung gelingenden Lebens:

18, 19. Demnach entspringt die Bildung von Utopien, – allen äußerlichen Argumenten zuwider –, dem unumstößlichen und individuellen Bedürfnis jedes idealistischen Menschen. … Grundsätzlich ist der Wunsch nach einer „Über-Gesellschaft“ in der Fiṭra des Einzelnen und im Gewissen jeder Gesellschaft verankert. … Grundsätzlich beweist die Existenz von Utopien … , dass der Mensch stets geneigt ist, sich vom „gegebenen Zustand“ aus zu einem „gewünschten“ Zustand hin zu bewegen.

Wobei das Wünschenswerte wie zufällig mit dem sozialen Ideal des Koran übereinstimmt und nach Schariati selbst der engagierte Atheist die Existenz Allahs dadurch beweist, dass er zu etwas hin will.

Ṭālib, Schüler, heißt im eigentlichen Sinne Hin-Streber.

19. Aber die „Über-Gesellschaft“ einer „Schule“ ist keine phantastische Gesellschaft mehr; sie ist vielmehr eine ideale Gesellschaft, die entsprechend dem Geiste einer Schule fundiert (errichtet) werden soll; die Bekenner dieser Schule betrachten das Leben in einer solchen Gesellschaft als das eigentlich menschliche

So, wie es nur zwei Parteien geben kann, die Partei Satans und die Partei Allahs, könne es, folgt man Schariati, nur zwei Schulen geben, die antiislamisch-kranke von Karl Marx beziehungsweise Lenin und die proislamisch-gesunde, die eine Staatwerdung ihrer Lebensweise anstrebt, das Kalifat.

Schariati baut die eventuell vorhandenen Hemmschwellen des Zuhörers ab, den Schariaverweigerer öffentlich als unmenschlich anzuprangern, und verherrlicht den politisierten Eingottglauben, at-tauḥīd, in welchen er, ohne gegen die Scharia zu verstoßen, jeden pantheistischen und atheistischen Anspruch gleich integriert, was allerdings nur bedeutet, dass der Intellektuelle den hungrigen Islam die aus Allahgottes Blickwinkel allzu dürren Dimensionen von Pantheismus und Atheismus vollständig schlucken lässt:

23. Tauḥīd als weltanschaulicher meiner Schule. Meine Weltanschauung besteht aus dem „Tauḥīd“ … eine Auffassung von der Welt als Einheit und nicht als Teilung derselben in Diesseits und Jenseits (dunyā und ākhirat), in Physik und Metaphysik, in Materie und Geist, in Körper und Seele

Der Parteigänger einer göttlichen Natur hat fürderhin zu schweigen, Wanderer Schariati hat die Führung über den Pantheismus übernommen und ihn in sein Reisegepäck gesteckt, in Richtung der Glückseligkeit strebend, der größtmöglichen Nähe zu Allah.

Ganz im Hier und Jetzt die Höllenflammen knistern hören und den Paradiesglanz leuchten sehen, für besonders „dynamische“ Muslime ist das nun wahrlich kein spirituelles Problem.

Allah ist und will die Einheit, andernfalls hätte er ja einen zweiten Gott (den Teufel bzw. die Erde) neben sich. Schariati benutzt einen theologischen Taschenspielertrick und sagt nicht, dass er die Scharia nicht zur Basis aller Politik machen will und den Koran nicht zur Verfassung, darauf aber wäre es angekommen.

Kalifatspolitiker Mustafa Cerić verwendet in seinen englischen Texten das deutsche Wort Weltanschauung. Schariati:

23. Ich verstehe darunter [unter dem tauḥīd] eine „Weltanschauung“ und bin der Meinung, dass der Islam die gleiche Bedeutung dem Tauḥīd beimisst. Ebenfalls fasse ich „Schirk“ (=Vielgötterei) von demselben Blickwinkel auf. … „Schirk“ [ist] eine Weltanschauung, eine Auffassung vom Ganzen, die besagt, dass das Universum aus einer Summe von diversen, disharmonischen, in sich widersprüchlichen und heterogenen Bestandteilen, aus verschiedenen, völlig selbständigen und unversöhnlichen Polen, aus divergierenden Bewegungen, aus zerstreuten und zusammenhanglosen Wesenheiten … besteht. … Der Tauḥīd sieht das Universum als ein Imperium an, während … „Schirk“ es als eine feudale Ordnung betrachtet.

Blendend argumentiert, leider schariatreu und damit menschenrechtswidrig.

Ein wirklich mächtiger Teufel wäre ein zweiter Gott neben Allahgott und ist daher als Glaubensbestandteil zurückzuweisen, bedarfsweise mit der selben Prügel, die den Teufel islampädagogisch im Hirn des Kindes installiert. Der erkenntnistheoretisch unzulängliche Mensch bleibt damit vom Islam abhängig wie der Süchtige von seiner Droge, denn Kausalität und Kohärenz schaffen nicht die Naturgesetze, sondern schafft die Gottheit. Zugleich kann nicht einmal die Welt eine wirklich eigene Bedeutung haben, da diese die Rolle und Allmacht Allahs schmälern würde.

Mit dem Buch der Bücher bewaffnet, dem Ur-Buch schlechthin, geht Schariati beherzt ans Naturbetrachten:

27. Unter allen religiösen, wissenschaftlichen und philosophischen Werken ist [es] eigentlich nur der Koran, der alle Dinge, Realitäten und Bewegungen in der Natur als „āyāt“ bezeichnet.

Als Zeichen, so āyāt wörtlich, als Hinweis auf die Allmacht und Allgegenwart des Islamgottes. Die Verse des Koran selbst heißen so, Einzahl āya, und das menschliche Auge hat seit der Offenbarung an Mohammed den Eigenklang der Stimme Gottes, die koranischen Schriftzeichen, aus Stein, Baum, Stern, Quelle, Blume und Mensch herauszulesen, jedes andere Lesen, jede andere Wissenschaft, wäre schließlich Polytheismus und damit todeswürdig.

29. Widerspruch und Zwietracht [sind] mit der fundamentalen Annahme der Tauḥīdī-Weltanschauung unvereinbar. Demnach kann es in der Tauḥīdī-Weltanschauung keinen Widerspruch im Sein, keinen Widerspruch zwischen Mensch und Natur, Seele und Körper, Diesseits und Jenseits, Materie und Geist, sowie keinen rechtlichen, klassenmäßigen, sozialen, politischen, rassischen, völkischen, territorialen, blutsmäßigen, erblichen (genetischen), wesensmäßigen, anlagemäßigen (= fiṭrī) und sogar ökonomischen Widerspruch geben

Allahgott hat eben für alles gesorgt. Nach der fiṭra ist jeder Mensch als Muslim geboren und allenfalls nachträglich von seinen, in dieser Logik widernatürlich handelnden, Eltern oder Pädagogen zum Juden, Christen, Hindu oder Atheisten erzogen worden. Territoriale Widersprüche sind ebenfalls harmonisch zu beseitigen, nämlich durch Eroberung der Dār al-harb durch die Dār al-Islām, damit die unsteigerbar beglückende Einheit wirklich für jeden erfahrbar wird.

Das Kalifat, legt Schariati uns nahe, sei die von Karl Marx gut gespürte aber unzulänglich entworfene klassenlose Gesellschaft. Der letzte Prophet und mit ihm Muslim Schariati (wobei dieser auch hierin seinem Vater treu folgt) werden zum veritablen Sozialisten, und wer als junger Iraner den ganzen, den echten Sozialismus will, könne ihn nur auf dem Wege der Vertiefung des islamischen Bewusstseins erreichen.

29, 30. Der Widerspruch von Diesseits und Jenseits, … Vernunft (= ‚aql) und Erleuchtung (= ischrāq), Wissenschaft und Glaube, … Herrschern und Beherrschten, Geistlichkeit und Nicht-Geistlichkeit, … Licht und Finsternis, gutem und bösem Prinzip, … Proletariern und Kapitalisten … ist nur mit der „Schirk-Weltanschauung“ vereinbar, d. h. mit dem Dualismus, der Trinitätslehre oder Polytheismus vereinbar, und nicht mit dem „tauḥīd“, der die Schau der Einzigkeit darstellt.

Problem war gestern. „Der Islam ist die Lösung.“

Die Geistlichkeit abzuschaffen könnte den Exilanten Chomeini sauer werden lassen, aber Schariati hat das, genau betrachtet, soeben gar nicht gefordert: Der Ayatollah kann auch künftig also sehr wohl existent sein, wir Nichtkleriker sollen mit Schariati einfach keine Unterschiede mehr sehen zwischen den Scheichen und uns als den Gehorsamspflichtigen – auf zum Friedensfest.

Zwischen dem im Staatsauftrag Steine werfenden Muslim und der zu steinigenden Frau gebe es, nur mit ausreichender Weisheit betrachtet, keinen störenden Widerspruch, sondern bestehe dieser erhabene Fluss der Einheit des Seins und der göttlichen Harmonie.

31. Der Mensch hat innerhalb der Tauḥīdī-Weltanschauung nur vor einer Macht Furcht, er ist nur einem Richter gegenüber verantwortlich, er blickt nur nach einem Mekka (= Qibla) … im umgekehrten Fall wäre alles ohne „ihn“ nichtig und sinnlos … (Denn allein) die Ergebenheit (= taslīm, abstammend von islam!) „ihm“ gegenüber, welche zugleich das Grundgesetz des Seins ist, setzt den Menschen in die Lage, gegen alle falschen Mächte und demütigenden Fesseln der Angst und Habgier … zu rebellieren.

Humanität ist Gottgehorsam.

53. So gesehen ist auch der Kampf der Religion gegen Religion ein historischer Kampf: Die auf Vielgötterei aufbauende Religion … führt Krieg, um das gesellschaftliche „Schirk“, die Uneinigkeit der Klassen zu rechtfertigen, wogegen der Kampf der monotheistischen Religion … die Rechtfertigung der Einheit von Klassen und Rassen zum Ziele hat. Dieser historische Kampf zwischen Kain und Abel, „Schirk“ und „Tauḥīd“, … der Religion der List … und der Religion der Aufklärung, der Bewegung und der Revolution … wird bis zum Ende der Zeit (= ākhir az-zamān) andauern.

Der auf Kulturrassismus gegründete Koran legt dem Leser nahe, was Schariati natürlich weiß, das Judentum als die heilsgefährdende Lehre kosmischer Niedertracht und List zu begreifen, eine nach Schariati offensichtlich „ganzheitlich-harmonische“ Weltsicht, die sich im heutigen, muslimischerseits praktizierten Antisemitismus und Israelhass im Bereich zwischen Muslimbruderschaft und Millî Görüş äußert.

Dass Gotteskrieger Schariati wieder beim Dualismus der Manichäer gelandet ist, geht im vor lauter Kult um die kosmische Einheitlichkeit nicht mehr in den Verstand. Islam beseitigt jeden Widerspruch, denkt man ihn nur radikal genug. Letztlich betrifft dieser Fundamentalismus jede doktrinär aufgefasste beziehungsweise angedrillte Religiosität, wir sollten daher Qualitätskriterien für demokratietaugliche Religiosität bekennen.

In seinem Holländischen Tagebuch erkannte Leon de Winter, worum es für Europa bei der Integration eben nicht der Scharia, sondern der Muslime geht: „Wir sollten die Arroganz aufbringen, unsere neuen islamischen Mitbürger Verträglichkeit, Individualität und die Rechte und Pflichten des modernen Bürgertums zu lehren, doch wir lassen uns von den Illusionen des Multikulturalismus lähmen. Seit den sechziger Jahren machen wir uns selbst weis, alle Kulturen seien gleichwertig. Wenn das so wäre, wäre Kannibalismus nur eine Frage des Geschmacks. In den Niederlanden wie in ganz Europa wird der Druck der Intoleranten auf unsere Toleranz zunehmen.“

Rächer Schariati reinigt die Erde:

54. Das wird eine zwangsläufige Revolution sein, um der Kainschen Geschichte ein Ende zu setzen und die Gleichheit aller im Weltmaßstab zu verwirklichen. … … dies geschieht in Form einer Weltrevolution, einer historischen und klassenmäßigen Rache, die sich mit aller Entschiedenheit über das gesamte Leben der Menschheit erstreckt.

Schariati will den Weltfrieden der Pax Islamica, das Globalkalifat. Angesichts von so viel Glaubenseifer könnte ja selbst ein Chomeini anerkennend staunen. Mangel an Entschiedenheit wird man den iranischen Islamrevolutionären der späten Siebziger Jahre nun wahrlich nicht vorwerfen können.

Der 1977 verstorbene Schariati stellt sich uns mit seinen, den politischen Umsturz im Namen des Islam fordernden Sätzen als Wegbereiter der 1979 errichteten göttlichen Diktatur vor und löst endlich auch das Betriebsgeheimnis von dem, was er sich unter einer „Schule“ vorstellt:

66. Die Ideologie ist innerhalb dieser Schule, – um es in einem Wort zu sagen –, gleichbedeutend mit dem Islam.

Um dem Publikum allerdings sogleich ein neues Rätsel zu präsentieren:

Die Frage aber lautet, mit welchem Islam?

Ganz viele kleine Islame. Oder sagt man Islams?

Der in Bahnhofsvierteln ohne Gewerbeschein auf unsere Wettgelder erpichte Trickser verwendet mehrere Hütchen. Und nur eine Kugel. Taschenspieler Schariati verdoppelt die Scharia oder halbiert sie:

67. Der Islam von „Gerechtigkeit und Führung“ Ja! Der Islam von „Kalifaten, Klassen und Aristokraten“ Nein!

Der Islam von „Freiheit, Bewusstsein und Bewegung“ Ja! Der Islam von „Gefangenschaft, Schlaf und Ruhe“ Nein!

Der „kämpferische“ Islam Ja! Der „geistliche“ Islam Nein!

Der Islam als „Gesinnungs- und Gesellschaftskampf“ als „wissenschaftliche und rationale Autorität“ Ja! Der Islam von „Imitation, Fanatismus und Ergebenheit“ Nein!

Der Islam von „Koran“ Ja!

Der Mann betrügt weniger uns als vor allem sich selbst.

68. Das, was ich als Suchender wünsche, ist eine Rückkehr zum Islam als einer „Ideologie“. … Den Islam als Ideologie … kann man begreifen, wenn man die … Hauptkomponenten einer wissenschaftlich analytischen und komparativen Untersuchung unterzieht: Allah, Koran, Mohammed, Mustergefährten (=ṣaḥabī) und (Propheten-)Staat (=Madīna).

Die ideale Gesellschaft … heißt „Umma“. … Das Wort „Umma“ … beinhaltet einen fortschrittlichen Geist, eine dynamische, engagierte und ideologische Schau der Gesellschaft.

70, 71. Der ideale Mensch = „Der Kalif Gottes“. Das ist ein „gottähnlicher Mensch“, in dem der „Gottesgeist“ über die „satanisch-schlammige“ Hälfte gesiegt hat … Die Richtschnur der Bildung, die pädagogische Philosophie rührt von dem Imperativ her: „Gewöhnet euch an die göttliche Ethik! … Das schließt zugleich die Absage an jedwede fixe und konventionelle Erziehungsmaßstäbe ein. … Dieser ideale Mensch durchquert die „Natur“ und wird dabei Gott gewahr; er wendet sich den „Menschen“ zu und gelangt somit an Gott. Dieser sein Weg geht also nicht an der Natur vorbei und macht keinen Bogen um die Menschen.

Religiöses Kleingeld. Islamisches Einmaleins.

Die Natur dem Kalifat nutzbar machen. Und zugleich die muʿāmalāt-Dimension der Scharia erfüllen, jene Verpflichtungen, die Allāh dir den Menschen gegenüber aufgetragen hat und deren Nichteinhaltung, etwa, als Mann ohne triftigen Grund dem Freitagsgebet fern bleiben oder als Frau kein Kopftuch zu tragen und dem Ehemann ungehorsam zu sein, dich nach deinem Ableben in das Höllenfeuer eingehen lässt.

Bedauerlich, dass der Iraner lebenslang die universellen Menschenrechte nicht als wertvoll erkannt und verteidigt hat. Schariati hätte besser Pistazien gezüchtet und zur Geistes- und Religionsgeschichte der Menschheit geschwiegen, als sich (und die Geschichte) derartig zu verbiegen. So sehr kann die Jahrhunderte alte Scharia das Denken eines Menschen verzerren.

Der „einzelfallorientierte“ (willkürliche) Islam von Scharia und Fiqh hat sich nicht verändern können, er wird es auch nie. Der barbarische Kult hat den Hirnen und Leibern von muslimischen Intellektuellen wie Ali Schariati vielmehr den einzigen irdisch möglichen Verwendungszweck zugewiesen, nämlich zu jenem Geröll zu werden, den eine Armee zum Erreichen des Schlachtfeldes nun einmal braucht, zum Schutt der Aufmarschrampe des islamischen Faschismus.

Wer daraus nichts lernen möchte, wird die mordreiche Lektion wiederholen müssen. So lange wir Europäer oder Nordamerikaner unseren Politikern und Kirchenfunktionären nicht widersprechen können oder vielmehr wollen, die faktenfern behaupten, der Islam sei eine „im Kern friedliche Religion“, droht der islamische Totalitarismus auch in Europa mit klandestinen Geheimdiensten, Entführungen und Auftragsmorden Einzug zu halten. Der organisierte Islam der Scharia – und einen anderen organisierten Islam gibt es nicht – gefährdet im polizeilich und journalistisch kaum noch erreichten Abseits unserer Städte die freiheitliche Lebensweise längst mit Zwangsheirat und Ehrenmord, mit Polygamie sowie mit elf- oder zwölfjährigen schwangeren Bräuten, kurz, mit eben der Rolle der Frau, die der keinesfalls falsch verstandene Allahgott als sittlich einwandfrei und deine Seele rettend vorsieht.

Wer war und wer blieb Ali Schariati, der Zornige und Belesene, der antikolonialistische Aktivist, der Sohn des Tafsīr-Fachmannes, der religiös beseelte Antikommunist, der Kenner von Europas Geschichte und Literatur, der strahlende iranische Redner in Moscheen, auf Marktplätzen und in Universitäten, der Mann mit dem gewinnenden Lächeln, dessen Stimme jahrelang in Hunderttausenden von Iranern Stolz und Hoffnung erwecken konnte? Chomeinis Maskottchen.

Der Harlekin des Kalifats.

Jacques Auvergne

(1) Muslim, begebe dich in die Harmonie mit dem ursprünglich islamischen Weltall, übe dich in der absolute Befolgung, at-talbiya, in der einzig angemessenen Antwort auf die absolute Einladung: „Labbayka Hajjan – O Allah! I answer Your call to perform Hajj.“

“Labbayk, allahumma labbayk … – Dear God! I accept your invitation …”

Aus: HÜSSEYİN ALGÜL: »The blessed days and nights of the Islamic Year«, İzmir 2005 (Originaltitel: Mübarek Gün ve Geceler, 2004)

http://books.google.de/books?id=mk-E3rDUFgIC&printsec=frontcover#v=onepage&q&f=false

Scheich Muhammed Ali FARKÛS (Ferkous) aus Algerien (»Cheikh Ali Ferkous sort enfin de son silence et donne son avis sur la question de … «). Seine Fatwas finden sich unter http://www.fatawaferkous.com). Farkûs / Ferkous spricht zu uns über die einzig mögliche Annahme der einzig wahren Einladung, über die Talbiya, die von den Männern laut erfleht wird, die mit ihrer Stimme zur Verführung und Sünde verlockenden Frauen dürfen sie denken:

“Talbiya: is to say in hajj or in`Umra “Labbayk Allahumma Labbayk, Labbayk La Sharîka Laka Labbayk, Innal Hamda Wan Ni`mata Laka Wal Mulk, La Sharîka Lak (here I am at Your service O Lord, here I am, here I am. There is no partner to you. Here I am. Truly, the praise and favor is yours, and the dominion. There is no partner to you).”

“For this reason, a Muhrim woman in hajj or in `Umra makes Talbiya and does not rise her voice. The sharia ordered her also to clap her hands and not saying Tasbîh in the prayer, all this in order to avoid temptation and avoid falling into sin.”

http://www.ferkous.com/eng/Bk9.php

Die Xenophobie des Ali Schariati

Juni 16, 2010

التطابق

at-taṭābuq

Kongruenz

Das Nichtislamische verstoßen

Jacques Auvergne betrachtet die in Abadan gehaltene Rede Ali Schariatis: »Exploitation und Raffinierung der kulturellen Quellen«

Dem Betreiben von Konrad Adenauer dürfte es zu verdanken gewesen sein, das neue Verwaltungszentrum der vom barbarischen Faschismus befreiten drei westlichen Besatzungszonen, der Bundesrepublik Deutschland, in den Süden der Kölner Bucht zu legen. Nachfolgend siedelten sich die ausländischen Vertretungen im rheinischen Bonn an: China, Sowjetunion, USA, und, in der Godesberger Allee 133-137 (Presse- und Kulturabteilung), die Botschaft des ab 1979 alle Frauen unter den Ganzkörperschleier prügelnden iranischen Gottesstaates. Auf der besonders gesicherten dritten Etage dieses Hauses haben sich nach Informationen der The Federation of American Scientists (FAS) in sechs Büros und mit einem Radiosender ausgerüstet 20 Nachrichtendienstler Tag und Nacht darum bemüht, in der Bundesrepublik Militär- und Wirtschaftsspionage zu betreiben und die 100.000 deutschen Exil-Iraner zu überwachen (1).

Im Oktober des Jahres 1980 übersetzte die zwielichtige Botschaft der seit achtzehn Monaten für Allahgott folternden und mordenden Islamischen Republik die Rede »Exploitation und Raffinierung der kulturellen Quellen«, die der 1977 verstorbene Ali Schariati (ʿAlī Šarīʿīatī) vor Studenten der Stadt Abadan (Ābādān) gehalten hatte.

Abadan liegt im Tiefland unweit des südirakischen Basra (Baṣra) am Schatt al-Arab (Šaṭṭ al-ʿArab), dem Zusammenfluss von Tigris und Euphrat gelegenen) und ist ein Zentrum der Ölförderung. Im Ersten Golfkrieg (Iran–Iraq War), der 1980 begann und bis 1988 andauerte und vermutlich etwa 500.000 Tote forderte, davon etwa 60 % Iraner, wurde Abadan teilweise zerstört. Sechzig Prozent der Einwohner des inzwischen 400.000 Einwohner zählenden Abadan, das eine der größten Erdöl-Raffinierien der Welt beherbergt, sind in Clan-Strukturen lebende iranisch-schiitische Araber, daneben gibt es heute ethnische Südwestiraner von den Völkern der Bachtiaren und Luren, die erst um 1990 angesiedelt wurden. Kurz vor dem koranbasierten Umsturz von 1979 wurde Abadan von einem Terroranschlag heimgesucht, als dessen Auftraggeber der Islamist und bekennende Haupttäter Hossein Takbalizadeh die Vereinigung der kämpfenden Geistlichkeit verantwortlich macht: Im brennenden Kino Cinema Rex, das den 1979 entstandenen, tragisch-sozialkritischen Kriminalfilm Gavaznha („Hirsche“) von Masoud Kimiai zeigte, starben am 19.08.1978 mindestens 430 und bis zu 600 Menschen, im gesamten Iran wurden an diesem Tag Brandanschläge verübt, achtundzwanzig Orten.

Der Titel spielt auf den Vortragsort an und ruft zu, Stolz auf die iranische und vor allem islamische Geschichte und Identität auf, eine Erbschaft und Verpflichtung, die angeblich jeden Studenten wesensgemäß von einem französischen oder russischen, US-amerikanischen oder chinesischen Studenten unterscheide. Die Juwelen des Islam gelte es gewissermaßen bergmännisch zu heben und das koranbasierte iranische geschichtliche Erbe zum Aufbau einer neuen Zivilisation zwischen zwei bedrohlichen Imperien, zwischen Kommunismus und Kapitalismus zu verfeinern. Das traditionsreiche iranische Judentum und der iranische Zoroastrismus sind dem Redner keine Silbe wert. Schariatis Variante der Vaseteh- oder wasaṭīya-Konzeption („Mittigkeit“; Koran 2:143 As an umma, a nation justly balanced) wurde in jenen Jahren als „Na Sharghī, Na Gharbī! Neither East, Nor West!“ vernehmbar, ein Appell, den Großayatollah und Revolutionsführer Ruhollah Chomeini nur wenige Jahre später mit einer gewissen Veränderung oder Ergänzung als revolutionären Sprechchor verbreiten ließ: „Na Gharbī, na Sharghī, Dschomhūrī-ye Eslāmī!“, und damit klar machen ließ, was für einen vernunftbegabten Menschen künftiglich das mittlere Maß und was von nun an unser aller politische Ausgewogenheit ist: „Weder West noch Ost – Islamische Republik!“

Die Botschaft der Islamischen Republik Iran lobte denn vor drei Jahrzehnten (1980) auch – posthum – den beliebten und begabten Redner und verwendete ihn, wohl nicht ganz zweckentfremdet, als Einweiser in die sich auf Mohammeds medinensische Staatsgründung berufende Allahkratie: „In den Jahren vor der Islamischen Revolution Irans war Ali Schariati bemüht, der jungen iranischen Generation ein neues kulturelles Bewusstsein zu vermitteln. Er hatte erkannt, dass ohne dieses Bewusstsein ein Aufbegehren gegen den von innen und außen erzwungenen Modernismus nicht möglich ist. … Er forderte daher die Rückbesinnung auf die echten kulturellen Werte und lehnte jede unreflektierte Übernahme der zur Entfremdung führenden Ersatzkultur ab (Seite 5).“

Bis heute sind Europas politisch ambitionierte Koranleser zwischen Necmettin Erbakan, Tariq Ramadan, Mustafa Cerić und Pierre Vogel darauf angewiesen, die universellen Menschenrechte, nicht zuletzt die Gleichberechtigung von Mann und Frau, als „modernistisch“ zu klassifizieren, als widernatürlich und gotteslästerlich oder jedenfalls als dringend multikulturell zu ergänzen, allein die Legalisierung der ewigen Scharia, zunächst zumindest im Familienrecht, bewahre die Muslime davor, sich zu „entfremden“. Unentbehrlich zu diesem System heilssichernden Wohlverhaltens, hier sind sich Schiiten und Sunniten einig, sei die Verhüllung des weiblichen Leibes mit, funktional bewertet, allzu großzügig geschnittenem Stoff, mit einem Schleier, dessen Minimalvariante das so genannte Kopftuch darstellt, das auch Lehrerinnen im staatlichen Schuldienst nicht vorenthalten sein darf.

Schariati:

7. Verehrte Zuhörer, meine Damen und Herren, Kommilitonen! … Eine Nation, eine Gesellschaft verfügt sowohl über wirtschaftliche Quellen und Bodenschätze als auch über kulturelle und geistige Quellen, sie sich im Laufe der Geschichte angehäuft haben.

Durchaus in der Manier eines Nationalisten verherrlicht Muslim Schariati in der von schiitischen Arabern bewohnten Stadt das der Gottheit wohlgefällige Eigene und setzt das dämonisch Fremde herab, iranische Geschichtstümelei mit dem koranisch vorgegebenen Hass auf alles Nichtislamische verschmelzend. Der Redner fordert die heilige Abwendung von einem Zustand der ökonomischen und spirituellen Unwürdigkeit:

8. Ein Volk kann … aus Rückständigkeit und Dekadenz in einen Zustand der geistigen und sozialen Kreativität und Aufbautätigkeit übergeleitet werden.

Weltbürgerlichkeit habe man genügend bewiesen. Vom inhumanen Europa könne man ohnehin nichts Nützliches lernen:

8. In den letzten Jahrzehnten hat die neue, gebildete Generation Asiens und Afrikas die philosophischen, kulturellen und geistigen Schulen Europas unmittelbar kennengelernt. … Phrasen, die uns nichts angehen, die mit unserem Schicksal, mit unseren Sorgen und Problemen nichts zu tun haben. Der Orientale leidet unter Hunger, der Abendländer unter Übersättigung.

Schariati holt die Antikapitalisten und Kolonialismuskritiker in Orient und Okzident ab. Zugleich initiiert er die Bereitschaft, die Welt in kulturrelativistischer Weise zu denken, es gebe eine Mehrzahl von Weltregionen, deren Standards nicht aufeinander zu übertragen seien. Was unter den radikalen Konstruktivisten der europäischen Sozialen Arbeit von heute und bei den Multikulturalisten des halbernst gemeinten deutschen Integrationsbetriebs auf Zustimmung stoßen dürfte, denn endlich hat man mit Ali Schariati die Erlaubnis, diese nervenden Standards der AEMR und die frauenrechtlichen Forderungen einer Alice Schwarzer nicht auf die irgendwie so geheimnisvoll andersartige Spezies übertragen zu müssen, auf die von „Alterität“ und „Differenz“ gekennzeichneten und damit nahezu außerirdisch anmutenden Muslime, auf die mehr oder weniger freiwillig im Einklang mit Sunna und Scharia lebenden Einwanderer in Köln-Ehrenfeld oder Duisburg-Marxloh.

Man kann den edlen, aufregend männlichen Wilden so lassen, wie er ist, auf Wunsch polygam, der Ehefrau das Ausgehen verbietend und der Tochter das Heiraten eines Nichtmuslimen oder das Zusammenleben mit einer Frau oder ein Leben als Ledige, und so preist man als Prof. Dr. Ursula Boos-Nünning die „Virginität“, den Jungfernhäutchenkult, und die arrangierte Ehe. Wenn man als Sozialdezernent oder Sozialpädagoge erst allüberall im Bildungsbereich und Arbeitsleben das Kopftuch zulässt und die spirituelle Burka gleich mit, wird die Integration schon gelingen, so schlimm ist die Implementierung der Scharia ins Rechtssystem ja auch wieder nicht, wie uns Rowan Williams, Mathias Rohe, Christian Giordano und Mustafa Cerić erläutern, und überhaupt bleibe der Islam eine „im Kern friedliche Religion“, wie die Herren Pöttering und Köhler versichern. Zurück zu Schariati.

Beides sei verkümmert und müsse geschichtsbewusst und koranbasiert neu organisiert werden, Ökonomie und Kultur des Iran, unabhängige Nutzung der Bodenschätze und religionszentriertes Geistesleben, sonst drohe eine Fortsetzung der Abhängigkeit und eine Zukunft als wirtschaftlich ausgebeutete und auch seelisch versklavte Kolonie der US-Amerikaner und der Europäer:

12. Wenn eine Gesellschaft nicht fähig ist, ihre materiellen Ressourcen in ihren Dienst zu stellen, finden sich andere Gesellschaften, die diese Fähigkeit besitzen und davon Gebrauch machen. … Der aufgeklärte Europäer, der den Orient besser kennt als wir Orientalen, benutzt unsere kulturellen und geistigen Quellen und schafft neue philosophische Schulen und Ideen.

Schariati fährt mit seiner sanften Volksverhetzung fort: Europa sei der ewige Feind des Orients, das Territorium der Widersacher der schariatreuen Humanität, Irans Zukunft liege im politischen Anti-Okzidentalismus:

13. Der Gegner, der ein Volk um seine Unabhängigkeit und nationale Identität bringt, lehrt es am besten, wie es sie wieder zurückerlangt. Daher ist es notwendig, zu ergründen, wie wir durch den Westen von unseren kulturellen und geistigen Quellen abgeschnitten wurden.

Von der eigenen Makellosigkeit und Unschuld überzeugt zu sein, ist ein Ausdruck orthodox-muslimischen Selbstbewusstseins und enthemmter Lernverweigerung. Ein sehr islamisches Denken offensichtlich, mit dem Finger auf das Gegenüber zu zeigen und zu sagen: „Der da hat angefangen!“ So wird das nichts mit dem Ankommen in der kulturellen Moderne.

Die Internationale der Antiokzidentalisten hingegen sei human, da sie islamisierungsfreundlich ist und auf volle Frauenrechte und Pressefreiheit verzichtet:

14. Hätten wir lieber statt Bert BRECHT Katib YASIN gelesen, anstelle von Jean Paul SARTRE Omar MOULUD oder Omar EZGAN kennengelernt, statt Albert CAMUS Frantz FANON gelesen, um uns kennenzulernen.

Der algerische Schriftsteller Yacine KATEB (1929-1989) ist gemeint, der unter dem Künstlernamen »Kateb Yacine« schrieb, ein moralischer Anwalt für die Minderheitenrechte der Berber, der sich ab 1947 zum Kommunismus bekannte. Der Aktivist mischte Lokalpatriotismus oder auch Xenophobie mit Atheismus und Islamresistenz: „L‘ Algérie arabo-islamique est une Algérie contre-nature.“ Kateb Yacine arbeitete kürzere Zeit als Dockarbeiter und dann als Journalist, lebte vorübergehend in Paris, lernte 1954 Bertolt Brecht kennen, hielt sich zeitweilig in Kairo auf und nahm eine Einladung in die Deutsche Demokratische Republik (DDR) an. Der Religionskritiker und Kopftuchgegner trat für die Gleichberechtigung der Frau ein, Schariafreund Schariati muss ihn also missverstanden haben, und setzte sich für das Tamazight, die Berbersprache ein. Sohn Amazigh Kateb singt heute bei der französischen Musikergruppe »Gnawa Diffusion«, die er 1992 in Grenoble gründete (2).

Frantz Fanon (1925-1961) war ein auf Martinique geborener Psychologe, Politiker und Autor. Der Ideologe der Entkolonialisierung und Unterstützer des 1954 gegründeten algerischen, nach der gewonnenen Unabhängigkeit Sozialismus mit Islambegeisterung verschmelzenden »Front de Libération Nationale« (FLN, Ǧabhat al-Taḥrīr al-Waţanī), der Nationalen Befreiungsfront, wird in radikalislamischen Kreisen ebenso wie bei Europas linksradikalen Proislamisten mit Begeisterung zitiert. Bei ahlu-sunna.com etwa verbreitet ein gewisser Mohammed Isa ein Wort von Frantz Fanon: „Das Problem ist klar: die Fremden müssen verschwinden. Bilden wir eine gemeinsame Front gegen den Unterdrücker und verstärken wir diese Front durch den bewaffneten Kampf“ und betreibt auch gleich dschihadistische Nachrüstung mit Malcolm X: „Wenn du nicht bereit bist, dafür zu sterben, dann streiche das Wort »Freiheit« aus deinem Vokabular (3).“

Mit billigem Rechtspopulismus ruft Schariati zum Verwerfen des „Westlichen“ auf, zum Boykott von einem populären amerikanischen Erfrischungsgetränk und zur Hinwendung zum Iranisch-Nationalen, das sich bei Schariati bekanntlich aus der Quelle namens Religion oder vielmehr Allah speist. Der Feind sei im eigenen Volk zu finden, als der gemeine Gewalt anwendende, prowestliche Dekadente:

22. Wir haben nicht einmal mehr die Fähigkeit, unsere Getränke auszusuchen. Welcher [Iraner] hat schon den Mut zu sagen: Mir schmeckt kein Coca Cola? Was geht dich das an, was hast du denn schon zu bestimmen, dass dir kein Cola schmeckt, sondern Buttermilch? Schämst du dich denn nicht, so etwas zu behaupten, auch wenn du dein Leben lang Buttermilch getrunken hast?

Das mag ja in humorigem Stil vorgetragen worden sein und von den Studenten der Stadt des Erdöls Abadan mit Erheiterung aufgefasst, doch lässt sich denken, wie sehr ein nationalistisch-iranischer und zunehmend streng an der Scharia orientierter Konformismus das Klima auf dem Universitätsgelände bestimmt haben mag: Jeder Student erhält aus der Hand Ali Schariatis den Freibrief, den Sympathisanten des amerikanischen oder europäischen Lebensstils als Landesverräter zu brandmarken und die Forderung nach vollen Rechten für Atheisten und Frauen für einen fortgesetzten Versuch der Zerstörung der islamisch-iranischen Kultur und Erhabenheit.

Dabei gibt sich Schariati keinesfalls als Theoretiker, sondern inszeniert sich den jungen Menschen als orthopraktisches Vorbild an gereinigter, „entwestlichter“ Gesinnung, fordert die konsequente orientalisch-islamische Lebensweise, ohne dass wir wissen, ob der Redner zur Stunde europäische Straßenschuhe oder arabische Sandalen trug. Mit der unfreiwillig albernen, verbissenen Logik eines xenophoben Trägers von Trachtenjankerl und Lederhose berichtet Schariati aus dem fernen Europa:

23. Als ich in der Schweiz einen Freund aufsuchte, sah ich, dass er ein Paar orientalischer Schuhe an die Wand seines Zimmers gehängt hatte. „Was ist das?“ fragte ich ihn. „Rückbesinnung auf mich selbst,“ erwiderte er. „Das ist keine Rückbesinnung, wie du glaubst. Wenn du dich wirklich auf dein Iranertum besinnen willst, musst du wissen, dass der Iraner seine Schuhe nicht an die Wand hängt, sondern vor die Tür stellt, um sie anzuziehen. Wenn du dieses orientalische Schuhwerk angezogen [hättest] und damit auf die Straßen von Genf gegangen wärest, hätte ich verstanden, wie ernst du es meinst.“

Traditionsbewusstsein oder die ernste Suche nach dem Authentischen könnte uns ebenso anrühren wie fröhlich-geradlinige Heimatliebe, doch bemüht sich Schariati nicht, etwaigen schamanisch-animistisch inspirierten oder mutterrechtlich organisierten Stämmen der islamisch beherrschten Erdteile auf die Spur zu kommen oder auch der Lebensweise und Ethik der diskriminierten orientalischen Christen seiner Gegenwart, sondern verteufelt das Vaterlandsvergessene beziehungsweise Uniranische an sich, und, an dieser Stelle des Vortrags noch etwas wenig hörbar, dämonisiert er ebenso alle Unislamische oder gar Islamfeindliche.

24. Die kolonialistische Soziologie Europas hat es richtig verstanden: Um dem Orient die Identität zu nehmen, ihn ohne Mühe auszuplündern, irrezuführen und zu regieren, musste man ihn von seiner Geschichte trennen; sobald er die Identität verliert, läuft er mit Stolz und Opferbereitschaft dem Westen nach.

In den Grenzen der immerhin bereits 1948 verfassten Menschenrechte lässt sich eine antikolonialistisch motivierte innere Bewegtheit der Menschen im damaligen Iran sicherlich gut nachvollziehen (und vielleicht auch bei den Ägyptern zur Zeit des Baus des Suez-Kanals, einem Milieu, dem Ḥasan al-Bannā entstammte bzw. das er nutzen konnte, der Gründer der Muslimbruderschaft). Schariati vernebelt hier Menschenrechte und koloniale Ausbeutung ganz bewusst, um jeden Atheisten und jede Frauenrechtlerin als einen Agenten der Ausbeuter darzustellen. Damit lädt er die Schuld auf sich, der Islamischen Revolution den Weg bereitet zu haben. Den Totalitarismus von Sunna und Scharia, die Willkür und der geheiligte Sadismus der Islamischen Sakraljurisprudenz des Fiqh kannte Schariati gut genug, er hat hier ganz bewusst zur Menschenrechtswidrigkeit der Scharia geschwiegen, stattdessen mit grandiosem Gestus Coca-Cola verworfen.

Cola-Gegner Schariati wurde erhört. Im Jahre 2002, in welchem Saudi-Arabien zum Cola-Boykott aufrief, erfand der in Frankreich wohnhafte Tawfik Mathlouthi die proislamistische, antijüdische und propalästinensiche Variante des Cola-Trinkens, Mecca-Cola. Mecca-Cola, deren Unternehmenssitz mittlerweile in Dubai (Vereinigte Arabische Emirate) ansässig ist, sponsorte das im Oktober 2003 in Malaysia abgehaltene Gipfeltreffen der Organisation of the Islamic Conference (OIC), ihre trinkbare antiwestliche Gesinnung war dabei offizielles Getränk jener Organisation, deren Kairoer Menschenrechtserklärung von 1980 alle Gesetze unter den Vorbehalt der Scharia stellte (4).

Nun wird Schariati fromm und erweist sich zwar als Muslim, aber ebenso, die aus seiner Sicht moralisch angekränkelten Europäer betreffend, als ein Führer der etwas minderwertigen Dhimmis zur ehrlichen christlichen Gottesfurcht, stammt doch alle Humanität von Allahgott und war Martin Luther, ohne es zu wissen, durch Mohammed inspiriert:

26. Die Islamisierung des Christentums während der Kreuzzüge hat den Protestantismus hervorgebracht. Ein Teil des Christentums wurde zu einer protestierenden und kritisierenden, einer profanen, auf dem materiellen und sozialen Leben beruhenden Religion. Das Christentum, das während der tausendjährigen Periode des Mittelalters den Stillstand bewirkte, wurde zu einem Faktor der Bewegung und des Aufbaus in Europa. Die Behauptung, die Absage an die Religion in der Renaissance habe die moderne Zivilisation hervorgebracht, ist falsch. … Es war der Protestantismus, der die neue Zivilisation hervorbrachte.

Das Fünfzehnte und Sechzehnte Jahrhundert sei also beinahe die gesamteuropäische Herrschaft Allahs gewesen, nur zum Islam hätten die Abendländer noch übertreten müssen. Dann wäre das Paradies auf Europas Erden zum Greifen nahe gewesen, denn:

26, 27. In der Renaissance gab es keinen Materialismus und Atheismus. Die führenden Köpfe und Persönlichkeiten der Renaissance waren alle religiös. … Die Bewegung der Renaissance kam nicht zustande, um eine Absage an die Religion zu erteilen. Damals kam man noch nicht auf die Idee, wie Hitler die Geschichte erst ab heute zu erschaffen.

Wie Hitler, ja, und wie Mohammed, der Zerstörer der altorientalischen Kultur und der altarabischen Erinnerungsfähigkeit.

Mao, Hitler und Mohammed stehen für den totalitären Kunstmythos, der, einer Explosion einer Atombombe gleich, Geschichtlichkeit, Zweifel und Zwischentöne auslöscht zu einem ewig wiederholten Jetzt. Widersacher dürfen für das bewahrte oder gesteigerte Allgemeinwohl getötet werden. Soziales Wohlverhalten mit allgegenwärtigen Geheimdiensten und gewalttätigen Sittenwächtern durchgesetzt, jeder Mensch ausgelöschten Eigenwillens, jedes Ex-Individuum hat sich in Orthopraxie zu üben. Dissidentenmord wird bei Mohammed, Hitler und Mao zum „schönen, wohltätigen“ Handeln und hebt die glaubensbewegte „Harmonie“. Man stimme gefälligst mit ein in das Gejubel der Eintracht.

Harmonierhetorik pur: Derweil in China jährlich etwa 8.000 Menschen hingerichtet werden (5) und während die Volksrepublik die Militärdiktatur des kleinen Nachbarlandes Myanmar kalkuliert (Burma hat demnächst einen Tiefwasserhafen, das an Wäldern arme China braucht den Rohstoff Holz (6)) billigt, lautet eine Aufschrift am Pekinger Tor des Himmlischen Friedens, an dem Mao Zedong am 01.20.1949 die Volksrepublik China ausrief „Lang lebe die Einheit der Völker der Welt.“

Schariati fordert eine Islamische Restauration, Renaissance oder Revolte, einen Islamischen Protestantismus. Es gelte, analog zu den Europäern zu handeln, historisierend-orientalisch und anti-europäisch, parallel zu ihnen, nationaliranisch und radikalislamisch, dabei aber nicht auf ihre Lügen hereinzufallen, mit denen sie ihr aggressives Christianisierungsbestreben im falschen Namen von Demokratie oder Menschenrecht tarnen:

27. Was bedeutet Renaissance? Renaissance ist die Rückkehr zu den alten griechischen Quellen, die im Mittelalter unerkannt blieben. Sie bedeutet keinen Abfall vom Christentum, sondern die Umsetzung des christlichen Empfindens, der christlichen Kultur von einem Zustande der Schwäche, des Stillstands, in einen Zustand der kritischen, konstruktiven, intellektuellen und beweglichen Zielsetzung, das heißt, in den Protestantismus. Diese Entscheidung der europäischen Intellektuellen im 15. Jahrhundert und in den beiden darauffolgenden Jahrhunderten bewirkte die große westliche Zivilisation von heute; nämlich die Entscheidung, auf die westlichen kulturellen Quellen der alten Griechen und Römer sowie auf die großen Quellen der christlichen Glaubenslehre zurückzugreifen. … Das haben sie getan, und erreicht, was sie wollten. Warum erzählen sie uns das Gegenteil? Sie hätten sich von der Religion losgesagt …

So gesehen – radikalislamisch – wird jede Demokratisierung eines außereuropäischen Landes zur Christianisierung und wird das weltweite Umsetzen von allgemeinen Menschenrechten, also auch von Frauenrechten, zu einem Akt der Versklavung der Muslime durch die europäischen und nordamerikanischen Kolonialherren. Nicht viel anders argumentieren Murad Wilfried Hofmann, Recep Tayyip Erdoğan und Pierre Vogel, und allen dreien kann man leider nicht nachsagen, die Scharia falsch verstanden zu haben.

Die Scharia will die Erniedrigung der Frau, das sklavenähnliche Leben der Juden und Christen und den Mord an jedem bekennenden Islamapostaten. Einen anderen Islam gibt es seit 1.400 Jahren leider nur in der von Barbara John, Ursula Boos-Nünning, Armin Laschet oder Mathias Rohe inszenierten Als-ob-Wirklichkeit der wenige Stunden währenden Akustik der Integrationsdebatten oder auf den Bühnen der beispielsweise um den katholischen Theologen Thomas Lemmen und Ehefrau Melanie Miehl kirchlich organisierten (finanzierten) rituellen Islambeschwichtigung: Den „im Kern friedlichen“ Dialog-Islam.

Die Scharia ist nicht modernisierbar, die diesbezüglichen Projekte von Abdullahi Ahmed an-Na’im in den USA und Mathias Rohe in Deutschland gefährden die Demokratie und arbeiten auf die zu vermeidende Rechtsspaltung hin. Wir wollen das einheitliche Recht, keine islamrechtlich befreiten Zonen mit Vielweiberei und dem nur maskulinen Aufenthaltsbestimmungsrecht über das Kind. Schariati:

29. Was müssen wir nun tun? Wir müssen die Kontinuität der Kultur wiederherstellen.

So ungefähr sagt es in Deutschland auch die NPD.

Von Menschenrechten spricht Schariati gar nicht erst, er will sich durch das beängstigende Weltall am alleinig rettenden Strick, der bekanntlich mit einem Ende an der mohammedschen Vergangenheit festgeknotet ist, in die Zukunft zu Allahgott entlang führen lassen. Der so genannte Denker möchte vom Medinastaat ins Paradies hangeln wie einst der Theseus am Ariadnefaden durchs grausige Labyrinth krauchte.

Doch noch sei der echte, wahre Islam verschüttet, ein Schulfach Islamischer Religionsunterricht sei in das derzeitige Schulsystem, das Teil des antimuslimischen und prowestlichen Systems ist, Adorno: Es gibt kein richtiges Leben im Falschen, gar nicht integrierbar, wie Schariati ob seiner frechen Unorthodoxie etwas in Hektik geratend befindet:

29. Unter diesen Umständen gibt es nur einen einzigen Weg, nämlich sie [die Religion] aus dem Programm zu streichen. Man sollte die Religionskunde aus dem Programm streichen, damit die Absolventen überhaupt nicht wissen, was Islam ist. Sie sollen nichts darüber gehört haben. Nur so können sie später den wahren Islam kennenlernen und verstehen.

Der nach Ali Schariati makellose Ur-Islam ist vorläufig individuell zu verherrlichen. Spontanverherrlichung, sozusagen. Millionenfach.

Schuld an der derzeitigen Wahrnehmungsstörung der Muslime zu ihrer orientalischen Geschichte und Kultur sowie vor allem zum Islam ist der „Westen“:

31. Die Abendländer haben leider unsere Geschichte im Gegensatz zu der Geschichte der Afrikaner nicht verleugnet, sondern gesagt, ihr habt eine, aber in dieser Form. Wir haben sie uns angesehen und uns davor geekelt.

Die Scharia ist für aufgeklärte Menschen ekelhaft, nicht so für Herrn Schariati.

31. Wir flüchteten vor dem Bild, das von uns gezeichnet wurde, und nahmen Zuflucht bei der europäischen Kultur

Unsinn, der so genannte islamische Teil der Welt braucht Pressefreiheit, keinen Wiener Walzer, Frauenrechte und Religionsfreiheit statt Currywurst.

Dieses „Bild in den Köpfen“ der Menschen über den Islam sei schrecklich verzerrt. Dem Anschein und der Tatsache ist als frommer Muslim eben niemals zu trauen. Eine Art von Bildersturm muss her:

31. Unser Ausweg besteht darin, dieses Bild zu zerstören und … unsere großen kulturellen Quellen bewusst … zu erforschen und zu bearbeiten – aber nicht so, wie es der Westen für uns getan hat, wovor man sich ekeln muss.

Die neunjährige Ehefrau und die Steinigung der Ehebrecherin ist für Ali Schariati völlig in Ordnung, sich vor dem per Imam-Ehe legalisierten Sex mit einem kleinen Mädchen oder vor dem Anblick der das gesamtmuslimische Seelenheil rettenden zerschmissenen Frau zu ekeln ist für den revolutionären Feingeist hingegen gar nicht in Ordnung.

31. So wie wir in der Wirtschaft die Rohstoffe in Energie umwandeln und große Industrie- und Produktionsstätten aufbauen, Bewegungen entfesseln, so müssen wir auch im Denken, in der geistigen Tätigkeit, in der Bildung unserer Persönlichkeit und kulturellen Unabhängigkeit handeln.

Der fromme Antikommunist und Antikapitalist sagt ungefähr: Iraner, macht euch bereit für Allahs irdische Herrschaft. Wie wir heute wissen, hat das iranische Volk dem angeblichen Modernisierer des Islam erfolgreich gelauscht.

Jacques Auvergne

(1) The Federation of American Scientists (FAS). „One example of the coordinated efforts of Iranian intelligence is found in Iran’s diplomatic mission in Bonn at Godesberger Allee 133-137, which is the headquarters of the Iranian intelligence services in Europe. Some 20 staff members work for the Ministry of Intelligence and Security, and representatives from other agencies also use the embassy’s specially secured third floor, where six offices and a radio room are reserved for the agents. From the six-story building in the government district the services monitor the 100,000 Iranians living in Germany, harass undesirable opposition members, and attempt to procure technology in Germany for the production of nuclear, chemical, and biological weapons. In the German language area alone, there are as many as 100 firms allegedly under Iranian influence for the procurement of such sensitive technology. Other bases of operations include the consulates in Frankfurt and Hamburg, and the „Imam-Ali Mosque“ in Hamburg, said to be the largest Muslim religious center outside the Islamic world.“

http://www.fas.org/irp/world/iran/jcso.htm

(2) »Gnawa Diffusion«

Gnawa ist die Musik der im 16. Jahrhundert schariakonform verschleppten und verkauften dunkelhäutigen Sklaven (Ghnaoua), die später regional eine veritable Sufi-Tariqa darstellten und ihre sehr afrikanisch gebliebene Musikkultur oberflächlich islamisierten

http://mon.algerie.voila.net/images/Actu07_Gnawa.jpg

»World Music Central. Your Gateway to the World of Music« stellt die Band »Gnawa Diffusion« vor:

“France has had a long tradition of producing bands specialized in „musical fusion“. Listening to the rich musical cross-over in the work of Gnawa Diffusion, it appears that this term might very well have been invented to define the innovative new sound of Amezigh Kateb’s band. The members of Gnawa Diffusion, who are based in Grenoble in the South East of France, come from a rich mix of musical and cultural backgrounds. Fusing their individual influences into a collective sound, Gnawa Diffusion have woven elements of rap, ragga, jazz, reggae and rai into a vibrant musical patchwork.”

http://worldmusiccentral.org/artists/artist_page.php?id=4790

(3) »Islam nach Quran und Sunnah und dem Verständnis der as-Salih« lässt im Chat über »Die Wiederbelebung des Islam« Frantz Fanon verwenden.

http://www.ahlu-sunnah.com/threads/23131-Wiederbelebung-des-Islam

Über Administrator Tariq erfahren wir: „Geschlecht: Männlich, Religion: Islam, Glaubensrichtung: Ahlu Sunnah, Herkunft: Deutschland/Marokko.“

http://www.ahlu-sunnah.com/members/2548-Tariq

Das englische Wikipedia nennt Fanon unter Black nationalism (Nationalisme noir)

http://en.wikipedia.org/wiki/Black_nationalism#Frantz_Fanon

Nationalisme noir

http://fr.wikipedia.org/wiki/Nationalisme_noir_aux_%C3%89tats-Unis

(4) Mecca-Cola, propalästinensich. Ne buvez plus idiot, buvez engagé – Trinken Sie nicht mehr dumm, trinken Sie engagiert!

http://en.wikipedia.org/wiki/Mecca-Cola

Allahgott und der Cola-Feind Schariati können zufrieden sein, seit 1979, seit der Islamischen Revolution, trinkt Teheran Zam Zam Cola

http://en.wikipedia.org/wiki/Zam_Zam_Cola

Seit 2005 gibt es Qibla-Cola

http://en.wikipedia.org/wiki/Qibla_Cola

(5) China und die harmonisierende Todesstrafe. Bei Wiki, Quelle siehe unten (HRIC), findet sich der Hinweis: „Liu Renwen, ein Professor am internationalen Rechtsinstitut der chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften äußerte, dass in China ca. 8.000 Menschen pro Jahr hingerichtet würden. Damit würden in China etwa 20 Mal so viele Todesstrafen verhängt wie in allen anderen Ländern der Welt zusammen.“

http://de.wikipedia.org/wiki/Menschenrechte_in_der_Volksrepublik_China#Todesstrafe

In THE MYSTERY OF CHINA’S
DEATH PENALTY FIGURES berichtet Wang Guangze: “China executes an estimated 8,000 people each year, nearly 20 times the number of people executed in all other countries combined.”, veröffentlicht bei: HRIC, Human Rights In China

http://hrichina.org/public/PDFs/CRF.2.2007/CRF-2007-2_Mystery.pdf

HRIC, Human Rights In China

http://hrichina.org/public/index

(6) Warum China ein möglichst undemokratisches Burma braucht. Über den geplanten Tiefwasserhafen berichtet die in Düsseldorf erscheinende Wirtschaftswoche in ihrer Online-Ausgabe wiwo.de vom 08.10.2007.

In »Der hässliche Verbündete« weiß Matthias Kamp:

„Vor allem die großen Rohstoffvorkommen Myanmars haben Pekings Begehrlichkeiten geweckt. Allein die nachgewiesenen Gasvorkommen von 540 Milliarden Kubikmetern sind mit die größten in Asien. Dazu kommen Nickel, Kupfer, Erdöl und das so dringend für den chinesischen Bauboom benötigte Holz. … Kyauk Phyu, etwa 600 Kilometer westlich von Rangun, soll einen Tiefwasserhafen bekommen, über den Öl und Gas aus Afrika und dem Nahen Osten dann nach China fließen werden. Der teure und zeitaufwendige Seeweg über die Straße von Malakka wäre dann für Chinas Importe und Exporte überflüssig.“

http://www.wiwo.de/politik-weltwirtschaft/der-haessliche-verbuendete-228762/

Iran 2009. Dreissig Jahre Gottesstaat

Juni 25, 2009

ولايت فقيه

velāyat-e faqīh,

der Führerstaat der islamischen Juristen

Velāyat-e faqīh, sakrale Diktatur

Jacques Auvergne, 24. Juni 2009

Die Weltöffentlichkeit erkennt erschüttert, wie seit sieben Tagen das private und öffentliche Leben in allen Städten der seit 1979 brutal herrschenden reaktionären Theokratie des Iran von Angst und Verhaftungen, von prügelnden Sicherheitskräften und vor allem von den von Zehntausenden und sogar Hunderttausenden von Menschen getragenen Demonstrationen bestimmt wird. Das iranische Volk bekundet seinen berechtigten Protest gegen eine gefälschte, ohnehin scheindemokratische „Wahl“ eines alten oder neuen Präsidenten und protestiert mittlerweile auch gegen die Verhaftungen und gegen die Morde durch die uniformierten oder zivilen Schergen des Gottesstaates, Morde, denen in der letzten Woche fünfzig Menschen zum Opfer gefallen sind.

Stimmen nach Abschaffung der vordemokratischen Verschmelzung von Justiz und Religion werden laut, jener barbarischen, velāyat-e faqīh genannten Konzeption, die der angeblich unfehlbare Theofaschist Rūhollāh Chomeinī stiftete und nach der heute Ayatollah Seyyed Alī Chāmene’ī beispielsweise über die Verfolgung von Gotteslästerung gebietet sprich die staatliche Pressezensur vergöttlicht oder durch ein von ihm 1990 gegründetes Inquisitionstribunal namens „Sondergerichts für die Geistlichkeit“ jeden nonkonformistischen Prediger zum Schweigen bringen darf.

Nach drei Jahrzehnten einer ‚geheiligten‘ Frauenentrechtung und permanenten Überwachung und Einschüchterung, nach 30 Jahren Gottesstaat (schiitische Allahkratie) ohne Rechtssicherheit, Meinungsfreiheit oder Pressefreiheit wird nun endlich international wahrgenommen, dass die Regierung vom Volk nicht länger getragen wird. Eine Regierung oder besser ein Repressionsapparat in der Nachfolge des Ayatollah Chomeini und damit in der antiaufklärerischen Tradition der Islamischen Revolution und des der kulturrassistischen Scharia verpflichteten Wächterrates.

Die Wahl vom Juni 2009 war eine Farce, denn es hat aufgrund der allgegenwärtigen Überwachung niemals darum gehen können, die sich auch in Blasphemiegesetzen und Steinigungen darstellende geheiligte Diskriminierung, wie sie jeder Scharia nun einmal innewohnt, in Frage zu stellen. Das Recht auf Leben, und nur das Leben sollten wie als heilig anerkennen, ist in einer islamischen Theokratie, sei sie nun sunnitisch oder schiitisch, gemäß der Scharia für Gotteslästerer oder viele Straftäter nicht gegeben. Die jeder kulturellen Moderne zugrunde liegende Trennung von Staat und Religion ist nach der islamischen Pflichtenlehre konzeptionell verhindert, es gilt, wie mittlerweile übrigens auch in Afghanistan und im Irak, nicht der Vorbehalt der universellen Menschenrechte, sondern der Schariavorbehalt.

Eine in der manichäischen (und leider auch zutiefst islamischen) seelischen Zerrissenheit vom imaginierten Kampf des Lichtes gegen die Finsternis sowie vom endzeitlichen göttlichen Kriegsführer des so genannten Mahdi redende iranische Regierung greift nach der Atombombe. Doch auch ohne den Besitz von Nuklearwaffen ist die Menschenrechtssituation im Iran für die politische Lage eben auch Europas und Deutschlands von großer Bedeutung, denn der politische Islam als eine aggressive, weltweit vernetzte Bewegung preist den Teheraner Gottesstaat und die Islamische Revolution von 1979 als Referenzmodell der gesellschaftlichen ‚Umgestaltung‘. Der weltweite Islamismus ist bestrebt, die Islamische Republik Iran als eine bei der iranischen Bevölkerung angeblich hoch anerkannte Staatsform darzustellen, um der vormodernen und gegenmodernen Lebensweise nach Sunna-Fundamentalismus und Scharia-Doktrin im Libanon, in der Türkei und nicht zuletzt auch in der Europäischen Union zu gesteigerter Geltung zu verschaffen.

Das Wort des Verteidigungsministers Peter Struck aus dem Jahre 2002 mag uns einfallen, die Sicherheit Deutschlands werde auch am Hindukusch verteidigt. Wovon allerdings womöglich weder die schiitischen Frauen Afghanistans, denen Präsident Hamid Karzai die juristische Sexpflicht auferlegen wollte, etwas gemerkt haben, noch die unter der Fahne ‚Schwarz-Rot-Gold‘ im Nordosten Afghanistans arbeitenden Bundeswehrsoldaten, die und deren Vorgesetzte wahrscheinlich gar nicht wissen, was politischer Islam oder was Scharia ist. Nicht einmal Wolfgang Schäuble bringt es über die Lippen, sich von der Scharia zu distanzieren, genau das aber haben wir von einem deutschen Innenminister jederzeit erfolgreich zu verlangen.

Seit mehr als einer Woche ist die iranische Bevölkerung den Angriffen der brutal vorgehenden Antiaufruhrpolizei ausgesetzt, täglich fallen irgendwo Schüsse und die von Passanten mit ihren Digitalkameras oder Mobiltelefonen aufgenommenen Fotos von prügelnden Polizisten oder Milizionären, von verletzten oder getöteten Frauen und Männern gelangen außer Landes, während die offiziellen ausländischen Journalisten in ihren Hotels auf Regierungsbefehl hin eingesperrt bleiben und an jeder Berichterstattung gehindert werden.

Kleinere Gruppen aus der Bevölkerung sind genötigt worden, an einer volkspädagogischen Jubelveranstaltung für den öffentlich redenden Mahmūd Ahmadīnedschād teilzunehmen und wurden mit Bussen etwa zum Vali-Asr-Square gekarrt. Der Valiasr-Platz und die zwanzig Kilometer lange Valiasr-Straße, die den ärmeren Süden Teherans mit dem wohlhabenderen Norden der Stadt verbindet, sind erst nach der Islamischen Revolution von 1979 so benannt worden und verweisen auf den für fromme Schiiten bedeutenden verborgenen ‚Zwölften Imam‘, den die iranische Verfassung von 1979 immerhin als Staatsoberhaupt benannte, dann aber doch vorzog, die Regierungsgeschäfte stellvertretend schon einmal anzupacken.

In diesen Tagen verweigern Hunderttausende von Menschen ihre Teilnahme an einem jeden organisierten Hofschranzentum und wissen, dass sie nicht für den Holocaust-Leugner und Israelhasser Ahmadinedschad, sondern für einen der beiden Gegenkandidaten, für den vor allem in Europa schon mal als Reformer gehandelten, im Iran recht beliebten Mir Hossein Mussawi oder für den reformfreudig daherkommenden Kleriker Mehdi Karrubi gestimmt zu haben.

Mussawi war Premierminister der Islamischen Republik Iran von 1981-1989, zu seiner Amtszeit erfolgten viele Verhaftungen, Misshandlungen und Hinrichtungen, gleichwohl verbinden 2009 mit dessen möglicher Wahl zum Präsidenten viele Menschen Hoffnung und bekunden das seit Wochen durch grüne Schleifen und grüne Armbinden. Eine grüne Welle des friedlichen Protests schwappt durch die Stadt Teheran.

Karrubi war lange Jahre prominenter Vertreter im Verband der kämpfenden Geistlichkeit (Majma‘-e Rowhāniyūn-e Mobārez), lehnt als Kleriker die wesensgemäß politische Scharia ebenso erklärlicherweise wie bedauerlicherweise nicht hörbar ab und wird mit einer vom Volk eventuell einmal gewünschten Trennung von Staat und Religion persönliche Schwierigkeiten haben.

Ohne Trennung von Staatsapparat und organisiertem Islam nämlich, und das gilt für jedes islamisch geprägte Land, wird es keine Gewaltenteilung geben können und damit keine freiheitliche Lebensweise also auch kein Klima, in dem Pressefreiheit, Religionsfreiheit oder Gleichberechtigung von Mann und Frau wachsen können.

Die Scharia (der orthodoxe Islam) entrechtet die Frau systematisch, und zwar ihrem totalitären, undemokratischen Anspruch nach weltweit und ewig, auch wenn Ihnen das Cerić, Erdoğan, Bekir Alboğa oder Schäuble so deutlich nicht sagen mögen. Islam muss säkular werden, Islam darf nie wieder Staat werden und jeder einzelne Muslim hat zu lernen, den „Ungewissheitsvorbehalt“ (Thomas Meyer: Fundamentalismus. Aufstand gegen die Moderne, 1989) der kulturellen Moderne dem ‚Schariavorbehalt‘ (Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam, 1990) des wesensgemäß nach politischer Macht strebenden islamischen Fundamentalismus als übergeordnet akzeptieren.

Die eingeschränkte Auswahl der Gegenkandidaten ist bedauernswert und beweist Demokratiemangel. Ein nachhaltiger Ausstieg aus dem totalitären Gottesstaat ist auch mit einem Sieg beispielsweise Mussawis nicht zu erzielen. Doch die Demonstrationen, die sich jeden Tag im Iran auf den Straßen und Plätzen versammeln, sagen der ganzen Welt: Die Menschen im Iran wollen den Wandel! Das iranische Volk geht auf die Straße, geht im wahrsten Sinne des Wortes seine eigenen Wege und demonstriert lautstark gegen den Noch-Präsidenten und für eine Wahlwiederholung oder gar für einen umfassenden Systemwechsel und gegen den politischen Islam. Die Lager sind pluralistisch und könnten gleichsam vorausahnend ein künftiges pluralistisches System, ein freiheitliches Mehrparteiensystem und einen rechtsstaatlichen Parlamentarismus erlebbar machen. Ohne die in der Verfassung festgeschriebene Gleichberechtigung von Mann und Frau jedoch wird es für den Iran keinerlei Freiheit geben.

Manche Menschen in Deutschland mögen sich der für Wahlfreiheit demonstrierenden Mannen an den Ruf „Wir sind das Volk!“ erinnert fühlen, der den glücklichen Mauerfall von 1989 einläutete. Großayatollah Hossein Ali Montazeri befand gar, die Staatsordnung sei in Gefahr, womit der mittelalterlich Empfindende auch noch völlig recht hat, soweit er die nun endlich in die greifbare Nähe gerückte Beendigung eines für sein eigenes Volk zum Gefängnis gewordenen „heiligen Staates“ und die Hinwendung zu einem an Aufklärungshumanismus, Wissenschaftlichkeit und Gleichberechtigung orientierten Staatswesen geht. Die Männer und Frauen im Iran lassen sich nicht vorschreiben, an eine „unfehlbare, göttlich inspirierte“ Führungsschicht zu glauben und rufen: »Weg mit der Diktatur!«

Auch im heutigen Deutschland debattiert man gelegentlich, mit dem berechtigten Ziel der Erhöhung der Lebensqualität, die Frage: »In welcher Gesellschaft wollen wir leben?« Heribert Prantl beantwortete diese Frage 2006 mit der Nennung von drei Qualitätskriterien: Demokratie, Rechtsstaat, Grundrechte. Die Menschen jedoch im Iran, ob Männer oder Frauen, seien sie jung oder alt, ob ihre Eltern mit der persischen, aserbaidschanischen, kurdischen, lurischen oder armenischen Sprache aufgewachsen sind und als orthodoxer oder säkularer Muslim, Zoroastrier, Bahai, Jude, Christ oder als ein Atheist sozialisiert worden waren, sie alle wünschen ein Leben in einer ‚anderen Gesellschaft‘ und sie fordern es und sie haben alles Recht der Welt, den Wandel des gesellschaftlichen Systems jetzt zu ergreifen. Genau so, wie die antifaschistischen oder Hitler-kritischen, teilweise im Untergrund, im Exil oder in der inneren Emigration lebenden Deutschen oder Angehörigen nationalsozialistisch besetzter europäischer Gebiete des Jahres 1943 oder 1944 alles Recht der Welt hatten, auf das Ende des schrecklichen Diktatur zu hoffen. Der Nationalsozialismus wurde schließlich bezwungen und auch der Theofaschismus der Mullahs wird zu Ende gehen und ein politisch, sexuell und religiös selbst bestimmtes Leben in Sicherheit und Freiheit ermöglichen.

Sei es in Tabriz, Isfahan oder Schiraz, in der eine starke arabische Minderheit aufweisenden Stadt der Erdölförderung Ahvaz, in der zweitgrößten iranischen Stadt Maschhad oder in Rascht und Babol am Kaspischen Meer, ob im kurdisch geprägten Kermanschah mit seinen 1,8 Millionen Einwohnern, in der Wüstenstadt Yazd oder im dreitausend Jahre alten Hamedan (antik Ekbatana), ebenso wie in der Hauptstadt Teheran demonstriert die Bevölkerung seit einer Woche jeden Tag in allen diesen und vielen anderen Städten. Ohne erst die autoritären Staatsorgane um Erlaubnis zu fragen und damit unter höchstem persönlichen Risiko. Die Machthaber vielmehr ließen Polizei oder paramilitärische Einheiten Teheraner Studentenwohnheime überfallen und verwüsten. Studentinnen und Studenten sind festgenommen und eingesperrt worden, ihre Freunde sind in einen Streik getreten und verweigern unter hohem Risiko die Prüfungen, viele Professoren haben sich mit den Studenten solidarisch erklärt.

Einige der inhaftierten Frauen und Männer sollen in das berüchtigte Evin-Gefängnis verbracht worden sein, dessen an Grausamkeit unübertreffliche Foltertradition in die Zeit des SAVAK-Geheimdienstes der sechziger und siebziger Jahre zurückreicht und die nach 1979 in Form von Steinigungen und anderen Hinrichtungen sowie von Folter und Vergewaltigung beibehalten worden ist, wie es etwa Marina Nemat (Ich bitte nicht um mein Leben) aus eigener Erfahrung beschreibt.

Ein Mittel der Herrschaft ist die nach 1979 gegründete „Pāsdārān“, jene einen Staat im Staate bildende „Iranische Revolutionsgarde“. Die Pasdaran-Garde stand ursprünglich einem radikalislamischen und zugleich extrem militanten Aschura-Märtyrertum nahe, Opferbereitschaft bis zum Märtyrertod gehören zur (verachtenswerten) männerbündischen Pasdaran-Ethik und -Ästhetik. Dieser Pasdaran-Garde ist eine wenige Millionen Menschen zählende halb militärische, halb polizeiliche Volksmiliz namens „Bassidsch“ (Bassidj) untergeordnet, von denen 500.000 Männer als militärisch geschulte Kämpfer ausgebildet sein sollen. Die Bassidsch sind gelegentlich bewaffnet und führen bis heute als Nichtprofis, als Freizeitmilizionäre Spitzeldienste oder auf ‚Tugendhaftigkeit und Wohlverhalten‘ zielende öffentliche Kontrollen der Bekleidung durch, so genannte Moralisierungs-Wochen. Die Pasdaran unterhält zudem einen Geheimdienst, die nach Jerusalem (arab. al-Quds) benannten Ghods-Brigaden, der international denkt und möglicherweise den Mord an drei kurdischen Politikern im österreichischen Wien des Jahres 1989 zu verantworten hat, in den möglicherweise ein 32jähriges Pasdaran- und Ghods-Mitglied namens Mahmud Ahmadinedschad verwickelt war.

Deutschland Ostdeutsche über 40 werden das zerstörerische Gift des ständigen Misstrauens allen Behörden und Nachbarn gegenüber aus der DDR-Zeit noch kennen, die ältesten Deutschen gar aus dem Dritten Reich. Auch die Bevölkerung des Iran hat in drei Jahrzehnten Diktatur und bei vorausgegangenem SAVAK-Terror lernen müssen, beispielsweise jeder Berichterstattung in der Zeitung zu misstrauen. SAVAK organisierte auch die Pressezensur und Buch-Zensur, verboten war jede Kritik an der Religion oder an der Monarchie. Kaiser und Papst, Krummstab und Krone.

Es ist unschön, dass im Juni 2009 seitens der europäischen Medien die heterogen zusammengesetzten iranischen Demonstranten eines 70-Millionen-Volkes immer wieder pauschal als Mussawi-Anhänger bezeichnet werden, doch noch ärgerlicher stimmt es mich, wenn ein europäischer Nachrichtensprecher die iranischen Demonstranten in einer dreißig Sekunden dauernden Meldung schlicht in die Ecke der Rowdies und Krawallmacher schiebt.

Vielleicht müssen, solange Wolfgang Schäuble mit den Managern der reaktionären deutschen Islamverbände plaudert und damit eine jede Kritik am politischen Islam und an der frauenfeindlichen Scharia nicht opportun ist, also noch für eine ganze Weile, die Europäer diese Überlebenstechnik von den Menschen im Iran lernen: Zwischen den Zeilen zu lesen. Privat mag ein Mensch ja gerne atheistisch oder spirituell oder sogar tief religiös empfinden, das ist ein Bürgerrecht und ein Freiheitsrecht kultureller Moderne. Islam jedoch ist wesentlich anderes und wesentlich mehr als eine Religion und das Ereignis von 1979 kann den manchmal allzu koranbegeisterten Türken oder Deutschen einen Vorgeschmack auf die radikalislamische Variante des ‚Entdecke die Möglichkeiten‘ bieten.

Irans derzeitigen menschenverachtenden Machthaber stützen sich in diesen Tagen auf die Zuarbeit von Zivilen, den so genannten Weißhemden, die mit Tränengas, Knüppeln, Ketten und Eisenstangen ausgerüstet sind und die als ehrenamtlich tätige Hilfspolizisten (Bassidsch) Demonstranten auseinandertreiben und zusammenschlagen dürfen, während mit Schlagstöcken bewaffnete, in schwarze Uniform gehüllte Polizeibeamten (Antiaufruhrkräfte) auf Motorrädern in die Menge hinein fahren und die Menschen zusätzlich einschüchtern.

Die weltweit gerade bei der jüngeren Generation beliebte Weise des Nachrichtenaustausches mit der SMS ist von der iranischen Regierung abgeschaltet worden. Nur subversiv und in ständiger Angst vor schwatzhaften Nachbarn oder falschen Freunden kann das Internet genutzt werden. Europas Medien von Zeitung bis Radio tun sich mit Kritik an der iranischen Staatsführung und mit dem Berichten über die von großen Teilen der Bevölkerung getragenen Massendemonstrationen schwer, was nicht lediglich an der in Teheran entworfenen, gezielten Desinformation liegen kann.

Mittlerweile soll Ahmadinedschad seine Gegner als „Abfall und Unkraut“ bezeichnet haben. Das allerdings war nicht besonders klug, denn siebzig Millionen Iranerinnen und Iraner lassen auch durch ihren Präsidenten nicht ohne Folgen als „Abfall und Unkraut“ beschimpfen.

Nach wie vor besteht das rückwärtsgewandte System der Staatswerdung der Theologie, der so genannten ‚Islamischen Republik‘, ein Anachronismus und heiliger Faschismus. Ein schreckliches Fossil der Menschheitsgeschichte mit seinen „gottesfürchtigen“ barbarischen Strafprozessen, massenhaften Hinrichtungen auch an zum Zeitpunkt der Tat noch jugendlichen Menschen wie beispielsweise der am ersten Mai 2009 hingerichteten Delara Darabi.

Wie eine Kriegsflagge flattert ein Stück Stoff diesem zum Staat gewordenen Islam voran und beansprucht der totalitären, kohärenten und expansiven Scharia, beansprucht der Frauen (und Männer) juristisch und emotional diskriminierenden Scharia in Ankara, Paris, Brüssel und Berlin ebenso Geltung wie in Kabul oder Teheran: Die „parda“ oder arabisch „hidschab“ genannte Geschlechtertrennung und Verschleierung des sexistisch ideologisierten weiblichen Leibes mit einem möglichst großen Tuch. Das Instrument der Dressur namens Kopftuch ruft zur Errichtung einer Staatsform oder Gegengesellschaft auf, in der die Apartheid der Frau mit Religion begründet wird. Das Kopftuch ist ein Politikum.

So könnten Iraner sprechen: »Nicht „Dschomhūrī-ye Eslāmī“ (Islamische Republik) oder „Rahbar-e enqelāb“ (Oberster Rechtsgelehrter), weder der reaktionäre Wächterrat noch der folternde Geheimdienst ist der Iran, den wir wollen und zu dulden bereit sind. Nicht Religionspolizei oder die im Sommer 2009 auf Demonstranten einprügelnden Weißhemden sind Iran, nicht Pasdaran oder Bassidsch.«

So könnten Iraner sprechen: »Weder Herr Diktator Ahmadīnedschād noch Herr Gottkönig Chāmene’ī ist der Iran. Nein, wir, die regierungskritischen iranischstämmigen Menschen im Iran selbst oder im Exil, wir sind der Iran, mag die Diktatur uns auch als „Abfall und Unkraut“ bezeichnen und uns die gleichgeschaltete politische Geistlichkeit als „Feinde des Glaubens“ benennen und uns damit nahezu als Apostaten diffamieren. Dann wären wir ja einige Millionen Glaubensfeinde oder gar Apostaten und der verstaatlichte Teufel (iblīs, offenbar ein Teheraner Regierungsangesellter) hätte im Juni 2009 viel Arbeit.«

Gespräche mit Exil-Iranern geben mir Zuversicht, dass ein ganzes Volk zu erkennen beginnt, dass die vom politischen Islam und von der 1979 errichteten göttlichen Diktatur verhinderte Trennung von Religion und Staat gründlich verstanden und nachhaltig durchgesetzt werden muss. Die Menschen im Iran spüren immer genauer, dass sie die in der Nationalhymne erwähnten Werte Unabhängigkeit und Freiheit (esteqlāl, āzādī) nur bekommen können, indem sie den auf Koran und Scharia beruhenden heiligen Faschismus der so genannten Islamischen Republik (dschomhūrī-ye eslāmī) in die barbarischen zwanziger Jahre des siebten nachchristlichen Jahrhunderts zurückweisen.

Der geheiligte Kulturrassismus des frühmittelalterlichen Stadtstaates von Medina ist die Urform jenes Totalitarismus, wie er vor drei Jahrzehnten im Staat gewordenen Wahn der iranischen dschomhūrī-ye eslāmī Gestalt annahm und der als möglicher Exporteur von weiteren Islamischen Revolutionen durchaus auch für andere Teile der Welt eine große Gefahr ist, wie die von Teheran mit 2.000 Soldaten unterstützte Hisbollah im Libanon zeigen mag. Bereits der schiitische Geistliche Fazlollah Nuri (1842-1909) hatte den schiitischen Gottesstaat gefordert, Chomeini knüpfte an Fazlollah Nuri und überhaupt am orthodoxen Scharia-Islam an.

Heute sind es auch marokkanische und türkische Islamisten in Deutschland, mithin Sunniten, die öffentlich Chomeini verteidigen oder die wahrheitswidrig behaupten, dass das iranische Volk seine Regierung lieben würde und die auf diese und andere Weise bekennen, dass sie die schiitische Allah-Diktatur mit ihren regelmäßig laut werdenden Hassparolen gegen Israel und gegen den angeblich verderbten Westen für sich als ein Vorbild erwählt haben.

Wie jede Wissenschaft auf Vorläufigkeit beruhen muss und nicht auf „endgültig offenbarter Weisheit“, so hat auch der säkulare Staat nicht die Glaubensgewissheit, sondern den Zweifel, das individuelle Zweifeln jedes Staatsbürgers zu verteidigen. Ein frei gewählter, freiheitlich demokratisch denkender Präsident ist eben kein Vertreter des „Wahren“, wie es der vormoderne Diktator Hitler („Die Vorsehung“) oder wie es Gottkönig Echnaton über sich verkünden ließ oder wie es jeder Politiker in Bereich eines installierten Schariavorbehalts zu sein hat.

Morgen, am 25. Juni 2009 tritt die Deutsche Islam-Konferenz (DIK) zum letzten Mal zusammen. Wir haben diese gefährliche Veranstaltung drei Jahre lang sehr genau beobachtet. Die reaktionären Islamverbände wollen der frauenentrechtenden Scharia politische Macht verschaffen. Jeder Scharia-Islam will die sexualpolitische Religionsdiktatur mit Pressezensur und Einschüchterung aller Kritiker des islamischen Kultes durch „tugendhafte“ formelle und informelle Sittenwächter, erst parallelgesellschaftlich, dann rasch mit staatsvertraglich geregelter Rechtsspaltung. Der hidschāb oder pardā ist die Kriegsflagge der Parteigänger der Scharia, ist das Zeichen des Angriffs der Tugendterroristen gegen die kulturelle Moderne: Das Kopftuch!

Wird Islam zum Staat, und genau das will er seit der von den heutigen Islamisten, Wahhabiten, Salafisten oder den einstigen Kölner Kaplan-Anhängern verehrten medinensischen Epoche eines angeblichen Zeitalters der Glückseligkeit (asr as-sa’adet), dann ist der Staat heilig.

Wird Islam zum Staat, ist jede politische Kritik zugleich eine Gotteslästerung. Europas säkulare Muslime sowie Europas Exil-Iraner sind leider womöglich Experten für Europas und Deutschlands nahe Zukunft. Vielleicht werden unsere Bürgerrechte 2009 bereits gar nicht mehr von den Herren Struck und Schäuble verteidigt, sondern von couragierten Iranerinnen und Iranern auf dem Vali-Asr-Square?

Unterstützen Sie den Protest des iranischen Volkes gegen die jetzige iranische Regierung. Einerlei, ob jemand Sie zu Unrecht oder zu Recht als Muslim oder als Ex-Muslim oder Nichtmuslim benennt, wehren Sie sich gegen einen jeden zu Staat oder Politik gewordenen islamischen Kult. Bezeichnen Sie mit vielen Menschen auf der ganzen Welt die iranischen Wahlen vom Juni 2009 laut vernehmbar als das was sie sind, als Farce. Unterstützen Sie die Forderung nach Abschaffung der Todesstrafe und nach Freilassung aller politischen Gefangenen im Iran.

Auf den Müllhaufen der Weltgeschichte mit dem velāyat-e faqīh genannten heiligen Faschismus der schiitischen Islam-Juristen.

Weg, weg, weg – die Scharia muss weg.

Jacques Auvergne