Posts Tagged ‘Gewalt’

Aus der pädagogischen Praxis

Oktober 1, 2007

MigrantInnen und selbstgewählte Fremdheit

Zur Bildungsverweigerung muslimischer Familien.

Für ca 1 Jahr habe ich SchülerInnen mit und ohne Migrationshintergrund in deren elterlichen Wohnung Nachhilfeunterricht gegeben.

So weiß ich, dass in einigen muslimischen Familien definitiv außer dem Koran und den Schulbüchern der schulpflichtigen Kinder kein Buch zu finden war. Sogar Lexika und (Fremd)Wörterbücher suchte man dort vergebens, keine Märchenbücher, Gute-Nacht-Geschichten oder Leselöwen-Bücher, geschweige denn Malbücher. Keine Puppen. Nicht einmal eine Fernsehzeitung lag auf dem Couchtisch.

Schulbücher dienen in diesen traditionell muslimisch denkenden und handelnden Familien wirklich nur zur körperlichen Ertüchtigung, man muss die schweren Dinger schließlich hin- und herschleppen. Zuhause werden diese Lehrbücher garantiert nur aufgeschlagen, um mit halbem Herzen zu versuchen, Hausaufgaben zu erledigen. Solange man Bock dazu hat.

Selbständiges Nachschlagen, um Fragen zu klären oder Neues zu entdecken kommt gewiss in solchen Familien nicht vor. Auch der oftmals vorhandene Computer mit Zugang zum World Wide Web ist sicherlich nur den männlichen Familienmitgliedern frei zugänglich und dient nicht der wünschenswerten Vertiefung und Erweiterung von bildungsrelevantem Wissen.

Das ist aber in der Regel auch nicht nötig, weil viele LehrerInnen aufgegeben haben, gegen Fatalismus, Ignoranz, Respektlosigkeit Doppelzüngigkeit und Borniertheit der Erziehungsberechtigten anzukämpfen, wenn diese denn mal zum Gesprächstermin erscheinen.

Hilft dieser oft provozierende Verhaltenskodex muslimischer Eltern nicht, spielt man ‘armes kleines Opfer‘, radebrecht in gebrochenem Deutsch (obwohl man Jahrzehnte seines Lebens hier verbracht hat oder gar hier geboren wurde) von sprachlicher Diskriminierung und kann ziemlich sicher sein, dass der Sohn trotz mangelhafter Leistungen in Deutsch und Englisch selbst ohne Ausgleichsfach in die siebte Klasse versetzt wird (wenn auch auf Probe).

Dies ist besonders ungewöhnlich, da der Schüler in der Orientierungsstufe (Klasse 5 und 6) das Schuljahr mit solchen Noten nicht einmal hätte wiederholen dürfen und normalerweise die Schulform hätte wechseln müssen. Dieser Aufwand elterlicherseits wäre für eine Tochter wohl gar nicht erst betrieben worden.

Die bewusst und selbst gewählte Fremdheit, das eifrige Abschotten gegen Einflüsse der Außenwelt grenzt einerseits andere wissentlich aus und isoliert sich selbst andererseits. Mittlerweile dürfen die Kinder oft genug auch nicht SpielkameradInnen aus Familien gleicher Herkunft besuchen bzw einladen, der gesamte Alltag findet, zu mal für die weiblichen Familienmitglieder, hauptsächlich zu Hause statt.

Diese Gewohnheiten begünstigen die Parallelgesellschaft, zementieren und fördern Einstellungen, Denkweisen und Handlungsmuster der kulturellen Vormoderne, wie Zwangsheirat, Jungfräulichkeitskult und Ehrenmord.

Wer es wagt, aus diesem Familiengefängnis auszubrechen, verliert voraussichtlich die Nestwärme und Anerkennung der Familie, kann auf kein unterstützendes Netzwerk innerhalb der Umma hoffen, wird behandelt wie eine Aussätzige und manchmal sogar mit dem Tode bedroht.

Bildung verleiht die Flügel, sich aus diesen patriarchalen Weltbildern zu befreien….

Juliana Zeedijk

Die vier Säulen des künftigen Schulwesens in NRW

Oktober 1, 2007

Sommernebel.

Ein Stück weiter gedacht

Frau Schulministerin Barbara Sommer möchte die Schule in NRW grundlegend reformieren, um die Sitzenbleiberinnen Quote bis 2009 um 50% zu reduzieren. Eine Klasse zu wiederholen sei nur dann sinnvoll, wenn tatsächlich der gesamte Lernstoff des Schuljahrs nicht verstanden worden ist, so Sommer sinngemäß. Die 60.000 Wiederholer seien außerdem sehr teuer und würden 3000 Lehrer binden, die in anderen Aufgabenbereichen wesentlich effektiver und effizienter eingesetzt werden könnten, so die Ministerin.

Um noch in dieser Legislaturperiode ihr Ziel zu erreichen, soll dem beunruhigend hohen Unterrichtsausfall entgegengewirkt werden. Zu diesem Zweck stellt die Ministerin 4000 Lehrerinnen zusätzlich ein, mit weiteren 500 Stellen will sie im gleichen Zeitraum den Ganztagsbetrieb an den Hauptschulen ausbauen. Die dazu erforderlichen Geldmittel sollen durch Einsparungen in anderen Ressorts rückfinanziert werden. Diese personellen Verbesserungen seien jedoch nur flankierende Maßnahmen, welche die folgenden, auf vier Säulen ruhenden grundlegenden Reformen rahmen sollen:

· Individuelle Förderung aller Schülerinnen

Jede Schulleiterin trägt die Verantwortung dafür, dass leistungsschwache Schülerinnen so gefördert und unterstützt werden, dass Sitzenbleiben nur noch in begründeten Ausnahmefällen nötig und möglich ist. Schulen, die das Sitzenbleiben aus ihrem Profil streichen, werden honoriert werden.

· Durchlässigkeit der Schulformen

In der 5. und 6. Klasse soll am Ende jedes Schulhalbjahres geprüft werden, ob die schulischen Leistungen einer Schülerin sich auf einem Niveau stabilisiert haben, dass ein Aufsteigen in eine höhere Schulform sinnvoll macht.

· Die Eigenverantwortung der Schulen soll gestärkt werden.

Jede Schule ist für ihr Erscheinungsbild in der Öffentlichkeit selbst verantwortlich. Keine Schülerin soll mehr in der Masse verloren gehen.

· Wettbewerb um pädagogische Konzepte.

Schulen werden künftig ihr eigenes Profil entwerfen und um die Gunst der Eltern konkurrieren. Damit Erziehungsberechtigte die neuen Wahlmöglichkeiten voll ausschöpfen können, sollen folgerichtig die Grundschulbezirke aufgelöst werden. Das Kind kann dann künftig angemeldet werden, wo es nach Auffassung der Anmeldenden am besten betreut ist. Pendlern wäre es dann auch möglich, ihren Nachwuchs in der Nähe ihres Arbeitsplatzes beschulen zu lassen. Sollten Lehranstalten künftig nicht mehr frequentiert werden, sollen sie geschlossen werden, um die Haushaltskasse der Städte und Kommunen zu entlasten.

Kommentar:

Pünktlich zum Ende der Sommerferien stellt die nordrhein-westfälische Schulministerin Barbara Sommer ihre Reformpläne für die verbleibende Legislaturperiode vor. Wer die Geduld aufbringt und bienenfleißig die über viele Nachrichtenkanäle verstreuten Informationskrümel zusammensammelt (WZ, RP, WDR, Bildungsserver) muss sich fragen, was Sommer eigentlich will. Geht es um reinen Aktionismus oder will sie sich, wie sie es selbst ausdrückt, daran prüfen lassen, wie man jungen Menschen am besten gerecht wird? Dann wäre sie bei mir aber durchgefallen. Das möchte ich wie folgt begründen.

Bravo, die Lehrerinnenkollegien werden verstärkt, Kopfnoten für Arbeits- und Sozialverhalten werden eingeführt, unentschuldigte Fehlstunden aber auch außerschulisches Engagement werden im Zeugnis vermerkt, kein Kind soll mehr in der Masse verloren gehen, jede Schülerin soll individuell gefördert werden, Schulleiterinnen übernehmen einen Großteil Verantwortung für gelingendes Lernen an der Schule. Heile neue (Schul)Welt?

Oberflächlich betrachtet ist es natürlich wünschenswert, dass Mädchen und Jungen nicht ein ganzes Jahr verlieren, wenn es effektive und effiziente Alternativen gibt. Doch die kennt die Frau Ministerin wohl auch nicht, jedenfalls suchen Leserinnen in den Artikeln vergebens danach. Ebenfalls erklärt die Schulministerin nicht, was überhaupt unter dem Begriff individuelle Förderung verstanden werden soll. So macht sich jede ihr eigenes Bild – und alle sind zufrieden?

Aus sozialpädagogischer Sicht versteht man unter individueller Förderung eine ganzheitliche, genau auf die Person zugeschnittene Unterstützung, die immer auch die Persönlichkeitsbildung mit einschließt. Dann sind ‘Verhaltensnoten‘ für die Erstellung einer Sozialprognose ein wertvolles Werkzeug um maßgeschneiderte Förderkonzepte zu erstellen.

Gerade deshalb sollten gemeinsam entworfene, für alle Schulen gleichermaßen gültige Richtlinien für diese ‘Kopfnoten‘ entwickelt werden, die traditionelle Rollenbilder bewusst aufweichen. Nur so können schon Grundschülerinnen lernen, Gestaltungsgrenzen zu erkennen und zu akzeptieren, andererseits Handlungsspielräume zu schaffen und voll aus zu schöpfen. Dies ist sicher lohnenswertes Förderziel.

Was immer die Schulministerin mit 4500 zusätzlichen Arbeitsstellen erreichen will, die Sitzenbleiberinnenquote lässt sich bei den Lern- und Arbeitsbedingungen an vielen unserer Schulen in NRW kaum verwirklichen. Alltagsbeispiel:

In einer Grundschulklasse sind 23 Mädchen und Jungen, 15 SchülerInnen haben Migrationshintergrund, sie stammen aus 10 verschiedenen Herkunftsländern und wachsen in Familien mit sehr unterschiedlicher Lebensbiographie und verschiedenem sprachlich-kulturellem Hintergrund auf. Die Mehrzahl ist muslimisch, die Schule ist für all diese Kinder aus Zuwandererinnenfamilien der einzige Übungsort der deutschen Sprache, weil zu Hause nicht deutsch gesprochen wird und von den Kindern, aus welchen Gründen auch immer, kaum Kontakt zu deutschen Klassenkamaradinnen gesucht wird. Integrations- und Orientierungskurse haben die Eltern nicht besucht oder sie wenden die erworbenen Kenntnisse trotz der dringenden Empfehlungen der Klassenlehrerinnen nicht an. Besonders die Mädchen mit fundamentalistisch-muslimischer Sozialisation sind in ihrer Lernentwicklung stark eingeschränkt.

Die oben beschriebene Situation ist an Grund- und Hauptschulen in Nordrhein-Westfalen keine Seltenheit. Diese Tatsache dürfte auch an der Frau Ministerin nicht vorbei gegangen sein. 4000 zusätzliche Lehrerinnen ändern daran nichts. Vor allem, wenn man berücksichtigt, dass auch leistungsstarke Schülerinnen ein Recht auf an ihren Fähigkeiten und Neigungen orientierte Förderung haben. So lässt sich das weit auseinander klaffende Leistungsniveau in Klassen nicht beheben.

Bei einer solchen ‘Eliteförderung‘ bestünde die Gefahr, dass Leistungsschwache glauben den Anschluss nun endgültig verloren zu haben, noch mehr entmutigt werden und aufgeben oder jene ‚Streberinnen‘ nicht akzeptieren und mobben. Ebenfalls befürchte ich, dass manche ‚Besserwissies‘ leistungsschwächere SchülerInnen verachten. Wäre es daher auch vor dem Hintergrund des miteinander Konkurrierens der Schulen nicht sinnvoller, zunächst die Schülerinnen mit schlechten Noten zu fördern und dann bei ausgeglichenem Leistungsstand die anderen mit einzubeziehen?

Natürlich wird beim Unterrichtsinhalt das in der Regel geringe Leistungsniveau der Klasse berücksichtigt, zugleich aber ist ein Lehrplan einzuhalten. Ein großer Anteil des Förderunterrichts wird also in den Nachmittagsbereich verlegt werden müssen. Die Ausdehnung des Ganztagsbetriebs auf Hauptschulen ist daher unbedingt notwendig. 500 zusätzliche Stellen sind da sicherlich hilfreich, aber gemessen am tatsächlichen Bedarf, da die Mädchen und Jungen auch spielen und herumtoben sollen, leider nicht mehr als ein schlechter PR-Gag.

Nach meiner Erfahrung sind Ganztagsschule und Nachmittagsbetreuung bisher höchstens dafür geeignet, Kinder und Jugendliche ‘von der Straße’ zu holen und damit dem Blick der kritischen Öffentlichkeit zu entziehen. Eine reine ‘Kasernierung‘ der Kinder und Jugendlichen ist jedoch nicht dazu geeignet, die Sitzenbleiberinnenquote zu reduzieren. Diesen Eindruck muss ich jedenfalls haben, wenn ich die Bedingungen betrachte, unter der so genannte Hausaufgaben- und Nachmittagsbetreuung sowie Lernförderung in der Regel stattfindet.

Viel zu große Gruppen werden meist von nicht eigens geschulten ehrenamtlich Tätigen, von 400‑€‑Kräften oder von Klientinnen der ARGE, die schlechtestenfalls nie mit Kindern und Jugendlichen arbeiten wollten, betreut. Bei einem Personalschlüssel von 1/12, günstigstenfalls 1/10 ist es unmöglich, die nötige Ruhe und lernförderliche Atmosphäre herzustellen, auch weil nicht selten Lern- und Spielbereich nicht weit genug voneinander entfernt sind.

Oft reicht die Qualifikation der Betreuungskräfte nur aus, das Silentium zu beaufsichtigen, kontrolliert und korrigiert werden die Aufgaben nicht. Erschwerend kommt hinzu, dass die Zusammensetzung der Lerngruppen wie oben beschrieben sehr heterogen ist. Das größte Problem sind die geringen Sprachkenntnisse. Einfache Arbeitsaufträge werden oft nicht verstanden und müssen erst einmal in für die Kinder und Jugendlichen verständliche Sprache umgesetzt werden (Schulbuch: ‘Überprüfe das Ergebnis mit der Überschlagprobe‘, darauf das zehnjährige türkische Mädchen: “Was ist ein Ergebnis?“). Manche Schülerinnen sind wenig motiviert und brauchen Ermutigung und Zuwendung.

Unter solch sowohl extremen wie zugleich alltäglichen Arbeitsbedingungen kann Schule bereits heute ihrem Förder- und Betreuungsauftrag nicht gerecht werden, sie wird zur reinen Verwahranstalt. Auch hier fehlen gemeinsam entwickelte, genderbezogene Richtlinien, die zur Sicherung und Verbesserung der Qualitätsstandards dienen und die von unabhängig zertifizierten Gremien permanent überprüft werden.

Schulen sollen künftig mit eigenen pädagogischen Konzepten um die Gunst der Eltern wetteifern. Wie dieser Wettbewerb aussehen soll, das überlässt die Ministerin offensichtlich der Innovation der Schulen. Außerdem vertraut sie da ganz auf die Entscheidungskompetenz der Eltern, die wohl schon wissen werden, wo ihr Nachwuchs am besten gefördert werden wird.

Prima, und was ist, wenn die sich nicht sicher sind? Wenn größere Entscheidungsfreiheit bei der Schulauswahl nicht zur Tyrannei der Wahlmöglichkeiten werden soll, dann müssen Schulen ihr Profil in der Öffentlichkeit ausführlich darstellen und pädagogische Konzepte erklären. Um jedoch ‘Schönfärberei‘ zu vermeiden, sollte jegliches Werbematerial allgemein gültige Qualitätsstandards erfüllen, die von externen, unabhängigen Kontrollinstanzen überprüft werden.

Wenn die Auflösung der Grundschulbezirke auch Handlungsoptionen zu erweitern scheint, sollten die Argumente nicht übersehen werden, die vor einer Ghettoisierung von Schülerinnen mit Migrationshintergrund warnen.

Nachdem es bisher den Lehrerinnen aus den beschriebenen Gründen nicht gelungen ist, das Leistungsniveau in ihren Klassen anzugleichen und zu bessern (s. einschlägige Testergebnisse) ist es mir völlig unklar, wie sie pünktlich zum Schuljahresbeginn 2007/2008 quasi aus dem Nichts in der Lage sein sollen, auf das einzigartige Lernprofil jeder Schülerin genau zugeschnittene Förderpläne zu entwerfen und vor allem umzusetzen (fehlende zeitliche und personelle Ressourcen).

Ebenfalls würde mich interessieren, nach welchen Kriterien Schulaufsichtsämter Schulen mit hohen Sitzenbleiberinnenquoten andere Schulen, wie von Frau Sommer, vorgesehen ‘beraten‘ und auf welchen plötzlichen Erkenntnissen eben diese Tipps und Lösungskonzepte beruhen. Schön, wenn Kompetenzteams für Fortbildung sich jetzt der individuellen Förderung und der Reduzierung der Sitzenbleiberinnenquote als Schwerpunktthemen widmen, nur: woher sollen die Erkenntnisse denn so plötzlich herkommen? Wie wird sich das kollegiale Verhältnis zwischen Förderschwerpunktschulen und ‘Restschulen‘ entwickeln? Werden diese Schwerpunkte auch in den Lehrplan an Hochschulen einbezogen?

Ich befürchte, dass Wettbewerbssituation und Zertifizierungskriterien dazu verleiten könnten, mittels ‘kreativer Buchführung‘ Zahlen zu ‘frisieren‘, man setzt einfach die Leistungsstandards und Beurteilungskriterien herunter (die Schülerin wird nicht sitzenbleiben, weil ihr das nicht hilft: “wir werden sie einfach mit durchziehen“, so eine Grundschullehrerin bereits heute). Deshalb sollten allgemeingültige Qualitätsstandards für die Bewertung von Klassenarbeiten und die Beurteilung des allgemeinen Leistungsstandes von unabhängigen Gremien bindend vereinbart werden, deren Standards ihrerseits offengelegt werden müssen. Das allerdings würde die Sitzenbleiberinnenquote eher erhöhen.

Anders als die Ministerin glaube ich, dass Schulen angesichts des bevorstehenden Wettbewerbs die Durchlässigkeit der Schulformen dafür benutzen werden, schlechte Schülerinnen abzuschieben. Dieses Verhalten wird besonders attraktiv, wenn Schulen ohne Klassen-Wiederholerinnen mit begehrten Qualitätssiegeln und 50% Stellen belohnt werden.

Wird es unter diesen Voraussetzungen überhaupt möglich sein, offen und ehrlich die eigene Schule zu kritisieren oder werden Lehrerinnen sich zukünftig wie diplomierte ‘unter den Teppich Kehrerinnen‘ fühlen?

Mir ist schleierhaft, wie eine im Schulwesen so beheimatete Frau, mit theoretischen und praktischen Erfahrungen als Mutter, im Studium, als Sonderschullehrerin, Grundschullehrerin, Rektorin, Schulrätin sowie Schulamtsdirektorin so wirklichkeitsfremd argumentieren kann.

Wozu dieser Vernebelungsversuch? Die Bürgerinnen mit halben Informationen hinzuhalten, um sie anschließend mit Unschuldsmine vor vollendete Tatsachen zu stellen?

Wenn die Ehefrau des IHK-Präsidenten von Ost-Westfalen die Privatisierung der Schulen forcieren möchte, soll sie das doch sagen. Die Bürgerinnen hätten dann die Chance, nach guter demokratischer Sitte diesen Sachverhalt zu diskutieren.

Ümmühan Karagözlü

[1] Diese Abhandlung wird von einer Autorin verfasst. Sie beschreibt und reflektiert insbesondere Lebenslage und Perspektiven von Migrantinnen in der BRD. Daher verwendet die Autorin generell die weibliche Sprachform (geschrieben: Sozialpädagoginnen, Bürgerinnen etc.), Männer sind ganz selbstverständlich mit gemeint

Keine Dhimmitude

Oktober 1, 2007

Antwort auf den
‚Brief einer Lehrerin‘ von Céleste de la Rivière

Für Beschäftigte gesellschaftlich relevanter Arbeitsfelder mit hohem Konfliktpotential (dazu zähle ich vor allem soziale, pädagogische und pflegerische Berufe), sollte es die Möglichkeit geben, kostenlos kompetente, unabhängige Supervision in Anspruch zu nehmen. Ebenfalls sollten Weiterbildungs- und Fortbildungsseminare zu aktuellen Herausforderungen und neuen Entwicklungen im Berufsfeld stattfinden. Soviel sollte uns die Qualität unserer Arbeit schon wert sein.

Sicherlich ist diese Meinung den Berufsverbänden und Gewerkschaften bekannt und wird auch von ihnen unterstützt, offensichtlich hapert es aber an der Umsetzung. Ein größeres berufspolitisches Engagement wäre da wahrscheinlich hilfreich.

Ein von gegenseitiger Wertschätzung geprägter Diskussionsstil, eine durch Authentizität und Offenheit gekennzeichnete Gesprächskultur und regelmäßige Teamgespräche sind eine unerlässliche Voraussetzung um gute Qualitätsstandards zu halten und weiter zu entwickeln. Individualisierung bedeutet in diesem Falle Entsolidarisierung und Isolierung, ist daher kontraproduktiv. So sollte ‚Freiheit der Lehre‘ nicht interpretiert werden.

Ein Team ist immer so stark, wie sein schwächstes Glied. Kollegial an einer Lösung zu arbeiten, sich gegenseitig zu stärken potenziert Handlungsoptionen und erleichtert den Arbeitsalltag für alle. Wie überall gilt auch hier: Gewalt, egal in welcher Ausprägung (verbal, psychisch, körperlich) ist niemals privat, sie geht uns alle an.

Erst als die in einem sozialen Beruf arbeitende Ehefrau eines Professors an einer Hochschule für Sozialpädagogik tätlich angegriffen worden war, wurde wenigstens an diesem Ausbildungsort das Thema Klientengewalt in das Seminarprogramm aufgenommen und diskutiert. Die Unkultur des Schweigens, Verharmlosens, der Resignation und der Isolation der Überbringer der schlechten Nachricht belastet den Arbeitsalltag, verschlechtert die Arbeitsqualität, macht krank und verhindert Veränderung. Die Folgekosten dürften immens sein.

Die Würde aller Menschen ist unantastbar, sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. Das deutsche Volk bekennt sich daher zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten, als Grundlage jeder Menschlichen Gemeinschaft des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.

Niemand muss sich beleidigen und beschimpfen zu lassen. Religionsfreiheit und Toleranz haben schützenswerte Grenzen, die mit rechtsstaatlichen Mitteln verteidigt werden dürfen und müssen. Die Demokratie ist meiner Meinung nach wehrhaft genug, um erfolgreich Angriffe ab zu wehren, wir müssen diese Handlungsoptionen nur konsequent anwenden wollen. Hier zweierlei Maß anzulegen verschlechtert die Lebensqualität, schränkt Handlungsfreiheiten gerade für Frauen extrem ein und ist rassistisch !!!! Grundrechte gelten nicht nur für muslimische Männer!

Gut gemeint ist eben nicht immer gut. Es ist eine begründete demokratische Praxis, auch Minderheiten Handlungsraum zu geben, solange sie Grundrechte anderer nicht einschränken. So kann ich beispielsweise nicht nachvollziehen, weshalb man auf die traditionelle Karnevalsfeier an der Schule verzichtet, aber halal kocht. Wir zwingen doch niemanden sich an dieser rheinischen Brauchtumspflege zu beteiligen, auch Deutsche nicht und Schweinefleisch auf der Menükarte vergrößert die Wahlfreiheit für MuslimInnen, die sich nicht streng an Speisevorschriften halten (auch die gibt es).

Wenn Koranschulen Kinder und Jugendliche aufwiegeln gemeinsam mit ihren Eltern die Scharia und das Kalifat in Deutschland durchzusetzen, hat der Staat das Recht und die Pflicht, diese Schulen zu schließen und Hassprediger in Moscheen an ihrer Hetze zu hindern, nur muss er erst einmal von Verstößen gegen die Verfassung erfahren. Zivilcourage trägt wesentlich dazu bei, die Scharia zu verhindern, das Kalifat (schul)hoffähig zu machen. Wer sich wehrt lebt eben nicht verkehrt.

Die freiheitlich demokratische Grundordnung endet nicht vor der Haustüre der Wohnung oder der Türe der Koranschule / Moschee. Körperliche Züchtigung ist ist auch für Kinder demütigend, ehrverletzend und überall zu ächten.

Privatsphäre ist schützenswert, jede Form von Gewalt jedoch nicht.

Céleste de la Rivière