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Freiburger Deklaration reformiert nicht den Islam

September 28, 2016

Kein liberaler Islam in Sicht

Statt auf dem weltweiten Durchsetzen universeller Menschenrechte zu beharren und, damit, Schariagehorsam und Schariagesetze zurückzuweisen, entwirft man die soundsovielte angebliche Islamreform. 2016 wird der Islam reformiert vom Abteilungsleiter für Islamische Theologie / Religionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Freiburg als dem Initiator der Freiburger Deklaration Abdel-Hakim Ourghi (Deutschland) sowie von Dr. Amer Albayati (Österreich), Saïda Keller-Messahli (Schweiz), Dr. Elham Manea (Schweiz) und Ali Ertan Toprak (Deutschland).

Zu den muslimischen Erstunterzeichnern gehört Lale Akgün (Aufstand der Kopftuchmädchen; vgl. Sägefisch 343. Lale Akgün und der Liberale Islam), einst Politikerin (SPD) und nun Leiterin einer in der NRW-Staatskanzlei angesiedelten Kompetenzstelle. Schon im Mai 2013 hatte sich Akgün im Rahmen der Kritischen Islamkonferenz 2013 für die Gründung eines Verbandes liberaler Muslime eingesetzt. Warum das auch 2016 nichts wird mit der Islamreform und die am Thema Islam vorbeiredende Freiburger Deklaration keine Unterstützung verdient, erzählt Jacques Auvergne.

Vor 60 Jahren wurde die Islamische Republik ausgerufen, das 1956 von allem Nichtislamischen befreite „Land der Reinen“, Pakistan. Wie in allen vom Islam geprägten sprich vom Islam beherrschten Staaten haben sich auch alle pakistanischen Gesetze im Einklang mit der Scharia zu befinden, darf kein Paragraph Koran und Sunna (anglis. sunnah) zuwiderlaufen:

The Constitution of Pakistan, Part IX: 227 (1) All existing laws shall be brought in conformity with the Injunctions of Islam as laid down in the Holy Quran and Sunnah, in this Part referred to as the Injunctions of Islam, and no law shall be enacted which is repugnant to such Injunctions.[1]

Pakistanwerdung als Schariatisierung (Islamisierung) des Territoriums, von Pakistan nach Deutschland. Der Koordinationsrat der Muslime in Deutschland (KRM) gründet sich auf Koran und Sunna unverhandelbar plus eine situationsbezogen (vgl. Freiburger Deklaration, s. u.: „immer wieder neu zu überdenken, weiterzuentwickeln und sie in Einklang mit der Lebensrealität zu bringen“) abzuschmeckende Prise Grundgesetz. Geschäftsordnung in der Fassung vom 28.03.2007:

„Koran und Sunna des Propheten Mohammed bilden die Grundlagen des Koordinationsrats. Dieser Grundsatz darf auch durch Änderungen dieser Geschäftsordnung nicht aufgegeben oder verändert werden.“[2]

Menschenrechtsuniversalisten denken über und träumen von der global verwirklichten AEMR, geboten sorgsam arbeitende Journalisten, Aufklärungshumanisten und Pädagogen denken und träumen von Presse, Universität und Schule ohne religiöse namentlich islamische Zensur. Die deutsche Pressezensur indessen ist derart weit gediehen, dass die Grundrechtswidrigkeit von Scharia (Islam) und Fiqh (auch Islam), dass überhaupt islambezogene Fakten wie Zwang zum Hidschab, neunjährige Kindbraut und schafiitische (islamische) verpflichtende FGM allenfalls verharmlost und aufgehübscht zur Sprache kommen dürfen. Bereits das Wort Scharia fällt in den Parlamenten, wenn überhaupt, kalkuliert verzerrt sowie auf dem einer freiheitlichen Demokratie unangemessenen Niveau von angestrengter Geistlosigkeit. Und darum geht es der globalen Schariabewegung und ihren Komplizen, statt zu denken darf der werdende Untertan träumen.

Wir träumen von einer Islamreform.

Anders als im Kalifat sind im freiheitlichen Rechtsstaat auch Muslime gerade keine Sorte Mensch. Nicht als Weltbürger soll sich der Angehörige der Spezies Muslim empfinden und verstehen, geht es nach der Freiburger Deklaration, die ohne rot zu werden von der „europäischen Kultur“ schwärmt und die irgendeiner ebenso wenig definierten „Moderne“ huldigt:

Von einer Aufklärung, aus der eine muslimische Gemeinschaft erwächst, die sich als integralen Bestandteil der europäischen Gesellschaft sehen will, die offen und neugierig gegenüber ihren Mitmenschen, der europäischen Kultur und den Herausforderungen der Moderne ist.

Weltbürgertum und Wissenschaftlichkeit waren gestern? Und sind Pierre Vogel oder Tariq Ramadan denn etwa nicht „offen und neugierig“? Im Übrigen ist die AEMR, um die es hätte gehen müssen, nicht nur in der „europäischen Gesellschaft“ gültig oder für diese entworfen, sondern global.

Wir träumen von einer muslimischen Gemeinschaft, die Frieden, Toleranz und Nächstenliebe predigt und lebt, die Gleichberechtigung predigt und lebt, die Respekt vor anderen Religionen und anders denkenden Menschen predigt und lebt.

Das hätte Fethullah Gülen nicht schöner sagen können. Unser Nein zu einer Hochachtung („Respekt“) vor dem Chitan al-inath (indones. sunat perempuan) als der islamischen FGM wie auch vor der Jungenbeschneidung, ganz und gar keine Duldung („Toleranz“) der Verheiratung neunjähriger Mädchen.

Wir träumen von einer muslimischen Gemeinschaft, die alle Formen der individuellen Persönlichkeitsentfaltung respektiert und schützt, die alle Formen der individuellen Lebensgestaltung respektiert und schützt, die alle Formen des Miteinanders und alle Lebensformen respektiert und schützt.

Antrag abgelehnt, denn dann – „alle Formen“, steht da! – müssten wir ja auch den authentischen Muslim Lifestyle („Lebensgestaltung“) mit Zwang zum Hidschab oder Zweit- bis Viertfrau toll finden. „Alle Lebensformen“ „respektieren“ und integrieren alles, eben auch das Islamische Recht.

Der Islam sieht den Glauben durchaus auch als eine sehr persönliche Sache zwischen dem Einzelnen und Allahgott, schlimmstenfalls brennt der Missetäter auf Dauer im Feuer.

Wir träumen von einer muslimischen Gemeinschaft, die den Glauben als eine persönliche Angelegenheit zwischen Gott und dem Einzelnen sieht, die sich nicht davor scheut, ihre Religion kritisch zu hinterfragen und ihre Positionen immer wieder neu zu überdenken, weiterzuentwickeln und sie in Einklang mit der Lebensrealität zu bringen.

Jeder Muslimbruder fordert sinngemäß dazu auf, islamstrategische „Positionen immer wieder neu zu überdenken, weiterzuentwickeln und sie in Einklang mit der Lebensrealität zu bringen“.

Wir Bürger benötigen und fordern Rechtssicherheit, keine „Werte“.

Unsere Werte

Man beachte das Wort Kontext auch in der Freiburger Deklaration. ECFR-Scheich Mustafa Cerić (The challenge of a single Muslim authority in Europe) schreibt context (in the context of its time and space).

Wir stehen für ein humanistisches, modernes und aufgeklärtes Islamverständnis im zeitgemäßen Kontext und verstehen uns selbst als säkulare Musliminnen und Muslime.

Über die Scharia hatte der dem Muslimbruder-Cheftheologen Yusuf al-Qaradawi unterstehende Scheich aus Bosnien gesagt: „[The sharı’a] is the perpetual principle on the basis of which each and every generation of Muslims has the right and the duty to make judgments about good and evil, right and wrong, in the context of its time and space in accordance with its own experience.“[3]

2016 als Reformmuslim ohne nähere Bestimmung humanistisch oder modern zu sagen reicht nicht, auch die DDR beispielsweise, Heinrich Deiters, sprach vom realen Humanismus. Und auch die Muslimbruderschaft hält sich selbst für ausgesprochen modern. Die laut Allahs Rede (Koran) bis zum Tage der Auferstehung gültige Scharia selber ist zeitlos, die Forderung nach aktualisiertem Schariaverständnis („modernes […] Islamverständnis“) geht entweder ins Leere oder entspricht gerade dem auf Erden in Zeit und Raum (time and space, Cerić) mehr und mehr totalitär aufzuspannenden Fiqh (schariakonformes Gesetzschaffen und Gerichtswesen) der durchzusetzenden Herrschaft Allahs.

Unserem Koranverständnis nach beruht der Glaube auf der ganz persönlichen und individuellen Beziehung des Einzelnen zu Gott. Der Glaube stellt eine Quelle dar für Spiritualität, Resilienz und innere Stärke.

Das gibt Geduld (ṣabr) auf dem Weg zum Sieg. Auch der Glaubenskampf (Dschihad) schließlich ist sehr spirituell.

Sayyid Qutb (Sayyid Quṭb) weist auch nur die Möglichkeit einer Separierung von Ibadat und Mu’amalat (fiqh al-ʿibādāt – fiqh al-muʿāmalāt), gottesdienstlichem und zwischenmenschlichem Aspekt muslimisch zu leistender Pflichterfüllung, scharf zurück:

„In the Quranic terminology both these are linked and both are meant do declare Allah’s divinity and man’s subjection. […] This division made by the jurists became the cause of many misunderstandings with the passage of time. This is a misunderstanding. Islam does not admit of such kinds of division and limits. Islam is a unity and such a kind of concept is against its very basis“ – „The division of human actions into “worship“ or ibadat and „human affairs“ or mu’amalat […] was a grave distortion of the Islamic concept.“[4]

Qutb fügt nicht nur die Pflichten Allah gegenüber und die Pflichten den Menschen gegenüber zusammen, sondern subsumiert alle Mu’amalat pauschal unter Ibadat. Jedenfalls diesem Wort der Freiburger Deklaration also hätte sich der islamische Denker und 1966 hingerichtete Theoretiker der ägyptischen Muslimbruderschaft ohne weiteres anschließen können: „der Glaube auf der ganz persönlichen und individuellen Beziehung des Einzelnen zu Gott“.

Weiter im Text der Freiburger Deklaration. Ist außerislamische, aus dem Bereich des Nichtislamischen stammende Kritik der Religion von Koran und Sunna nicht zuzumuten oder jedenfalls verzichtbar? Und wie sehr darf das künftige Programm das einst logische Gesamtbild zerreißen (differenzieren), solange etwa, bis Zwang zu Hidschab und Genitalbeschneidung (FGM und MGM) „im demokratischen Sinne“ allerseits integriert worden sind?

Gleichzeitig sehen wir innerislamische Kritik als unerlässlich an. Dabei darf Islamkritik nicht mit Islamophobie verwechselt werden, denn sie ist im demokratischen Sinne geboten, um ein differenziertes Aufklärungsprogramm innerhalb der muslimischen Gesellschaft auf den Weg zu bringen.

Universelle Menschenrechte weichen dem „interkulturellen Dialog mit allen Religionen und Weltanschauungen“. Kalifatsbewegung oder Nationalsozialismus sind ja vielleicht auch Weltanschauungen, in jedem Fall will man „mit allen“ ins Gespräch kommen:

Wir betonen den interkulturellen Dialog mit allen Religionen und Weltanschauungen, und wir setzen uns aktiv dafür ein. Sowohl die Religion als auch der Glaube dürfen und sollen ständig hinterfragt, beurteilt und ergründet werden. Dies sehen wir als den wichtigsten Weg auf der ständigen Suche nach Wahrheit an.

Wissenschaftlichkeit, AEMR und GG allerdings wollen verwirklicht und verteidigt werden und gerade nicht in erster Linie „ständig hinterfragt, beurteilt und ergründet“. Auch die von Allah gegebene unveränderliche Scharia indes übersteigt das menschliche Verstehen und das Finden des optimalen Fiqh ist für die Macher der Freiburger Deklaration gewiss ein veritabler „Weg auf der ständigen Suche nach Wahrheit“.

„Für die Ulama im Westen gehört die Errichtung eines die muslimischen Minderheiten betreffenden rechtmäßigen Fiqh (Islamjurisprudenz) zu den bedeutendsten Herausforderungen“, Tariq Ramadan.[5]

Aufgrund dessen unterstützen und fordern wir einen konstruktiven, offenen und kritischen Diskurs innerhalb der muslimischen Gemeinschaft. Meinungsvielfalt und Meinungsverschiedenheit als essenzielle Basis für die Freiheit sind nicht nur erwünscht, sondern unerlässlich, um zu einem modernen und humanistisch geprägten Islamverständnis zu kommen.

Im Zentrum der Religion steht der Mensch mit seinen Bedürfnissen, Stärken und Schwächen, seiner Fähigkeit zu Vernunft und zu Empathie.

Islamisch reif, erwachsen (schariapflichtig) sind die Neunjährige und der Fünfzehnjährige und beide zeigen, öffentlich überprüfbar, durch vollumfängliche Erfüllung der Schariapflichten ihre Kompetenz von Verantwortungsbereitschaft und Rücksichtnahme („Fähigkeit zu Vernunft und Empathie“).

„Ab der Pubertät steht jeder eigenverantwortlich vor Gott. Die Mädchen entscheiden dann selbst, wie sie sich kleiden.“, Muhammet Balaban von der Landesarbeitsgemeinschaft der kommunalen Migrantenvertretungen (LAGA).[6]

Der reformierte Islam geht vom mündigen, selbstbestimmten, empathischen und von der Vernunft geleiteten Menschen aus, der selbstverantwortlich handelt und mit den Freiheiten, die ihm dieser Staat und diese Gesellschaft bieten, verantwortungsvoll umgehen kann.

Zunächst wäre zu klären ob mit Vernunft, vgl. auch Koran in 38:29 (damit diejenigen, die Verstand haben, sich mahnen lassen), Aql (ʿaql) gemeint ist.

Von einklagbaren Rechten auch für Islamkritiker oder Islamapostaten steht da nichts, nur von irgendwelchen, sicherlich erfreulich hohen, angebotenen Möglichkeiten („Freiheiten“). Jeder Islamisierer nutzt diese „Freiheiten, die ihm dieser Staat und diese Gesellschaft bieten“ in seinem Sinne bereits heute „verantwortungsvoll“, nämlich zur Errichtung der Herrschaft Allahs.

Da der Initiator, das ist Abdel-Hakim Ourghi, der Leiter der islamischen Theologie und Religionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Freiburg, sowie die muslimischen Erstunterzeichner, unter ihnen die einstige SPD-Bundestagsabgeordnete (2002 bis 2009) und seit 2013 Leiterin des Projektbüros für nachhaltige Beschaffung und faire Beschaffung in Nordrhein-Westfalen (Staatskanzlei) Lale Akgün, ebenso wie die nichtmuslimischen Mitzeichner der Freiburger Deklaration zusagen, mit dem organisierten deutschen Islam auf lange Sicht zusammenarbeiten zu wollen („Zur Vertretung der Muslime gegenüber dem Staat streben wir die Bildung eines Rates an, der sich aus Mitgliedern konservativer Verbände sowie Mitgliedern eines reformierten liberalen Islams zusammensetzt“), also offensichtlich auch mit den vier KRM-Verbänden Islamrat IR – Zentralrat der Muslime ZMD – DITIB – VIKZ, kann doch wohl auch für deren Verantwortliche wie Burhan Kesici und Hintermänner wie Ibrahim el-Zayat gelten, dass sie mit genannten Freiheiten „verantwortungsvoll umgehen“ können. Oder zählen Kesici und el-Zayat etwa nicht zu den „mündigen, selbstbestimmten, empathischen und von der Vernunft geleiteten Menschen“?

Burhan Kesici ist Generalsekretär des Islamrates für die Bundesrepublik Deutschland und stellvertretender Vorsitzender der zur islamischen Millî Görüş gehörenden Islamischen Föderation Berlin. Ibrahim el-Zayat sitzt im Vorstand der Federation of Islamic Organisations in Europe (FIOE) und im Vorstand der von ihm 1995 mitgegründeten Gesellschaft Muslimischer Sozial- und Geisteswissenschaftler/Innen (GMSG) in Köln, wurde 2008 sowohl als Europaberater der Islamischen Organisation für Bildung, Wissenschaft und Kultur (ISESCO) als auch als „Trustee“ des durch die Muslimbruderschaft geführten Institut Européen des Sciences Humaines (IESH) vorgestellt, war 2002 bis 2010 Präsident des deutschen Zweiges der Muslimbruderschaft als der Islamischen Gemeinschaft in Deutschland (IGD, 1958 in München gegründet) und ist heute der Verwalter der etwa 300 deutschen Milli-Görüş-Moscheen. Ob mit Kesici oder el-Zayat im Dialog – „Im Zentrum der Religion steht der Mensch“ (Freiburger Deklaration).

Welche Menschenrechte sind unveräußerlich, Paris 1948 oder Kairo 1990 oder ein postmodern lässiger Mix aus beidem?

All men are equal in terms of basic human dignity and basic obligations and responsibilities.[7] Alle Menschen sind gleich in Sinne der grundlegenden Menschenwürde sowie der Grundrechte und Grundpflichten.[8]

Das Fundament für diese Freiheiten bilden die unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechte. Demnach hat jeder Mensch das Recht, in völliger Freiheit und selbstbestimmt über sein Leben und seinen Glauben zu bestimmen. Alle Menschen sind gleichberechtigt und gleichwertig.

Hier hätte man sich dazu bekennen müssen, dass der muslimische Vater oder Großvater einer jungfräulichen Tochter als sogenannter Wali mudschbir (walī muǧbir, von walī schariarechtlicher Vormund und aǧbara zwingen) das Mädchen im Islam zwangsverheiratenden darf, in Deutschland aber nicht, und dass der islamfromme Freund der Verheiratung neunjähriger Mädchen, nennen wir ihn Cemali Meço (Τζεμαλή Μέτσο) als den Mufti der nordgriechischen Stadt Komotiní, ganz und gar nicht das Recht hat, „in völliger Freiheit und selbstbestimmt über sein Leben und seinen Glauben zu bestimmen“.

Auch das in sein Beschnittenwerden oder Verheiratetwerden ggf. einwilligende kleine Mädchen ist nicht handlungsautonom („gleichberechtigt und gleichwertig“), sondern zu schützen bis zum Alter, so unsere Forderung, von eben nicht zwölf oder 14 oder 16 Jahren, sondern von 18 Jahren. Auf diese nicht durch Feilschen oder Geplapper von genitaler Selbstbestimmung (genital autonomy) zu unterlaufende Altersgrenze werden wir gleich, beim Thema Kinderehen, noch einmal zu sprechen kommen müssen.

1. Darauf fußend lehnen wir Diskriminierungen jedweder Art ab. Dazu gehören insbesondere auch Antisemitismus und Homophobie.

Immerhin bekennt man sich im Folgenden gegen die islamische Polygamie, Vielehe, gemeint ist Polygynie. Doch bereits die islamische Einehe diskriminiert die Frau, die per Talaq (ṭalāq) einfach so verstoßen werden kann und damit ihre Kinder verliert. Lediglich von Moschee zu reden reicht ebenfalls nicht, denn schariakonform heiraten ließe sich auch vor einem Gericht (civil marriage that is done in a court), ggf. nach Aushandlung des Ehevertrages in einem Scharia-Amt bzw. Islamischen Zentrum (Islamic centre), wie der entsprechende Fatwa von Scheich al-Munajjid feststellt.[9]

2. Wir stehen uneingeschränkt für die Gleichberechtigung von Mann und Frau ein. Diskriminierungen, insbesondere religiös begründete Diskriminierungen von Frauen lehnen wir strikt ab. Wir lehnen die Vielehe als frauenfeindliche Form der Partnerschaft ab. Ebenso lehnen wir sogenannte Imam-Ehen ab, also Eheschließungen, die in einer Moschee stattfinden und vor dem Gesetz keine Gültigkeit haben.

Vor dem islamischen Gesetz haben sie Gültigkeit und das deutsche Gesetz könnte man ja ein wenig mehr an das islamische anpassen.

In der Realität sind Frauen oftmals Leidtragende bei diesen Eheschließungen, denn aus diesen Ehen leiten sich weder Rechtsansprüche bei Unterhalt oder Rente noch Steuervorteile ab. Den Männern hingegen bietet die Imam-Ehe die Möglichkeit, am Gesetz vorbei eine Vielehe zu führen.

Das Mädchen ist islamisch mit neun Jahren, neun Mondjahren, also acht Jahre acht Monate, religiös reif und religionsrechtlich erwachsen – nicht nachvollziehbar daher, dass die Freiburger Deklaration Volljährigkeit bzw. Minderjährigkeit nicht als 18 Jahre alt definiert:

3. Ebenso lehnen wir sexuellen Missbrauch von Minderjährigen in Form von sogenannten Kinderehen ab. Die körperliche und seelische Unversehrtheit ist ein hohes und absolut schützenswertes Gut.

Im Islam ist der Sex mit der neunjährigen Ehefrau kein sexueller Missbrauch, sondern sexueller Gebrauch. Körperliche Unversehrtheit wiederum ist die islamische Hurma (ḥurma). In Theorie und Praxis der körperlichen Unversehrtheit, in die Hurma integriert Allahgott am natürlichen Ort befindliche ebenso wie abgehackte Hände und Köpfe.

Keine Heirat unter 18 Jahren hätte man fordern müssen. Vorbildlich macht das die Petition vom 20.08.2016, Pet 4-18-07-99999-036062 Keine Heirat unter achtzehn – auch nicht auf Kinderwunsch. Denn Islamverkünder Mohammed heiratete eine Sechsjährige, um dann mit der neun Jahre alten Aischa Geschlechtsverkehr zu haben und das Handeln (Sunna; Sira) des Propheten ist vorbildlich und von jedem Muslim nachzuahmen. Die über Islam und Kinderehen redende Freiburger Deklaration hätte (mindestens) diesen Teil von Mohammeds Leben, nämlich Ehe und Sex mit dem Kind Aischa, zurückweisen müssen – das wagen die die sogenannten Reformmuslime erst gar nicht.

Die kinderfeindliche Forderung sowohl der Islamisierer als auch der Multikulturellen bzw. Postmodernen (bzw. Päderasten) nach dem Aushandeln der rechten Altersgrenze, Stichwort: age of consent, wird kommen, beim Thema Kinderehen wie bereits seit 2012 in der Beschneidungsdebatte (demnächst islamische FGM).

Beschneidung der Jungen und Mädchen ist offensichtlich keine Gewalt:

Deshalb distanzieren wir uns von jeglicher Art von körperlicher und seelischer Gewalt, sei es in Form von gesetzlichen Strafen, als Mittel der Konfliktlösung oder als erzieherische Maßnahmen. Daraus ergibt sich ganz klar, dass wir die Todesstrafe und Körperstrafen als unmenschlich und überwunden ansehen und sie ablehnen.

Warum keine Forderung nach unverzüglicher Abschaffung der Todesstrafe in Saudi-Arabien und im Iran nebst Aufruf zum Wirtschaftboykott, solange dort islamrechtlich umgebracht wird?

Bekleidungszwänge murmeln und Beschneidungszwänge verschweigen, wer als Mann durch das Genitalverstümmelungsritual der Zirkumzision um den sensibelsten Teil seines Penis betrogen worden ist oder als beschnittene (genitalverstümmelte) schafiitische oder hanbalitische Muslima um die Klitoris, kann zu Körperwahrnehmung, Lusterleben und Partnerschaft vieles bereits nicht mehr selbst entscheiden – und Minderjährige (Mensch unter achtzehn Jahren) haben wir Erwachsenen gerade vor der Entscheidungsfrage (Willst du rituell unrein und sozial verachtenswert bleiben oder dich beschneiden lassen wie es der Himmel befiehlt) zu beschützen. Will hingegen die Freiburger Deklaration dafür kämpfen, dass man zwölf oder 14 Jahre alt gewordene Jungen oder Mädchen befragen darf („Let boys decide for themselves whether they want to be circumcised“, Anne Lindboe), ob sie beschnitten werden wollen?

4. Jeder Mensch hat das uneingeschränkte Recht, selbst über seinen Körper, seine Bekleidung und über seine Sexualität zu entscheiden. Bekleidungszwänge, Zwangsheiraten und religiöse Eheverbote sowie eine Verdammung von selbstbestimmter freier Sexualität lehnen wir ab.

Nanu, man befindet sich doch nicht etwa im Einklang mit Fred Karst, der als pädosexueller Theoretiker und Praktiker ebenfalls hätte sagen können, dass ein Kind das Recht habe, „über seine Sexualität zu entscheiden“? Auch Dieter Fritz Ullmann, der wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern wenigstens sechs Mal verurteilt wurde und ab 1980 immer wieder im Gefängnis saß, hätte sagen können: „eine Verdammung von selbstbestimmter freier Sexualität lehnen wir ab.“ Karst wie Ullmann konnten der grünen Partei beitreten, die damals noch Alternative Liste (AL) hieß, beide verbüßten zu diesem Zeitpunkt Haftstrafen wegen Kindesmissbrauchs. Kinder (Kind ist Mensch unter 18, vgl. „a human being below the age of 18 years“, Convention on the Rights of the Child, Document A/RES/44/25 (12 December 1989)) sollen gar nicht frei entscheiden dürfen, ob und mit wem sie Sex haben.

Wir unterstützen liberale Musliminnen und Muslime, die geschlechtergemischte Gebete in Moscheen anbieten, in denen auch Frauen Imaminnen sein können, die für die Teilnahme am Gebet keine Bekleidungsvorschriften aufstellen, die ihre Predigten auf Deutsch halten und somit den Integrationsprozess mit unterstützen.

5. Jedes Kind hat das Recht auf eine gewalt- und angstfreie Erziehung. Jedes Kind hat das Recht, sich frei zu entwickeln. Die Familie kann diesen Prozess unterstützen, indem sie dem Kind das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit gibt. Eine Pädagogik, die darauf basiert, dem Kind Angst vor Gott, Angst vor einer Bestrafung, Angst vor der Hölle zu machen, lehnen wir ab.

Des Weiteren halten wir die Teilnahme am schulischen Pflichtunterricht, einschließlich Schwimm-, Sport- und Sexualkundeunterricht sowie die Teilnahme an schulischen Veranstaltungen wie Klassenfahrten für unerlässlich für die Entwicklung des Kindes. Wir lehnen Freistellungen aus islamischen Gründen ab.

Leider bleibt auch das zuletzt Gesagte unverbindlich, die Standards von Klassenfahrt, Sexualerziehung und Pflichtunterricht sichert bzw. definiert man nicht.

Was durch kulturell moderne Pädagogik weltweit zu verhindern wäre, nämlich geschlechtergetrennter Sport, Schwimmunterricht mit Burkini, Klassenfahrt im Beisein elterlicher oder sonstiger Tugendwächter, schariakonforme Sexualkunde („unerlässlich für die Entwicklung des Kindes“?), bleiben mit den soeben betrachteten Hohlformeln – oder zielsicher gelegten falschen Fährten? – der Erklärung aus Freiburg keineswegs ausgeschlossen. Faktisch ist die Deklaration daher ebenso Placebo wie Trojanisches Pferd. Das doppelzüngige jedenfalls mehrdeutige „Wir lehnen Freistellungen aus islamischen Gründen ab“ ruft die Schariabewegten zum nicht verweigerbaren weiteren Ausdiskutieren heran auf berüchtigter Augenhöhe („aus islamischen Gründen“), die entsprechenden Vorschläge zu Halal-Schwimmunterricht, Halal-Klassenfahrt oder islamkonformer Sexualerziehung werden nicht lange auf sich warten lassen und die Verantwortlichen der Freiburger Deklaration nebst ihrem schon bald zahlreich heranströmenden Anhang aus den Völkern der Dialogaktivisten und Sonnenscheinatheisten dürfen dazu mit Deutschlands Muslimbrüdern und Millî-Görüş-Bewegten noch ein bisschen diskutieren.

Noch nicht einmal die wenn auch vielfach schlecht gemachten, so doch freiheitlich demokratisch wie pädagogisch wichtigen, mühselig erkämpften deutschen Verbote des Lehrerinnenkopftuchs werden verteidigt, der „mit Ausnahme von Gesicht, Händen und Füßen“ (DITIB; als kommentarloser Briefträger am 27.01.2015 das BVerfG) den gesamten Körper der Pädagogin bedeckende Hidschab wird vielmehr in den Bereich einer im Islam gar nicht vorhandenen Zone persönlicher Wahlfreiheit verschoben:

6. Wir stehen hinter dem staatlichen Gebot zur religiös-weltanschaulichen Neutralität. Wir befürworten es, wenn Staatsdiener, insbesondere Lehrerinnen und Richterinnen, auf das Tragen von religiös begründeter Bekleidung, namentlich dem Kopftuch, verzichten.

Moment, alle Lehrerinnen und Richterinnen sollen es also – auch – tragen dürfen, das Kopftuch? Mit einer Gleichbehandlung der Geschlechter ist der Hidschab, dem das Schariakonzept von Fitra (fiṭra, angeborenes Ausgerichtetsein der Schöpfung und damit auch jedes Menschen auf Allah hin) und Aura (ʿawra, islamischer Schambereich, zu bedecken. Bei der Frau der gesamte Körper bis auf Hände und Gesicht, beim Mann hingegen nur die Zone zwischen Bauchnabel bis Knie) zugrunde liegt, jedoch nicht vereinbar.

In Sachen weibliche Bedeckung („mit Ausnahme von Gesicht, Händen und Füßen“), das ist der Hidschab, verkürzt genannt und genäht als das Kopftuch, gibt es nichts zu verzichten. Die Idschaza (islamische Lehrbefugnis) verlangt das berufliche und private korrekte Verhalten der IRU-Lehrerin und die Karlsruher Verfassungsrichter reichten uns ungerührt die Forderung der Diyanet / DITIB weiter:

„Die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e.V. (DITIB) hat folgende theologische Bewertung ihres Obersten Religionsrates mitgeteilt: Muslimische Frauen müssten ab Eintritt der Pubertät in Gegenwart von Männern, mit denen sie nicht verwandt seien und die zu ehelichen ihnen religionsrechtlich erlaubt sei, ihren Körper – mit Ausnahme von Gesicht, Händen und Füßen – mit Kleidung derart bedecken, dass die Konturen und Farbe des Körpers nicht zu sehen seien. Der Kopf gelte dabei als bedeckt, wenn Haare und Hals vollständig bedeckt seien. Dies sei ein nach den Hauptquellen der Rechtsfindung im Islam (Koran, Sunna, Gelehrtenkonsens und allgemeiner Übereinkunft der Gemeinden) bestimmtes religiöses Gebot definitiver Qualität. In welcher Weise die vorgeschriebene Bedeckung erfolge, sei allein die Entscheidung der muslimischen Frau. Das Tragen des Kopftuchs diene demnach ausschließlich der Erfüllung eines religiösen Gebots und habe darüber hinaus für die Trägerin weder einen symbolischen Charakter noch diene es der Bekundung nach außen.“[10]

Wir verstehen uns nicht als Konkurrenten zu anderen muslimischen Gruppen. Reformmuslime möchten Alternativen zu den herkömmlichen Sichtweisen aufzeigen und anbieten und Menschen erreichen, die einen zeitgemäßen am Humanismus orientierten Glauben leben möchten.

Bei so einem weder die AEMR noch das Lehrerinnenkopftuchverbot fordernden Menschenbild („Humanismus“) kann einem angst und bange werden.

Wir sind davon überzeugt, dass eine funktionierende Gesellschaft nur auf der Grundlage des friedlichen Miteinanders möglich ist. Dazu gehören der gegenseitige Respekt, der konstruktive und offene Dialog und die bewusste gesellschaftliche Partizipation.

Unsere Ziele

1. Die Ausarbeitung moderner Lesarten des Korans, beruhend auf einer historisch-kritischen Textanalyse.

2. Die Ausarbeitung einer neuen modernen, aufgeklärten und humanistisch angelegten Theologie, die den Glauben als persönliche Angelegenheit versteht und uneingeschränkt mit Demokratie und den Menschenrechten konform ist.

Demokratie sagen reicht nicht, die DDR nannte sich auch Demokratie. Menschenrechte sagen reicht nicht, siehe Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam, OIC 1990.

3. Die Bekanntmachung und Verbreitung liberal-islamischer Ideen und Konzepte über Publikationen, Projekte, Kampagnen und öffentliche Debatten.

Mit den noch so Radikalen möchte man in aller Herzlichkeit in einem „Rat“ kooperieren:

5. Zur Vertretung der Muslime gegenüber dem Staat streben wir die Bildung eines Rates an, der sich aus Mitgliedern konservativer Verbände sowie Mitgliedern eines reformierten liberalen Islams zusammensetzt.

Ihr wollt euch auf Dauer zu den Kollaborateuren der Muslimbrüder und Teheraner Ayatollahs machen – schämt euch.

Der deutsche Teil der Bewegung für Schariagesetze und Herrschaft Allahs also soll weiterhin bekennenden Islamischen Religionsunterricht anbieten dürfen, aber ein bisschen mitmischen will man als Reformmuslim dann schon.

Zwei Sätze, ein bemerkenswertes Doppelpaket bietet Ziel Nummer sechs:

6. Wir befürworten und unterstützen die Einführung von humanistisch orientiertem islamischem Religionsunterricht an allen Schulen. Der islamische Religionsunterricht soll die reflektierende Identitätsbildung, die Integration und die gegenseitige Toleranz fördern.

Dem im zweiten Satz Gesagten kann doch gewiss auch die IGD oder die IGMG zustimmen („Der islamische Religionsunterricht soll die reflektierende Identitätsbildung, die Integration und die gegenseitige Toleranz fördern“), Toleranz wie im Kalifat versteht sich. Vorab hat man unverbindlich das (unausgeführt, vgl. der reale Humanismus in der Deutschen Demokratischen Republik DDR, kaum erträgliche) Wort humanistisch gehaucht, als sei der existierende IRU bereits „humanistisch“ oder jedenfalls mit ein wenig Zureden problemlos „humanistisch“ auszugestalten.

7. Wir unterstützen liberal-islamische Organisationen und Gruppen, die Projekte zur Stärkung von Mädchen und Frauen anbieten, die Projekte zur Gewaltprävention anbieten, die Projekte zum interreligiösen Dialog anbieten, die Projekte zu sozialer Integration anbieten, die Projekte im Bereich religiöse Aufklärung / Kampf gegen religiösen Extremismus anbieten.

Auch die Religion und Praxis der Mittigkeit oder Mitte (wasaṭiyya, „middle way“) lehnt Extremismus entrüstet ab und preist die schönen Menschenrechte, nämlich die schönen islamischen Menschenrechte und nur mit einer Lebensführung nach Koran und Sunna kommen wir ins Kalifat pardon ins „friedliche Miteinander“:

8. Wir lehnen Extremismus, Diskriminierung, Gewaltverherrlichung und Segregation entschieden ab. Demokratie und Menschenrechte stellen für uns die Grundlage für das friedliche Miteinander aller Menschen in unserer Gesellschaft dar.

Sind Artikel 1 bis 29 der AEMR nicht der ausführlichen Besprechung wert?

9. Der Artikel 30 der Menschenrechte (Auslegungsregel), die für uns bindend sind, steht über jedem Anspruch, der möglicherweise aus einer islamischen Rechtsprechung erwachsen könnte.

Dass sich die irgendwie liberalislamischen Schreiber, Erstsignierer und Sympathisanten der Deklaration zu den universellen Menschenrechten („die für uns bindend sind“) bekennen ist schön, doch die, nennen wir sie so, Freiburger machen die AEMR leider gerade nicht verbindlich, weder für Deutschland und schon gar nicht für den weltweiten echten großen Islam. Dem von Freiburg aus deklarierten, praktisch allerdings erst noch zu verwirklichenden bonbonbunten Mini-Islam mag man Erfolg wünschen oder auch nicht, die Verantwortlichen bahnen der globalen Schariafront den Weg zur auch deutschen Machtergreifung, sitzen aber gerne noch ein Weilchen am Katzentisch oder auch an der Tafelrunde der globalen Muftis und Ulama.

Ein Alibi, eine Ausrede ist die Freiburger Deklaration und für die von einem restlichen Gewissen noch etwas Geplagten die Erteilung der Absolution: Parlamentarier, Presse, Wohlfahrtsverbände, Hochschulen und Schulen werden sich noch weniger als schon heute bemüßigt fühlen, auch nur ein Wort der Kritik am Islam zu äußern, denn dazu schließlich gönnt man sich, nennen wir sie so, die Freiburger. Die Minderung der Chance zu gründlicher Islamkritik könnte die Folge einer derart seichten Deklaration sein sowie ein verstärktes Abdrängen der Vertreter ernsthafter Islamkritik etwa durch eine pauschale Etikettierung als rechtsradikal. Den Alleinvertretungsanspruch, das Monopol auf Islamkritik haben jetzt die Freiburger.

Schuld lädt die Freiburger Deklaration auf sich, indem sie den Islam von Koran und Sunna, den Islam der Muslimbrüder und der Teheraner Mullahs, den echten Islam also, salonfähig macht und dessen Einfluss in Deutschlands Parlamenten und Ministerien auch insofern zusätzlich stärkt, als sie ihn noch nicht einmal definiert, weder wie geboten kritisiert noch auch nur gründlich beschreibt.

Die Vertreter der globalen Schariafront haben erklärliches Interesse daran, islambezogene Fakten nicht zur Sprache zu bringen, sie und ihre Politik der Islambeschönigung werden durch die Freiburger Deklarierer zusätzlich aufgewertet, den nun, so wird es bei den Wegduckern und Wegguckern heißen, könne man den Islam ja allüberall problemlos kritisieren, nun gäbe es ja einen für jedermann wählbaren Islam ohne Schariapflichten, ohne angedrohte Höllenstrafe, irgendwo jedenfalls im virtuellen Raum einer Deklaration aus Freiburg.

Unterdessen wird der radikale sprich der echte Islam in den Ministerien und Universitäten weiter verankert und wird er an den staatlichen Schulen – bekennend sprich demokratieabbauend – gelehrt werden dürfen und kann und darf sich keine Schülerin und kein Schüler mit dem deklarierten Freiburgislam identifizieren, der noch nicht einmal das Verbot des Lehrerinnenkopftuchs verteidigen möchte („Wir befürworten es, wenn Staatsdiener, insbesondere Lehrerinnen und Richterinnen, auf das Tragen von religiös begründeter Bekleidung, namentlich dem Kopftuch, verzichten“).

Der faktenferne Eindruck wird erweckt, das Islamische Recht, der Islam sei reformierbar und mindestens im berüchtigten Kern bereits seit jeher menschenfreundlich und damit auch frauenfreundlich.

Das ist falsch, der Islam ist im Kern unfriedlich.

Jacques Auvergne

Q u e l l e n

[1] The Constitution of Pakistan. Part IX: Islamic Provisions

http://www.pakistani.org/pakistan/constitution/part9.html

[2] Koordinationsrat der Muslime in Deutschland. KRM. Geschäftsordnung in der Fassung vom 28. März 2007.

http://islam.de/files/misc/krm_go.pdf

[3] The challenge of a single Muslim authority in Europe. By Mustafa Ceric. European View (2007) 6:41–48.

https://de.scribd.com/document/209145838/The-Challenge-of-a-Single-Muslim-Authority-in-Europe-ceric

[4] Sayyid Qutb:

Ḫaṣāʾiṣ at-Taṣawwur al-Islāmī

The Characteristics of the Islamic Concept

Die Eigenschaften des Islamischen Konzepts

The division of human actions into “worship“ or ibadat and „human affairs“ or mu’amalat, which we find in the books of Islamic jurisprudence, was introduced in the beginning merely for technical reasons … Undoubtedly this was a grave distortion of the Islamic concept, which eventually resulted in producing deviations in the Muslim society. In the Islamic concept there is not a single human act to which the term ‚worship“ is not applicable or in which this property is not desired. Indeed, the Islamic way of life is nothing but the realization of the meaning of worship from beginning to end.

The ultimate aim of the Islamic way of life is not a system of justice, or a system of economics, or a system of legislation concerning criminal, civil, or family affairs, or any other of the rules and regulations that are part of this way of life. The only aim of Islam is the establishment of the meaning of‘ ‚worship“ in human life as according to the Qur’an, it is for the worship of Allah that man was created. No human action can be called worship of Allah unless it is done for the sake of Allah alone, and with a recognition that He alone deserves to be worshipped. Either this is the case or the act is not worship, and hence not in the service of Allah, and in fact, is therefore a rebellion against the din of Allah.

(Lebenslang Göttlichkeit bekunden, heute Hingabe üben: Ein Konzept für eine koranbasierte politische Praxis. Von Jacques Auvergne.)

https://jacquesauvergne.wordpress.com/tag/sayyid-qutb-das-islamische-konzept/

[5] „One of the main challenges for Islamic scholars in the West is to establish a legitimate fiqh (jurisprudence) for Muslim minorities“, Tariq Ramadan.

http://tariqramadan.com/english/the-prophet-of-moderation-tariq-ramadans-quest-to-reclaim-islam/

[6] „Dieser Mann weiß nicht, was er tut“, empört sich Muhammet Balaban von der Landesarbeitsgemeinschaft der kommunalen Migrantenvertretungen (LAGA). „Das ist Diskriminierung. Ein Rektor sollte Schulpolitik machen, nicht missionieren!“

Balaban glaubt nicht, dass muslimische Eltern ihre Kinder zum Kopftuchtragen zwingen. „Ab der Pubertät steht jeder eigenverantwortlich vor Gott. Die Mädchen entscheiden dann selbst, wie sie sich kleiden.“ [Der eigen-, aber unverantwortlichen Neunjährigen oder Älteren ewige Qual in der Hölle.]

(Hier sind Kopftücher unerwünscht. Zum Thema Anne-Frank-Realschule von Markus Böhm. Express, 01.10.2008.)

http://www.express.de/anne-frank-realschule-hier-sind-kopftuecher-unerwuenscht-22086168

[7] Cairo Declaration on Human Rights in Islam, Aug. 5, 1990

http://hrlibrary.umn.edu/instree/cairodeclaration.html

[8] Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam

http://www.islamdebatte.de/islamische-schluesseltexte/kairoer-erklaerung-der-menschenrechte-im-islam/

[9] But if the conditions of marriage are not met or it involves anything that is contrary to sharee’ah with regard to divorce and so on, then it is not permissible to do it, unless documentation of the marriage cannot be done otherwise, or if the person has no choice but to do it. In that case he can do the correct marriage contract according to sharee’ah in an Islamic centre, then do the civil marriage in the court […] The Muslims who live in western countries should strive to have their marriages recorded officially in Islamic centres, with no need to go to the civil marriage office.

(113867: Ruling on civil marriage. Is civil marriage permissible in Islam?)

https://islamqa.info/en/113867

[10] Bundesverfassungsgericht. 1 BvR 471/10 Beschluss des Ersten Senats vom 27. Januar 2015.

https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Entscheidungen/DE/2015/01/rs20150127_1bvr047110.html

Sapere audete, Feministinnen, wagt es weise zu sein

März 1, 2015

Offener Brief an EMMA. Von Gabi Schmidt und Edward von Roy am 26.02.2015

In der Ausgabe März / April 2015, die am 26.02.2015 erschienen ist, titelt Deutschlands bekannteste feministische Zeitschrift:

Wir wollen einen aufgeklärten, modernen Islam

„Wir“, das können Leser gleich auf den Fotos auf dem Cover erkennen, ist eine Gruppe von 19 teilweise prominenten Frauen und Männern mit einem „muslimischen Hintergrund“ (EMMA), die als Künstler, Schauspieler, Politiker oder Wissenschaftler tätig sind, fast ausschließlich schon als Kinder mit ihren Eltern eingewandert sind und denen zwei Fragen gestellt wurden:

EMMA macht eine Umfrage bei etwa einem Dutzend fortschrittlicher Frauen und Männer in Deutschland aus dem muslimischen Kulturkreis. Wir wollen damit dazu beitragen, dass der „Dialog“ zwischen Politik und MuslimInnen nicht länger auf muslimische Organisationen beschränkt bleibt, in denen nur Minderheiten organisiert sind, sondern dass dieser Dialog auch mit der Mehrheit der demokratischen MuslimInnen geführt wird. Dafür steht eine Stimme wie die Ihre.

Wir würden uns darum sehr freuen, wenn Sie uns bis spätestens 26. Januar (gerne früher) auf die zwei folgenden Fragen antworten:

1. Kanzlerin Merkel hat erklärt: „Der Islam gehört zu Deutschland.“ Stimmen Sie dem zu?

2. Welche Rolle sollten MuslimInnen in Deutschland bei dem Schulterschluss von DemokratInnen aller Provenienzen gegen den Islamismus in Deutschland und die Terrorismusgefahr jetzt spielen?

Wir bitten Sie um Verständnis dafür, dass Ihre Antworten auf gesamt ca. 1.200 Zeichen (also 20 Zeilen à 60 Anschläge) begrenzt sein müssen. Außerdem benötigen wir ein, zwei rechtefreie Fotos. Und: Lassen Sie uns bitte baldmöglichst wissen, ob Sie an unserer Umfrage teilnehmen – was wir hoffen!

Mit freundlichen Grüßen

EMMA Redaktion

Aus den Antworten auf die beiden verkürzenden und manipulierenden Fragen (welchen Islam meint die Kanzlerin, ist der „Schulterschluss“ von Demokraten denn wirklich von jedem der Interviewpartner gewollt? Niemand wird es wagen, den Schulterschluss mit „DemokratInnen“ abzulehnen) scheint die Redaktion erschließen zu können, dass die Befragten erstens den Islam für reformierbar halten und eine solche kulturell modern ausgelegte Interpretation organisierbar ist und zweitens einen solchen aufgeklärten Islam befürworten und gesellschaftlich anerkannt sehen wollen.

Ein derartig dezidiertes Statement können wir jedoch keiner einzigen Stellungnahme entnehmen. Wir könnten uns deshalb vorstellen, dass sich beispielsweise Shahin Najafi nach Veröffentlichung seiner Ansichten überrumpelt fühlt und, konkret auf die Titelthese angesprochen, nicht zugestimmt hätte. Die Headline suggeriert bei allen Befragten jedoch einen anderen Eindruck. Gegen den verfolgten und 2005 aus dem Iran nach Deutschland geflüchteten Rapper wurde 2012 eine Todesfatwa ausgesprochen. Najafi weiß aus eigener Erfahrung, dass die Schöpfungs-, Rechts- und Lebensordnung Allahs kritiklose Unterwerfung fordert, keine Aufklärung und Reform zulässt und jeden Andersdenkenden unterdrückt.

http://de.wikipedia.org/wiki/Shahin_Najafi

EMMA, die sich selbst politisches Magazin für Menschen nennt, Chefredakteurin seit Gründung 1977 ist immer noch Alice Schwarzer, gliedert sich, bekräftigt durch das Editorial von Deutschlands Oberfeministin Alice, mit dieser Titelstory wieder einmal profillos in die Reihe der Islamverklärer ein, welche die Bürger für dumm verkaufen und ihnen weismachen möchten, es gäbe den guten Islam und den bösen Islamismus und man dürfe die vielen individuellen Möglichkeiten den Islam zu leben, auf gar keinen Fall verallgemeinern. Bereits das anschließende zweiseitige Interview mit Necla Kelek widerspricht dieser Intention allerdings diametral und auch der Bericht über Raif Badawi im selben Heft stellt eine ganz andere Realität dar.

Die EMMA-Islamreform, wohl wenig zufällig kurz vor dem Internationalen Frauentag angesetzt, kann nicht funktionieren, denn die Welt-, Gesellschafts- und Wohlverhaltensordnung Allahs fordert die kritiklose Unterwerfung einer jeden Muslima, eines jeden Muslims, ihres oder seines gesamten Tagesablaufs sowie des gesamten Denkens, Redens und Handelns und bedroht alle Andersdenkenden mit irdischem Strafgericht und ewigen Höllenqualen. Dem saudi-arabischen Blogger Badawi brachte die veröffentlichte Ansicht, dass Muslime, Juden und Christen gleiche Rechte haben sowie die Kritik an der Macht des Klerus zunächst die Todesstrafe ein, die auf insgesamt 1000 Peitschenhiebe abgemildert wurde, was jedoch im Prinzip ebenso tödlich sein kann, wenn diese Körperstrafe tatsächlich vollzogen wird. Überlebt er, addieren sich noch zehn Jahre Gefängnis und 200.000 € Geldstrafe hinzu.

Auch hier in Deutschland, im ausdünnenden freiheitlich demokratischen Rechtsstaat, werden Islamkritiker diffamiert und durch Islamverbände sowie Angehörige der politischen und gesellschaftlichen Eliten und deren Anhänger diskreditiert, von der Karriereleiter gedrängt und zum Schweigen gebracht. Diese Erfahrung hat beispielsweise Soziologin und Autorin Necla Kelek, Teilnehmerin der ersten Runde der vom damaligen Innenminister Schäuble initiierten unsäglichen Deutschen Islamkonferenz, seit etwa zehn Jahren immer wieder machen müssen.

Islamkonferenz: Sie wollen ein anderes Deutschland

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/islamkonferenz-sie-wollen-ein-anderes-deutschland-1512019.html

Necla Kelek: Ein Verstoß gegen die Menschenwürde!

http://www.emma.de/artikel/necla-kelek-ein-verstoss-gegen-die-menschenwuerde-264110

Man darf darauf gespannt sein, wie die Mainstream-Presse und die Republik auf Keleks Aussage: „Der Islam, so wie er sich heute darstellt, kann nicht Teil einer freiheitlichen Gesellschaft sein!“, reagiert.

Der an seiner Morallehre und Rechtsordnung (Scharia) sowie Jurisprudenz (Fiqh) festhaltende Islam ist also weder in seiner Theorie bzw. Theologie reformierbar, noch erkennt er die allgemeinen Menschenrechte an. Es ist die moralische Bankrotterklärung einer mit frauenrechtspolitischem Anspruch gegründeten Zeitschrift, wenn dieser grundgesetzwidrige authentische Islam verharmlost und verkitscht wird, weil es das Staatsziel der Gleichberechtigung von Mann und Frau untergräbt.

EMMA wurde 1977 gegründet, zwei Jahre vor der Islamischen Revolution, die aus dem Iran eine die ganze Bevölkerung und vor allem die Frauen unterdrückende religiöse Diktatur machte. Fast 40 Jahre lang haben Alice Schwarzer und ihre Mitstreiterinnen es versäumt, den Islam und die Scharia zu kritisieren oder auch nur gründlich darzustellen. Mittlerweile macht man es die EMMA-Redaktion wie viele unserer Politiker, schon 2011 unterschied Alice Schwarzer als Mercator-Professorin zwischen einem guten Islam und einem bösen Islamismus:

„Für mich ist auch der Islam nicht gleichzusetzen mit dem Islamismus, ganz im Gegenteil. … EMMA [hat] nicht aufgehört, über die Gefahr des Islamismus zu berichten und vor den Folgen zu warnen. … ihr wahres Motiv ist nicht der Glaube, es ist die Macht.“

https://www.uni-due.de/imperia/md/content/dokumente/mercatorprofessur/mp_2010_schwarzer.pdf

Das ist nicht richtig. Man kann den Machtanspruch der religiösen Bewegung von Islamaktivisten wie Hasan al-Banna oder Sayyid Qutb in Ägypten, Maududi in Pakistan oder Chomeini im Iran nicht reformieren, ohne die theokratische Weltanschauung des Islam anzugreifen. Der Islam ist eine dezidiert antisäkulare, menschenrechtswidrige und frauenfeindliche Ideologie und Lebenspraxis, die eben keine Trennung zwischen Privatleben, Politik und Seelenrettung duldet. Die demokratiefeindliche islamische Bewegung will die Herrschaft der männlichen Muslime über die Nichtmuslime und über alle Frauen in die Zukunft führen. Eine misogyne Gottesherrschaft kann in einer menschenfreundlichen Welt aber keinen Platz haben. Offensichtlich ist Alice Schwarzer dem Vernunftargument der Soziologin Dr. Kelek: „Der Islamismus ist eine Zuspitzung des Islam, aber nicht von ihm getrennt“, nachzulesen auf Seite 27 in der aktuellen EMMA, nicht zugänglich.

Mittlerweile ist es jedoch selbst in Ländern wie der Türkei oder Tunesien risikoreich, öffentlich etwas gegen den Islam zu sagen und in Afghanistan, Pakistan, Saudi-Arabien, Somalia oder im Iran droht nicht den Islamismuskritikern, sondern den Islamkritikern die Todesstrafe. Wenn wir jetzt auch in Deutschland anfangen, nur den Islamismus als problematisch, den Islam hingegen als frauenfreundlich bzw. menschenfreundlich sowie grundgesetz- und demokratietauglich schönzulügen, dann machen wir uns ohne Not auch zum Handlanger der Schariagelehrten und Islamfunktionäre, die bei sich jede Kritik an der Religion kriminalisieren und schwer bestrafen, die mit dem Koran in der Hand die Kunst, die Karikatur und die Pressefreiheit unterdrücken und die uns ihre Regeln aufzwingen wollen.

Aiman Mazyek beispielsweise kritisiert nur die „missbräuchlich“ eingesetzte islamische Gewalt, schließt er die Feldzüge des Propheten und die alltäglichen saudi-arabischen oder iranischen Hinrichtungen dabei aus? Auch zu den Verhaftungen islamkritischer Blogger in Bangladesch schweigt der ZMD-Vorsitzende:

„Wir stehen heute an der Seite der Opfer, wir möchten unsere Stimme erheben“, so Mazyek. „Und wir wollen nicht schweigen, wenn Gewalt stattfindet – im Namen unserer Religion missbräuchlich eingesetzt.“

http://www.wdr2.de/aktuell/aktionstagmuslime100.html

Diese Spitzenfunktionäre bemühen sich, den Islam als gerecht, frauenfreundlich, kulturell modern und als mit den Menschenrechten vereinbar schönzureden. Wie würden sie auf folgende Schreckensnachricht aus dem Iran reagieren, dass ein dreißigjähriger Mann, Soheil Arabi, verheiratet und Vater eines fünfjährigen Kindes, der 2013 verhaftet wurde und bereits seit fast einem Jahr im Gefängnis sitzt, nun wegen der selben Tat gleichzeitig von zwei verschiedenen Gerichten verurteilt wurde, einmal wegen des Bloggens einiger islamkritischer Texte, das brachte ihm drei Jahre Gefängnis ein, in einem anderen Gericht in Teheran verhängte Richter Khorasani gegen ihn wegen Lästerung des Propheten Mohammed die Todesstrafe. Was würden die Herren Mazyek, Alboğa, Pürlü oder Kızılkaya sagen, wenn sie um eine Stellungnahme zum Fall Arabi gebeten würden? … Islamkritiker drohen umgebracht zu werden, weil sich gottesfürchtige Mitmenschen beleidigt fühlen.

(aus dem offenen Brief eines Mitglieds des Zentralrats der Ex-Muslime an den Koordinationsrat der Muslime in Deutschland, 04.09.2014)

https://de-de.facebook.com/mina.ahadi.50/posts/10203957315484672

Bekir Alboğa [DITIB] sagt: „Alle, die an diesem Tisch sitzen, verteidigen die Presse- und die Meinungsfreiheit. Wir wollen aber auch respektiert werden. Auf Provokationen müsste man verzichten. Wir lieben unseren Propheten.“ Eine Diskussion über die Position der Verbände zu den Karikaturen halte er derzeit nicht für „förderlich“.

Quelle: Jannis Brühl („Wir haben uns sehr stark gefühlt. Bis Mittwoch.“), Süddeutsche, 09.01.2015

http://www.sueddeutsche.de/politik/deutsche-muslime-und-der-anschlag-auf-charlie-hebdo-wir-haben-uns-sehr-stark-gefuehlt-bis-mittwoch-1.2297369

Murat Gümüş, stellvertretender Generalsekretär der Islamischen Gemeinschaft Millî Görüş [IGMG], schränkt noch weiter ein. Für ihn ist eine karikaturistische, teilweise beschimpfende Darstellung des Propheten inakzeptabel.

Quelle: Matthias von Hein (Muslime setzen Zeichen gegen Terror), Deutsche Welle, 09.01.2015

http://www.dw.de/muslime-setzen-zeichen-gegen-terror/a-18182489

Und noch an einer zweiten Stelle irrt sich die EMMA-Gründerin, der Zwang zum Schleier (Hidschab) ist nicht erst 36, sondern mehr als tausend Jahre alt:

„Erst seit dem Sieg des iranischen Gottesstaates im Jahr 1979 ist das Kopftuch das Symbol und die Flagge der Islamisten, des politisierten Islam“

Soweit Alice Schwarzer.

In Band Zwölf der Wiederbelebung der Wissenschaften des Glaubens, Das Buch der Ehe, stellt Imam al-Ghazali fest:

Gott hat nämlich die Frau in die Hand des Mannes gegeben. … Denn dem Mann kommt es zu, Führer zu sein und nicht geführt zu werden. Die Natur der Frau ist wie deine eigene böse Natur … gegenwärtig ist es einer ehrbaren Frau erlaubt, mit Einwilligung ihres Mannes auszugehen, sicherer aber ist es, wenn sie zuhause bleibt. Auch soll sie nicht ohne wichtigen Grund ausgehen … Liegt aber die Widersetzlichkeit auf seiten der Frau, dann gilt: “Die Männer sind gesetzt über die Frauen” (Sure 4, 34). Der Mann soll in diesem Fall die Frau strafen und mit Gewalt zum Gehorsam zurückbringen. … Alles, was hierüber zu sagen ist, ist in dem Satz enthalten, dass die Heirat eine Art Sklaverei ist und dass die Frau die Sklavin des Mannes ist. Deshalb hat sie ihm unbedingt und unter allen Umständen zu gehorchen, in dem was er von ihr und in bezug auf sie selbst verlangt, vorausgesetzt, dass es nichts Sündhaftes ist. … Der Hochgebenedeite sagte ferner: “Die Frau steht dann Gott am nächsten, wenn sie im Innern ihres Hauses weilt”

http://de.wikipedia.org/wiki/Al-Ghaz%C4%81l%C4%AB

Die Frau muss den Hidschab und eigentlich sogar den Niqab tragen, wie der im Jahr 1111 d. Z. verstorbene al-Ghazali offenbar voraussetzt, denn nicht nur am Gesicht, sondern auch an der Stimme darf die Allah und ihrem Ehemann Gehorsame nicht erkannt werden. Öffentlich zu sprechen muss die Muslima in jedem Fall vermeiden. Eigene Übersetzung aus dem auch Frau Schwarzer vertrauten Französischen:

Sie muss im Hof bleiben und sich um die Wäsche kümmern. Sie darf nicht allzu oft ausgehen, muss einfältig und gutmütig sein, darf keinen allzu geselligen Umgang mit den Nachbarn haben und sie nicht öfter besuchen, als es absolut unverzichtbar ist. Sie muss sich sehr um ihren Ehemann kümmern und ihn respektvoll behandeln. Ohne seine Einwilligung darf sie das Haus nicht verlassen. … Dabei hat sie [beim Ausgehen, beim Verlassen des Hauses] abgetragene Kleidung anzulegen und sich nur auf unbelebten Straßen zu bewegen. Die öffentlichen Märkte muss sie meiden und sicherstellen, dass niemand sie an ihrer Stimme erkennt. Sie darf sich nicht an einen Freund ihres Ehemannes wenden, selbst wenn sie seine Hilfe gerade nötig hätte. … Sie muss darum besorgt sein, die sexuellen Bedürfnisse ihres Ehemannes in jedem Augenblick zufriedenzustellen.

Elle doit rester au foyer et filer la laine. Elle ne doit pas sortir trop souvent. Elle doit être ignorante, ne doit pas être sociable avec ses voisins et ne doit leur rendre visite que si c’est absolument nécessaire. Elle doit prendre soin de son mari et doit lui témoigner du respect, en sa présence comme en son absence. Elle doit essayer de le satisfaire en toutes choses. Elle ne doit pas essayer de le tromper, ni de lui extorquer de l’argent. Elle ne doit pas quitter sa maison sans la permission de son mari … Elle devra revêtir de vieux vêtements et emprunter des rues désertes. Elle devra éviter les marchés publics et s’assurer que nul ne puisse identifier sa voix et la reconnaître. Elle ne doit pas adresser la parole à un ami de son mari, même si elle a besoin de son assistance. … Elle aura toujours souci de pouvoir satisfaire à tout moment les besoins sexuels de son époux.

aus: Revivification des sciences de la religion, cité par Ghassan Ascha, Du statut inférieur de la femme en Islam, l’Harmattan, Paris 1987, p. 41.

http://www.denistouret.fr/textes/al_Ghazali_Algazel.html

Der Doppelstandort der Universitäten Münster/Osnabrück ist neben Tübingen, Frankfurt/Gießen und Erlangen/Nürnberg eines von bundesweit vier Zentren der islamischen hochschulischen Ausbildung, die seit 2012 vom Bundesbildungsministerium finanziell gefördert werden. Die Universität zu Osnabrück feierte im Oktober 2011 den frauenfeindlichen mittelalterlichen Islamgelehrten:

900 Jahre al-Ġazālī im Spiegel der islamischen Wissenschaften – Perspektiven für eine Islamische Theologie in Deutschland.

http://www.blogs.uni-osnabrueck.de/ghazali2011/

Nein Frau Schwarzer, der Islam war von Anfang an gerade keine private, sondern eine politisierte Religion, eine Trennung zwischen der versprochenen Rettung vor dem Höllenfeuer und der irdischen Herrschaft Mohammeds bestand ja gerade nicht.

Statt für die Unverhandelbarkeit und weltweite Gültigkeit der allgemeinen Menschenrechte (AEMR) einzutreten, bezeichnet sich Alice Schwarzer als: „Mensch aus dem christlichen Kulturkreis“. Unsere Menschenrechte sind aber nicht in einem sogenannten Kulturkreis gültig, sondern universell. Für freiheitliche oder moderne Menschen sollte es selbstverständlich sein, die Menschen nicht in Kulturen oder Kulturkreise einzuteilen, was stets die Rechtsspaltung nach sich zieht.

Auch über die Islamkonferenz hat Deutschlands Regierung mit den Eliten fundamentalistischer Organisationen zusammengearbeitet. Die Bewegung für immer mehr Schariatheorie und Schariagehorsam hat auch in Deutschland schon viel Einfluss und Macht. Umso wichtiger wäre es, Pseudoaufklärer wie Aygül Özkan, Lamya Kaddor oder Mouhanad Khorchide zu enttarnen.

Zu Özkan:

Im Juli 2010 wurden Pläne Özkans für eine „Mediencharta für Niedersachsen“ bekannt. In dieser sollten sich Journalisten verpflichten zu einer „kultursensiblen“ Sprache. Özkan wollte die „kultursensible“ Pressezensur:

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/zensurvorwurf-in-niedersachsen-ministerin-oezkan-will-medien-auf-kurs-bringen-a-708168.html

Nach Einschätzung des Arbeitsrechtlers Otto Ernst Kempen habe Aygül Özkan 2008 „Arbeitsverhältnisse am Rande der Legalität“ geschaffen.

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/cdu-ministerin-tnt-betriebsrat-droht-oezkan-mit-rechtlichen-schritten-a-693789.html

Zu Kaddor:

Lamya Kaddor: „Die Aufklärung ist für den Islam nicht übertragbar“.

http://www.cibedo.de/islamischer_religionsunterricht.html

Fünf Schüler des Projekts „Islamkunde in deutscher Sprache“ zogen als Freiwillige für den Dschihad nach Syrien, was Lamya Kaddor bedingt als persönliche Niederlage empfand.

http://www.zeit.de/politik/2013-05/extremismus-dschihad-syrien-schueler-lamya-kaddor

David Harnasch (Blind und taub in der Kulturzeit) betrachtet den Bericht über Lamya Kaddors Religionsunterricht. „Eine derart krasse Ton-Bild-Schere wie in der Montagsfolge habe ich noch nie gesehen.“

https://www.youtube.com/watch?v=mwWXelF_uOY

Zu Khorchide. Die islamkritische Studentengruppe FREE MINDS bezeichnete Khorchides Wirkungsstätte, der dort am Zentrum für Islamische Theologie (ZIT) die künftigen Lehrer für den bekennenden Islamunterricht ausbildet, als Zentrum für märchenhafte Schönfärberei:

Free Minds Münster ist eine Gruppe von emanzipierten Studentinnen mit muslimischem Hintergrund. Sie verfolgen seit Jahren die von oben beschlossene Politik im Umgang mit dem Islam mit großer Sorge und vertreten eine ganz klare Position:

»Der Islam ist nicht mehr als eine Religion. Obendrein eine, die sehr viele Probleme macht. Vor allem für Mädchen und Frauen bedeutet er Unterdrückung und Unterordnung. Die Universität Münster unterbindet jede Form der Islamkritik. Und versucht sie in die Ecke des Antisemitismus und der Fremdenfeindlichkeit zu stellen. Sie will nicht verstehen, dass es Opfer gibt, die diese Religion am laufenden Band produziert. Wer gegen jegliche Diskriminierung und Ausgrenzung ist, sich für Menschen- und Freiheitsrechte stark macht, darf diese Opfer nicht verschweigen. Während muslimische Gläubige, immer mehr Gebetsräume im öffentlichen Raum der Uni beantragen und genehmigt bekommen, werden die Aufklärungsarbeiten von Free Minds mit aller Entschiedenheit von den Verantwortlichen der Uni Münster ausgegrenzt und stigmatisiert.«

• Im Sommersemester 2010 wurde ein von Free Minds initiiertes Proseminar zum Thema Selbstbestimmungsrecht und Emanzipation von Mädchen und Frauen im Islam willkürlich aus dem Vorlesungsverzeichnis der Universität gestrichen.

• Während der Protestaktion von Free Minds am 30.10.2012 im Rahmen der Eröffnungsfeier des Zentrums für Islamische Theologie hat die Uni Rektorin nochmals den Ausgrenzungswillen deutlich gemacht und gezeigt, dass die Aufklärungsarbeiten von Free Minds in der Uni Münster unerwünscht sind und nicht geduldet werden.

• Professor Khorchide, Leiter des Zentrums für Islamische Theologie, hat Free Minds ein fragwürdiges Gesprächsangebot unterbreitet, ohne auf die zentralen Kritikpunkte von Free Minds inhaltlich einzugehen.

• Der Sprecher der Universität, Norbert Robers, diffamierte Free Minds als “selbst ernannte Freigeister” in der Universitätszeitung (Ausgabe vom November 2012) und auch er weigerte sich inhaltlich auf die Kritikpunkte und Aufklärungsarbeiten einzugehen.

Während der jahrelangen und offenen Ausgrenzung und Stigmatisierung von Free Minds durch die Universitätsleitung betonen die betroffenen Frauen und Sympathisanten:

»Islamkritik darf kein Tabuthema sein. Vor allem sollte eine Hochschule nicht unfair gegenüber betroffenen Frauen reagieren, die mit dem islamischen Glauben gebrochen haben, nun verfolgt werden und daher ein anonymes Leben führen müssen. Sie auszugrenzen und zu stigmatisieren, ist kein gutes Zeichen. Dem organisierten Islam in der Universität einen gänzlich kritikfreien Raum zu gewähren, ist besorgniserregend.«

Wer steckt hinter Free Minds?

Free Minds ist eine Initiative von muslimischen und nichtmuslimischen Frauen und Männern, die eine direkte Berührung zum gelebten Islam (gehabt) haben und wissen, welche Gefahren, Repressionen und Einschränkungen auf MuslimInnEn im Namen des Islams ausgeübt werden. Geleitet von universalen Prinzipien der Aufklärung, Freiheit, Demokratie und Menschenrechte wünschen sich die InitiatorInnEn die Öffnung und Demokratisierung von geschlossenen, muslimischen Kreisen, in denen Menschen sowohl körperlich als auch seelisch gefangen sind.

Was sind die Ziele der Initiative Free Minds?

Die Initiative Free Minds möchte herrschende Tabus, die aus geschlossenen muslimischen Kreisen bekannt sind, brechen und sich zum Beispiel gegen den Polit-Islam – d.h. den machtpolitischen und wirtschaftlichen Missbrauch des Islam – einsetzen. Wichtigstes Ziel ist die geistige, körperliche und seelische Befreiung des einzelnen von Zwängen und Einschränkungen, die im Namen des Islam ausgeübt werden. Es geht nicht darum, die existierende gesellschaftliche und politische Diskriminierung von einzelnen MuslimInnen zu forcieren, sondern den geschlossenen Kreis zu öffnen, die herrschenden Regeln transparent zu machen und im inneren Geschehen undemokratische Tendenzen – selbstverständlich auf aufklärerischer und emanzipatorischer Art und Weise – aufzuheben. Letztlich möchte Free Minds auch emanzipierte, freiheits- und demokratieliebende Personen zu einem regen Erfahrungsaustausch und gemeinsamer und demokratischer Meinungsbildung zusammenbringen. Kritische Reflexion, eigene Meinung, Theorienbildung und -überprüfung, Äußerung von Wünschen, Liebe zur Freiheit und Selbstbestimmung werden ausdrücklich erwünscht. Niemand kann einem anderen Menschen seinen Glauben aufzwingen oder absprechen!

http://www.cileli.de/2013/01/mit-herz-und-verstand-free-minds/

Noch zu Khorchide.

Während es der deutschen Presse kaum einmal gelingt, frauenrechtlich und allgemein menschenrechtlich relevante Fakten über den Islam zu publizieren, kooperiert der als modern gelobte Professor Khorchide, heute ebenfalls von EMMA interviewt, mit der Kairoer al-Azhar. Dort, an der für sunnitische Muslime aller Welt eigentlich bedeutendsten Lehrstätte, unterrichtet man die ewige Scharia und denkt gar nicht an Reform.

http://www.uni-muenster.de/ZIT/Aktuelles/2012/aktuelles_2012_al_azhar.html

Die Azhar

http://de.wikipedia.org/wiki/Azhar_(%C3%84gypten)

Selbst die Universität Paderborn hat keine Berührungsängste, mit den Mullahs von Ghom (Qom) im Iran zusammenzuarbeiten. Diese legitimieren die grausame Diktatur des jetzigen iranischen Regimes religiös.

http://www2.uni-paderborn.de/mitteilung/132772/

Die Menschen spüren es doch längst auch hierzulande: die global agitierende Bewegung für eine Lebensführung und Gesellschaftsform nach Koran und Sunna bekämpft die universellen Menschenrechte und ist eine Gefahr für die freiheitliche Demokratie. Wir protestieren insbesondere gegen die Einschüchterung, Terrorisierung und Frauenrechtsverletzung der islamischen Radikalen.

Eine Reform des Islam ist nicht möglich, denn welche Koranverse (Suren) die anderen aufheben (abrogieren) ist beschlossene Sache, welche islamische Überlieferung (Hadith) als verbindlich anzuerkennen ist, wurde ebenfalls vor Jahrhunderten festgelegt und die privat wie politisch maßgeblichen Koraninterpretationen (Tafsir) sind auch längst geschrieben.

Auch mit Qiyas (korankompatibler Analogieschluss), Idschma (schariakonformer Konsenus) oder Idschtihad (sogenannte freie Islamauslegung in den von Allah gesetzten Grenzen) wird man nie bei der Gleichberechtigung von Muslim und Nichtmuslim oder Mann und Frau ankommen.

Deutschland hätte eine Debatte über die totalitäre Scharia und überhaupt eine Islamdebatte gebraucht. Doch die, obwohl beispielsweise 2012 auf dem sogenannten Dialog über Deutschlands Zukunft gefordert, wurde von Bundeskanzlerin Merkel („Ich teile Ihre These nicht“) eilig abgewürgt.

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/wie-merkel-mit-den-buergern-diskutiert-a-842305.html

Auch die Diskussion über die Jungenbeschneidung hatte Merkel 2012 mit dem Reden von der „Komikernation“ erfolgreich verhindert.

Nicht nur die Beschneidung der Jungen, sondern auch der Mädchen ist im Islam erwünscht oder sogar verpflichtend, etwa den Muftis und Scheichen in Indonesien und Malaysia. Die Legalisierung bestimmter Formen der weiblichen Genitalverstümmelung (FGM) ist leider in die Nähe gerückt, zum Deutschen Juristentag Hannover 2014 hat Gutachterin Tatjana Hörnle darüber nachgedacht und Alice Schwarzer oder die EMMA sagen zur islamischen FGM gar nichts, sondern loben den angeblich barmherzigen oder jedenfalls erneuerbaren Islam. Wenn im Januar 2015 die amtierende Bundeskanzlerin den ehemaligen Bundespräsidenten Wulff mit: „der Islam gehört zu Deutschland“ zitiert, gehört dann, sehr geehrte Frau Dr. Merkel, auch die Mädchenbeschneidung zu Deutschland?

Dr. Tatjana Hörnle: Verhandlungen des 70. Deutschen Juristentages • Hannover 2014 Band I: Gutachten / Teil C: Kultur, Religion, Strafrecht. Neue Herausforderungen an eine pluralistische Gesellschaft

http://www.beck-shop.de/fachbuch/inhaltsverzeichnis/Deutscher-Juristentag-djt-Kultur-Religion-Strafrecht-Neue-Herausforderungen-Gesellschaft-9783406662331_1806201406153194_ihv.pdf

Mark A. Zöller: „rein symbolische Bagatellverletzungen“

https://books.google.de/books?id=TSPoBQAAQBAJ&printsec=frontcover&hl=de#v=onepage&q&f=false

Sobald man hier vom humanen Islam redet, liefern wir die Menschen an anderen Orten oder in unseren fundamentalistisch geprägten Familien und Straßenzügen der Doktrin der Scharia aus. Statt, wie eigentlich angebracht, als Feministin gegen die islamischen Verhaltensvorschriften zu protestieren, möchte man den Koran besser verstehen?! Wir haben es doch nun global vielfach erlebt, sobald jemand etwas gegen die Scharia sagt, bekommt er Morddrohungen oder wird gleich umgebracht. Was also soll das heutige Gerede der EMMA von der Islamreform? Merkel ist Kanzlerin für alle Bürger und nicht dazu gewählt worden, zu beschließen, ob eine Religion zu Deutschland gehört.

Auch die leider üblich gewordene Einschüchterung, nicht zwischen Menschen (Muslime) und Ideologie (Islam) unterscheiden zu dürfen, muss uns unbeeindruckt lassen. Doch hätte Merkel im Januar 2015 nur die Menschen willkommen heißen und vor falschen Verdächtigungen schützen dürfen, nicht die Glaubenslehre. Zu sagen: „Als Bundeskanzlerin nehme ich die Muslime dagegen in Schutz, und das tun wir in diesem Hause alle“, steht ihr zu, doch die namentlich nicht genannten, aber offensichtlich sehr mächtigen islamischen Himmelswächter geradezu anzuflehen, den in erheblichem Maße auch zur Gewalt aufrufenden Islam zu verbessern („Ich halte eine Klärung dieser Fragen durch die Geistlichkeit des Islams für wichtig. Und ich halte sie für dringlich“), ist nicht ihre Amtsaufgabe.

http://www.welt.de/politik/deutschland/article136421455/Die-Scharia-steht-nicht-ueber-dem-Grundgesetz.html

Was wir dagegen brauchen, ist Aufklärung über den Islam und faktenbasierte, wissenschaftliche Diskussion zum Islam. Eben keinen Dialog, der definitionsgemäß immer auf einen Kompromiss hinausläuft. Als Sozialarbeiter und Sozialpädagogen aus der Integrationsarbeit haben wir gar keine Lust, das Grundgesetz einzuschränken, um dem Islam und der Scharia Platz zu schaffen. Kein weiterer, nun einmal feministisch inspirierter Bürgerdialog, keine neue Verharmlosungskampagne. Es reicht.

Statt uns den Islam schönzumalen, lese man als EMMA-Redakteurin bei Kant:

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.

Gabi Schmidt und Edward von Roy

Ali Schariati und der ideale Islam

Juni 17, 2010

التلبية

at-talbiya

Das Folge leisten auf einen Zuruf,

die Annahme der Einladung (1)

Ali Schariati und der Islam als »Schule«

Zum Abschnitt »Der Entwurf einer Schule« aus Ali Schariatis »Die Islamkunde«, Teheran, ohne Erscheinungsjahr, also vermutlich etwa 1970. Von Jacques Auvergne.

Hier wird die Übersetzung des aus dem iranischen Kermanschah stammenden Mohammed Djassemi »Macht und politische Ordnung im Iran« herangezogen, Djassemis Inauguraldissertation im Fach Philosophie aus dem Jahre 3 der Installation der Allahkratie auf iranischem Boden (Augsburg 1981). Djassemi wurde wie Schariati 1933 geboren und lebt heute auf der größten nordfriesischen Insel, im Eigenverlag veröffentlichte er »Der neue Humanismus: Auf dem Wege zu einer humanen Gesellschaftsordnung« (Tinnum, Gemeinde Sylt 2005).

Zunächst zu Schariatis Prägung und Horizont.

Der am 23.11.1933 geborene Ali Schariati, korrekt gesprochen ʿAlī Šarīʿatī, war Sohn des idealistischen islamischen Aktivisten und schariatreuen sprich menschenrechtswidrigen Koranexegeten Aqa Mohammad Taqi Shariati. Aqa Mohammad Taqi führte Sohn Ali in den Kreis um Abolqassem Shakibnia ein, einem Theoretiker der revolutionären Chimäre namens Islamischer Sozialismus, einer hinterlistigen oder hoffnungsvollen Fehletikettierung für Dhimmitude oder Kalifat. Ali Schariati schrieb sich am Teacher’s Training College zu Maschhad ein, wurde 1952 Gymnasiallehrer und gründete die Islamic Students‘ Association, was nach Protestaktionen zu seiner kurzfristigen Verhaftung führte. Im Folgejahr, am 19.08.1953, wurde mit Hilfe des amerikanischen Geheimdienstes CIA die demokratisch gewählte Regierung um Mohammad Mosaddegh gestürzt (1953 Iranian coup d’état). Schariati nahm Kontakt zur National Resistance Movement of Iran (NAMIR) auf. Bis 1955 studierte Schariati erfolgreich (Bachelor) an der Ferdousī-Universität zu Maschhad. 1957 wurde er wieder eingesperrt, gemeinsam mit sechzehn Mitgliedern des NAMIR.

In den Jahren zwischen 1958 und 1963 lebte Schariati in Paris, wo er Soziologie studierte, als exzellenter Student erkannt und geehrt wurde und Sartre kennenlernte. Um 1959 arbeitete Schariati mit dem FLN zusammen, der algerischen Nationalen Befreiungsfront (le Front de Libération Nationale), die zunehmend intensiv eine Fusion von Sozialismus, Nationalismus und Islam ausarbeitete. Schariati las später die Schriften des antikolonialistischen Vordenkers Frantz Fanon und wurde, 1964 in den Iran zurückkehrend, mit der Anklage subversiver Umtriebe für einige Wochen ins Gefängnis geworfen. Der Algerienkrieg (la Guerre d’Algérie) der FLN dauerte von 1954 bis 1962 und endete mit der Unabhängigkeit Algeriens von Frankreich.

Neben den erwähnten Herren Shakibnia und Fanon hatte der Klerikersohn Jalal Al-e Ahmad (1923-1969) prägenden Einfluss auf Schariati. Al-e Ahmad war kurzzeitig Tudeh-Kommunist und wurde als Autor des antiimperialistisch-antieuropäisch motivierten »Gharbzadegi« (1962) berühmt, der Begriff bedeutet etwa „Westlichkeitswahn, Europäisch-amerikanisch verursachte Erkrankung des Orients“ und wurde um 1940 durch einen Heidegger-Kenner und radikalen Kulturrelativisten, durch den die universellen Menschenrechte dezidiert verweigernden Antisemiten und Teheraner Professor Ahmad Fardid geprägt, dessen geistige Nähe zu Sayyid Quṭb oder Adolf Hitler aufschlussreich ist für das Verweigern der universellen Menschenrechte vieler muslimisch geprägter Intellektueller bis in unsere Zeit, welche die angeblich kolonial ausgerichtete AEMR durch den Koran ersetzt wissen möchten. Das Buch »Gharbzadegi« (Occidentosis: A Plague from the West) wurde 1962 illegal veröffentlicht, das eher hasserfüllt als spöttisch gemeinte Gharbzadegi wird im Englischen treffend mit Occidentosis, Euromania oder Westernitis wiedergegeben. Der radikale Kulturrelativismus Fardids wird heute durch Schariafreund Abdolkarim Soroush (Hossein Haj Faraj Dabbagh) fortgeführt, den wir als global denkenden Proislamisten erkennen sollten, als Gegner der kulturellen Moderne und als Demokratierisiko. Nach 1953 war Al-e Ahmad für mehrere Jahre in Haft. Als ein weiteres persönliches Vorbild wird für den 1977 im englischen Exil verstorbenen Schariati Shapur Bakhtiar (Shāpūr Bakhtīār, 1915-1991) gelten können.

Bakhtiar besuchte als Jugendlicher die französische Schule in Beirut, war Student an der Sorbonne, Kämpfer in den Internationalen Brigaden des Spanischen Bürgerkriegs, im Zweiten Weltkrieg Mitglied des französischen Widerstands der Résistance und war schließlich, zu Beginn des Jahres 1979 wenige Wochen lang der letzte iranische Premierminister unter dem Schah. Bei Ausbruch der Islamischen Revolution konnte Bakhtiar nach Frankreich flüchten, wo er im Folgejahr, im Juli 1980, einem versuchten Mordanschlag gegen ihn entkam, bei dem ein Polizist und ein Nachbar starben. Bakhtiar lebte weiterhin in Suresnes im Westen des Großraums Paris (Département Hauts-de-Seine), wo er mit seinem Sekretär in der eigenen Wohnung durch drei Angreifer im August 1991 ermordet wurde, wie zu vermuten ist vom iranischen Geheimdienst.

Soweit zu Schariatis Prägung und Horizont, nun zu seinem Text.

Gleich mit dem ersten Satz erläutert uns Ali Schariati, was für ihn maktab bedeutet, was einem iranischen Intellektuellen eine „Denkschule“ ist, eine umfassende Weltanschauung nämlich, die den Charakter gesund erhalte und zivilisiere, ihn zur Tugend und Sitte forme und die allein uns als Hörern oder Lesern Verlässlichkeit und nachhaltiges Glück biete:

1. Wenn ich „Schule“ meine, so ergibt sich dafür folgende Definition: Schule besteht aus … einer konsistenten und proportionalen Reihe (auch: Summe) philosophischer Ausschau, religiöser Überzeugung, moralischer Werte und praktischer Methoden, die in einem kausalen Zusammenhang ein dynamisches, sinnvolles, richtungsweisendes und lebendiges Ganzes ausmachen; alle Organe dieses Ganzen werden von demselben Blut gespeist und von einem einheitlichen Geist beseelt.

Ein wissenschaftlicher Experte kann eine „Schule“ (Maktab) haben oder nicht.

Wie wir wissen, legt Ali Schariati sich und uns den Eintritt in die Schule der ewigen islamischen Bewegung nahe, die er, den mathematischen so genannten Zentralwert (Median) zur Verherrlichung Allahs gleichnishaft verwendend, als »The Median School Of Islam« anbietet, als Gleichzeitigkeit aus persönlichem, zur Orthopraxie mahnendem Heilsweg, korantreuem Gleichklang der Rhetorik und monopolistisch das gelingende Leben garantierender staatlicher Ethik der Scharia.

Dass damit jede Individualität islamisch-glücklich (totalitär) überwunden ist und ein jeder bereits jetzt weiß, was der die Bühne betretende Wissenschaftler, Journalist oder Poet gleich erzählen wird, schreckt den gottesfürchtigen Iraner nicht, was uns erschrecken sollte:

1. Wenn ein Experte für Physik eine „Schule“ besitzt, so können Sie im voraus erraten, welche Ansichten er über die wirtschaftlichen und klassenmäßigen Probleme hat, bevor er seine diesbezüglichen Meinungen geäußert hat. Von einem Experten der Ökonomie, – vorausgesetzt, dass er eine „Schule“ hat, – kann man ebenfalls annehmen, dass er diese oder jene philosophische Ansicht über die Welt oder die Natur besitzt.

Mit Schariati nämlich hält der fiktive koranbasierte Physiker oder Volkswirtschaftler den frühmittelalterlichen Staat von Medina für die erste klassenlose Gesellschaft und für die perfekteste aller Demokratien und erkennt den aus der Sphäre des absoluten Überblicks allerlei Einflüsterungen erhaltenden Mohammed als den vollkommensten Wissenschaftler aller Zeiten.

Alle irdischen sozialen Missstände sind damit auf grundsätzliche Islamferne zurückzuführen, individuelles Fehlverhalten ist Glaubensmangel.

1, 2. bei einer Person, die eine „Schule besitzt, bilden die ökonomischen, religiösen und philosophischen Ansichten … und selbst ihre künstlerische und literarisch Geschmacksrichtung ein zusammenhängendes (auch: harmonisches) Gewebe

Eine Biographie werdende Textilie, ein Wohlverhalten werdendes Flechtwerk, die oder das sich, haben wir einen vorbildlichen Menschen vor uns, aus der nahezu ungefilterten und ungehemmten Webekunst Allahgottes strickt, der allein schließlich Anstoß und Ursache ist, da er andernfalls nicht allmächtig wäre.

Der Asoziale weist einen islamrechtlichen Webfehler auf und der koranisch verbürgte Teufel wird zur sozialen Laufmasche.

2. Somit bildet die „Schule“ ein System, dessen einzelne Trabanten: Individuelle Affekte, soziales Verhalten, charakterliche (auch: moralische) Besonderheiten und insbesondere die philosophischen, religiösen und gesellschaftlichen Ansichten um eine zentrale Sonne kreisen

… den sonnigen Allah …

In sich sinnvoll und geschlossen befindet sich das System in einer bestimmten Richtung in Bewegung.

… in Richtung des harmonischen Miteinanders der schlussendlich rechtsverschiedenen „Gesamtgesellschaft“, in Richtung des Kalifats.

2. Und eine solche „Schule“ ist es, die Bewegung hervorbringt, Konstruktives leistet, gesellschaftliche Macht entwickelt, Engagement und Verantwortungsgefühl entstehen lässt, jedoch können weder Expertentum noch Wissenschaften eine ähnliche Wirkung verursachen. Und seit man den Islam aus einer „Gesinnungsschule“ zu einem „kulturellen Wissensgut“, einer „Ansammlung von Wissenschaften“ verwandelte, entledigte ihn man seiner Dynamik, seiner Verantwortung und seines sozialen Selbstbewusstseins, wobei ihm die Wirkung auf die Gestaltung des gesellschaftlichen Schicksals der Menschheit [abhanden kam].

Echter kultureller Fortschritt sei und bleibe stets korantreu. Am islamischen Wesen soll die Welt genesen, der makellose Ur-Islam aber ist durch gemeine Lobbies in die Verkrustung überführt worden.

Ohne sich von der Scharia zu distanzieren, stellt sich der Redner als ein Islamreformer vor. Wie sehr er den Klerus der Zwölferschia kritisiert, bleibt aus erklärlicher Vorsicht offen. Schariati erscheint gewissermaßen als schiitischer Salafist, jedenfalls als ein schiitischer Puritaner, der Lebensfreude, soziale Gerechtigkeit, Antikolonialismus und technologischen Fortschritt aus der einzig brauchbaren Handlungsanweisung herausliest, aus dem Koran.

Insofern ist Ali Schariati deutlich radikalislamischer als ein schließlich auch historisch gewachsenes Erbe verkörpernder iranischer Geistlicher, die deutliche Nähe zwischen al-Maududi und dem zu unrecht als „links“ oder „fortschrittlich“ gehandelten Schariati mag an dieser Stelle deutlich werden.

2, 3. (In meiner Vorlesung also) besitzt die Islamkunde eine solche (oben dargelegte) Bedeutung, keine (bloße) Kultur(-geschichte), keine bloße Ansammlung von Wissenschaften, die man studieren sollte. Selbstverständlich sind die islamischen Wissenschaften, die islamische Kultur sehr wertvoll und inhaltsreich und gereichen der islamischen „Zivilisation“ sehr zum verdienten Ruhm, jedoch (bei mir) hat die Islamkunde die Bedeutung der islamischen Ideologie

Erworbenes Wissen zur Scharia sei nachrangig, zunächst käme es auf die totale persönliche, eigentlich: ex-persönliche, Hingabe an. Im Stile des besonders weltüberwindend orientierten Teils der Sufis mahnt Schariati zum Tadscharrud, zur Ich-Abstreifung.

4, 5. Der Islam als eine Ansammlung von Wissenschaften hat sich während der Geschichte der islamischen Zivilisation zu einer Summe von philosophischen, theologischen (Kalām), linguistischen, historischen, kommentatorischen Wissenszweigen entwickelt. … Und der Weg, über diese Wissenschaften ein Wissen zu erlangen, ist, sie zu studieren. Aber den Islam als eine Ideologie muss man auf eine andere Weise verstehen und kennenlernen; der Islam als Ideologie ist keine fach-spezifische Disziplin, sondern das Fühlen einer „Schule“, er ist Glaube und nicht eine Kultur, sein Verstehen heißt Überzeugung und nicht das bloße Ansammeln von Wissen

Wie nebenbei bejaht Schariati die Schariawissenschaft und ihre mächtigen iranischen Eliten, verwirft aber ein etwaiges plattes Memorieren seitens der Koranschüler beziehungsweise ein eventuelles ausgesprochenes Karrieredenken der Geistlichen, sondern fordert eine ekstatische und militante (ich-auslöschende) Begeisterung und Hingabe eines jeden Adepten orientalischer Kultur oder religiöser Erkenntnis. Ali Schariati ruft zu einer vollkommenen Islamisierung des Bewusstseins des Einzelnen auf, zu einer seelischen Islamischen Revolution.

Für die profanen Äußerlichkeiten war in den Folgejahren Ruhollah Chomeini zuständig, Feingeist Schariati indessen bekümmerte sich um das vorbereitende religiöse Kribbeln der jungen Generation. Sein modern, hedonistisch und spontan daher kommendes islamverherrlichendes Denken bleibt eine Gefahr für Europa und Nordamerika, nicht zuletzt die jungen Muslime in Deutschland betreffend, die wir Sozialpädagogen und Sozialarbeiter vor der unkritischen oder pflichtschuldig-begeisterten Lektüre der Texte Schariatis warnen.

Das geradezu suchthafte Bestreben, den „eigentlichen“ Islam als harmlos und menschenfreundlich darzustellen, wird in den kommenden Jahren darauf angewiesen sein, Schariati in allen europäischen Sprachen zu vermarkten. Für vulnerabel dürfen wir hierbei die im Altersdurchschnitt oft eher jungen und sich gerne der politischen Linken zurechnenden Milieus der Amateure von attac, JuSo und AStA ebenso halten wie die multikulturell orientierten (enthemmt machtgeilen?) erwachsenen und professionellen Szenen der beiden Großkirchen, etwa dort, wo man seit Jahren eine Rabeya Müller zu Kirchentagsveranstaltungen einlädt oder überall da, wo man den demokratieüberwindenden Satz der Lamya Kaddor „Die Aufklärung ist nicht für den Islam übertragbar“ bagatellisiert oder als problematisch schlicht nicht mehr wahrzunehmen vermag.

Der Platonverachter und Renaissanceverspotter Schariati betreibt die Einbürgerung des Humanismus in den menschenverachtenden Islamischen Staat:

9. Mit dem Begriff „Humanismus“ meine ich hier den „Wert der Wahrheit“, der Bestimmung und des Sinnes, den jeder Mensch in seiner „Schule“ für die Menschheit in Aussicht stellt. Es handelt sich daher nicht um die spezielle Bedeutung des Begriffs im Sinne vom „Wesen des Menschen“, die bei den alten Griechen, in der Renaissance sowie bei den verschiedenen Schulen des Radikalismus im 18. und 19. Jahrhundert und schließlich beim Existentialismus im 20. Jahrhundert eine Rolle gespielt hat.

Die wertebeliebige Selbstbezogenheit der Existentialisten würde man ja gerne ausführlicher kritisieren, aber ist es nicht so, dass Schariati soeben die Intention und Arbeit der europäischen Aufklärung als radikal bezeichnet hat? Den Atheismus (Feuerbach, Nietzsche), der seine Pfahlwurzel sicherlich nicht in koranischer oder auch nur monotheistischer Erde schlagen möchte, hält der Iraner für einen Radikalismus.

Säkular religiöse Menschen, darunter es ja durchaus auch, aufgrund der islamischen Gewaltbereitschaft allerdings mittlerweile selbst in Deutschland erklärlich zurückhaltende, Muslime gibt, können den Atheismus entspannt als eine von mehreren Quellen sehen, aus denen sich die kulturelle Moderne speist und mit ihr jene Lebensform nährt, die jedem Menschen, auch dem weiblichen, maximale Chancen bietet: die freiheitliche Demokratie.

Nach der fiṭra-Konzeption, dem natürlichen Geschaffensein und göttliche Annäherung suchenden Ausgerichtetsein auf Allah hin, erklärt Schariati den gesunden (allahbewussten, schariakonform handelnden) Menschen zum Utopisten und Idealisten, zur Verkörperung gelingenden Lebens:

18, 19. Demnach entspringt die Bildung von Utopien, – allen äußerlichen Argumenten zuwider –, dem unumstößlichen und individuellen Bedürfnis jedes idealistischen Menschen. … Grundsätzlich ist der Wunsch nach einer „Über-Gesellschaft“ in der Fiṭra des Einzelnen und im Gewissen jeder Gesellschaft verankert. … Grundsätzlich beweist die Existenz von Utopien … , dass der Mensch stets geneigt ist, sich vom „gegebenen Zustand“ aus zu einem „gewünschten“ Zustand hin zu bewegen.

Wobei das Wünschenswerte wie zufällig mit dem sozialen Ideal des Koran übereinstimmt und nach Schariati selbst der engagierte Atheist die Existenz Allahs dadurch beweist, dass er zu etwas hin will.

Ṭālib, Schüler, heißt im eigentlichen Sinne Hin-Streber.

19. Aber die „Über-Gesellschaft“ einer „Schule“ ist keine phantastische Gesellschaft mehr; sie ist vielmehr eine ideale Gesellschaft, die entsprechend dem Geiste einer Schule fundiert (errichtet) werden soll; die Bekenner dieser Schule betrachten das Leben in einer solchen Gesellschaft als das eigentlich menschliche

So, wie es nur zwei Parteien geben kann, die Partei Satans und die Partei Allahs, könne es, folgt man Schariati, nur zwei Schulen geben, die antiislamisch-kranke von Karl Marx beziehungsweise Lenin und die proislamisch-gesunde, die eine Staatwerdung ihrer Lebensweise anstrebt, das Kalifat.

Schariati baut die eventuell vorhandenen Hemmschwellen des Zuhörers ab, den Schariaverweigerer öffentlich als unmenschlich anzuprangern, und verherrlicht den politisierten Eingottglauben, at-tauḥīd, in welchen er, ohne gegen die Scharia zu verstoßen, jeden pantheistischen und atheistischen Anspruch gleich integriert, was allerdings nur bedeutet, dass der Intellektuelle den hungrigen Islam die aus Allahgottes Blickwinkel allzu dürren Dimensionen von Pantheismus und Atheismus vollständig schlucken lässt:

23. Tauḥīd als weltanschaulicher meiner Schule. Meine Weltanschauung besteht aus dem „Tauḥīd“ … eine Auffassung von der Welt als Einheit und nicht als Teilung derselben in Diesseits und Jenseits (dunyā und ākhirat), in Physik und Metaphysik, in Materie und Geist, in Körper und Seele

Der Parteigänger einer göttlichen Natur hat fürderhin zu schweigen, Wanderer Schariati hat die Führung über den Pantheismus übernommen und ihn in sein Reisegepäck gesteckt, in Richtung der Glückseligkeit strebend, der größtmöglichen Nähe zu Allah.

Ganz im Hier und Jetzt die Höllenflammen knistern hören und den Paradiesglanz leuchten sehen, für besonders „dynamische“ Muslime ist das nun wahrlich kein spirituelles Problem.

Allah ist und will die Einheit, andernfalls hätte er ja einen zweiten Gott (den Teufel bzw. die Erde) neben sich. Schariati benutzt einen theologischen Taschenspielertrick und sagt nicht, dass er die Scharia nicht zur Basis aller Politik machen will und den Koran nicht zur Verfassung, darauf aber wäre es angekommen.

Kalifatspolitiker Mustafa Cerić verwendet in seinen englischen Texten das deutsche Wort Weltanschauung. Schariati:

23. Ich verstehe darunter [unter dem tauḥīd] eine „Weltanschauung“ und bin der Meinung, dass der Islam die gleiche Bedeutung dem Tauḥīd beimisst. Ebenfalls fasse ich „Schirk“ (=Vielgötterei) von demselben Blickwinkel auf. … „Schirk“ [ist] eine Weltanschauung, eine Auffassung vom Ganzen, die besagt, dass das Universum aus einer Summe von diversen, disharmonischen, in sich widersprüchlichen und heterogenen Bestandteilen, aus verschiedenen, völlig selbständigen und unversöhnlichen Polen, aus divergierenden Bewegungen, aus zerstreuten und zusammenhanglosen Wesenheiten … besteht. … Der Tauḥīd sieht das Universum als ein Imperium an, während … „Schirk“ es als eine feudale Ordnung betrachtet.

Blendend argumentiert, leider schariatreu und damit menschenrechtswidrig.

Ein wirklich mächtiger Teufel wäre ein zweiter Gott neben Allahgott und ist daher als Glaubensbestandteil zurückzuweisen, bedarfsweise mit der selben Prügel, die den Teufel islampädagogisch im Hirn des Kindes installiert. Der erkenntnistheoretisch unzulängliche Mensch bleibt damit vom Islam abhängig wie der Süchtige von seiner Droge, denn Kausalität und Kohärenz schaffen nicht die Naturgesetze, sondern schafft die Gottheit. Zugleich kann nicht einmal die Welt eine wirklich eigene Bedeutung haben, da diese die Rolle und Allmacht Allahs schmälern würde.

Mit dem Buch der Bücher bewaffnet, dem Ur-Buch schlechthin, geht Schariati beherzt ans Naturbetrachten:

27. Unter allen religiösen, wissenschaftlichen und philosophischen Werken ist [es] eigentlich nur der Koran, der alle Dinge, Realitäten und Bewegungen in der Natur als „āyāt“ bezeichnet.

Als Zeichen, so āyāt wörtlich, als Hinweis auf die Allmacht und Allgegenwart des Islamgottes. Die Verse des Koran selbst heißen so, Einzahl āya, und das menschliche Auge hat seit der Offenbarung an Mohammed den Eigenklang der Stimme Gottes, die koranischen Schriftzeichen, aus Stein, Baum, Stern, Quelle, Blume und Mensch herauszulesen, jedes andere Lesen, jede andere Wissenschaft, wäre schließlich Polytheismus und damit todeswürdig.

29. Widerspruch und Zwietracht [sind] mit der fundamentalen Annahme der Tauḥīdī-Weltanschauung unvereinbar. Demnach kann es in der Tauḥīdī-Weltanschauung keinen Widerspruch im Sein, keinen Widerspruch zwischen Mensch und Natur, Seele und Körper, Diesseits und Jenseits, Materie und Geist, sowie keinen rechtlichen, klassenmäßigen, sozialen, politischen, rassischen, völkischen, territorialen, blutsmäßigen, erblichen (genetischen), wesensmäßigen, anlagemäßigen (= fiṭrī) und sogar ökonomischen Widerspruch geben

Allahgott hat eben für alles gesorgt. Nach der fiṭra ist jeder Mensch als Muslim geboren und allenfalls nachträglich von seinen, in dieser Logik widernatürlich handelnden, Eltern oder Pädagogen zum Juden, Christen, Hindu oder Atheisten erzogen worden. Territoriale Widersprüche sind ebenfalls harmonisch zu beseitigen, nämlich durch Eroberung der Dār al-harb durch die Dār al-Islām, damit die unsteigerbar beglückende Einheit wirklich für jeden erfahrbar wird.

Das Kalifat, legt Schariati uns nahe, sei die von Karl Marx gut gespürte aber unzulänglich entworfene klassenlose Gesellschaft. Der letzte Prophet und mit ihm Muslim Schariati (wobei dieser auch hierin seinem Vater treu folgt) werden zum veritablen Sozialisten, und wer als junger Iraner den ganzen, den echten Sozialismus will, könne ihn nur auf dem Wege der Vertiefung des islamischen Bewusstseins erreichen.

29, 30. Der Widerspruch von Diesseits und Jenseits, … Vernunft (= ‚aql) und Erleuchtung (= ischrāq), Wissenschaft und Glaube, … Herrschern und Beherrschten, Geistlichkeit und Nicht-Geistlichkeit, … Licht und Finsternis, gutem und bösem Prinzip, … Proletariern und Kapitalisten … ist nur mit der „Schirk-Weltanschauung“ vereinbar, d. h. mit dem Dualismus, der Trinitätslehre oder Polytheismus vereinbar, und nicht mit dem „tauḥīd“, der die Schau der Einzigkeit darstellt.

Problem war gestern. „Der Islam ist die Lösung.“

Die Geistlichkeit abzuschaffen könnte den Exilanten Chomeini sauer werden lassen, aber Schariati hat das, genau betrachtet, soeben gar nicht gefordert: Der Ayatollah kann auch künftig also sehr wohl existent sein, wir Nichtkleriker sollen mit Schariati einfach keine Unterschiede mehr sehen zwischen den Scheichen und uns als den Gehorsamspflichtigen – auf zum Friedensfest.

Zwischen dem im Staatsauftrag Steine werfenden Muslim und der zu steinigenden Frau gebe es, nur mit ausreichender Weisheit betrachtet, keinen störenden Widerspruch, sondern bestehe dieser erhabene Fluss der Einheit des Seins und der göttlichen Harmonie.

31. Der Mensch hat innerhalb der Tauḥīdī-Weltanschauung nur vor einer Macht Furcht, er ist nur einem Richter gegenüber verantwortlich, er blickt nur nach einem Mekka (= Qibla) … im umgekehrten Fall wäre alles ohne „ihn“ nichtig und sinnlos … (Denn allein) die Ergebenheit (= taslīm, abstammend von islam!) „ihm“ gegenüber, welche zugleich das Grundgesetz des Seins ist, setzt den Menschen in die Lage, gegen alle falschen Mächte und demütigenden Fesseln der Angst und Habgier … zu rebellieren.

Humanität ist Gottgehorsam.

53. So gesehen ist auch der Kampf der Religion gegen Religion ein historischer Kampf: Die auf Vielgötterei aufbauende Religion … führt Krieg, um das gesellschaftliche „Schirk“, die Uneinigkeit der Klassen zu rechtfertigen, wogegen der Kampf der monotheistischen Religion … die Rechtfertigung der Einheit von Klassen und Rassen zum Ziele hat. Dieser historische Kampf zwischen Kain und Abel, „Schirk“ und „Tauḥīd“, … der Religion der List … und der Religion der Aufklärung, der Bewegung und der Revolution … wird bis zum Ende der Zeit (= ākhir az-zamān) andauern.

Der auf Kulturrassismus gegründete Koran legt dem Leser nahe, was Schariati natürlich weiß, das Judentum als die heilsgefährdende Lehre kosmischer Niedertracht und List zu begreifen, eine nach Schariati offensichtlich „ganzheitlich-harmonische“ Weltsicht, die sich im heutigen, muslimischerseits praktizierten Antisemitismus und Israelhass im Bereich zwischen Muslimbruderschaft und Millî Görüş äußert.

Dass Gotteskrieger Schariati wieder beim Dualismus der Manichäer gelandet ist, geht im vor lauter Kult um die kosmische Einheitlichkeit nicht mehr in den Verstand. Islam beseitigt jeden Widerspruch, denkt man ihn nur radikal genug. Letztlich betrifft dieser Fundamentalismus jede doktrinär aufgefasste beziehungsweise angedrillte Religiosität, wir sollten daher Qualitätskriterien für demokratietaugliche Religiosität bekennen.

In seinem Holländischen Tagebuch erkannte Leon de Winter, worum es für Europa bei der Integration eben nicht der Scharia, sondern der Muslime geht: „Wir sollten die Arroganz aufbringen, unsere neuen islamischen Mitbürger Verträglichkeit, Individualität und die Rechte und Pflichten des modernen Bürgertums zu lehren, doch wir lassen uns von den Illusionen des Multikulturalismus lähmen. Seit den sechziger Jahren machen wir uns selbst weis, alle Kulturen seien gleichwertig. Wenn das so wäre, wäre Kannibalismus nur eine Frage des Geschmacks. In den Niederlanden wie in ganz Europa wird der Druck der Intoleranten auf unsere Toleranz zunehmen.“

Rächer Schariati reinigt die Erde:

54. Das wird eine zwangsläufige Revolution sein, um der Kainschen Geschichte ein Ende zu setzen und die Gleichheit aller im Weltmaßstab zu verwirklichen. … … dies geschieht in Form einer Weltrevolution, einer historischen und klassenmäßigen Rache, die sich mit aller Entschiedenheit über das gesamte Leben der Menschheit erstreckt.

Schariati will den Weltfrieden der Pax Islamica, das Globalkalifat. Angesichts von so viel Glaubenseifer könnte ja selbst ein Chomeini anerkennend staunen. Mangel an Entschiedenheit wird man den iranischen Islamrevolutionären der späten Siebziger Jahre nun wahrlich nicht vorwerfen können.

Der 1977 verstorbene Schariati stellt sich uns mit seinen, den politischen Umsturz im Namen des Islam fordernden Sätzen als Wegbereiter der 1979 errichteten göttlichen Diktatur vor und löst endlich auch das Betriebsgeheimnis von dem, was er sich unter einer „Schule“ vorstellt:

66. Die Ideologie ist innerhalb dieser Schule, – um es in einem Wort zu sagen –, gleichbedeutend mit dem Islam.

Um dem Publikum allerdings sogleich ein neues Rätsel zu präsentieren:

Die Frage aber lautet, mit welchem Islam?

Ganz viele kleine Islame. Oder sagt man Islams?

Der in Bahnhofsvierteln ohne Gewerbeschein auf unsere Wettgelder erpichte Trickser verwendet mehrere Hütchen. Und nur eine Kugel. Taschenspieler Schariati verdoppelt die Scharia oder halbiert sie:

67. Der Islam von „Gerechtigkeit und Führung“ Ja! Der Islam von „Kalifaten, Klassen und Aristokraten“ Nein!

Der Islam von „Freiheit, Bewusstsein und Bewegung“ Ja! Der Islam von „Gefangenschaft, Schlaf und Ruhe“ Nein!

Der „kämpferische“ Islam Ja! Der „geistliche“ Islam Nein!

Der Islam als „Gesinnungs- und Gesellschaftskampf“ als „wissenschaftliche und rationale Autorität“ Ja! Der Islam von „Imitation, Fanatismus und Ergebenheit“ Nein!

Der Islam von „Koran“ Ja!

Der Mann betrügt weniger uns als vor allem sich selbst.

68. Das, was ich als Suchender wünsche, ist eine Rückkehr zum Islam als einer „Ideologie“. … Den Islam als Ideologie … kann man begreifen, wenn man die … Hauptkomponenten einer wissenschaftlich analytischen und komparativen Untersuchung unterzieht: Allah, Koran, Mohammed, Mustergefährten (=ṣaḥabī) und (Propheten-)Staat (=Madīna).

Die ideale Gesellschaft … heißt „Umma“. … Das Wort „Umma“ … beinhaltet einen fortschrittlichen Geist, eine dynamische, engagierte und ideologische Schau der Gesellschaft.

70, 71. Der ideale Mensch = „Der Kalif Gottes“. Das ist ein „gottähnlicher Mensch“, in dem der „Gottesgeist“ über die „satanisch-schlammige“ Hälfte gesiegt hat … Die Richtschnur der Bildung, die pädagogische Philosophie rührt von dem Imperativ her: „Gewöhnet euch an die göttliche Ethik! … Das schließt zugleich die Absage an jedwede fixe und konventionelle Erziehungsmaßstäbe ein. … Dieser ideale Mensch durchquert die „Natur“ und wird dabei Gott gewahr; er wendet sich den „Menschen“ zu und gelangt somit an Gott. Dieser sein Weg geht also nicht an der Natur vorbei und macht keinen Bogen um die Menschen.

Religiöses Kleingeld. Islamisches Einmaleins.

Die Natur dem Kalifat nutzbar machen. Und zugleich die muʿāmalāt-Dimension der Scharia erfüllen, jene Verpflichtungen, die Allāh dir den Menschen gegenüber aufgetragen hat und deren Nichteinhaltung, etwa, als Mann ohne triftigen Grund dem Freitagsgebet fern bleiben oder als Frau kein Kopftuch zu tragen und dem Ehemann ungehorsam zu sein, dich nach deinem Ableben in das Höllenfeuer eingehen lässt.

Bedauerlich, dass der Iraner lebenslang die universellen Menschenrechte nicht als wertvoll erkannt und verteidigt hat. Schariati hätte besser Pistazien gezüchtet und zur Geistes- und Religionsgeschichte der Menschheit geschwiegen, als sich (und die Geschichte) derartig zu verbiegen. So sehr kann die Jahrhunderte alte Scharia das Denken eines Menschen verzerren.

Der „einzelfallorientierte“ (willkürliche) Islam von Scharia und Fiqh hat sich nicht verändern können, er wird es auch nie. Der barbarische Kult hat den Hirnen und Leibern von muslimischen Intellektuellen wie Ali Schariati vielmehr den einzigen irdisch möglichen Verwendungszweck zugewiesen, nämlich zu jenem Geröll zu werden, den eine Armee zum Erreichen des Schlachtfeldes nun einmal braucht, zum Schutt der Aufmarschrampe des islamischen Faschismus.

Wer daraus nichts lernen möchte, wird die mordreiche Lektion wiederholen müssen. So lange wir Europäer oder Nordamerikaner unseren Politikern und Kirchenfunktionären nicht widersprechen können oder vielmehr wollen, die faktenfern behaupten, der Islam sei eine „im Kern friedliche Religion“, droht der islamische Totalitarismus auch in Europa mit klandestinen Geheimdiensten, Entführungen und Auftragsmorden Einzug zu halten. Der organisierte Islam der Scharia – und einen anderen organisierten Islam gibt es nicht – gefährdet im polizeilich und journalistisch kaum noch erreichten Abseits unserer Städte die freiheitliche Lebensweise längst mit Zwangsheirat und Ehrenmord, mit Polygamie sowie mit elf- oder zwölfjährigen schwangeren Bräuten, kurz, mit eben der Rolle der Frau, die der keinesfalls falsch verstandene Allahgott als sittlich einwandfrei und deine Seele rettend vorsieht.

Wer war und wer blieb Ali Schariati, der Zornige und Belesene, der antikolonialistische Aktivist, der Sohn des Tafsīr-Fachmannes, der religiös beseelte Antikommunist, der Kenner von Europas Geschichte und Literatur, der strahlende iranische Redner in Moscheen, auf Marktplätzen und in Universitäten, der Mann mit dem gewinnenden Lächeln, dessen Stimme jahrelang in Hunderttausenden von Iranern Stolz und Hoffnung erwecken konnte? Chomeinis Maskottchen.

Der Harlekin des Kalifats.

Jacques Auvergne

(1) Muslim, begebe dich in die Harmonie mit dem ursprünglich islamischen Weltall, übe dich in der absolute Befolgung, at-talbiya, in der einzig angemessenen Antwort auf die absolute Einladung: „Labbayka Hajjan – O Allah! I answer Your call to perform Hajj.“

“Labbayk, allahumma labbayk … – Dear God! I accept your invitation …”

Aus: HÜSSEYİN ALGÜL: »The blessed days and nights of the Islamic Year«, İzmir 2005 (Originaltitel: Mübarek Gün ve Geceler, 2004)

http://books.google.de/books?id=mk-E3rDUFgIC&printsec=frontcover#v=onepage&q&f=false

Scheich Muhammed Ali FARKÛS (Ferkous) aus Algerien (»Cheikh Ali Ferkous sort enfin de son silence et donne son avis sur la question de … «). Seine Fatwas finden sich unter http://www.fatawaferkous.com). Farkûs / Ferkous spricht zu uns über die einzig mögliche Annahme der einzig wahren Einladung, über die Talbiya, die von den Männern laut erfleht wird, die mit ihrer Stimme zur Verführung und Sünde verlockenden Frauen dürfen sie denken:

“Talbiya: is to say in hajj or in`Umra “Labbayk Allahumma Labbayk, Labbayk La Sharîka Laka Labbayk, Innal Hamda Wan Ni`mata Laka Wal Mulk, La Sharîka Lak (here I am at Your service O Lord, here I am, here I am. There is no partner to you. Here I am. Truly, the praise and favor is yours, and the dominion. There is no partner to you).”

“For this reason, a Muhrim woman in hajj or in `Umra makes Talbiya and does not rise her voice. The sharia ordered her also to clap her hands and not saying Tasbîh in the prayer, all this in order to avoid temptation and avoid falling into sin.”

http://www.ferkous.com/eng/Bk9.php

Das Orientbild des Ali Schariati

Juni 15, 2010

جنس

ǧannasa

to make similar, to assimilate; to naturalize

anähneln, gleichartig machen; einbürgern

Islamischer Humanismus

Zu Ali Schariatis »Das Menschenbild im Marxismus, in anderen abendländischen Denkschulen und im Islam«. Von Jacques Auvergne

Bonn im Oktober 1983, Godesberger Allee 133-137. Viereinhalb Jahre nach der jenseitszentrierten Staatwerdung, die irdisch mit der rechtlichen Deklassierung der Frau, dem Verhindern von Pressefreiheit und mit massenhafter Folter und Hinrichtung korankonform zu begleiten war und bis heute ist, gab die Botschaft der Islamischen Republik Iran gesammelte Reden des Ali Schariati, heraus, die dieser zur Zeit der Studentenrevolte in Berkeley, Paris und Frankfurt, in den Jahren zwischen 1965 und 1970, an der Universität zu Maschhad gehalten hatte: »Das Menschenbild im Marxismus, in anderen abendländischen Denkschulen und im Islam«.

Schariati (ʿAlī Šarīʿatī) war Sohn eines idealistischen Aktivisten und geachteten Koranexegeten, der Mitte der Vierziger Jahre das Zentrum für die Verbreitung der Islamischen Wahrheit (Kanun-e Nashr-e Haqayeq-e Eslami, The Center for the Propagation of Islamic Truths) gegründet hatte, Vater und Sohn traten der von Abolqasem Shakibnia geführten Bewegung der Gott ergebenen Sozialisten bei, deren Credo lautete, Mohammeds Gefährten seien Sozialisten gewesen und der Staat von Medina die erste klassenlose Gesellschaft. Der kluge Dhimmi Karl Marx kann in dieser Logik nur ein fahler Abglanz des Ur-Sozialisten Mohammed sein. Ali war damals erst vierzehn Jahre alt (1).

Das um 1972 ohne Schariatis Einwilligung und auch nur Kenntnis veröffentlichte Manuskript, er verbüßte, was sehr wohl öffentlich bekannt war, zwischen September 1973 und März 1975 eine Gefängnishaft, erschien in der auflagenstarken Zeitung »Keyhan« als Artikelserie, das iranische Original titelte »Ensan, Eslam va Maktabha-yi Maqrebzamin« (Mensch, Islam und die Denkschulen des Westens) und wurde von Robert Campbell ins Englische übersetzt als »Marxism and Other Western Fallacies: An Islamic Critique« (Mizan Press, Berkeley 1980). Die »Keyhan« verschwieg den Lesern, die meinen mussten, einen aktuellen und mit Zustimmung des Autors veröffentlichten Text zu lesen, dass das Redemanuskript bereits ein halbes Jahrzehnt alt war (2).

Im Mai 1977 verließ Schariati, den die Gefängnishaft sicherlich gesundheitlich sehr belastet hatte, den Iran, am 19.06.1977 starb er im englischen Southampton an einem Herzinfarkt. Vielleicht ist es der chaotisch-explosiven Lage und dem folternden Geheimdienst SAVAK des Schahs zuzuschreiben, dass sogleich das Gerücht aufkam, Schariati sei ermordet worden. Ganz ausgeschlossen ist ein Mord sicherlich nicht, doch wie wäre es mit dem eifersüchtigen Chomeini als Täter, der in den folgenden Jahren ungezählt oft unter Beweis gestellt hat, dass ein Menschenleben gegenüber Allahgottes Glanz nichts, aber auch gar nichts zählt und den ein im Volk beliebter, unorthodoxer Querkopf ja vielleicht bei seinen Rückkehrplänen störte, so sehr man den angesehenen Schariati zur Vorbereitung der Revolution genutzt hat. Es kann nur einen geben.

Im Vorwort von ruft die Presse- und Kulturabteilung der iranischen Botschaft die Europäer indirekt dazu auf, zur Frömmigkeit zurückzufinden, und sei es zur christlichen, ein Impuls, der durch Politik, Kirche und Pädagogik begeistert aufgegriffen worden ist bis heute im so genannten “Dialog mit dem Islam“ demokratiegefährdend fortgesetzt wird. Schariatis Rolle als die des feinsinnigsten aller Theoretiker der Islamischen Revolution ist von Nichtmuslimen bis heute im Allgemeinen übersehen worden, Muslime sehen hierbei einmal wesentlich klarer.

Nicht völlig zu unrecht, wenn auch unter Nichtberücksichtigung der feindbildbedürftig-manichäischen und damit islamverwandten Dimension des Marxismus, ordnet Schariati diesen der über Jahrhunderte herausgebildeten abendländischen Welt- und Gesellschaftsdeutung zu. Insbesondere in seiner klassisch-bildungsbürgerlichen Haltung und Lebensweise und mit dem ohne Platon, Renaissance und Aufklärung wohl schwerlich möglichen und mit dem Islam bis heute inkompatiblen Vorbehalt des Verstandes gegenüber dem religiösen Dogma erweist sich Karl Marx in der Tat als Kind des Abendlandes, wenngleich man ihm einen geradezu gnostischen Wunsch nach Weltüberwindung nachsagen kann, die bei dem antietatistischen und überhaupt strukturhassenden Teil seiner heutigen selbst ernannten und linksradikalen Nachfolger (Islamismusfreundin Sabine Schiffer, die Quṭb-begeisterte evangelische Theologin Beate Sträter) eine spezifisch linke Islamverherrlichung rechtfertigt.

Wenn die Herausgeber also Ali Schariati mit einem “Schariati zeigt des weiteren auf, warum sich der abendländische Humanismus gegen die Religion stellen mußte und wie die marxistische Religionskritik davon beeinflußt wurde” anpreisen, liegen sie insofern richtig, als dass Atheismus und Kirchenkritik neben jesuanischer Ethik und christlicher Sozialarbeit zu den Quellen der kulturellen Moderne zu rechnen sind, maßen sich gleichwohl das Monopol auf Religionserklärung und Verwaltung von Religiosität an. Christen und noch Unsittlichere erhalten bekanntermaßen aus den Händen der zur globalen politischen Führung und volkspädagogischen Erniedrigung oder Vernichtung der Islamskeptiker berechtigten Rechtgeleiteten eine daʿwa, Einladung, und dieses 86 Seiten dünne Büchlein ist eine solche. Der mittlerweile verstorbene Schariati konnte seine Zustimmung nicht mehr verweigern. Warum soll man einen utopischen Dissidenten nicht als Märtyrer vermarkten.

Gleich zu Beginn nimmt Schariati eine Position der Zivilisationskritik und der frommen Innerlichkeit ein und zitiert lobend Alexis Carrell: “Je mehr sich der Mensch der Außenwelt zugewandt und darin weiter vorgewagt hat, um so mehr hat er sich von sich selbst entfernt und sein wahres Selbst vergessen”, das uns an die spannend geschilderte Besteigung des Mont Ventoux (3) erinnert, die Francesco Petrarca (1304 – 1374) am Folgetag in einem Brief beschrieb. Das Gipfelerlebnis von Europas mutmaßlich erstem Touristen, dem italienischen Dichter und Humanisten Petrarca ist schönste Bergsteigerliteratur, doch knickt der Gebildete am 25.04.1336 vor der bedingt heilsrettenden Gottheit masochistisch ein, ein Wort kirchlichen Gehorsams zitierend, wie ein fundamentalistischer Muslim einen Koranvers. Petrarca hält bei aller Entdeckerfreude und stolzer Leistungsbereitschaft die Perspektive der wissenschaftlichen Magieüberwindung (Maria Sibylla Merian, Alexander von Humboldt, Charles Darwin) noch ebenso wenig aus wie das naturkundlich-hedonistische (Hermann Löns, Reinhold Messner) oder pantheistisch autonome (Goethe, Thoreau, Hesse) Herangehen an die (für uns seltsam göttlich bleibende) Natur, sein beim Lesen eines Verses von Augustinus auf dem Ventouxgipfel gefundenes Selbst ist eben nicht das Ego des Atheisten oder auch nur Hedonisten, sondern immer noch dasjenige der katholischen Doktrin, und etwas kleinlaut und in Angst vor der ewigen Verdammnis schlich Petrarca aus der strahlenden Bergwelt zurück in die düstere europäische Civitas werdender Renaissance. Wildnis macht halt Angst.

Schariati legt los:

7. Nach Ansicht von Dewey mangelt es dem Menschen von heute mehr an Selbstbeherrschung und Selbsterkenntnis als dem Menschen des Altertums.

Statt den Werteverfall fortzusetzen, gehe man nun zurück zur Disziplin. Angesichts des Sozialpädagogik und Jugendverbandsarbeit beherrschenden Dogmas des Amorphen ist die Kulturkritik des Pädagogen und Philosophen John Dewey (1859-1952) plausibel, leider hat Schariati mit Selbstbeherrschung den radikalen Sunna-Gehorsam gemeint und mit Selbsterkenntnis jene von Engeln und Teufeln umflatterten Standards der Islamwissenschaft, die ganz bewusst da Mauern bauen, wo weiter gedacht werden müsste, und die den “tugendhaften” Männern Lizenzen zur Gewaltanwendung gegen Frauen und Nichtmuslime verleihen, wo das universelle Menschenrecht Grenzen setzen muss. Den Titel “L`homme, cet inconnu” des erwähnten Carrell aufgreifend, orakelt Schariati:

7, 8. denn den Menschen erkennen bedeutet sich selbst erkennen … gerade der Mensch, der dringender als alles andere erkannt werden muss, ist ein Unbekannter. Hier handelt es sich in der Tat um ein lebenswichtiges Erkennen. … alle wissenschaftlichen, sozialen und ideologischen Versuche unserer Zeit, den Menschen wahrhaftig zu befreien, oder ihm zumindest ein Gefühl des Glücks zu vermitteln, [sind] hauptsächlich deswegen gescheitert, weil … der Mensch entweder unbekannt geblieben oder ganz in Vergessenheit geraten ist.

Die Antwort, die Schariati in seinem Leben gefunden hat, überrascht uns nicht besonders: Die Erkenntnis, die uns den “Unbekannten” näher bringt, sei bereits im Koran vorweggenommen, und jede Einsicht in das Wesen des Menschen und in die Bestimmung der Menschheit sei eine islamische.

Die in jenen Jahren Hoffnung erweckende, Form annehmende und Ekstase liefernde Revolution der “Achtundsechziger” sei zum Scheitern verurteilt, solange nicht der authentische Islam die Sache untermauere, der, wie Schariati nahelegt und wie Pöttering (Mai 2008) und Horst Köhler (Mai 2010) versichern, eine polygame und apostatenmordende »iKfR« sei, eine “im Kern friedliche Religion”.

Die technologische Moderne habe versagt, dem Menschen ein erfülltes Leben zu bescheren, ihre bemerkenswerten Errungenschaften bedürfen der moralischen Leitung und der reifen Einsicht, die nur aus Sunna und Scharia bezogen werden könne:

8. Daher hat das neue Bildungs- und Erziehungssystem, das … sich die immensen technologischen Möglichkeiten und … wissenschaftlichen Erkenntnisse … zunutze macht, keine großen Erfolge vorzuweisen … Im Gegenteil, es erweist sich … als unergiebig.

Die Moderne sei gar keine, sondern eine technologisch entwickelte, moralisch verflachte Wüste, die zu ihrer Gesundung des sozialrevolutionären Islam dringend bedarf.

Solange dem heutigen Menschen die schariakonforme Weltbetrachtung fehlt, sei er orientierungslos:

8. Er kann leben, wie er will, weiß jedoch nicht, wie er leben soll, weil er nicht weiß, warum er lebt.

Nach der Zerstörung der (angeblich) Heimatlichkeit und Handlungssicherheit stiftenden europäischen Religion würden die beiden Ersatzreligionen namens Kapitalismus und Sozialismus, einer in zwei Hälften zerbrochene Schale ähnlich, den West- beziehungsweise Osteuropäer umgeben oder in die Zange nehmen.

Die Lösung (Ḥasan al-Bannā: al-Islām huwa al-ḥall) aus diesem doppelten Unheil, diesem Skylla und Charybdis vergleichbaren Dilemma, sei natürlich der Islam, dem die Geometrie der berüchtigten “Mittigkeit” (al-wasaṭiīya) zukomme, das In-sich-Ruhen und, in der Unübersichtlichkeit der Moderne, ebenso die die flexible Richtschnur der persönlichen und sozialen Heilwerdung, die eine unermesslich mächtige Gottheit im Chaos der Einzelereignisse gewissermaßen als den MEDIAN (Ali Schariati nach Abolqasem Shakibnia) vorgebe. Der Median ist der Zentralwert der Mathematik, der, etwas islamisiert, panisch bis sadistisch den Rest der Welt nach rechts vom Weg (fällt in die Hölle) und links davon (auch für das Höllenfeuer) in gespielter Unschuld selektiert. Der islamisch nutzbar gemachte Median gleicht der bei al-Ghazali garantierten ṣirāṭ-Paradiesbrücke, die eine jede Seele nach ihrem Tod überschreiten muss, die den Höllenabgrund überspannt und dabei ebenso rutschig wie schmal ist: aṣ-ṣirāṭ al-ǧaḥīm, anglisiert zu sirat al-jahim, Bridge of Hell.

Der Median wird bei Schariati zum wichtigsten Gleichnis der guten (islamischen) Hoffnung: Wie eine Wirrnis von Sandkörnern auf einer Platte (die einem fotografierten Mückenschwarm ähnelnden Punkte in einem Koordinatensystem) nur von einer geradezu übernatürlichen Macht durch eine Linie in zwei gleich umfangreiche, nämlich zwei gleich viele Punkte umfassende Flächen aufgeteilt werden kann, so biete der sich zwischen Kapitalismus und Sozialismus hindurch schlängelnde Islam den Situationen beziehungsweise Individuen (Punkte) die einzige Chance, den beiden dekadenten Doktrinen von Kapital und Kommunismus zu entkommen. Die Sunna-basierte Selbstaktualisierung und letztlich der Schariastaat wird zur MEDIAN SCHOOL, zur Seinsweise der Ausgewogenheit (»Maktab-e Vaseteh-e Islam, The Median School Of Islam«).

10. [Im Humanismus] versucht der Mensch, sich [von den Naturkräften] zu befreien, sein eigener Herr zu sein und die höhere Gewalt der Natur zu werden, d. h. die Stellung von Zeus einzunehmen, der die Herrschaft der Natur über den Menschen symbolisiert. Ein erstaunlicher und verhängnisvoller Trugschluss, dem … Voltaire, … Feuerbach und Marx erlegen sind, kommt dadurch zustande, dass sie die mythische Welt der alten Griechen … mit der geistigen und heiligen Welt der östlichen Religionen gleichgesetzt haben.

Die Spaltung der Welt in Osten und Westen beziehungsweise der einen Menschheit in das östliche und das westliche Menschentum begegnet uns heute bei Necmettin Erbakan und Tariq Ramadan, wir haben sie zurückzuweisen, da wir wissenschaftliche Fragestellungen und Erkenntnisse für ebenso universell halten wie unsere Forderung nach der Gleichberechtigung der Frauen und Atheisten und da wir um die Gefahr der ethnoreligiös begründeten Apartheid wissen, auf die der orthodoxe (revolutionäre, kulturrassistische) Islam nicht verzichten kann.

Schariati verflacht das Griechentum unzulässig. Auch dabei erweist er sich ganz als Nachfolger des im Jahre 1111 verstorbenen al-Ghazali, der die griechischen Philosophen nur studierte, um ihren emanzipatorischen Einfluss zu bannen und sie, für den Islam, für alle Zeit zu zerstören. Die Entwicklung der Gottesbilder, etwa Hermes, Zeus oder Apoll, von einem Stammestotem zu einem väterlich-patriarchalischen, zuletzt zu einem ästhetisch-philosophischen und, in der späten urbanen Gegenkultur der Mysterienkulte, ekstatisch-wiederverzaubernden Prinzip ist Schariati nicht bekannt oder nicht wichtig, die Geistesfreiheit eines Platon oder Aristoteles würdigt er nicht, die Machtpolitik gewisser Priesterbünde (Athen, Delphi) übergeht er, da man den Scheichs und Ayatollahs auf die Schliche kommen könnte und Allahs Liebling Muḥammad gleich mit.

Aus einer wenig nachvollziehbaren Schmähung der alten Griechen also stolpert Schariati in den Bereich des Korantreuen, wenig zufällig eine inzwischen in Kirchentagsmilieus und bei Dialogveranstaltungen beliebte Vermischung des jüdischen und christlichen mit dem islamischen Menschen- und Gottesbild vornehmend:

10. In dieser Welt jedoch wird Satan, der ranghöchste Engel, Gottes, verbannt und verflucht, weil er sich geweigert hat, wie alle anderen Engel auf Gebot Gottes Adam zu huldigen.

Die Christen sollen zu ihrer Religiosität zurückfinden – und sich dem politischen Anspruch (Kalifat) des Islam unterordnen, nicht zuletzt zu seinem frauenentrechtenden Anliegen. Wie er soziale Gerechtigkeit und Islam, Gleichberechtigung der Frauen bzw. Nichtmuslime und Scharia sowie Pressefreiheit und Koran in Übereinstimmung bringen will, verrät Schariati nicht, hatte aber ein Leben lang Zeit dazu. Jedes Zurückweisen der Gottheit aus der öffentlichen Sphäre diffamiert Schariati als “Materialismus”, lautstarke Rufe der Parteigänger eines monotheistischen Gottes sind also im öffentlichen Raum ebenso zu dulden wie das heilssichernde Sinnzeichen der Macht der Scharia, der Schleier.

Schariati lässt offen, ob er den Satan und die Engel wenigstens teilweise allegorisch versteht, wir müssen dem gebildeten Iraner daher mindestens unterstellen, das ungehemmte Fürwahrhalten der Geister und Dämonen für gemeinschaftsförderlich und staatserhaltend zu erachten. Die imaginierten Geister ließen nicht lange auf sich warten … und beauftragten ihren unfehlbaren Statthalter im Jahre 1979 aus dem Pariser Exil heranzufliegen, mit Stockschlägen und Verhaftungen allen Frauen des Iran in kürzester Zeit den Tschador aufzwingen und jeden Religionskritiker als “Terroristen” einzusperren sowie im Namen Allahs zu foltern und zu ermorden. Hat sich Ali Schariati einen anderen Islamstaat vorgestellt als denjenigen des Ayatollah Chomeini und seiner seit 31 Jahren herrschenden Tyrannei? Das mag ja sein, und es mag auch sein, dass er alleine die islamische Diktatur nicht hätte verhindern können, doch den islamischen Staat mit herangerufen hat der Intellektuelle. Der erfolgreiche Redner Schariati trägt Mitschuld an der Velayat-e Faqih, der Herrschaft des Obersten Rechtsgelehrten.

Die mittelalterlichen und neuzeitlichen Europäer und mit ihnen die neuzeitlichen Nordamerikaner seien aus dem nach Schariatis Auffassung unspirituellen, diesseitsverliebten, seelischen und ethischen Griechentum niemals herausgekommen, dem es um nichts anderes gehe, als sich durch Unterwerfung der Natur den Himmel zu erobern und sich selbst auf den Thron der patriarchalischen Gottheit zu setzen:

11. Auf dieser Basis versuchte der griechische Humanismus durch die Absage an die Götter, die Ablehnung ihrer Herrschaft und die Befreiung der versklavten Menschen aus den Ketten des Himmels, zu einem anthropozentrischen Weltbild zu gelangen, den Menschen zum Prüfstein für das Richtige und das Falsche zu machen, seinen Körper zum Maßstab für das Schöne zu erheben und nur jenen Bereichen des Lebens Bedeutung beizumessen, die dem Menschen Macht und Freude bringen.

Warum sollten die Nichtmuslime denn auch Sphären verehren, die ihnen Ohnmacht und Schmerz bringen? Und: wenn wirklich auch der seine Talente entfaltende weibliche, kranke, kindliche und alte Mensch ästhetisch-ethisches Leitbild ist und nicht nur der männliche und dabei ethnisch hellenische Mensch als gesunder Jugendlicher, kampftstarker Krieger und königlich Herrschender Tyrann oder Gott, kann sich von einem “Menschen im Mittelpunkt” die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte ebenso gut ableiten wie von einem christlichen Gedanken der Gottesebenbildlichkeit jedes Menschen. Schariati unterschlägt, dass der Islamapostat keine Würde hat (und die muslimische Frau nur die halbierte Würde), oder jedenfalls selbst dann kein Recht auf Leben, wenn man das Gesteinigtwerden als besondere Weise des Würdigens versteht. Der Iraner ist zu weder zu dumm noch zu feige, sich gegen die Todesstrafe auszusprechen, also billigt er die Tötung der Ehebrecherin und das Ermorden des bekennenden Schariafeindes als den nach seiner Meinung einzig wahren Humanismus, als den “islamischen Humanismus”.

Allahzentrik statt Anthropozentrik: Es gehe darum, die Verehrung (unbedingte Wertschätzung) des Menschen zu überwinden und Gott wieder in den Mittelpunkt zu stellen, allerdings nicht etwa einen Gott, der die Universalität der Menschenrechte fordert oder wenigstens wohlwollend toleriert, sondern einen Geist, der die Herabsetzung der Frau und die Gewalt gegen den Atheisten oder Polytheisten verlangt, einen Kriegsgott, Allahgott.

Ziemlich raffiniert lässt Schariati beide miteinander konkurrierende zeitgenössische Weltbilder Europas aus einem einzigen, in Wurzel und Zielsetzung dekadenten westlichen Humanismus entstehen, den Kapitalismus ebenso wie den Atheismus, den US-Imperialismus wie die Sowjetherrschaft. Die aus orthodox-islamischer Sicht durch die Juden mit verfälschten Schriften ausgestattete und ohnehin durch den islamischen Propheten überwundene Schale des Christentums sei in den Kapitalkult und in atheistische Doktrin zerbrochen, in NATO und Warschauer Pakt. Ein günstiger Bühnenhintergrund war der Kalte Krieg allemal, um dem Islam die ungeschmälerte al-wasaṭīya zuzuschreiben, die berüchtigte Mittigkeit der “nation justly balanced, in der Mitte stehenden Gemeinschaft ”. Wenn zwei sich streiten, freut sich der Allah.

Und so, wie höchst anschmiegsame Trennöle zwischen zwei verkeilte Bauteile fließen, beginnt Allahs Sittenlehre, zwischen den nach Schariatis Aussage zum Niedergang verurteilten Gebäuden von Marktliberalismus und Planwirtschaft, zwischen den beiden gigantischen Monolithen Washington und Moskau beziehungsweise Neu-Delhi und Peking hindurchzukriechen, die Blöcke aufzuspalten und die Spielregeln für jede künftige internationale Debatte zu setzen (Öl liefert der Orient zufällig ja auch ganz real). Aus heutiger Sicht scheint der inzwischen erfolgte politische Zusammenbruch der ihrem Verständnis nach antikapitalistischen Sowjetunion einem Schariati ebenso Recht zu geben wie die seit wenigen Jahren herannahende Wirtschaftskrise bei uns als den mehr oder weniger fälschlich so genannten Kapitalisten. Wir sollten die soziale Marktwirtschaft freilich ebenso weiterentwickeln wie grundsätzlich verteidigen und das Sharia-Banking nach Kräften eingrenzen, denn wer in den USA oder in Westeuropa einen kommunistisch inspirierten Kleinbetrieb oder einen allahzentrischen Bauernhof aufbauen und führen will, kann das ja (leider, mag man sagen) ausprobieren, was umgekehrt (meinungsfreie Zone in China oder Pakistan, privatwirtschaftliche Rechtssicherheit in Dschidda oder Pyöngyang für Ausländer) nicht möglich ist.

Schariatis globale Kulturgeschichte in zehn Sätzen ist von Antijudaismus und Antisemitismus gewürzt und stellt den Islam als die letzte Chance der seit Jahrtausenden gequälten und in die Irre geführten Menschheit dar:

27, 28. Um sein Volk aus der Knechtschaft der imaginären Mächte zu befreien, kämpfte Konfuzius gegen den Aberglauben. Doch dieses Prinzip erstarrte später … . Der Hinduismus, der … dem Körper der Welt den Geist einhauchte, wurde zu … Aberglauben, in dem eine große Anzahl von Göttern die Menschen angreift, … zu mörderischer Askese, zu Erniedrigung und zu Knechtschaft im Sinne der Priesterschaft. Buddha kam, um die Hindus zu erlösen … . Doch seine Anhänger wurden zu Buddha-Verehrern. (Das persische Wort für Götze Bot stammt von dem Wort Buddha ab und Botparasti bezeichnet die schlimmste Form von Schirk [Götzendienerei].) Messias, der verheißene Erlöser, kam, die Menschheit aus den Fesseln des Materialismus und der Rabbinerverehrung zu erlösen, die Religion von dem Dienst an den Geschäftsleuten und Rassisten von Israel zu befreien, Versöhnung, Liebe und Seelenfrieden herzustellen … Doch das Christentum wurde zum Nachfolger des Kaisertums, die römische Kirche hielt die imperiale Ordnung aufrecht … Die Religion des Friedens wurde zum Vorwand eines beispiellosen Blutvergießens …

Schariati leitet über zur Lehre Mohammeds, spielt ein wenig den Islamreformer oder vielmehr den Islamrestaurator, denn der Ur-Islam sei frei von jeder Verunreinigung:

Und schließlich kam der Islam als letztes Glied der Entwicklungskette der Religionen und verkündete die Einheit Gottes und die Erlösung …, um … den Menschen aufzufordern, statt den Menschen Gott zu dienen und statt der Unterdrückung der Religionen die Gerechtigkeit des Islam zu wählen. Doch der Islam wurde zum arabischen Kalifat, diente zur Rechtfertigung der barbarischen Eroberungen, verlieh … [den] Seldschuken und Mongolen im Namen der Jurisprudenz, der Theologie und der Mystik eine religiöse Aura und legte den moslemischen Menschen in die Ketten der Vorherbestimmung. Der Weg der Erlösung führte nicht mehr über Tauhid, Frömmigkeit, Rechtschaffenheit und Wissenschaft, sondern über Nachahmen … oder er diente zur Flucht vor den Realitäten der Gesellschaft und des Lebens in eine unwirkliche Welt, … gekennzeichnet … durch … Pessimismus gegenüber der Geschichte … und durch die Unterdrückung aller natürlichen Triebe und Neigungen.

Letztlich hat die Menschheit nach Schariati nur den Auftrag, der wahren Religion wieder zur Geltung (zur Macht) zu verhelfen, die islamische Seinsweise zu verwirklichen. Zum Ablegen der Scharia aufzurufen, ringt sich der Kulturkritiker nämlich gar nicht durch, womit wir ihm wohl nicht Unrecht tun, aus seiner Islamverherrlichung herauszulesen: “Je mehr Scharia, desto mehr Glück, je mehr Islam, desto mehr Humanismus”.

Aber ach, Allahs Freunde haben es schwer:

39. Zweifellos ist es heute nicht leicht, über die Religion zu sprechen. Der moderne Geist kann sie sich kaum als einen befreienden und progressiven Faktor vorstellen. Was ist dieser moderne Geist? … Er kommt aus dem Westen …

Und “Westen” (ġarb, al-maġrib) steht im Arabischen bekanntlich auch für Merkwürdigkeit, Fremde, Exil, Abweichung und Verrat an der sozialen Ordnung als der Seinsweise des “Ostens” (šarq, al-mašriq), an der gesunden (islamischen) Lebensweise.

39. Doch wenn heutzutage vom Westen die Rede ist, denkt der östliche Intellektuelle nur an Kapitalismus, Industrie, Christentum, Kolonialismus und bürgerlichen Liberalismus. Will er sich gegen sie wehren und sie ablehnen, greift er zum Marxismus, den er als wirksamste wissenschaftliche Waffe betrachtet. Dabei ist man sich selten … bewusst, dass der Marxismus selbst eine reine Schöpfung … eben dieses Westens ist

Die antiislamisch angekränkelten Orientalen sollen, befindet Schariati, nicht Zuflucht bei Marx nehmen, sondern bei Mohammed, und erkennen, dass ihre antikapitalistische Kritik am Westen selbst ein Produkt Europas oder der Gottlosigkeit oder der Dekadenz (das alles sei austauschbar) ist.

Die Religionskritiker oder Atheisten nennt Schariati Materialisten und droht mit der Hölle oder jedenfalls lässt den Koran mit den unsagbar schmerzhaften Flammen bereitwillig drohen. Der iranische Denker nimmt im Folgenden (Widerlegung der Thesen eines Karl Marx) die schreckhafte und kriecherische Rolle desjenigen an, der im Hauptmann von Köpenick sagt: “Du pochst an die Weltordnung, Willem. Det is Versündigung”, wenn er nicht sogar dem reinigende Scheiterhaufen verwendenden Himmelsfreund Calvin zu ähneln beginnt:

45. Mit scharfer Kritik spricht der Koran die Materialisten an: Wähnt ihr, daß wir die Ordnung dieser Welt umsonst geschaffen haben? Und gibt zur Antwort: Wir haben den Himmel und die Erde und alles, was dazwischen ist, nicht umsonst geschaffen (38/27). Gott setzt die Angelegenheiten der Welt nicht ohne Grund und Ursache in Bewegung. Alles stützt sich fest auf die Sunna (Verfahren) Gottes; Du wirst am Verfahren Gottes keinen Wechsel und du wirst daran keine Veränderung feststellen können (35/34). Alles in der Natur, in der Geschichte und im Menschen ist der vorbestimmten Zeit und dem bestimmten Maß unterworfen. Den wichtigsten Beweis göttlicher Existenz bietet der Koran mit dem Hinweis auf die rationale Ordnung der Natur.

Glauben wir Ali Schariati, ist Auftragsmord damit ebenso rational wie das Heiraten sechsjähriger Mädchen, mit denen man sexuell verkehren kann, sobald diese neun Jahre alt sind. Finsterster islamischer Fundamentalismus jedenfalls spricht aus Schariatis Zeilen und daneben die Unbeholfenheit, auf die Religionskritik von Karl Marx anders zu reagieren als mit dem Blick auf Sozialordnung und Weltnatur, den der Koran bereithält.

48, 49. In seiner Religionskritik geht Marx den leichtesten Weg, auch wenn er dabei von einem gelehrten Philosophen zu einem Propagandaprediger oder sophistischen Politiker werden muß. Das ist ihm der Mühe wert, weil in jedem Fall der Zweck die Mittel heiligt, auch wenn die Mittel nach den Worten von Lenin Unbarmherzigkeit gegen die Religion sein sollten.

Diesen Punkt der Kritik an Marx und vor allem Lenin mag man als religiöser Mensch teilen, auch als freiheitlicher Atheist. Sicherlich ist ein diesseitiger politischer Kult Religionsersatz, Hitlerismus und Maoismus ähnelten einander frappant, wie sich übrigens auch der verordnete Führerkult um Idi Amin und Muammar al-Gaddafi sehr ähnelt. Schariati weigert sich, auf das totalitäre Wesen des Islam einzugehen, denn die Hexenverbrennung oder Calvins Mord an Servet war mit einem Jesus von Nazareth nicht zu rechtfertigen, Islam aber ist beides in Unlösbarkeit, Welterklärung und Lebensführungsdiktatur, Mythos und verstaatlichte Sexualmoral, Ritual und Kulturrassismus. Das, worauf es angekommen wäre, nämlich, den Muslimen einen Weg als säkularer Staatsbürger vorzuleben, sieht Schariati nicht oder sieht und verhindert es.

Der Marxismus wird zur islamischen Gegenreligion, zum Antiislam, Marx zum verkörperten Iblīs und Lenin zum ad-Daǧǧāl, zum Fürsten der Finsternis. Marxismus als Heerschar von Teufeln und Dämonen, denen man als Gegengift einen noch schwärzeren Heerführer, den edlen muslimischen, gewaltige Armeen führenden Mahdī entgegenzusenden berechtigt ist, der den Daǧǧāl töten wird:

54. der Islam und der Kommunismus Marxscher Prägung [stehen] als zwei umfassende Ideologien … in vollkommenem Gegensatz zueinander.

Hell gegen Dunkel, Allahs schiitisch-iranisches Licht gegen die Finsternis der staatengründenden Atheisten. Islam, so beruft sich Schariati auf Gewährsmann Marx, sei im Gegensatz zum Marxismus reine Herzlichkeit:

55. Die marxistische Welt ist … nach den Worten von Marx herz- und geistlos. … Im Gegensatz dazu basiert die islamische Kosmologie auf dem Glauben an das Verborgene. Mit dem Verborgenen (Qaib) ist die unerkannte Wirklichkeit gemeint, die jenseits dessen existiert, was unseren Sinnen zugänglich ist … Sie wird als eine höhere Wahrheit, als das Zentrum aller Bewegungen, Gesetze und Erscheinungen dieser Welt betrachtet.

Eine allen Dingen der Welt gemeinsame Ursache anzunehmen ist ja vielleicht ein feiner Zug und unter allen Religiösen sehr üblich, doch möchte ich nicht, dass mein womöglich eintretender tageweiser Zweifel an der Gottheit meine Bürgerrechte außer Kraft setzt. Schariati weiß genau, dass es dem muslimischen Kind oder Jugendlichen nicht zusteht, sich eine in nennenswertem Umfang persönlich gefärbte Vorstellung von Allahgott, Mohammed, Jesus oder Abraham zu machen oder die Teufel in das örtliche Heimatmuseum zu verbannen und den Apostatenmord ins Museum für mittelalterliche Geschichte.

55. Der Glaube an das Verborgene wird in der zweiten Sure des Koran (Die Kuh) als Voraussetzung für die Rechtleitung und als Prinzip der Frömmigkeit genannt

Eher wohl schon ist es der absolute Gehorsam, der im Islam Voraussetzung für “Frömmigkeit” ist, jedenfalls ist mit “das Verborgene” gerade nicht das Unantastbare gemeint, wie es sich aus der Menschenwürde (körperliche Unversehrtheit, volle Würde und volle Rechte auch für Ungläubige und sogar für Frauen) ergibt und glücklicherweise auch aus der Ethik des jüdischen Predigers Jesus. Aus Allahs Sphäre des “Verborgenen” stammen die Peitschenhiebe, welche die Haut des Weintrinkers oder der Ehebrecherin zerfetzen, mit “verborgener” Kraft wird Hand und Säbelkinge in Schwung gesetzt, um den muslimischen Scharfrichter in “Bewegung, Gesetz und Erscheinung” (nach Schariati) zu bringen, damit er den Kopf des Gotteslästerers, Dealers, Zauberers, Terroristen oder Regierungskritikers abtrennt. Das Teheraner Foltergefängnis Evin ist der Bereich des “Verborgenen” und der “Hölle”, und der Rest der Welt hat seit spätestens Sommer 2009 allen Grund zu Hoffnung, dass die Mehrheit der Iranerinnen und Iraner auf so eine “Verborgenheit” und “Spiritualität” spuckt.

55. Dieses Verborgene ist in Wahrheit der absolute Geist und Wille der Existenz.

So redet ein Faschist.

59. Wir sehen, daß das Mensch-Gott-Verhältnis in der islamischen Philosophie ein gegenseitiges ist, wobei Selbsterkenntnis und Gotteserkenntnis zu Synonymen werden, ja sogar erstere die Voraussetzung für die zweiten ist

Mit der Besonderheit, dass du alles nichtschariakonforme in deinem Hirn und in deiner Alltagspraxis vernichten musst, um dann beglückt behaupten zu dürfen, auf der selben Wellenlänge wie Allah zu schwingen (was auch stimmt, nur du bist ein untoter Toter, ein voll-muslimisierter Clon).

81. Der Humanismus ist in der Tat die Gesamtheit aller göttlichen Werte des Menschen, die von der Religion in die Kultur und Ethik der Menschheit eingebracht wurden.

Etwas ungemütlich fühlt sich der Iraner im Kerker der verlorenen Weltheimischkeit, in Sunna und Scharia, dann doch, und er flüchtet sich ins Paradies:

82. Der Geist stirbt niemals. Ich meine den Geist, von dem im Koran die Rede ist – nicht die individuelle Seele, sondern jene bewegende, lebenspendende, göttliche Kraft, die wie die Posaune des Erzengels Esrafil über den leblosen und erstarrten Körper einer Epoche hinweg in wunderbarer Weise ertönt und die tödliche Stille des Friedhofs, in dem die Menschheit und ihr erlösungsuchender Geist begraben werden sollen, in Aufruhr verwandelt, wodurch eine neue Bewegung, eine neuen Auferstehung beginnt und die Menschheit in einer anderen Zeit ein anderes Leben führt.

Bei so viel Weltekel könnte einem noch der Marxismus attraktiv werden. Aber der Islamische Staat kommt vor dem Weltende auch noch, Schariati spricht, etwas an die Nationalsozialisten erinnernd, von der “Bewegung”:

84, 85. Vor dreißig Jahren erklärte Iqbal, der Mensch brauche heute mehr denn je eine geistige Interpretation der Welt. Obwohl Iqbals Worte auch dies implizieren, muß noch hinzugefügt werden: Er braucht auch eine geistige Interpretation des Menschen. Heute stehen wir an der Grenze zwischen zwei Epochen, einer zu Ende gehenden Epoche, in der die westliche Zivilisation und die kommunistische Ideologie daran gescheitert sind, die Menschheit zu befreien, und einer beginnenden Epoche … . In … dieser neuen Bewegung hat der Islam einen bedeutenden Stellenwert

Zweifelsohne kann der Islam erst dann beim Aufbau dieser Zukunft den ihm zukommenden Betrag leisten,

… den ihm seit Mohammeds Zeiten zukommenden Beitrag …

wenn er sich von der Last jahrhundertelanger Erstarrung, des Aberglaubens und der Vermengung

… das Licht mit der Finsternis vermengt, das Göttliche vom Satanischen besudelt, Manichäismus pur …

befreit und zu einer lebendigen Ideologie wird, statt eine alte Kultursammlung zu bleiben. Und das ist die Aufgabe der islamischen Aufgeklärten.

Lamya Kaddor: “Die Aufklärung ist für den Islam nicht übertragbar.”

Ermordete zeitigte sie in großer Zahl, war die “Bewegung” von 1979 also denn im islamischen Sinne nicht “lebendig” genug, fehlt noch etwas Renaissance, ich meine: Islamische Renaissance?

86. Nur auf diese Weise wird der Islam – nach einer Glaubensrenaissance und der Überwindung von Isolation und Reaktion – imstande sein, sich am Widerstreit der Meinungen … zu beteiligen, als Vorbild zu dienen … Das ist … eine verantwortungsvolle Aufgabe. Sie entspricht nicht nur dem Wesen der islamischen Lehre, sondern auch dem ausdrücklichen Gebot des Koran: Gott gehört der Osten und der Westen. Und so haben wir euch (Muslime) zu einer in der Mitte stehenden Gemeinschaft gemacht, damit ihr Vorbilder unter den Menschen seid; der Gesandte aber wird euer Vorbild sein (Koran 2/142-143). Wir sehen, je umfassender eine Ideologie ist und je mehr sie sich mit dem Wesen des Menschen befasst, um so tiefer und umfassender ist ihre Konfrontation mit dem Islam, der ebenfalls alle Bereiche des Lebens umfasst.

In diesem Sinne ist die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte ebenso “Ideologie” wie die universelle organisierte Vernunft namens Wissenschaftlichkeit. Der Islam muss also beides als Konkurrenz betrachten und als Gefährdung des Seelenheils, erklärt uns Schariati, die kulturelle Moderne mit ihren unteilbaren Menschenrechten, nicht zuletzt mit ihrer Gleichberechtigung der Frau. Soweit die AEMR “umfassend“ gemeint ist, soweit sie sich ernst nimmt, ist sie ebenso durch den Islam anzugreifen wie Wissenschaft, Kunst, Presse und Forschung. Wir Angehörigen der kulturellen Moderne (fälschlich gerne: des “Westens”) jeder Nichtreligion, Ex-Religion oder Religion, auch die muslimischen Staatsbürger unter uns, können Schariati nicht ausweichen, denn selbst Psychologie, Pädagogik und Soziologie befassen sich mit dem “Wesen des Menschen” und sind von Ali Schariati soeben als Widersacher des Himmelsgottes eingestuft worden.

Einen Krieg mit den Mitteln der freiheitlichen Demokratie gilt es zu führen, nicht gegen die als Staatsbürger zu betrachtenden Muslime, sondern vielmehr und nach Möglichkeit mit ihnen, gegen den schariatisch organisierten Islam und seine neuzeitverweigernden (islamistischen) und schlicht totalitären Erziehungs- und Bildungsprogramme. Europa kann diesen Krieg verlieren, es wird dann eben für lange Zeit islamische Wissenschaft, islamische Kunst, islamische Presse und islamische Forschung geben, bis sich auch da der Wunsch nach Aufklärung und Emanzipation Bahn bricht. Das Denken eines Schariati wird bei dieser ernst gemeinten Islamreform allerdings keine Rolle spielen.

Jacques Auvergne

(1) ʿAlī Šarīʿatī und das Zentrum für die Verbreitung der Islamischen Wahrheit (Kanun-e Nashr-e Haqayeq-e Eslami, The Center for the Propagation of Islamic Truths).

Ali Rahnema: »An Islamic Utopian. A Political Biography of Ali Shariati«, Erstveröffentlichung bei Tauris, London & New York 1998, neu aufgelegt 2000

http://books.google.de/books?id=yoQQ2YzmMyMC&printsec=frontcover#v=onepage&q&f=false

(2) Ali Rahnema: »Pioneers of Islamic Revival«, London 1994 & Atlantic Highlands, New Jersey (USA) 1994, darin das Kapitel, ab Seite 208, Ali Rahnema: »Ali Shariati: Teacher, Preacher, Rebel«, als Dreizehnjähriger las Schariati Kafka und Schopenhauer (211,212), was man gerne glaubt. Nach dem mathematischen Zentralwert, dem Median, nannte Schariati seinen harmonischen Totalitarismus namens Islam: „Die Median-Schule des Islam: Maktab-e Vaseteh-e Islam, The Median School of Islam“ (eigentlich „Tarikh-e Takamol-e Falsafi, A History of the Development of Philosophy“ (213)).

»Ensan, Eslam va Maktabha-yi Maqrebzamin«, wörtlich: Mensch, Islam und die Denkschulen des Westens, Seite 239

http://books.google.de/books?id=Bmz9y2osH1YC&printsec=frontcover#v=onepage&q&f=false

(3) Uli Auffermann zitiert beim Bergsteigermagazin BergNews in »Der Geburtstag des Alpinismus. Francesco Petrarca und die Besteigung des Mont Ventoux« die Beschreibung der Wanderung des touristischen Pioniers, nach: Karl Heinrich Waggerl (Hrsg.): »Der Berg – Landschaft als Erlebnis«. Kindler Verlag, München 1957

http://bergnews.com/service/petrarca-mont-ventoux/petrarca-mont-ventoux.php

Mont Ventoux von Südwesten, Marcus Ostermann stellte sein geschmackvolles Foto über die Wiki Commons der Menschheit zur Verfügung, danke

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/0/04/Mont_ventoux_von_suedwesten.jpg

Mont Ventoux von Norden, von Mirabel-aux-Baronnies aus

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/8/86/Mont_ventoux_from_mirabel.jpg

Gipfelerlebnis, gerade kein ängstlicher Scholar da. Schwache Nerven sollen dort keinen heiligen Text lesen – oder gerade doch lesen. Blick nach Norden, alpenwärts

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/a/a6/Ventoux_Nordseite_Schoener_Blick_Zu_Den_Alpen.jpg

(4) Daǧǧāl, gesprochen Dadschdschaal, englisch geschrieben Dajjal … ad-Daǧǧāl, „der Täuscher, der Betrüger“, ausführlicher auch genannt al-Masīḥ ad-Daǧǧāl, „der Falsche Messias“.

Harun Yahya: »Der Antichrist (Dajjal) hat heimlich sein Werk begonnen«

http://www.harunyahya.de/artikel/artikel52_der_antichrist.php

Ali Schariati: Wo fangen wir an?

Juni 14, 2010

تراكز

tarākuz

Konzentrizität

Mehr Allahzentrik, mehr Reform

Auszüge aus der knapp vierzig Jahre alten Rede von Ali Schariati: »Wo fangen wir an?« islamkritisch kommentiert. Von Jacques Auvergne

Weltweite Bekanntheit erlangte der Vortrag »Where shall we begin?«, den der Iraner Ali Schariati (ʿAlī Šarīʿatī, 1933-1977) am 22.11.1971 hielt, zu einem Zeitpunkt, an dem nach Aussagen der den hier untersuchten Redetext veröffentlichenden, seinerzeit im beschaulichen Bonn am Rhein ansässigen Botschaft der allahfaschistischen Islamischen Republik “noch keine Anzeichen für eine Revolution in Iran zu erkennen” gewesen waren, “die Monarchie wähnte sich in Sicherheit, und das Land wurde nach einhelligem Urteil der Beobachter als seine Insel der Stabilität bezeichnet. Um so verwunderlicher ist es, daß er schon am Beginn seiner Ausführungen die Fragestellung des Themas damit begründet, daß sich die Gesellschaft in einer Übergangsphase befinde und Fragen dieser Art in dem Bewußtsein gestellt werden, daß etwas geschehen müsse, um die herrschende Ordnung durch eine andere zu ersetzen” (Seite 3).

Tatsächlich scheint Schariati gleichsam prophetische Gaben besessen zu haben und sind zwischen seiner gesprochenen Rede und der Islamischen Revolution nur siebeneinhalb Jahre vergangen. Die Bad Godesberger Vertretung des seit 31 Jahren für Allahgott mordenden Mullah-Regimes verwendet den iranischen Intellektuellen nachträglich, im Oktober 1982, nur dreieinhalb Jahre nach der Staatwerdung der jenseitszentrierten Pflichtenlehre. Eine Nutzbarmachung, gegen die der als modern geltende Denker allerdings vielleicht gar nichts einzuwenden gehabt hätte. Denn sicherlich ist äußerlich ein größerer Kontrast zwischen dem mediterran und modern wirkenden, kurzhaarigen und glattrasierten Intellektuellen und dem patriarchalischen Würdenträger, dem mit Mantel und Turban geschmückten Ayatollah Chomeini, kaum möglich, womit uns die Widerspenstigkeit überlassen bleibt, das schier Unglaubliche für möglich zu halten, nämlich dass beide, Chomeini und Schariati, in ihrem Leben dass selbe gewollt zu haben. Nichts anderes jedenfalls versuchen wir hier zu belegen.

Dass wir etliche Dimensionen und Vokabeln Schariatis aus der Perspektive Allahgottes oder jedenfalls Mohammeds lesen sollten, behält die iranische Botschaft nicht einmal für sich: “Der Begriff ‚Aufgeklärtheit‘ erfährt dabei eine neue, wenn auch nicht in allen Einzelheiten neue Definition. Schariati greift dabei auf Quellen der islamischen Tradition zurück (Seiten 3 und 4). Wo nach seiner Ansicht der Aufgeklärte anfangen soll, sagt Schariati in dem vorliegenden Vortrag”, und wir brauchen die Antwort nicht lange zu suchen. Denn wenn sich einem Menschen, dessen sprichwörtliche Wolle in der als naturhaft behaupteten Farbe des Islam gefärbt worden ist, ein Problem oder eine Frage stellt, dann hat er die Antwort nicht irgendwo zu suchen und schon gar nicht bei sich selbst, sondern bei seinem Imam, dessen Scheich oder Ayatollah, dieser hat sich an Buchari zu halten jedenfalls darf er ihn nicht abrogieren, Buchari selbst trat millimetergenau in die in die Fußspuren der prophetischen Biographie und folgte islamfromm (absolut gehorsam) dem Koran, der Anweisung Mohammeds, um schließlich mit Mohammed und stellvertretend für ihn aus der einzigen Quelle zu trinken, aus der dieses Weltall entsprungen ist, aus jenem absoluten Anfang alle Erkenntnis und Ethik zu schöpfen, deren Sphärenmusik jeden individuellen Klang als satanischen Misston verstehen muss. Aller Dinge Anfang ist der redende und gewaltbereite Gott, anfangen im Einklang mit der Scharia heißt, bei Allah zu beginnen.

5. Wo fangen wir an? … Wer soll etwas anfangen? Und wofür?

Wo beginnen – selbstverständlich beim begrenzt barmherzigen Gott, dessen Name mit A beginnt. Wer – natürlich jeder, die Verweigerer sind tüchtig zu diskriminieren, damit, wie im Himmel so auf Erden, die vom Satan befallenen, fehlgeleiteten Menschen pädagogisch erlebbar bleiben und andere nicht anstecken. Wofür – um der Hölle zu entgehen, und um dafür vorab streng nach der Scharia zu leben. Mit diesen Antworten jedes gottesfürchtigen Muslimen, dem Jenseits mehr (Märtyrer, Sufis, Frauen) oder weniger (Präsidenten, Mafiosi, Ayatollahs, Scheichs) nachgeordnet, ergibt sich wie nebenbei der Aufbau einer heilssichernden Staats- und Gesellschaftsordnung, das irdische Kalifat.

5. nur der Aufgeklärte empfindet Verantwortung gegenüber seiner Gesellschaft

Der Schariaverweigerer sei von unlauteren Motiven getrieben und könne letztlich keine Verantwortung tragen.

6. Aufgeklärter ist derjenige, der sich sowohl seiner eigenen als auch der Situation der gesamten Gesellschaft in einem geschichtlichen Zeitraum bewusst ist.

Das entsprechende Geschichtsbewusstsein stiftet der in himmlischer Herkunft und geistiger Wirkung geschichtslose Koran.

6. Wissenschaftler wie Wernher von Braun und Albert Einstein sind aufgerufen, dieses geistige Erbe anzutreten und fortzuentwickeln.

Nur zum Islam müssen sie noch übertreten. Unwissentlich frönt Schariati einer Art von Cargo-Kult, den heftig abzulehnen seine dezidiert antiwestliche und wie beiläufig menschenrechtswidrige Islam- und Orientverherrlichung ausmacht. Schariati will das Mana des technischen Erfolgs für das Kalifat dienlich machen.

Angetrieben von einer sehr ähnlichen politischen Magie und umwölkt von Armeen, die einem esoterischen Führerkult verpflichtet sind, der sich mit dem Mahdi-Glauben überlagert, bastelt dieser Monate der islamfromme Herr Ahmadinedschad an der Atombombe, was die Menschheit verhindern möge.

7. Die Aufgeklärten. … Ihre größte Verantwortung besteht darin, der Volksmasse zur Selbsterkenntnis zu verhelfen

Die Mehrheit ist schließlich doof.

7. denn erst die Selbsterkenntnis macht eine erstarrte Volksmasse zu einer dynamischen Gesellschaft

Nachdem die Mehrheit den Heilsbringern oder der führenden Kaste gefolgt ist, stellt sich ein Zustand ein, der nachfolgend als goldenes Zeitalter im Geschichtsbuch steht. Die kulturrassistische Dhimmitude von al-Andalus muss dafür bekanntlich immer herhalten. Schariati selbst nennt hier keine vorbildliche Zeit, und so dürfen wir seiner Mischung aus Schweigen und Gotteslob entnehmen, dass er den prophetischen Staat von Medina und den Wirkungskreis des hochmittelalterlichen al-Ghazali nicht gerade für unmoralisch und wurmstichig halt.

7, 8. Der Wissenschaftler entdeckt die Tatsachen und erforscht und beschreibt sie; der Aufgeklärte weist den Weg zur Wahrheit. Der Wissenschaftler zeigt, wie die Dinge sind; der Aufgeklärte sagt, wie sie sein sollten.

Eine visionäre Quasi-Priesterschaft gibt den Kurs vor und umrahmt die gefälligst produktiven Wissenschaftler, wie der Bauer sich Nutztiere hält. Der Kurs der “in der Mitte stehenden Nation” (Koran: a nation justly balanced) ist natürlich der Weg der Vermeidung der Extreme, die lästerliche Namen wie “volle Frauenrechte“ oder “Pressefreiheit“ tragen.

Wer guckt jetzt erleuchteter aus der Wäsche, Bekir Alboğa, Benjamin Idriz oder Tariq Ramadan? Oder braucht der “Kundschafter und Vorreiter der Karawane” (8) das außeralltägliche Kostüm, das deine Folgsamkeit erheischende Sakralgewand? FIOE, ECFR und FEMYSO hätten für Europa diesbezüglich einen Großmufti im Angebot, der auf Lehrtätigkeiten in Malaysia und den USA zurückblicken kann und in Deutschland mit Friedens- und Toleranzpreisen überhäuft wird, den Bosnier Dr. Mustafa Cerić.

8. denn Wissen ist Macht, Aufgeklärtheit aber ist Erleuchtung. In diesem Sinne ist auch der im Koran und in der islamischen Kultur verwendete Begriff “hikma” (Weisheit) zu verstehen. … Dieses Licht der Einsicht und Erkenntnis, das den rechten Weg weist, ist die göttliche Erleuchtung.

Mag sein, dass Sunniten weniger romantisch argumentiert hätten, Chomeini indessen mag sich geschmeichelt fühlen. Die Unbegnadeten, um Schariatis Koranzitat (8) zu verwenden, die nicht zur erwählten Kaste angehören, nicht zu jenen, “denen Gott die Herzen erleuchten will”, tappen halt im Dunkeln und sind im Sinne des Gemeinwohls durch die Frommen von der politischen Führung abzudrängen.

9. Es gibt keine allen Aufgeklärten der Welt gemeinsamen Eigenschaften; ebensowenig gibt es “Weltbürger”. Denn von einem “Weltbürgertum” mit gleicher Sprache und Kultur sind wir noch weit entfernt!

Ali Schariati weist hier den Anspruch der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte zurück. Weder Aufklärungshumanismus und Wissenschaftlichkeit noch die Standards der Gleichberechtigung der Frau möchte der Iraner als universell begriffen wissen, denn wenn auch die Forscher fleißig arbeiten dürfen, führen sollen sie nicht. Geheimnisvoll geht es weiter, und wenn die islamische Gewissheit nicht vorausgesetzt werden könnte, wäre der Leser vollends orientierungslos, eine Verunsicherung an der kulturellen Moderne, von welcher Fundamentalist Schariati profitieren will:

10. Die Tatsache, nach Europa gefahren zu sein, neue Weltanschauungen kennengelernt, studiert und vielleicht ein Diplom erworben zu haben, berechtigt noch niemanden, sich als Aufgeklärter zu bezeichnen. Weil die Bezeichnungen “Aufgeklärter, “Wissenschaftler” und “Intellektueller” bei uns bislang als Synonyme verstanden wurden, hatten wir nie eine konkrete Vorstellung davon, was ein Aufgeklärter tatsächlich ist.

Nichts ist gewiss, nur die religiös begründete Segregation der Kulturräume:

11. So kann ein Schwarzafrikaner in seiner Gesellschaft als aufgeklärt gelten, in einer islamischen jedoch möglicherweise von keinem Nutzen sein. Dort ist er fremd und unbeholfen.

Um sich zu integrieren, muss der Schwarze also zur wahren Religion konvertieren.

11. Wer in Frankreich nach der industriellen Revolution oder in Westeuropa nach den Weltkriegen als Aufgeklärter galt und in seiner Gesellschaft eine konstruktive Rolle gespielt hat, kann diese Rolle beispielsweise in Indien nicht spielen und dort als Aufgeklärter eine Verantwortung übernehmen.

Lasst uns mit eurer AEMR in Ruhe. Der Parteigänger der Gleichberechtigung von Mann und Frau hat sich zwischen Kairo und Malaysia als “fremd und unbeholfen” zu fühlen, dafür sorgen die schariatreuen “Aufgeklärten” (Schariati), die im Sommer des Jahres 2009 jeden Wunsch des iranischen Volkes nach Weltbürgerlichkeit und Demokratie mit Knüppeln und Galgenstricken für einige Zeit, leider, erfolgreich beendeten.

12, 13. Ein Prediger, der bei einer bestimmten Teheraner Bevölkerungsschicht als guter Redner gilt, kann sich z. B. in den armen Dörfern der Wüste von Khorassan als sehr schlechter Redner erweisen.

Dafür zu sorgen, dass sich die einzelnen Milieus der Hauptstadt und diejenigen des gewaltigen Landes in Chancengleichheit, Weltverständnis und Menschenbild einander immer mehr annähern, möchte Schariati nicht. Vielleicht hält er das gespaltene iranische Volk für leichter kontrollierbar, der Parole “Teile und herrsche” folgend, die im politisch realisierten Islam nicht zuletzt für die höherrangige männliche und die niederrangige weibliche Menschenklasse gilt und ebenso für die erniedrigten Kasten der Dhimmitude mit dem sklavenähnlichen Status der Juden und Christen sowie der annähernden Rechtlosigkeit der Bahá’í und bekennenden Atheisten.

Schariati fährt fort, Gnadengabe, Esoterik und Führertum verherrlichend:

13. Der wahre Prediger ist weder Wissenschaftler noch Schulmeister, er ist einfach dazu berufen, aufzuklären.

Dabei sei radikale Spontaneität gefragt, denn Überblick hat schließlich nur die Gottheit. Die Freunde der Kontingenz (Niklas Luhmann) kommen voll auf ihre Kosten, und ein kleiner Herrscher (Professor, Sozialdezernent, Islamreferent) bleiben können sie vielleicht ja doch:

14. Keiner kann … mit Absolutheit für sich in Anspruch nehmen, ein Aufgeklärter zu sein. … Da muss er schon differenzieren, wann, wo und in welcher gesellschaftlichen Situation.

Ob es im Sprachgebrauch der kalkuliert verbreiteten Islamfröhlichkeit und Islamfreude eine ältere Quelle für das Wort “differenzieren” (November 1971, deutsch Bonn Oktober 1982) gibt?

14, 15. Bedauerlicherweise ist die Geschichte der Länder der Dritten Welt, insbesondere die der Islamischen Gesellschaften, gespickt mit den Irrtümern der Aufgeklärten. … Es ist die tragische Geschichte der islamischen, insbesondere der traditionell orientalischen Gesellschaften.

Tragisch ist das seit 31 Jahren andauernde Leiden der Bevölkerung unter dem Faschismus der Himmelswächter, das Sterben der ungezählten Hingerichteten und die Vertreibung der iranischen Regimekritiker ins Exil. Es sollte uns alarmieren, dass deutsche Muslime begeistert für Ali Schariati werben, beispielsweise tun das die im Fußnotenteil genannten paradiesverliebten Blogs »Meryems Welt« (FN 1), »muslime. glaubensinhalte im gesellschaftlichen kontext« (2), »Das klare Wort. Grup Vaha« (3) sowie »Morgendämmerung« (4). Die radikale Demokratieverachtung von »Meryems Welt« verdeutlicht das in Kalligraphie gehaltene Zitat, das die Blogbetreiberin feierlich auf den Titel ihrer Seite stellt, einer Weihe-Inschrift gleich: „Oh Herr, bereichere unsere Herzen in dieser vergänglichen Welt mit deiner überströmenden Liebe. Imam Chomeini“. Das Verbreiten der Texte von Ali Schariati sollte uns nicht viel weniger alarmieren als dasjenige der Schriften eines al-Maududi, Sayyid Qutb oder Necmettin Erbakan.

Kulturrelativismus über alles, außer vielleicht über Allahgott:

15. Als Zar Peter der Große nach einem Studienaufenthalt in Holland nach Moskau zurückkehrte, war er vielleicht ein Aufgeklärter, aber seine Art der Aufgeklärtheit war für seine nationale Gesellschaft nicht brauchbar.

Die zeitlose Scharia hätte dem königlichen Russen spirituell auf die Sprünge geholfen.

15. Nach langen Überlegungen schließlich glaubte er, die Ursache des Übels herausgefunden zu haben: Es waren die langen Bärte der Russen!

Beim Barte des Propheten, da hat der Iran was zu lachen. So ein dummer Russe. Und der Bartbefehl oder jedenfalls die Bartempfehlung eines Yusuf al-Qaradawi ist und bleibt sakrosankt. Heutige Freunde der nicht nur an dieser Stelle ein wenig rassistisch gefärbten Texte Ali Schariatis werden sich zufrieden zurücklehnen: iranischer Tschador und afghanische Burka dürfen auch weiterhin den Frauenleib umhüllen, denn mit ausbleibender Moderne hängt beibehaltenes Brauchtum (siehe Russenbart) grundsätzlich nicht zusammen, eher schon resultiert kulturelles Elend aus einem Erleuchtungsmangel der Führungselite. Let`s talk about sex:

17. Dabei ist der Kampf für die sexuelle Befreiung, der von Zeit zu Zeit in Afrika, Asien und insbesondere in der islamischen Welt ausbricht, lediglich ein Scheinmanöver, das von der Notwendigkeit eines echten Kampfes, der den Mächtigen der Welt gefährlich werden könnte, ablenken soll.

Und die Bonner Pfarrerin Dr. Beate Sträter kann weiterhin den ägyptischen Extremisten Sayyid Qutb mit dem südamerikanischen Befreiungstheologen Leonardo Boff vergleichen, während Sabine Schiffer aus Erlangen die Muslimbruderschaft für edle Streiter gegen Kapitalismus und US-Imperialismus zu halten beliebt. Das Islamische Recht beinhaltet nun einmal weibliche kontrollierte Sexualität und männliche sexuelle Kontrolle, und Ali Schariati möchte diese Pflichtenlehre vollumfänglich legalisieren, auch im Strafrecht soll die ewige Doktrin der Scharia Verstaatlichung erfahren und sollen Scharia-Richter flexibel (willkürlich) Recht sprechen.

Denn das Unheil dräut allenthalben, und so ist Spontaneität etwas sehr Islamisches: “Das rechte Wort am falschen Platz kann dem Unrecht dienen, wohingegen eine unbegründete Behauptung zur rechten Zeit durchaus eine positive Wirkung haben kann”, befindet Schariati (Seite 20). Sofern nur der Kontext stimmig ist, mag in dieser Logik auch mal ein Mord gerechtfertigt sein.

20, 21. In den fünfziger Jahren wurden die fortschrittlichen Ideen Rousseaus und Voltaires, die sich auf wissenschaftlich fundierte Gedanken des Nationalismus stützen, mit der Absicht wieder verbreitet, die algerischen Völker auseinanderzubringen.

Für die im Englischen gelegentlich Nation of Islam genannte umma zu werben, wäre aus Schariatis Sicht wohl sozialer.

24. Genaugenommen lautet die Frage also nicht: wo fangen wir an? sondern: wo fangen wir hier an? Demnach besteht also die dringendste Aufgabe des Aufgeklärten darin, herauszufinden, in welchem Zeitabschnitt der Geschichte sich die islamische Welt befindet.

Nicht die Menschheit, sondern der Weltislam ist die Solidargemeinschaft, auf die es dem belesenen Iraner ankommt. Diese umma sehnt sich nach einem neuen Goldenen Zeitalter:

24. Befinden wir uns im europäischen Zwanzigsten Jahrhundert, oder warum gehen wir den Weg der Europäer und werden zu Interpreten ihrer Autoren und zu Übermittlern ihrer Ideen? … Haben wir uns vom Zeitalter der Theokratie entfernt? … Leben wir im Mittelalter oder in der Zeit der Reformation? Leben wir im Zeitalter der Renaissance oder der Französischen Revolution?

Zunächst müssen wir also feststellen, in welchem Entwicklungsstadium wir uns befinden, ehe wir entsprechende Vorschläge machen können.

Chauffeur Schariati denkt mit und sagt gewissermaßen “Wo du wolle?”, wie die Comedy-Sendung »Taxi Sharia – Das Grauen hat vier Räder« ausdrückt. Oder, wie es pädagogische Praktiker sagen: “Wer nicht weiß, wo er hin will, braucht sich nicht zu wundern, wenn er ganz woanders rauskommt.”

Bei all dem vielen regionalen und zeitlichen Differenzieren ist es Schariati aus dem Sinn gekommen, die freie Meinungsäußerung zu verlangen, was ins Auge gehen kann, wie (zumal orientalische) Intellektuelle oder Schriftsteller doch eigentlich wissen müssten.

26. Unsere Kultur ist islamisch-religiös geprägt. … Unsere Aufgeklärten müssen sich darüber im Klaren sein, dass der Islam unsere Kultur geprägt hat und er die moralische Grundlage unserer Geschichte ist. Verkennen sie diese Tatsache – was nicht selten der Fall ist – geraten sie in einer Scheinwelt, in der sie sich frei von religiösen Überzeugungen fühlen, weil sie vom Geist des Europa des 19. und 20. Jahrhunderts beherrscht ist.

Dass ein religiöser Mensch, also auch ein muslimischer, seinen Glauben ja vielleicht privat leben möchte, kommt Schariati nicht in den Sinn. Vielmehr setzt er Religionskritik, zumal Islamkritik, mit einem verinnerlichten Geist der europäischen Kolonialzeit gleich. Die Scharia betreffend stehe jedem Iraner also nur der Weg der Islamverherrlichung offen, um wirklich als “aufgeklärter” Orientale gelten zu können.

27. Wenn wir, wie die europäischen Aufgeklärten des 16. und 17. Jahrhunderts, die Religion bekämpfen, begehen wir einen folgenschweren Fehler, denn das religiöse Empfinden unseres Volkes und die religiöse Kultur unserer Gesellschaft unterscheiden sich wesentlich von dem, was im Europa des Mittelalters herrschte.

Islamische Missstände sind dabei für Schariati stets etwas Unislamisches:

28. Der Aufgeklärte von heute muss sich vor Oberflächlichkeit und blinder Nachahmung hüten und erkennen, dass die irreführende Rolle, die, wie zu beobachten ist, die Religion heute spielt, nichts mit der wahren islamischen Religion und Kultur, welche die geistige Grundlage unserer Gesellschaft bilden, gemein hat und die bitteren Erfahrungen des Mittelalters nicht auf islamische Verhältnisse übertragbar sind.

Der unfassbare Islam sei missbraucht worden und werde verkannt. Das Muster ist beibehalten worden, der auf Deutschlands Dialogveranstaltungen beschworene “eigentliche” Islam ist ja gefälligst makellos. Lustvoller, tief nationaler Schmerz mag einen Teheraner Patrioten dann und wann ergreifen, Hauptsache, ein geschichtsbewusste Iraner entspricht der Devise: “Je mehr Islambegeisterung, desto mehr Aufklärung”, und liest fleißig im Koran:

28. Es ist unbedingt erforderlich, daß der Aufgeklärte einer islamischen Gesellschaft – unabhängig von seiner persönlichen Anschauung – den Islam kennt; erst dann ist er in der Lage, die Tragweite der Tragödie zu begreifen.

Indessen hält Schariati den Schleier (Hidschab, iranisch Parda), die Polygamie und die Verheiratung neunjähriger Mädchen für nicht der Rede wert, die allgemeinen Menschenrechte zu kennen ist offensichtlich auch nicht erforderlich.

29. In den letzten 300 Jahren ist die Religion durch das Verschulden der sie vertretenden Institutionen ihrer Eigendynamik beraubt worden.

Wenigstens schreibt er die Schuld an der islamischen Stagnation nicht den Europäern zu, was Lamya Kaddor (»Muslimisch – weiblich – deutsch: Mein Weg zu einem zeitgemäßen Islam«) betreibt. Nüchterne Beobachter halten Friedlosigkeit, Frauenentwürdigung und kulturelle Stagnation des Islam allerdings für neun bis vierzehn Jahrhunderte alt.

Schariati will die ganze Scharia (Nomen est omen), der Islam, die “im Kern friedliche Religion” (Pöttering im Mai 2008, Horst Köhler im Mai 2010) sei, im Gegensatz zu den anderen Religionen, reine, höchstmögliches Glück spendende Humanität:

29. Eins haben Katholizismus, Buddhismus, vedaische Anschauungen und Laotseismus gemeinsam: Sie halten die Menschen von den objektiven Realitäten des Lebens fern … Unsere religiöse Kultur, insbesondere die schiitische Richtung, weist keinerlei derartige Gemeinsamkeiten mit den genannten Religionen auf; sie lehnt solche Gedanken eindeutig ab!

Ob die gerne ganz und gar andersartigen Muslime nicht doch ein wenig mehr Ähnlichkeiten mit den von Schariati gerade beschimpften Nichtmuslimen haben, und folglich dem selben universellen Rahmen der Wissenschaftlichkeit und Rechtseinheitlichkeit unterliegen sollten?

Der angeblich moderne Denker wiederholt die uns in Deutschland aus dem, Islamkritikern gegenüber bereits leicht repressiv geführten, “Dialog mit dem Islam” bekannte Makellosigkeit des “eigentlichen” Islam:

29. Der [derzeitige, unzureichend gebildete] Aufgeklärte stellt eine gewisse Parallelität zwischen den Auswüchsen des mittelalterlichen Christentums und des Islam in unserer heutigen Gesellschaft fest und kommt so zu der falschen Schlussfolgerung, daß der Islam mit dieser Religion gleichzusetzen und daher zu bekämpfen sei, wie das Christentum im 19. Jahrhundert von den Aufgeklärten bekämpft wurde.

Schariatis Position und Argumentation ist mittlerweile dank CIBEDO, CIG, Eugen-Biser-Stiftung und Interreligiösem Rat fester Bestandteil der kirchlichen Islamrhetorik, genauer, Islambeschwichtigung, mit der islamskeptische Gegner und andere über die Scharia informierte Menschen damit unglaubwürdig gemacht werden, sie würden die Katholische Kirche “in die Zeit vor dem Konzil” zurückbringen wollen oder die Bismarcksche Feindseligkeit gegenüber jeglicher organisierter Religion (Kirchenkampf) heraufbeschwören. In unseren Kirchentagsmilieus könnten Schariatis Texte also bald begeisterten Anklang finden.

30. Der Aufgeklärte … muß sich darüber im Klaren sein, daß er eine besondere Kultur besitzt, die den Glauben, die geistigen Werte und die Ideale des Menschen mit lebensbejahenden Gedanken verbindet und vom Geist der Gleichheit und Gerechtigkeit getragen wird.

Die Frau erbt in der islamischen “Gleichheit” nicht 100, sondern 50 %, ihre Aussage vor Gericht gilt nur halb so viel wie diejenige eines Mannes. Die Verstoßung der Ehefrau ist nach Allahs Gesetz ebenso “gerecht” wie die Anschaffung einer Zweit- bis Viertfrau und der Geschlechtsverkehr mit der von der Gottheit freundlicherweise unbegrenzt gebliebenen Anzahl von Konkubinen des muslimischen Mannes. Dafür hat die geschlechtsreife, sprich heiratsfähige Frau (neun Jahre alt) ihre verstaatlichte Jungfräulichkeit oder kontrollierte Ex-Jungfräulichkeit und ihren Status als Besitz von Vater beziehungsweise Ehemann mit einem Stoffgefängnis kenntlich zu machen, insbesondere ihr Haupthaar zu bedecken, das im Islam so etwas wie ein Geschlechtsorgan darstellt. Für Schariati ist das kein Problem, denn:

31. Die Gerechtigkeit ist nicht nur einer der wichtigsten Grundsätze dieser Religion, sie ist die beherrschende Idee und die Zielvorstellung aller Propheten.

Der wenig plausibel als Islamreformer gehandelte Denker versäumt, auf die Kleinigkeit hinzuweisen, dass Noah, Abraham, Moses und Jesus in der islamisierten Menschheitsgeschichte keine andere Rolle haben, als auf das Kommen des letzten Propheten und auf Allahgottes durch Mohammed verkündete Scharia hinzuweisen, die ihrem Anspruch nach alle anderen Lebensformen überwunden hat, welche damit, sofern nicht abgelegt, als frevelhaft gelten müssen und der Menschheit den Weg zum ewigen Heil versperren.

33. Nachdem der Aufgeklärte sich über all diese Dinge klargeworden ist, wird er hier und heute mit der Religion beginnen …

Das haben wir gleich befürchtet: aller Anfang ist die Religion, anfangen heißt mit der Religion anzufangen, wobei Religion natürlich die einzig richtige ist, die koranbasierte.

33, 34. Von der Religion muß er eine korrekte und unmittelbare Vorstellung haben, die den kulturellen Hintergrund mit einschließt.

Irgendwie müssen die vier verschiedenen sunnitischen Rechtsschulen ja erklärt werden und vor allem bedarf die prekäre Daseinsberechtigung der Schia der Verteidigung als Kultur. Daneben benutzt Schariati das simple Muster, dass es für jeden Demagogen oder auch Pädagogen darum gehen muss, die Klientel “da abzuholen, wo sie steht”, eine Sprache zu sprechen, die im Milieu verstanden wird, umso mehr, als dass die Basis nicht wissen muss, dass die Reise zum großen Islamofaschismus geht, zum Kalifat. Vor allen Dingen muss der Islamist mit den Frauen vorsichtig sein, damit diese die Lust am Aufbau der schariabasierten Gesellschaft nicht verlieren, sondern die ihnen von Allahgott aufgebürdeten, barbarischen Zwänge als “Gleichheit und Gerechtigkeit” (Schariati 30) erleben oder das jedenfalls erzählen.

34. Das Engagement des Aufgeklärten beginnt also mit der Wiederbelebung seiner erstarrten Gesellschaft durch einen islamischen Protestantismus, um … eine religiöse Renaissance einzuleiten, d. h. zu jener lebensbejahenden, dynamischen, kraftvollen und gerechten Religion zurückzufinden … und … durch Rückbesinnung auf die eigene Kultur eine Wiedergeburt seiner Kultur einzuleiten und die eigene menschliche, geschichtliche und soziale Identität gegenüber der westlichen Kultur wiederzufinden.

Auf die krampfhaft durchzuhaltende Unterscheidung zwischen islamischer Kultur und westlicher Kultur, die uns drei bis vier Jahrzehnte später bei Tariq Ramadan begegnet, kann Schariati als orthodoxer Muslim und Freund der Allahkratie und damit als Gegner der Gleichberechtigung der Nichtmuslime und der Frauen nicht verzichten.

35 [Dem Engagement der islamischen “Aufgeklärten” wird es zu verdanken sein,] die nachahmende, gleichgültige, unterwürfige religiöse Haltung der Menschen in einer kämpferische, offensive und kritische Protesthaltung umzuwandeln, … um auf diese Weise eine befreiende Bewegung zu entfesseln.

Es dürfte wenig Zweifel daran bestehen, dass die islamische “Bewegung” (Schariati) durch den aus seinem französischen Exil zurückkehrenden Chomeini erfolgreich “entfesselt” worden ist.

35 ich … kann … mir nur wünschen, dass die Aufgeklärten zum geläuterten Glauben zurückfinden

An jeden, der jetzt noch Schariati als modern und human verteidigt: War Chomeinis Glaube denn etwa nicht geläutert genug? Wieviel mehr “geläutert” soll es denn noch sein, bitte?

Jacques Auvergne

(1) Dem paradiesischen Massenmörder widmet die Blogbetreiberin den Titelvers. Chomeini-Verehrerin Meryem von »Meryems Welt« meint zu einem anderen bekannten Scharatitext: „Dieses Buch ist längst ein Klassiker, 1971 verfasst von Dr. Ali Schariati, also einige Jahre vor der Islamischen Revolution im Iran.“ Meryem hält es nicht für angebracht, sich von dem islamischen Terrorstaat der Teheraner Mullahs zu distanzieren, weshalb wir davon ausgehen können, dass sie die Revolution von 1979 also einen vollen Erfolg wertet.

Die leider radikalislamisch motivierte Blogbetreiberin lobt Schariati als einen idealistischen Frauenfreund und korantreuen Feministen: „Seine Kritik geht in die Richtung seiner Heimat, wo über die europäische moderne Frau nur berichtet wird, dass sie im Zuge der „sexuellen Revolution“ allzeit verfügbar wird, einzig an Mode und Kosmetik und anderen Äußerlichkeiten interessiert sei und nichts beitrage zum wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Fortschritt. Das ist es, was der moderne Kolonialismus aus der iranischen Frau machen möchte. Die Aufforderung geht also dahin, sich am Vorbild Fatimas, a.s., zu orientieren, damit die Frau in der modernen islamischen Gesellschaft ihre neue, revolutionäre Rolle finden kann. Das Leben Fatimas, a.s., muss unter den iranischen Frauen bekannt werden, damit die Idee, sie sei nur ein hilfloses Opfer gewesen aus den Köpfen verschwindet.“

http://meryemdeutschemuslima.wordpress.com/2010/03/14/lekture-fatima-ist-fatima-von-dr-ali-schariati-wie-soll-die-islamische-frau-sein/

(2) Beim schariatreuen (radikalislamischen) Blog »muslime. glaubensinhalte im gesellschaftlichen kontext« titelt man am 15.08.2009 »Ein persischer Intellektueller, Denker und Reformer – Ali Schariati« und erkennt die sanfteste Variante der globalen islamischen Revolution: „Ali Schariati ist ein Intelektueller des 20 Jahrhunderts, geboren in Mezinan (Iran) 1933. Eine Persönlichkeit, die einen Muslim schildert, dessen Erscheinung die Welt näher zum Islam bringen will.“

http://muslime.wordpress.com/2009/08/15/ein-persischer-intellektueller-denker-und-reformer-ali-schariati/

(3) Beim Blog »Das klare Wort« der noch recht jungen Damen und Herren der Gemeinschaft »Grup Vaha« (Aysche Dix, Buenyaminumma, Havva Demiröz, Ethem Abdussamed, Sultan Ögüt), was auf Türkisch »Gruppe Oase« bedeutet, ist ein noch nicht ganz fehlerfrei Deutsch schreibende Demokratieaussteiger und korantreuer Jungrevolutionär am 27.06.2009 darum bemüht, im Beitrag »B. U. Schariati« Reklame für den gegenmodernen Denker zu machen, möge er künftig die Scharia verweigern und den säkularen Rechtsstaat bejahen:

„Ali Schariati ist ein Intelektueller des 20 Jahrhunderts, geboren in Mezinan (Iran) 1933. Eine Persönlichkeit, die einen Muslim schildert, dessen Erscheinung die Welt näher zum Islam bringen will. Dieser Mann ist ein Denker und Kritiker des Westens, des Kapitalismus, Leninismus und Marxismus. Er deutete in vielen seiner Reden, die er den emanzipierten Jungen Iranern vortrug, auf die Gefahren einer Zivilisierten von Habgier übermannten Welt, die die Nähe zur Religion und den Faden des Glückes mit dem Geld verbunden haben. … Die Gefahr, dass eine Gesellschaft, die sich nicht kennt und seine eigenen Werte verloren hat ist mit sich nicht zufrieden. Um glücklich zu sein muss der Mensch eine eigene Identität haben und zeigen das er da ist. Ali Schariati versuchte in vielen seiner Reden diesen Punkt den Menschen zu vermitteln. Religion ist ein Aspekt um sein Ich zu erlangen bzw. zu pflegen.“

http://grupvaha.wordpress.com/2009/06/27/ali-schariati/

Noch zum Blog »Das klare Wort« der »Grup Vaha«. Es ist schön und berührt mich, wenn junge Menschen Ziele haben, besonders, wenn diese Ziele von Ethik oder ernst empfundener persönlicher Religiosität bewegt sind. Wenn junge Menschen aus Nordrhein-Westfalen allerdings das weltweite Kalifat wollen und die Einführung der Scharia in Europa, ist mir das ungefähr so widerlich, als würden sie den Nationalsozialistischen Staat anstreben. Die fehlgeleiteten Blogbetreiber bekennen sich:

„Vaha Declaration: Wir fordern … Wir Jugendlichen sehen den Zustand der modernen Familie und sind ganz und gar nicht damit einverstanden. Wir sind der Meinung, dass sich die Lage und der Stellenwert der Familie in dieser Gesellschaft verändert werden muss und appellieren besonders an Muslimische Familien, wo doch der Koran immer wieder auf die Intuition Familie eingeht und versucht den Menschen klar zu machen wie wichtig die Familie für ein gesundes, intaktes Volk ist.“

Die deutsche muslimische Familie soll also nach der möglichst vollumfänglichen Scharia leben, ein Kurs, wie Yusuf al-Qaradawi ihn vorgibt. Ihr solltet dem Menschenbild und vor allem dem Frauenbild der Muslimbruderschaft und der Millî Görüş nicht hinterhertrotten.

„Wir wollen unseren Glauben ausleben ohne Beschränkungen und verweisen auf die Religionsfreiheit.“

Darauf verweisen wir auch, Polygamie oder die Verheiratung neunjähriger Mädchen ist nämlich mit Religionsfreiheit nicht gedeckt und in anderen die Angst vor der Höllenstrafe zu erwecken sollte Grup Vaha ebenso bleiben lassen wie die Verherrlichung des Hidschab. Der Islam kann in einem freiheitlichen Rechtsstaat nicht zur Gänze gelebt werden, da er eine eigene Staatlichkeit will und ein autonomes Rechtssystem darstellt. Der Islam von Scharia und Fiqh – und einen anderen organisierten Islam gibt es leider weltweit noch so gut wie gar nicht – ist durch Kulturrassismus, Frauenherabwürdigung und Frauenentrechtung sowie durch Indoktrination Minderjähriger mit dem Drohen von Höllenqualen gekennzeichnet. Nichtmuslime gelten als Menschen sittlich geringeren Wertes, Kopftuchverweigerinnen als Schlampen – ruft Grup Vaha dazu auf? Jeder darf in Deutschland an einen Engel glauben oder aber Allahgott für sich verwerfen, weil in der BRD Religionsfreiheit besteht, anders als in Saudi-Arabien oder im Iran.

„Wir setzten uns für die Integration ein, jedoch auf keinen Fall für die Assimilation. Unser Verständnis von Integration ist es nicht seine eigene Kultur abzulegen, sondern mit der hiesigen Gesellschaft zusammen zu arbeiten, sich gegenseitig zu respektieren anzuerkennen und voneinander zu lernen. Eine Integration kann unserer Meinung nach, nur dann funktionieren, wenn auf beiden Seiten, der hiesigen Gesellschaft und auch der emigrierten Respekt und Anerkennung herrscht. Wir betonen auch, dass der Islam keine Migranten Religion ist, sondern ein fest verwurzelter Teil Deutschlands ist. Wir verstehen uns weder als Türke, Araber, Kurde, Marokkaner… noch als Deutscher, sondern als Muslime, weil wir weder gefragt wurden, ob wir als Deutscher, Türke, Araber, Bosnier… geboren werden wollen, noch gefragt worden sind wo wir geboren werden wollen. Das ein zigste, dass wir als freie Menschen selber wählen durften war unsere Religion und unsere Lebensweise.“

Mit ähnlichen Worten treibt Recep Tayyip Erdoğan Deutschlands Türken in die abgeschottete und sich islamisierende Gegenkultur. Ihr wollt also keine Staatsbürger sein, sondern der Nation of Islam angehören, Muslime sein oder allenfalls Muslimstaatsbürger. Euer Kalifat könnt ihr nach Feierabend stundenweise und in begrenztem Rahmen zelebrieren, Peitschenhiebe (vierzig oder achtzig) für den Weintrinker dürft ihr aber auch dann nicht austeilen, obwohl Allahgott das vorschreibt. Ihr wollt leider immer noch die klassisch islamische Lebensweise nach der Scharia, das bedeutet für uns Staatsbürger: ihr wollt die Sezession und die Rechtsspaltung. Davon müsst ihr weg und euch in ein säkulares Verständnis des Muslim-Seins einüben. Religionsfreiheit umfasst beispielsweise, privat an ein Leben nach dem Tod zu glauben.

Am 30.04.2009 weisen die wie gesagt noch sehr jungen und hoffentlich lernbegeisterten Blogbetreiber auf die Vorläufigkeit der Vaha Declaration hin: „Sie soll weiter entwickelt werden. Wir bitten um Verbesserung und Vorschläge“, was wir soeben gerne getan haben.

http://grupvaha.wordpress.com/about/

(4) Der verschwörungstheoretische, antisemitische und an Chomeini orientierte Blog »Morgendämmerung« steht treu zu Ahmadinedschad („Präsident Ahmadinejad bekräftigte in seiner Rede: ‚Die Revolution ist noch nach 30 Jahren lebendig.'“) und kolportiert in »Hintergrund. Die islamische Revolution 1979 im Iran« das Gerücht, der iranische Geheimdienst hätte Ali Schariati ermordet.

http://morgendaemmerung.blogspot.com/2009/01/hintergrund-die-islamische-revolution.html