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Noch ein Leserbrief

Februar 25, 2008

Aus einem evangelischen Gemeindebrief

aus dem Januar 2008, nicht signiert

Zur Diskussion

Natürlich tut es weh, wenn ein „Christian“ oder eine geborene „Lüdenscheid“ sich neuerdings zum islamischen Glauben bekennt. So wie es immer weh tut, wenn jemand sich vom christlichen Glauben abwendet, der oder die einmal mitgemacht und mitgebetet hat. Und natürlich müssen wir ganz genau nachfragen, wie das eigentlich bewertet wird, wenn ein ehemaliger Muslim Christ werden will. Ob es ebenso bedauert wird, wie wir eine Konversion zum Islam vielleicht bedauern, oder ob darin ein eigentlich todeswürdiges Verbrechen gesehen wird. Wir müssen darauf bestehen, dass Christen sich in islamischen Ländern auch ungestört und öffentlich zum Gottesdienst versammeln dürfen, auch in Kirchen. Das ist übrigens in vielen islamischen Ländern auch der Fall.

Aber solange der Westen eines der reaktionärsten islamischen Regime im Nahen Osten als engsten Verbündeten pflegt, ist die Glaubwürdigkeit des westlichen Engagements für Demokratie etwas angeschlagen. Und die Toleranz, die wir fordern, muss in unserem Land auch gelebt werden. Für ein antiislamisches Ressentiment sollte es in einer christlichen Gemeinde genauso wenig Platz geben wie für ein antijüdisches.

Antwort auf „Zur Diskussion“ (anonym)

Von einem Gemeindemitglied (auch anonym)

Ressentiment ist ein elastischer Begriff, der in philosophischen, psychologischen, soziologischen und nicht zuletzt umgangssprachlichen Kontexten durchaus unterschiedlich ausgedeutet worden ist. Mein Fremdwortlexikon übersetzt ihn mit „Abneigung (einer Person oder Sache) gegenüber“.

„Ressentiment“ mag bedeuten: Abneigung oder Ablehnung trotz relativ hoher Informiertheit. „Ressentiment“ kann ebenso bedeuten: Unbehagen oder Vorurteil bei fehlender oder unzulänglicher Information.

Solche Haltungen können sicherlich anerzogen, vermittelt oder auf andere Weise „betreten“ werden, wie sie auch wieder „verlassen“ werden können. Selbst grobe Fehlurteile und Vorurteile können vom Individuum vorübergehend verwendet werden und, bei förderlichem Umfeld, als unzulänglich und unreif durchschaut und wieder abgelegt werden.

„Man gibt sich immer die Gesetze, die man braucht“, so lautet ein bemerkenswerter Spruch eines Psychologen. Ein weiterer: „Vorurteile sind etwas Nützliches. Wenn wir keine Vorurteile gegen Schmutz hätten, würden wir uns nicht waschen.“

Was für eine „christliche“ Gemeinschaft wären wir, von jedem Kirchenbesucher zu verlangen: „Alle Fehl- und Vorurteile ablegen, sonst kommst du nicht hier `rein!“ oder „Menschen mit Ressentiments sind hier unerwünscht!“

So einer „christlichen“ Gemeinde möchte ich nicht angehören: Das schmeckt mir dann doch zu sehr nach Frömmelei oder gar Tugendterror, nach Manipulation und Gesinnungsschnüffelei.

Ich bestehe auf meine gehörige Portion an facettenreichen antiislamischen Ressentiments und kritisiere sogar das ultraorthodoxe Judentum sehr. Es mag ja sein, dass es mir an Information mangelt, lese ich ja auch erst seit fünfzehn Jahren Koran und Hadithen: Sehr, sehr vieles am Fiqh‑Islam und Scharia‑Islam behagt mir gar nicht und findet meine Missbilligung. Glücklicherweise weiß ich mich dabei mit vielen Muslimas und Muslimen auch dieser Stadt einig, denen sowohl der traditionalistische Islam als auch der Polit‑Islam als äußerst unbehaglich und sogar ablehnenswert erscheint.

Der Beitrag „zur Diskussion“ fällt christlichen, muslimischen und ex‑muslimischen Menschenrechtlern und Frauenrechtlern ebenso elegant wie tragisch in den Rücken. Sicherlich aus Uninformiertheit.

NN

Ein Leserbrief

Februar 25, 2008

Aus einem evangelischen Gemeindebrief

aus dem Januar 2008, nicht signiert

Zur Diskussion

Natürlich tut es weh, wenn ein „Christian“ oder eine geborene „Lüdenscheid“ sich neuerdings zum islamischen Glauben bekennt. So wie es immer weh tut, wenn jemand sich vom christlichen Glauben abwendet, der oder die einmal mitgemacht und mitgebetet hat. Und natürlich müssen wir ganz genau nachfragen, wie das eigentlich bewertet wird, wenn ein ehemaliger Muslim Christ werden will. Ob es ebenso bedauert wird, wie wir eine Konversion zum Islam vielleicht bedauern, oder ob darin ein eigentlich todeswürdiges Verbrechen gesehen wird. Wir müssen darauf bestehen, dass Christen sich in islamischen Ländern auch ungestört und öffentlich zum Gottesdienst versammeln dürfen, auch in Kirchen. Das ist übrigens in vielen islamischen Ländern auch der Fall.

Aber solange der Westen eines der reaktionärsten islamischen Regime im Nahen Osten als engsten Verbündeten pflegt, ist die Glaubwürdigkeit des westlichen Engagements für Demokratie etwas angeschlagen. Und die Toleranz, die wir fordern, muss in unserem Land auch gelebt werden. Für ein antiislamisches Ressentiment sollte es in einer christlichen Gemeinde genauso wenig Platz geben wie für ein antijüdisches.

Antwort auf die Einladung zur Diskussion

Sehr geehrte(r) Schreiber(in),

sicherlich ist es für praktizierende ChristInnen traurig, eine Glaubensschwester, einen Bruder im Glauben durch Konversion zu verlieren, müssen wir uns doch fragen, ob vielleicht ein Grund für den Übertritt in einem Fehlverhalten unsererseits liegt. Unter Umständen hätte man durch gute Gespräche die bestehenden Zweifel ausräumen können, klären können, was so stört oder unannehmbar ist, dass sie oder er nicht mehr zur christlichen Kirche gehören möchte und sich nach neuen Leitlinien und Weltanschauungen orientiert.

Vielleicht war da schon immer ein Unbehagen, man kannte nur die christliche Religion, kam nicht dazu sich zu informieren, wagte den Wechsel nicht oder wollte die Eltern nicht enttäuschen. Nun, da man Gelegenheit hatte, die andere Religion kennenzulernen, vielleicht durch die zukünftige Lebenspartnerin / den zukünftigen Lebenspartner motiviert, ist man sicher, sich vorher geirrt zu haben, z.B. zu den im Glaubensbekenntnis verankerten Inhalten nicht mehr stehen zu können, ein anderes Gottesbild, ein anderes Menschenbild zu bevorzugen, eine andere Spiritualität entwickelt zu haben.

Eines ist jedoch sicher: Aus welchen Gründen Gemeindemitglieder auch immer austreten, um zu konvertieren, wir heißen ehemalige Mitglieder nicht nur als reuige RückkehrerInnen sondern auch als KonvertitInnen jederzeit willkommen. So leben wir ChristInnen unseren Glauben. Gegen jede Religion, übrigens auch gegen jede Tradition, jede Kultur, die AbweichlerInnen und deren UnterstützerInnen mit dem Tode bedroht, nehme ich mir allerdings heraus, Ressentiments zu haben.

Da offensichtlich viele Bedeutungen dieses französischen Fremdwortes kursieren, möchte ich an dieser Stelle definieren, was ich unter ‚Ressentiments‘ verstehe und wie ich mit ihnen umgehe. Ich meine mit diesem Begriff eine begründete Abneigung gegen eine Sache, gegen Einstellungen einer Person oder deren Lebensweise. Grundlagen für meine ablehnende Haltung sind z.B. Erlebnisse und Hintergrundwissen aus zitierbaren Quellen, Diskussionen mit betroffenen BefürworterInnen und KennerInnen wie auch den GegnerInnen.

Abneigung gehört wie Freude, Angst, Traurigkeit, Wut, Begehren und Abscheu zu den Grundemotionen eines jeden Menschen (Plutchik), solche Gefühle zu verleugnen und abzuspalten, ist unaufrichtig und macht krank. Das wird sicherlich jede Psychologin / jeder Psychologe bestätigen. Wie Vorurteile (im Gegensatz zu Ressentiments relativ spontane und unreflektierte positive oder negative Einschätzungen und Bewertungen) uns schützen (Ekel vor grünlich-blauen, muffig riechenden Lebensmitteln) und helfen, sich in einer komplexen Umwelt zu orientieren, sind Ressentiments wichtig für die Entwicklung von Wertvorstellungen und Moral sowie für die seelische Ausgeglichenheit. Ohne Ressentiment gegen Hitler hätte es keinen Widerstand gegeben. Es gäbe die Reformation nicht ohne Martin Luthers Ressentiments gegen die (katholische) Kirche. Solche Haltungen und Einstellungen sind nur dann bedenklich, wenn sie zur unabänderlichen, nicht zu hinterfragenden Doktrin werden. So wie ich als Demokratin und Christin mir die Freiheit nehme, Ressentiments gegen Denkweisen und Überzeugungen zu entwickeln, habe ich auch die Verpflichtung diese zu überprüfen und gegebenenfalls abzubauen.

Wie Ulrich Wickert schon mit seinem Buchtitel meinte: Gauner muss man Gauner nennen.

Wenn beispielsweise Frauen verachtet werden, für die gleiche Arbeit weniger verdienen als ihre Kollegen, in der Erziehung und im Alltag Gewalt angewandt wird, fühle ich mich als Frau, Mutter und Christin verpflichtet, solche Verhaltensmuster abzulehnen und unter bewusster Benennung des erkennbaren Kontextes, des kulturellen, traditionellen und religiösen Zusammenhanges, vorbehaltlos zu kritisieren, auch wenn dieser orientalisch-islamisch, jüdisch oder christlich-europäisch ist. Wer hier politisch korrekt verallgemeinernd und beschwichtigend Appeasement betreibt, nimmt dem Gegenüber die Chance, Fehlentwicklungen zu erkennen und ihnen entgegenzuwirken.

Kirchengemeinden, die Flüchtlingen Kirchenasyl gewähren, werden die nicht selten aus islamischen Herkunftsländern stammenden Schutzsuchenden, wohl kaum nach eventuell vorhandenen antijüdischen Ressentiments befragen, bevor sie ihnen Schutz gewähren. Ähnlich handelt die BRD bei Menschen, die aus anerkannten Asylgründen nach Deutschland fliehen. Selbst überzeugte Feinde der freiheitlich demokratischen Grundordnung erhalten Schutz- und Bleiberechte, wenn sie den Asylgrund nachweisen können.

MenschenrechtlerInnen und HumanistInnen wie Ayaan Hirsi Ali, Bassam Tibi, Necla Kelek, Seyran Ates, Mina Ahadi, Serap Cileli, Christine Schirrmacher, Ute Spuler-Stegemann, Salman Rushdie, haben sicher die beschriebenen Ressentiments gegen den Islam. Sollte in einer christlichen Gemeinde für diese mutigen Frauen und Männer kein Platz sein? Ist es nicht gerade unsere Christenpflicht, beispielsweise aus dem Irak stammende Glaubensgeschwister aber auch ‘Ungläubige‘, die in ihrer Heimat wegen ihrer polytheistischen Weltanschauung oder aus anderen Gründen verfolgt werden, in unsere Gemeinde aufzunehmen, obwohl sie sicherlich Abneigung gegen den Islam entwickelt haben und vielleicht antijüdische Ressentiments hegen?

Dann würde allerdings gerade die lutherisch-evangelische Kirche in arge Erklärungsnöte geraten, wenn man ihren Gründer Martin Luther zitiert (‘War Luther nur reaktiv und antijüdisch?‘).

Mit freundlichen Grüßen

N. N.

Quelle: Luther:

http://www.sgipt.org/sonstig/metaph/luther/judens.htm

Internationale Teestube

Dezember 25, 2007

Schule plant interreligiöse Teestube

und erlebt Überraschendes. Arnhem

Ein Brief aus den Niederlanden

Interreligiöses Gebet nur

mit Vorhang

Koëdukatives Meditieren

unerwünscht

Muslime und die

Apartheid der Geschlechter

Von Cees van der Duin, Nijmegen

Lieber Claas, du berichtest, dass die muslimische Seite nun auf dem Einbau von einer Art Trennwand besteht oder vielmehr auf dem Anbringen eines gewaltigen Vorhanges aus völlig blickdichtem Stoff. Ein koëdukatives Besinnen sei den männlichen Muslimen nämlich nicht zuzumuten und auch dem Gott der Muslime nicht genehm.

Zum Einen also würden sich die Jungen schämen, vor den Mädchen zu beten oder auch umgekehrt, zum Anderen lasse der Islam ein gemeinsames Gebet in einem Zimmer nicht so gerne zu. Die Gebetsrichtung habe in Kürze ebenfalls bereits Erwähnung gefunden: Auf welcher Vorhangseite die Kibla ist, garantiert nicht bei den jungen weiblichen Erwachsenen, hm? Für den doch gar nicht so unwahrscheinlichen Fall eines zeitgleichen Betens von Schülerinnen und Schülern müssten die Mädchen, man stelle sich das vor, den blickdichten Vorhang anstarren, denn die originale gekachelte Kibla-Wandecke anzuschauen, das bliebe den „edlen“ männlichen Wesen vorbehalten.

Von euch aus, sagtest du mir gestern, sei es aber um einen Gebetsraum im engsten Sinne doch gar nicht gegangen: Ihr hättet euch einen Meditationsraum vorgestellt, Klangspiel, Bambus und Zimmerbrunnen, ein bisschen Taizé und eine Prise Zen und warum keine arabische Ornamentik, so ganz die Ästhetik weltbürgerlicher Toleranz jedenfalls. Ihr habt euch bezüglich der Wortführer der „Araber“ offensichtlich getäuscht und wisst nun als die „Christen“ nicht weiter. Dabei wolltet ihr genau das überwinden, dieses „die“ Christen und „die“ Araber, zumal ihr Inder, Chinesen und atheïstische beziehungsweise kirchenferne Schülerinnen und Schüler zum Meditieren oder Gedichtlesen ansprechen wolltet und immer noch wollt.

Die arabische Seite beharrt auf ihrem Standpunkt: Ohne Vorhang einschließlich Geschlechtertrennung kein Raum der Stille. Aha. Geschlechtertrennung.

Die zehn mal zehn Meter des ehemaligen Klassenzimmers beziehungsweise der gelegentlichen Cafeteria sollen geteilt werden. Ob der Vorhang dann mehrmals täglich auf- und zugezogen wird ist noch nicht klar, jedenfalls nicht euch.

Bisher versammeln sich Schülerinnen und Schüler recht spontan zum gemeinsamen Cola- und Teetrinken in jenem Zimmer. Wie gesagt, es sind beide Geschlechter dabei und von kleinen altersgemäßen Reibereien abgesehen wurde noch niemand jemals verdrängt.

Weiblich und männlich in einem Raum, junge Leute aller Religionen. Ein nettes Bild. Das Ganze künftig spirituell und ästhetisch veredelt, gemeinsam mit „den Muslimen“ – es hätte so schön sein können. So habt ihr euch das gedacht.

Jetzt aber die jähe Forderung: Gebt uns den Vorhang oder wir brechen jedes weitere Gespräch mit euch Christen ab! So der Wortführer, dem offensichtlich kein Marokkaner und vor allem: Keine Marokkanerin zu widersprechen sich traut. Christen seid ihr auf einmal also auch und müsst euch womöglich vorwerfen lassen, nicht so fromm zu sein wie die Muslime oder jedenfalls, und noch schlimmer: Die Muslime von ihrer Glaubenstreue abzuhalten. Denn Vorhang sei Religion, so der Sprecher.

Nein und nochmals nein! Die Sache mit dem Vorhang dürft ihr nicht zulassen, zumal der Raum ja international beziehungsweise interreligiös ausgerichtet sein soll. Auch ist von einer „interreligiösen Moschee“ noch nichts gehört worden. Wie aber kann es nun weiter gehen?

Ihr solltet versuchen, dass die Frömmler nicht die weniger Radikalen aus der Teestube verdrängen, beziehungsweise: Die männlichen Marokkaner ihre weiblichen Landsleute am Betreten des Aufenthaltsraumes hindern.

Chauvinismus kommt weltweit wohl immer wieder einmal im Namen der „Religion“ daher. Es geht wohl eher um das Kontrollieren der Frauen.

Zugleich solltet ihr mit „den Muslimen“ im Gespräch bleiben, unter Einbezug der anderen Religionen sowie der Nichtreligiösen, denn es ist alles andere als selbstverständlich, die Schülerschaft in der kulturellen Moderne überhaupt nach Religionen aufzuteilen. Oder nach Männlein und Weiblein.

Irgendwie ist die säkulare Zuwanderungsgesellschaft argumentativ „ins Schwimmen“ geraten und hat es der Fundamentalismus recht leicht. Denn die zwangsweise Aufteilung in männliche und weibliche Zonen möchte ich fundamentalistisch nennen.

Ich bin gespannt, wie die Sache weitergeht, halte mich auf dem Laufenden. Grüße

Cees van der Duin