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Gegen Genitalverstümmelung – ohne Fatwas

April 19, 2009

الفتوى

al‑fatwā,

islamrechtliches Gutachten an den mustafti, Anfragenden.

Vom muftī, Rechtsgelehrten, nach Maßgabe des fiqh und

der ewigen scharī‘a im Rahmen seiner madhhab erstellt

Fatwā contra FGM?

Von Jacques Auvergne

Ein bekannter Weltreisender und Leiter von Menschenrechtskampagnen am indianischen Volk der Yanomami setzt im Kampf gegen FGM auf ein originelles Mittel. Leider ist es das vordemokratische oder auch nachdemokratische Mittel der fatwā

Weltweit sind seit bis zu zwanzig Jahren viele regelmäßig sehr mutige und oft unschätzbar kenntnisreiche Menschen im Einsatz, um die grausame weibliche Genitalverstümmelung auszurotten. Die Herangehensweisen sind unterschiedlich und dürfen es sein, terre des femmes, Forward, Intact und Wadi haben in verschiedensten Teilen der Erde bereits viel Gutes bewirkt.

Im Laufe der letzten sieben Jahre hat der Survival‑Experte und Mustafti (Bittsteller um eine fatwā) Rüdiger Nehberg vier Fatwen gegen die weibliche Genitalverstümmelung (FGM) erwünscht. Und alle vier erhalten. Die erste fatwā von Großscheich Mohammed Sayyid Tantāwī im Juli 2002[1]. Im November 2006 die zweite an der viele Jahrhunderte alten, orthodox-islamischen Azhar in Kairo. Die dritte im Juli 2007 in und für Nordostafrika und das Volk der Afar, auf die abschließend etwas näher eingegangen wird. Die vierte fatwā erhielt Nehberg März 2009 beim islamistischen Fatwa‑Rat in Doha (ad‑Dauha, Katar) von der radikalislamischen sunnitischen Autorität Yūsuf al‑Qaradāwī. Islamische feudalstaatliche Orthodoxie (Scharia) wie revolutionär-terroristischer Islamismus (auch Scharia) erhält aus unserer säkularen und universell‑menschenrechtlichen Sicht mit Nehbergs Tun leider einen Machtzuwachs. 2009 symbolträchtig termingenau, ausgerechnet zum arbeiterbewegten und feministischen Weltfrauentag.

Mit usul al-fiqh oder kurz fiqh meint die frauenfeindliche Sexualpolitik des staatsgründenden Islam die geheiligte Rechtssprechung (islamische Jurisprudenz). Der fiqh ist eine vormoderne und demokratiegefährdende Praxis, da ihm so barbarische islamische Kostbarkeiten wie beispielsweise dschihād (Kriegsrecht) oder Strafrecht (thair, Blutrache, ersatzweise diyya, Blutgeld) angehören. Würden wir das Fatwa-Wesen für einen Augenblick ernst nehmen, zeigte sich vielleicht, dass Ali Gomas (Ali Guma, Ali Dschuma) und al‑Qaradawis Fatwen aus zweierlei Grund ungültig oder schlichte Täuschung sein könnten.

Zum ersten darf eine fatwā, um Gültigkeit zu haben, keinen tagespolitischen Belangen folgen und will man 2009 ja vielleicht lediglich die Europäer davon überzeugen, das Familienrecht und Personenstandsrecht der Scharia (Polygynie, Verstoßung, Imam‑Ehe) sei mit der freiheitlichen Demokratie kompatibel.

Ali Guma ist zweithöchste islamische Autorität Ägyptens und erklärte per fatwā die Wiederherstellung der Jungfräulichkeit als erlaubt. Damit gestattete der Geistliche nun aber mitnichten, anders als Jörg Lau es im Februar 2007 optimistisch vermutet[2], den vorehelichen Geschlechtsverkehr oder das Betrügen des Ehemannes, nein, damit ist und bleibt die islamische Vagina (äußerlich: Kopftuch) staatliches Politikum und bleibt die Frau auf ihr sündebefrachtetes Geschlechtsorgan (genitales Signal: Kopftuch) reduziert. Die vielleicht unerschwinglich hohen Kosten der Hymenrekonstruktion, die womöglich traumatisierende und in jedem Fall erniedrige operative Prozedur und die Todesfurcht bei womöglichem Nichtbluten in der Hochzeitsnacht kommen dazu. Das ist Guma, das ist fatwā. Das ist Islam.

Zum zweiten kann niemand je die Umsetzung der „Nehberg-Fatwa“ kontrollieren, da sich Sexualpartner auch beim Geschlechtsakt nicht auf die Geschlechtsteile schauen dürfen, auch sollen sie doch bitte beim Akt leichte Unterwäsche tragen. Das jedenfalls sagt, so ist das mit der Flexibilität der Scharia, eine andere fatwā, erstellt im Januar 2006 vom islamischen Geistlichen Prof. Dr. Raschad Hassan Chalil (Rashad Hassan Khalil), seines Zeichens immerhin ehemaliger Direktor der Rechtsfakultät an der „Blühenden“, so die wörtliche Bedeutung des Kairoer politreligiösen Lagezentrums al‑Azhar[3], [4]. Und wo kein Frauengenital in Sicht, da kein Frauengenital verstümmelt. Also könnten die Ägypterinnen ihre Töchter weiter an der Klitoris versehren, niemand sieht es zwischen Nil und Cheopspyramide, und die Dhimmis in Europa haben zu ihrer Gewissensberuhigung eine auch ganz grundsätzliche Lebenshilfe und Orientierung bietende fatwā an der Wand. Die studierte Rechtsgelehrte Souad Saleh[5] (al‑Azhar) ist Spezialistin für fiqh, islamische Jurisprudenz. Leider darf sie keine fatwā ausstellen, da sie kein Mann ist[6]. Frau Saleh findet völlige Nacktheit im Ehebett sehr Ordnung und begründet das mit Koranbuch und Allahgott. Womit uns Nichtägyptern allerdings noch nicht klar ist, ob 2010 weniger verstümmelt werden wird als 2005.

Beschlüsse der Konferenz in Kairo – Im Werte einer Fatwa

Im Namen Gottes des Barmherzigen, des Allerbarmers Die Internationale Konferenz der Gelehrten bezüglich des Verbots von Missbrauch des weiblichen Körpers wurde am 1. und 2. der Dhul-Qi’da 1427 nach der Hijdra, entsprechend dem 22. und 23. 11.2006, in den Konferenzräumlichkeiten der Al-Azhar Universität abgehalten. Eine Anzahl von Forschungsarbeiten wurde vorgetragen. Nachdem Wissenschaftler und islamische Gelehrte sowie Fachleute und Aktivisten von zivilgesellschaftlichen Organisationen aus Ägypten, Europa und Afrika angehört wurden, werden folgende Empfehlungen bekannt gegeben:

1. Gott hat den Menschen mit Würde ausgestattet. Im Koran sagt Gott: „Wir haben die Kinder Adams gewürdigt“. Daher wird von Gott jeglicher Schaden verboten, der Menschen zugefügt wird, unabhängig von gesellschaftlichem Status und Geschlecht.

2. Weibliche Genitalbeschneidung ist eine ererbte Unsitte, die in einigen Gesellschaften praktiziert wird und von einigen Muslimen in mehreren Ländern in Nachahmung übernommen wurde. Dies ohne textliche Grundlage im Koran, respektive einer authentischen Überlieferung des Propheten.

3. Die heutzutage praktizierte weibliche Genitalbeschneidung fügt der Frau physische und psychische Schäden zu. Daher müssen diese Praktiken unterbunden werden, in Anlehnung an einen der höchsten Werte des Islams, nämlich dem Menschen keinen Schaden zuzufügen – gemäß dem Ausspruch des Propheten Mohammad, Friede und Segen Gottes sei mit ihm: „Keinen Schaden nehmen und keinem anderen Schaden zufügen“. Vielmehr wird dies als strafbare Aggression erachtet.

4. Die Konferenz appelliert an die Muslime, diese Unsitte gemäß den Lehren des Islams zu unterbinden, da jene verbieten, dem Menschen in irgendeiner Form Schaden zuzufügen.

5. Ebenso fordern die Teilnehmer der Konferenz die internationalen und regionalen Institutionen und Einrichtungen auf, ihre Anstrengungen auf die Aufklärung und Unterrichtung der Bevölkerung zu konzentrieren. Dies betrifft insbesondere die hygienischen und medizinischen Grundregeln, die gegenüber der Frau eingehalten werden müssen, sodass diese Unsitte nicht weiter praktiziert wird.

6. Die Konferenz erinnert die Bildungseinrichtungen und die Medien daran, dass sie die unbedingte Pflicht haben, über die Schäden dieser Unsitte aufzuklären und deren verheerende Konsequenzen für die Gesellschaft aufzuzeigen, um zur Eliminierung dieser Unsitte beizutragen.

7. Die Konferenz fordert die Legislativorgane auf, ein Gesetz zu verabschieden, welches den Praktizierenden diese schädigende Unsitte der weiblichen Genitalbeschneidung untersagt und sie als Verbrechen deklariert, unabhängig davon, ob es sich bei den Praktizierenden um Täter oder Initiator handelt.

8. Des Weiteren fordert die Konferenz die internationalen Institutionen und Organisationen auf, in allen Regionen Hilfe zu leisten, in denen diese Unsitte praktiziert wird, um somit zu ihrer Beseitigung beizutragen.

Unterschrift:

Prof. Dr. Ali Gom’a

Großmufti Ägyptens

24.11.2006[7]

So das Rechtsgutachten der höchsten orthodoxen sunnitischen Autorität, der Azhar in Kairo. Der außerhalb der Muslimbruderschaft ranghöchste Vertreter des vor Jahrzehnten als Reaktion auf Industrialisierung und „drohende“ Demokratisierung entstandenen Islamismus lässt, durch Nehberg über die islamische FGM informiert und überrascht tuend, knapp zweieinhalb Jahre später verlauten:

Internationale Vereinigung muslimischer Rechtsgelehrter

Doha, den 02. März 2009 (5. Rabi al-awwal 1430)

Einige Geschwister, die sich mit dem Thema weibliche genitale Bescheindung in der islamischen Welt beschäftigen, haben mich ersucht, eine zusammengefasste genaue Fatwa (Gutachten) zu erstellen, um unseren religiösen Standpunkt zu verdeutlichen.
Nachfolgend steht die Fatwa und möge der Erfolg uns zur Seite stehen.

Gott sei gelobt, Friede und Segen sei mit seinem Propheten

Alle religiösen Gutachten im Islam unterliegen den so genannten 4 Rechtsquellen (Koran, Sunna, Konsens und Analogie). Über die Anwendung dieser Rechtsquellen hat sich die islamische Weltgemeinschaft geeinigt.

Bei der Betrachtung dieser Quellen bezüglich weiblicher genitaler Bescheindung findet man keinen einzigen Beweis, der die weibliche genitale Beschneidung erfordert oder empfiehlt. Die Rechtsgelehrten sind zu diesem Schluss gekommen: Diese Handlung ist ein erlaubter Brauch, der in Traditionen verwurzelt ist. Daher stellten wir fest, dass einige Länder die weibliche genitale Bescheindung praktizieren. Die meisten islamischen Länder beschneiden ihre Mädchen nicht, trotzdem protestieren die Rechtsgelehrten dagegen nicht.

In vielen islamischen Ländern wird die Beschneidung von ungebildeten Frauen ausgeübt, die nicht über die nötigen medizinischen Voraussetzungen verfügen. Sie achten überhaupt nicht auf die erforderlichen Anweisungen, und dies hat erhebliche Schäden verursacht.

Es besteht kein Zweifel, dass die Rechtsquellen (Koran, Sunna, Konsens und Analogie) die weibliche genitale Beschneidung nicht erfordern oder empfehlen. Außerdem haben wir in ihnen keinen Beweis gefunden, der die Beschneidung verbietet oder für verabscheuenswert erklärt. Die Gelehrten sagen, dass die Beschneidung entweder Pflicht, empfehlenswert oder eine gute Tat für Mädchen ist. Dies ist ein Indiz dafür, dass sie sich allgemein auf die Zulässigkeit geeinigt haben.

In der Rechtswissenschaft ist aber bekannt, dass erlaubte Handlungen ganz oder teilweise verboten werden können, wenn aufgrund dessen Schäden entstehen.

Gott hat den Menschen Vieles zugelassen, um ihr Leben zu erleichtern und ihre Umstände zu lockern, wie Gott sagte: „Allah will euch Erleichterung gewähren. Der Mensch ist (ja) von Natur schwach“ (Sure 4, Vers 28)

[…]

wir haben hier einen Grund, von den Stellungnahmen der Gelehrten abzuweichen, weil es in ihrer Zeit keine genauen Informationen und Statistiken gab, die uns heute zur Verfügung stehen. Aus diesem Grund sagten sie, dass die Fatwa sich gemäß Zeit, Ort und Situation verändern kann. Wenn die Gelehrte früher diese Tatsachen hätten feststellen können wie wir es heute tun, hätten sie ihre Meinungen geändert. Denn sie wollten immer das Recht zeigen.

Da die sachliche Untersuchung durch neutrale Experten und Spezialisten, die nicht ihren eigenen Interessen, noch Begehrlichkeiten anderer folgen, bewiesen hat, dass die weibliche Genitalbeschneidung in ihren vorhandenen Formen dem weiblichen Geschlecht körperliche und psychische Schäden zufügt und das eheliche Leben der Frauen stark beeinträchtigt, muss dieser Brauch gestoppt werden, um diesen Schaden zu vermeiden. Die Begründung, warum wir in diesem Punkt den alten Gelehrten widersprechen, liegt darin, dass zu ihrer Zeit nicht unser jetziger Informationsstand und detailliertes Wissen vorlagen. Es gilt: Die Fatwa ändert sich mit der Änderung von Ort, Zeit und Umständen. Und hätten die Gelehrten vor uns das erfahren, was wir jetzt wissen, hätten sie ihre Meinung geändert, da sie immer nach Wahrheit strebten.

Basierend auf der obigen Erklärung halten wir fest, dass die jetzt praktizierte weibliche Genitalbeschneidung ohne jegliche gerechtfertigte Begründung eine unerlaubte und islamisch verbotene Sache ist. Diese ist als „Änderung der Schöpfung Gottes“ zu betrachten, die ein von Gott verbotenes Werk des Teufels darstellt. Es gibt keine Erlaubnis Gottes diesbezüglich.

Wer sich in dieses Thema vertiefen möchte, kann unsere detaillierten Gutachten im Buch (Zeitgemäße Fatwas, Band 4) nachlesen.

Der bescheidene Diener Allahs,

Yusuf Al-Qaradawi[8]

[Die Rechtschreibfehler Bescheindung statt Beschneidung stammen authentisch von der Netzseite target.]

Islamisches Recht baut einen unsichtbaren Kerker des sexualitätszentrierten ordnungspolitischen Wohlverhaltens. Der islamische Rechtsprofessor Prof. Dr. Raschad Hassan Chalil etwa unterstützt die Steinigung der Ehebrecherin. Freilich nur im äußersten Notfall, wie das auch der zeitweilige Berater des nordrhein-westfälischen Kultusministeriums für das Leben kleiner Muslime an Deutschlands Grundschulen Prof. Dr. Mahmoud Hamdy Zakzouk (Mamūd amdī Zaqzūq) für angemessen hält[9]. Der Steinigungsfreund und zeitweilige Düsseldorfer Pädagogikberater Professor Zakzouk ist heute Minister für Religiöse Angelegenheiten sowie Präsident des Obersten Islamischen Rates der Arabischen Republik Ägypten.

Es gibt keinen Zwang im Glauben und vor Allāh als dem Gott der intermettierenden Willkür und permanenten Intoleranz sind alle Menschen einheitlich gleich verschiedenwertig. Den Henker und den Gehenkten berücksichtigt die erlebnispädagogisch wertvolle Scharia jeweils differenziert anders, doch beide aufregend gleich. „Toleranz besteht in der freien Anerkennung der Freiheit und Würde jedes Menschen, solange er kein Unrecht begeht.[10]“ meint Zakzouk, in einer freiheitlichen Demokratie hat allerdings auch der Religionskritiker oder Straftäter Würde.

Die islamische Würde ist offen für aufschlagende Steine und geheiligte, das harmonische Recht wiederherstellende Schwerthiebe. Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland jedoch, sehr geehrter Herr Nehberg, erklärt die Würde des Menschen als unantastbar, nennt das Recht auf Leben und das Recht auf körperliche Unversehrtheit, fordert die Rechtsgleichheit von Frau und Mann. Das alles möchte der unsichtbare Kultgott Allāh dezidiert nicht, was manch einem Wildnis-Überlebenstrainer schlicht unwichtig zu sein scheint. „All different, all equal“, fordert eine kulturrelativistische europäische Kampagne.

In der Rangfolge unmittelbar nach Großscheich Muhammad Sayyid Tantawi (Muammad Sayyid anāwī), der noch 2002 Selbstmordanschläge gegen Israel guthieß[11], gilt Minister Prof. Dr. Zakzouk als zweitbedeutendste Autorität Ägyptens. Zakzouk spricht fließend Deutsch, promovierte in München in Philosophie, besitzt eine deutsche Ehefrau und fordert nach Angaben der Osnabrücker Friedensgespräche, so Professor Czada im Oktober 2007, keinesfalls die die Todesstrafe für den Journalisten und Islamapostaten Mohammed Ahmed Hegazy[12]. Nach Angaben der katholischen Seite kath.net[13] sowie der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) allerdings doch[14].

Mit dem Philosophen Zakzouk gemeinsam wünschen auch Scheich Youssef al-Badri (Sheykh el‑Badri) von der al‑Azhar und die uns bereits als islamische Ehebetten betreffende Nacktheitsfreundin bekannte Souad Saleh die islamrechtlich einwandfreie Tötung jedes Abtrünnigen. Saleh ist ehemalige Dekanin der Hochschule für Frauen innerhalb der Azhar. Als solche bekümmert sie sich um das Schlafzimmer der Scharia nebst den dazugehörigen nackten weiblichen Genitalen, seien sie versehrt oder unversehrt. Nicht jedoch um Apostatenmord. Das regelt der Koran.

Scheich Youssef al‑Badri kämpfte noch im Dezember 1997 als Verteidiger des Glaubens vor einem ägyptischen Gericht in Sachen FGM. Gegen den dekadent verwestlichenden Staat um den undankbaren Aufwiegler und ägyptischen Gesundheitsminister Ismael Sallam, der die FGM verbieten lassen wollte, war al‑Badri Haupt einer Gruppe von Islamtheologen und schariatreuen Rechtsanwälten. Gottesfurcht und Moral zeigend gab al‑Badri vor dem höchsten unabhängigen, dem Justizminister unterstehenden Gericht (Council of State) an, drei neue Hadithe entdeckt zu haben, die ganz im Sinne des Propheten die khifādh oder khafdh (Frauenbeschneidung) legitimieren[15]. In den folgenden zwölf Jahren gab es viele kleine und große Verbote der ägyptischen Klitoridektomie, von der 90 % der Frauen des Landes betroffen sind, jedes Verbot jeweils mehr oder weniger aufrichtig gemeint. Alle mit verlässlichem Ergebnis. Keinem.

Stadt und Universität Osnabrück lassen Friedensgespräche organisieren und einen Professor Czada den ägyptischen gebildeten Herrn Zakzouk als angeblichen Gegner des Apostatenmords verteidigen. Das ist zwar international solidarisch, kann aber schließlich nicht stimmen, der Apostatenmord ist etwas authentisch Islamisches. Hören wir, sehr geehrter Herr Zakzoukbeschöniger und Professor Czada, der Einfachheit halber auf Dr. Zakzouk selbst:

Die Überzeugung ist eine Grundvoraussetzung eines jeden Glaubens. Ein wahrhafter Glaube basiert auf unbestreitbarer Überzeugung und Gewißheit und ist nicht das Resultat von Nachahmung oder Zwang. Jeder Mensch ist frei, seinen Glauben zu wählen und hat das Recht zu eigenen Meinungen, sogar der Atheist. Niemand hat das Recht, gegen seine Glaubensauffassungen einzuschreiten, solange er seine Gedanken für sich behält und sie nicht unter den Leuten verbreitet, um sie durcheinander zu bringen in Bezug auf ihre moralischen Werte. Versucht er aber, diese verkehrten Gedanken, die im Widerspruch zu den Bekenntnissen und Moralauffassungen der anderen Mitmenschen stehen, zu verbreiten, so verstößt er damit gegen die allgemeine Ordnung des Staates, in dem er lebt, weil sich dadurch Zweifel unter seinen Mitbürgern ausbreiten, die zum Aufruhr führen können. Jeder, der sich so verhält, wird der Bestrafung unterworfen. Er kann sogar des Hochverrats angeklagt werden, der mit dem Tod bestraft wird, nicht weil er seinen Glauben abgelegt hat, sondern weil er durch seine Gedanken Verwirrung im Staat verbreitet und gegen seine Ordnung verstoßen hat.

Sie sehen, Herr Czada: Aufruhr zeitigt Tod, das muss nicht so sein (Flexibilität der Scharia), aber das kann so sein. Prof. Dr. Raschad Hassan Chalil lobpreist die in die Scharia eingebaute Vermeidung von Justizirrtümern, da ja schließlich vier ehrenhafte Muslime Zeuge des Ehebruchs gewesen sein müssen:

„Jeder Zeuge muss ein wirklicher Augenzeuge sein, er muss also die Tat des Ehebruchs mit angesehen haben. Er muss bezeugen, dass er den Penis des Mannes in der Scheide der Frau gesehen hat. Er muss bezeugen, dass er diesen Geschlechtsakt mit eigenen Augen gesehen hat. Und solange man noch ein Haar zwischen Penis und Scheide hindurchziehen kann, gilt der Geschlechtsakt als nicht vollzogen.[16]

Wie wir sehen, findet das Sexuelle in der Politreligion Islam eine ganz besondere Berücksichtigung. Die manchmal gelangweilte kulturelle Moderne tickt anders und empfindet womöglich gegenüber den „temperamentvollen Naturburschen“ einen gespürten eigenen Mangel an Herrschafts- und Unterwerfungskultur sowie an Sexualmagie und Sex‑Appeal. In unseren städtischen Straßenzügen stoßen Vormoderne und Moderne aufeinander und haben im Milieu der Zuwanderer so genannte Ehrenmorde stattgefunden. „Viele Welten leben!“ fordert die Kulturrelativistin und Migrationsforscherin Boos-Nünning.

Zum Apostatenmord sowie zur Steinigung der Ehebrecherin gibt es so manch eine fatwā. Mittlerweile gibt es fatāwa (Mehrzahl von fatwā) auch zur islamischen Nichtanwendung der, jaja, vorislamischen weiblichen Genitalverstümmelung, female genital mutilation (FGM). Islamisch heißt die Amputation von weiblichem Genitalgewebe khifādh oder auch khafdh und genießt zwischen Java, Kurdistan, Somalia und Ägypten regionsweise sakramentgleiche Wertschätzung als Initiationsritual und Maßnahme der Beförderung der Tugend und der Verringerung des Lasters.

Seit weit über tausend Jahren ist FGM etwas sehr Islamisches. Deutsche Islamverbände leugnen das selbstverständlich (taqiyya; al‑Ghazālī sinngemäß: „Der Muslim möge die argumentative Angreifbarkeit, gleichsam die Blöße der Muslime bedecken“) und unsere Politiker und Funktionäre aus Pädagogik oder Klerus werden ja stets mucksmäuschenstill, sobald das Wort Muslime oder Islam fällt.

Islamisch hat die Leugnung der islamischen FGM als etwas Islamisches seit dreizehn Jahrhunderten Tradition. 1996 stritt Muhammad Lutfi al‑Sabbagh (The Right Path to Health. Health education through religion) von der World Health Organization (WHO) einen Zusammenhang zwischen Islam und weiblicher Genitalverstümmelung wider besseren Wissens ab, was von nichtmuslimischen Islamverstehern bis heute nachgebetet wird[17]. Im Folgejahr wiederholte al‑Sabbagh seine vielleicht irgendwie gut gemeinten Ideen (Islamic Ruling On Male And Female Circumcision[18]). Zur Erinnerung, zeitgleich und auch im Folgejahr kämpfte Scheich al‑Badri mit Hadithen vor Ägyptens Gerichten für das islamische Recht auf FGM (Religionsfreiheit). Ob al-Sabbagh (WHO) und Scheich al‑Badri einander gut kennen? Wahrscheinlich ja, scharī‘ia ist flexibel, taqiyya auch. Man mag dem Ansinnen des erwähnten Gesundheitsministers Sallam Erfolg wünschen, es wird ein schier unendlich langer Weg sein und sein Ziel der genitalen Integrität mit unbewiesenem Behaupten von Erfolgen eher zu erschweren denn zu erreichen. Zum Glück hat der mächtige FGM-Freund Scheich al‑Badri im Islam erste Gegner wie Sallam und erste Gegnerinnen wie die nordamerikanische Muslim`s Womens League[19].

Die Schafiiten des indonesischen Islam praktizieren FGM. Im westlichen Java um die Metropole Bandung wird die grausame Körperverletzung mit ihren schweren psychischen Folgen durch einen noblen islamischen Spender finanziert, den verstümmelnden und traumatisierenden „Wohltäter“ der Assalaam-Foundation[20]. Die zu geheiligter Sexualmagie und blutigem Okkultismus dressierten muslimischen Frauen haben Angst, nicht ins Paradies zu kommen, tragen an diesem Tag ihr Kopftuch besonders streng, treffen sich zum gemeinsamen Gebet unter Frauen in einer für diesen Tag geräumten indonesischen Grundschule und lassen ihre kleinen Töchter aus Liebe zu Allahs Sittengesetz und Pflichtenlehre (Scharia) gerne ein wenig am Genital beschneiden.

Ein paar Häuser nebenan findet die gleichfalls vormoderne und islamisch geheiligte Massenbeschneidung an den Jungen statt (kein Zwang in der Religion: Freiwillige verpflichtende gottgefällige Amputation der Penisvorhaut), die aber hat sich im Europa nach Freud und Bettelheim wohl noch kein alter Achtundsechziger oder neuer globalisierungskritischer Pädagoge öffentlich zu kritisieren getraut. Auch das männerbündische Genital ist halt beides, Kultobjekt und Redeverbot. Man sieht sie nicht, beide, der strafende Allāh und der geblutet habende Phallus sind unsichtbar wirksam (harām). Über das künstlich neugebildete, erst mit der Mutilation männlichste aller Körperteile verlegen witzeln und mit dieser Waffe vergewaltigen ist erlaubt (halāl). Dank Koran und Sunna sind Homophobie und Misogynie dem sozialisierten Muslim weltweit grundsätzlich erst einmal Selbstverständnis.

Die Braut mag zwar keinesfalls acht Jahre alt sein (Jemen: Nojoud[21], das ist Nojood[22]), aber sehr wohl elf (griechisch-muslimisch, Düsseldorf[23]), (kosovarisch-muslimisch, Brescia[24]), zehn oder neun Jahre alt, ohne oder mit Geschlechtsverkehr[25]. Auch die Vergewaltigung innerhalb der nach der Logik des Tochtertausches geschlossenen islamischen Ehe ist dem Ehemann politreligiös durch die Scharia erlaubt (sahih Buchārī, Band 4, Buch 54, hadīth 460[26]), der in jüngster Zeit verwirrend radikalislamische Liebling Nordamerikas und Europas, Afghanistans Präsident Hamid Karzai hat den Islam bei der Abfassung des Scharia-Familienrechts für die Kaste (Islam ist stets Rechtsspaltung: Frauenentrechtung sowie dhimma) der Schiiten keineswegs falsch verstanden[27], [28].

sahih Buchārī. Band 4, Buch 54, hadīth Nummer 460

erzählte Abu Huraira:

Allahs Gesandter sprach: ”Wenn ein Ehemann seine Frau in sein Bett ruft (das heißt, er mit ihr geschlechtlich verkehren möchte) und sie verweigert dieses und sie nötigt ihn dadurch zu einem wütenden Einschlafen, werden die Engel sie bis zum Morgen verfluchen.”

Aus dem Inneren des islamischen Patriarchalismus berichten zwei lesenswerte autobiographische Romane. Einmal ist das Autorin „Aişe“: Mich hat keiner gefragt. Zur Ehe gezwungen – eine Türkin in Deutschland erzählt[29]. Und dann aus dem Französischen übersetzt die in Nordafrika und Paris ablaufende Lebensgeschichte von „Djura“: „Der Schleier des Schweigens. Von der eigenen Familie zum Tode verurteilt[30]“.

Auch im Kampf gegen die auch von islamischen Autoritäten verteidigte FGM dürfen wir säkulare Demokraten gar nicht erst beginnen, unser Tun mit alten heiligen Schriften zu erklären. Wir Säkularen müssen einheitliche Grund- und Bürgerrechte für jede und jeden zugänglich machen und durchsetzen, müssen die Theokratie kennen und öffentlich machen, doch wäre jede explizite Erwähnung von Koran oder Hadithen in unseren Gerichtssälen ähnlich desaströs wie das berüchtigte Frankfurter Urteil zum Thema islamisches Frauenprügeln[31]. Die Lobbyisten der Scharia sind nicht untätig gewesen und haben im März 2009 die von Pakistan vorangetriebene UN‑Resolution „Combating Defamation of Religion“ verabschiedet[32], [33].

Wie beschrieben ist die FGM in ihrer “milden Form” der Rechtsschule der Schafiiten verpflichtend und findet öffentlich statt (Assalaam Foundation, Bandung; vgl. Bericht von Fotojournalistin Stephanie Sinclair[34]). Die von Rüdiger Nehberg aufgesuchten geistlichen Autoritäten wissen das natürlich. Sie wollen die FGM durch die „Beleidigungen“ (UN: Defamation of Religion, gemeint ist Islamkritik) des frechen Aufklärungshumanismus hindurch in eine an dhimma und Kalifat orientierte Gesellschaft mit der Fassade kultureller Moderne mogeln. Dazu schreiben sie uns ein vermutlich leider völlig folgenloses, bezeichnend schwammig formuliertes Rechtsgutachten, das aber die eigene Deutungsmacht zu Islam und islamisch sichern und ausbauen hilft.

FGM ist islamisch. Als Begründung zieht der Islam einen hadīth aus der Sunna des Abu Dawud heran, im Buch 41 ist es hadīth Nummer 5251[35]

“Das am häufigsten zitierte hadīth im Zusammenhang mit der Beschneidung von Frauen gibt eine Diskussion zwischen Mohammed und Umm Habibah (oder Umm ‘Atiyyah) wieder (das hadīth der Beschneiderin).[42] Diese Frau war als Beschneiderin von Sklavinnen bekannt … und gehörte zu den Frauen, die mit Mohammed immigriert waren. Nachdem er sie entdeckt hatte, fragte er sie, ob sie immer noch ihren Beruf ausübe. Sie bejahte und fügte hinzu: „unter der Bedingung, dass es nicht verboten ist und du mir nicht befiehlst, damit aufzuhören“. Mohammed erwiderte ihr: „Aber ja, es ist erlaubt. Komm näher, damit ich dich unterweisen kann: Wenn du schneidest, übertreibe nicht (la tanhaki), denn es macht das Gesicht strahlender (ashraq) und es ist angenehmer (ahza) für den Ehemann“. Nach anderen Überlieferungen sagte Mohammed: „Schneide leicht und übertreibe nicht (ashimmi wa-la tanhaki), denn das ist angenehmer (ahza) für die Frau und besser (ahab, nach Quellen abha) für den Mann“. (Andere Übersetzung: „Nimm ein wenig weg, aber zerstöre es nicht. Das ist besser für die Frau und wird vom Mann bevorzugt.“ „Die Beschneidung ist eine Sunnah für die Männer und Makrumah für die Frauen.“ (Wikipedia)

Neben den vor allem in Indonesien, Malaysia und Kurdistan ansässigen Schafiiten ist die islamische FGM eben auch den anderen drei sunnitischen Rechtsschulen nichts Unbekanntes. Die Zahl der hohen und höchsten Gelehrten an der Kairoer Azhar, welche Frauengenitalverstümmelung als ehrenhaft lobpreisen, nahm und nimmt kein Ende. Die nahezu jedjährlichen „islamischen Verbote gegen die FGM“ blieben über eineinhalb Jahrzehnte konstant. 2009 betrieb kein Geringerer als der judenhassende und den textilen Kerker des hidschāb Fordernde, hochangesehene islamische Geistliche Yūsuf al‑Qaradāwī (Präsident des in Dublin ansässigen Europäischen Fatwa-Rates ECFR[36]) derartige taqiyya (islamische Lüge). Unser Survival-Guru Nehberg war auf ein antidemokratisches, schariakompatibles Rechtsgutachten so erpicht. Und wer denn so gerne eine fatwā haben will bekommt eine, allāhuakbar. Nehberg reiste nicht alleine, sondern griff, der Atheist und Abenteurer, als Wegbegleiter den österreichischen Schariafreund und Imam Tarafa Baghajati am Händchen[37].

Ausgerechnet in der vor Generationen auf Hebung des allgemeinen Bildungsniveaus hin gegründeten Volkshochschule des Wiener Gemeindebezirks Ottakring wirbt eine Carla Amina Baghajati für die angeblich beglückende und befreiende Frauenrolle der Scharia, gegen die Säkularisierung mit ihrer Trennung von Staat und Religion und für den Aufbau einer, wie sie sehr zu bedauern scheint, noch nirgends existenten islamischen Gesellschaft[38]. Carla Amina Baghajati arbeitet für die lose Verbindungen zur theofaschistischen Muslimbruderschaft unterhaltende Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ) im Bereich Medienreferat und Öffentlichkeitsarbeit[39]. Ärgerlich, dass Fundamentalisten oder Islamisten ihre Propagandaveranstaltungen an öffentlich geförderten Volkshochschulen veranstalten dürfen. Steuerfinanziert für menschenrechtswidrige Politreligionen werben zu lassen ist alles andere als Volksbildung, vielmehr „democracy against itself“ (Revel).

Islamtheologe Dr. Muhammad Wahdan (al-Azhar) will die Klitoriskappung bei Ägyptens Mädchen durchsetzen, Frauenrechtlerin Dr. Malika Zarrar ist anständigerweise und sehr mutig dagegen. Wie feige sind unsere europäischen und bundesdeutschen Politiker (und Kleriker), die sich nicht trauen, die tägliche khafdh- oder khifādh-Klitoridektomie des beliebten Reisezieles Ägypten anzusprechen[40].

Wer noch einen islamischen Geistlichen, hier mit einer himmelblau und wie zufällig vor seinem Genital positionierten, glitzernd erstrahlenden Glaskugel sehen und hören möchte? Bitte, auch dieser in Kult-reinem Weiß gewandete Islamlehrer ‘Omar al-Khatib aus Dubai verteidigt, inschallah, die Frauenbeschneidung[41].

Hier meint al-Khatib sinngemäß: “Wer auch immer seine Tochter am Genital beschneidet, im Einklang mit islamischen Gesetzen und Prinzipien, findet im Islam Rückhalt, wer es nicht tun mag, braucht es nicht zu tun.” Er hat dabei Recht, die Schafiiten etwa verlangen FGM in der Weise der Allah wohlgefälligen Klitorisvorhautbeschneidung. Viele Gelehrte an der Azhar wünschen die gänzliche oder teilweise Klitorisamputation. Das ist Islam, die Scharia ist halt ‘flexibel’ (Flexibilität der Scharia).

Muhammad al‑Mussayar zitiert zur Rechtfertigung der von ihm religiös gewünschten weiblichen Genitalverstümmelung ein arabisch-ägyptisches Schimpfwort: “Du Sohn einer Klit-Frau! You son of a clit-woman!” – das soll sehr beleidigen und zwar als “Du Sohn einer unbeschnittenen Frau!” Dr. al‑Mussayar (al-Azhar) nennt FGM richtigerweise vorislamisch, gibt zu, dass sie täglich statt findet und empfiehlt sie [Video, Untertitel][42], [Text][43].

Mit dem hidschāb-Fordern des Israelhassers al‑Qaradāwī hat Abenteurer Nehberg keine Probleme. Und sonst? Die FGM ist immer noch nicht “islamisch beseitigt”, Islamist al‑Qaradāwī hingegen durch Dutzende von Zeitungsartikeln aufgewertet. Es ist wenig erklärlich, dass sich ein Atheist wie Nehberg an den Ort des gottesstaatlichen Herrschaftskultes begibt, um sich ästhetische Kalligraphien (fatāwa, Fatwas) ausstellen zu lassen. Zumal, ist zu befürchten, Nehberg ohne jede Wirkung auf die FGM-Praxis bleiben wird, indessen dazu beiträgt, den Mitgliedern in der deutschen Bundesregierung und im EU‑Parlament die Scharia als demokratiekompatibel zu erklären.

Fatwa-Papiere sind oft schrecklich fundamentalistischen Inhalts, der den Konsumenten abhängig machen mag wie Rauschgift. Man müsste ihre Produktion untersagen (was nicht funktionieren wird) oder jedenfalls müsste im Sinne des Verbraucherschutzes gegen den Konsum von fatāwa Stellung beziehen.

Atheist Nehberg hat das gegenaufklärerische Fatwa‑Wesen aufgewertet. Wie Tarzan durch das Lianengestrüpp hampelte der wildniserfahrene Überlebenstrainer und islamrechtliche harbī einmal quer durch die Palasthallen der architektonisch wie wissenschaftlich mittelalterlichen Azhar. Um dann in Doha (Katar) zur Audienz beim neben Mohammed Mahdi Akef von der Muslimbruderschaft weltweit ranghöchsten Islamisten zu erscheinen. Nehberg hätte internationale, säkulare Ärzte unterstützen sollen, keine Theokraten und Parteigänger der politischen Scharia.

Wie anfangs angekündigt gibt es noch eine vierte fatwā mit Nehberg als Mustafti. Herausgeber ist der Oberste Rat für Islamische Angelegenheiten der Afar im Bundesstaat Afar in Äthiopien, ein an der frauenverachtenden und Apostasie verbietenden Scharia ausgerichtetes Gremium, welches das grundsätzlich erstrebenswerte Verbot der FGM mit einem schlagenden islamischen Argument untermauert: Der Blutrache.

Mit der islamrechtlich korrekten (Vergeltungsprinzip) Drohung auf Verletzung der körperlichen Unversehrtheit hat der optimistische Dschungelkenner und Bundesverdienstkreuzinhaber gar keine staatsbürgerlichen Schwierigkeiten:

„Die ‚Pharaonische Verstuemmelung’ … verstoesst gegen hoechste Werte des Islam und ist eine Suende. [Wir] haben entschieden, Eltern, die ihre Kinder dennoch verstuemmeln lassen, zu verklagen, und das durch das Verstuemmeln begangene Verbrechen mit Blutrache zu vergelten.[44]

Hurtigen Schrittes trägt Nehberg das Afar-Rechtsgutachten nach Kairo zum Azhar-Großscheich und ägyptischen Großmufti Dr. Tantāwī. Jener Tantāwī, der in seiner 1968/69 erschienenen Dissertation die Auffassung verbreitete, dass die Juden nichtjüdisches Blut verzehren[45].

Was sollen wir davon halten, wenn einer der höchsten islamischen Geistlichen, Yūsuf al‑Qaradāwī, noch im Jahre 2004 die Frauenbeschneidung für erlaubt hielt, allenfalls präzisierte, dass nur ein kleiner Teil weggeschnitten werden soll? War der Herr damals einfach nicht richtig informiert? Zudem kommt die Neue Zürcher Zeitung (NZZ[46]) am 24. November 2006 zu dem Ergebnis, dass Yūsuf al‑Qaradāwī allenfalls die pharaonische Form (WHO Typ III) islamrechtlich als verboten erklärt habe, die Kürzung einer vergrößerten Klitoris hingegen ausdrücklich billige. Selbstverständlich ist Qaradawis fatwā anders auch nie zu deuten gewesen, die europäischen Medien indes, motiviert durch einen wildniserfahrenen Überlebenstrainer, überschlugen sich schier mit der wirklichkeitsblind islamverliebten frohen Botschaft, der Islam habe die FGM ausgerottet. Wesentlich nüchterner, das aber will schon niemand der Feiernden mehr hören, konstatiert die NZZ:

Deshalb, so Karadawi solle die Beschneidung nicht gänzlich untersagt, sondern nur ihr maximales Maß festgelegt werden. Richtungsweisend solle die Überlieferung sein: „Schneide nicht zu tief. Das ist schöner und stellt den Ehemann zufrieden“.

So sagt es diese eine Schweizer Zeitung. Islam überrascht immer wieder, Allāh ist groß, mit derselben Nehberg-Fatwa hat die hohe geistliche Autorität die Genitalverstümmelung einmal ein wenig verboten, die pharaonische (WHO Typ III), allerdings auch nicht so genau, indes die schafiitische so genannte milde Sunna heimlich abgesegnet, die Dhimmis müssen das ja nicht mitbekommen. Und eine abnorm ausgeprägte Klitoris mag zu Ehre Allahs und des Propheten gekürzt werden, sagt uns zwar nicht der erfolgsgeblendete Nehberg, sondern der kühle al‑Qaradāwī. Auch frivole Unsittlichkeit oder schändliche sexuelle Gier sind durch Amputation eines Teils des erektilen Kitzler‑Gewebes islamrechtlich einwandfrei und zum Wohle der Ägypterin und ihrer Familie ausgleichend anzupassen:

Manche Frauen seien einfach „anders“, hätten eine übergroße Klitoris oder allzu starke sexuelle Bedürfnisse. Sollte ein Verbot geschaffen werden, müsse für sie eine Ausnahmeregelung geschaffen werden.

Richtig, das und nichts anderes ist höchste islamische Gelehrsamkeit. Die Neue Zürcher Zeitung erwähnt einen vielleicht mutigen und anerkennenswerten, vielleicht auch gar nicht ernsthaft gemeinten Zwischenruf der ehemaligen Botschafterin Ägyptens in der Tschechoslowakei und in Südafrika, Moushira Khattab[47] vom National Council for Childhood and Motherhood (NCCM). Khattab habe sich vehement für ein Beenden jeder Form von weiblicher Genitalverstümmelung geäußert. Sollte dieser Einwurf in dem großen Denker des sunnitischen Islam innerhalb von Minuten das glückhafte Erkennen haben reifen lassen, FGM sei künftig unislamisch? Natürlich nicht. Ägyptens Mädchen werden täglich weiter an der Klitoris verstümmelt. Es bleibt alles beim bewährten Alten. Lediglich Deutschlands Orientromantisierer erstellten einander den Freibrief (fatwā) dafür, das Denken einzustellen und landauf landab das märchenhafte Verbot der FGM im gesamten Islam zu feiern[48].

Nehbergs durch Qaradāwī ausgestellte fatwā ist, wie Mary Kreutzer am 06.02.2007 in der Online-Ausgabe von Die Presse kenntnisreich und zivilcouragiert schildert, schlicht unreal geblieben und könnte den radikalen Islam auf Kosten der Säkularität, Wissenschaftlichkeit, der Transparenz und der Frauen selbst fördern: „Reaktionäre Islamisten als Verbündete? Die Fatwa gegen Genitalverstümmelung ist ein ambivalentes Signal[49]“. Nur zwei Tage darauf entgegnet ihr mit: „FGM – Ein islamisches Problem?“ der Schariafreund und selbsternannte Antirassist Tarafa Baghajati (Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen; European Network Against Racism). Der islamische Fundamentalist Baghajati gibt sich als aufrichtiger Kämpfer gegen FGM. Eine etwa vorhandene Einsichtsfähigkeit bezüglich islamischer Missstände gibt er nicht zu erkennen. Die Probleme der Welt gedenkt Baghajati islamisch zu lösen[50]. Al‑islam huwa al‑hall – der Islam ist die Lösung. Der Islam muss sich nicht verändern – lasst uns die Welt ändern.

Das Fatwa‑Wesen basiert auf der sexualmagischen und menschenrechtsfeindlichen Scharia. Eine fatwā zu erbetteln und herumzureichen heißt, die hisba (ordnungspolitische Schariatisierung), die weltweite Islamisierung[51] zu befördern. Das aber bedeutet, die Demokratisierung Afrikas, Südasiens und des Nahen Ostens zu verhindern[52].

Der an der Scharia mit ihrer systematischen Frauenentwürdigung ausgerichtete fiqh hat noch nicht einmal muslimischen Männern jemals eine verlässliche Rechtssicherheit bieten können. In Brüssel und Genf aber erlangt Allāhgott Zauberkraft und seine Engel, Dämonen und irdische Statthalter beginnen, in die Politik einzuziehen. Entgrenzt tolerante Weltbürger treten mit dem Scharia‑Islam in den Dialog und ein dankbarer Globetrotter erhält seine fatwā.

Frauen jedoch bleiben im Islam der Besitz des Mannes. Als gekaufte Braut, Söhnchenfabrik, staatlich-politisches Genital (bedarfsweise islamkonform genitalverstümmelt) und als familiärer Schambereich (‚aura, awrah). In der Tat, Koran und Hadithen würdigen die Frau.

Als Mensch zweiter Klasse.

Jacques Auvergne


Islam und FGM

Juni 9, 2008

جامعة الأزهر

dschami‘at al-azhar,

Die Al-Azhar-“Universität”

Die Al-Azhar und

das weibliche Genital

Ägypten praktiziert für nahezu alle seine Bevölkerungsgruppen und ‑schichten traditionell die Frauenbeschneidung, grundsätzlich in Form der Klitoridektomie. Laut einer Studie von UNICEF sind 96 % der verheirateten Frauen Ägyptens zwischen 15 und 49 Jahren „beschnitten“, wir sollten allerdings wohl besser sagen: Sind genitalverstümmelt.

Den Bürgern Europas gegenüber streiten muslimische Geistliche und streiten vor allem nichtmuslimische xenophile Islamfreunde gerne ab, dass FGM (female genital mutilation, Frauenbeschneidung) irgend etwas mit dem Islam zu tun habe. Lesen Sie die folgenden Auszüge aus einer Fernsehdebatte zum Thema der weiblichen Beschneidung in Ägypten.

Ausgestrahlt wurde das Interview über den kuwaitischen Fernsehsender Al-Rai TV am 28. März 2006. Quelle MEMRI-TV, deutsch von Jacques Auvergne, 9. Juni 2008.

Es unterhalten sich Dr. Muhammad Wahdan, Dozent an der Kairoer Al-Azhar-„Universität“ und die Dozentin für Islamisches Religiöses Recht Dr. Malika Zarrar. Zarrar ist grundsätzliche Gegnerin jeder Form von Frauenbeschneidung. Der Islam-Experte von der so genannten Universität Al-Azhar, die immerhin als die höchste Autorität des sunnitischen Islam gilt, hat eine „differenziertere“ Meinung: Wahdan will die FGM, Wahdan will die Teilamputation der Klitoris für alle Mädchen, die sie benötigen, nicht aber für die, die sie nicht benötigen. Wahdan beruft sich auf die alten arabischen Vorfahren und, was noch etwas mehr gilt, auf die rechtgeleiteten Kalifen. So argumentiert „islamische Medizin“ gegenüber den nichtmuslimischen Verstehern der Multikultur. So verkündet die Al-Azhar den islamisierten Frauen dieser Welt ihre Chance auf genitale Unversehrtheit.

Die sogenannte „Universität“ Al-Azhar ist nichtmuslimischen Studierenden nicht zugänglich. Darüber hinaus hält man Koedukation für unmenschlich, Studentinnen und Studenten studieren jedenfalls absolut geschlechtergetrennt. Unter Sunniten genießt die Al-Azhar und genießen deren Absolventen weltweit hohes Ansehen.

Dr. Muhammad Wahdan: Ibn Al-Qayyem berichtet uns, dass, als Hagar Abraham heiratete und schwanger wurde, Sara sehr eifersüchtig auf sie war. Von Eifersucht getrieben, schwor sie bei Allah, dass sie drei Teile von Hagars Leib abschneiden würde. Abraham, dem das zu Ohren kam, war nun besorgt, Sara könnte Hagars Nase oder Ohren abschneiden, weshalb er ihr die Anweisung gab, Saras Ohren zu durchstechen und Sarahs Geschlechtsteil zu beschneiden. So kam es zu der ersten Beschneidung in der Geschichte der Menschheit.

Dr. Malika Zarrar: Ich habe jetzt weder die Intellektuellen noch die Eliten im Blick. Ich spreche von der Alltagswirklichkeit, von den einfachen Leuten die in Elendsvierteln leben, von der Realität, in der ich aufgewachsen bin und gelebt habe. Ich rede auch von dem, was in Südägypten geschieht, bei den Nuba, bei den Landbewohnern und so weiter. Ich spreche über den Alltag wie ich ihn immer wieder erfahre: In der Begegnung mit jeder Frau, die dieser schmerzhaften und öffentlichen Verletzung ihrer Ehre unterworfen wurde.

Ich möchte dieses als Verbrechen bewertet wissen, sowohl nach religiösen als auch nach weltlichen Maßstäben. Ich verurteile jeden, der diese Praxis zu verteidigen versucht.

Dr. Muhammad Wahdan: Dr. Zarrar lehnt ganz grundsätzlich jede Form von khifadh, Frauenbeschneidung ab, ich jedoch betone, dass khifadh bereits in alten Zeiten unter den Arabern existierte und dass sogar die rechtgeleiteten Kalifen von ihr sprachen. Dafür gibt es viele Beweise.

Was also verursacht die Zwietracht? Sie ist nichts als das Resultat einiger falscher Handlungen …

Moderatorin: Was für falsche Handlungen?

Dr. Muhammad Wahdan: Zum Beispiel, wenn ich meine Tochter zu einer lokalen Beschneiderin bringen würde die keine professionelle Beschneiderin ist und diese dann dem Mädchen ihre Sache wegschneidet. Das sage ich gerade all jenen, die jetzt darauf warten, dass ich mich gegen die pharaonische Beschneidung ausspreche. Ich bin ganz und gar dagegen. Sie ist verboten.

Ich bin gegen die vollständige Entfernung der Klitoris. Ich bin völlig dagegen weil sie verboten ist und Allah nicht wohlgefällt.

Kalif Omar bin Al-Khattab sprach zu einem Beschneider: „Immer wenn du die Beschneidung der khifadh durchführst – so lasse ein Teil zurück.“ Das beweist ihr Vorkommen unter den Arabern der Zeit von Omar.

Khifadh-Beschneidung ist nicht für alle Mädchen das richtige sondern nur für einige.

Moderatorin: Welche Mädchen?

Dr. Muhammad Wahdan: Ich werde Ihnen sagen welche Mädchen das sind. Einst rief mich ein Mädchen an – eine Frau benachrichtigte mich – es ist nichts Beschämenswertes, Fragen zur Religion zu stellen … ein Mädchen also rief mich an und erzählte: Immer wenn ich mit der Straßenbahn fahre und dabei enge Jeans trage … die ägyptische Straßenbahn wackelt ja ganz schön herum … sie also sagte: „Es erregte mich wirklich sehr! Was soll ich tun?“

Dr. Malika Zarrar: Gott stehe ihr bei …

Dr. Muhammad Wahdan: Ich fragte den Doktor und werde Ihnen sagen was geschah … ich fragte den Doktor und der sagte mir, das die Klitoris dieses Mädchens sehr hoch sei und dass ein kleiner Teil von ihr abgeschnitten werden müsse.

Wir müssen alle Mädchen zu einem muslimischen Arzt bringen der auf diese Angelegenheit spezialisiert ist, und dieser wird beschließen, ob sie eine Khifadh-Beschneidung braucht oder nicht. Wenn nämlich ein Mädchen die Khifadh benötigt, sollten wir sie durchführen, und wenn ein Mädchen sie nicht benötigt, sollten wir es unterlassen.

Steht es mir denn zu, einen Ritus des Islam zu verneinen und die Gesetze von Allah?

Dr. Malika Zarrar: Der Prophet Muhammad hatte vier Töchter. Haben Sie jemals davon gehört, dass er eine von ihnen hätte beschneiden lassen?

Dr. Muhammad Wahdan: Das Islamische Forschungszentrum an der Al-Azhar University hielt am 14. November 1994 eine Tagung zu diesem Thema ab – die getroffene Entscheidung habe ich bei mir, wenn Sie eine Kopie davon haben möchten … diese lautet: Betreffend die weibliche Beschneidung – Nachdem CNN einen Bericht über ein ägyptisches Mädchen ausgestrahlt hat die brutal beschnitten wurde … Dies ist der Bericht, der die Weltöffentlichkeit für diesen Sachverhalt sensibilisierte, denn der Westen möchte uns seine Kultur und Philosophie auferlegen …

Dr. Malika Zarrar: Beschneidung ist immer brutal.

Dr. Muhammad Wahdan: Das Forschungszentrum, die höchste religiöse Autorität in der islamischen Welt, befand, dass „weibliche Beschneidung, khifadh-Beschneidung, im Islam rechtmäßig ist und keinesfalls als verboten oder als ein Vergehen angesehen werden darf.“

Moderatorin: Wie kommt es, dass es religiöse Scheichs gibt, die ihre Töchter nicht beschneiden lassen?

Dr. Muhammad Wahdan: Wer hat Ihnen das gesagt?

Moderatorin: Haben Sie Töchter?

Dr. Muhammad Wahdan: Ich habe keine Töchter. Ich wünschte ich hätte welche.

Dr. Malika Zarrar: Gut, dass Sie keine haben!

Dr. Muhammad Wahdan: Wenn ich eine Tochter hätte würde ich sie beschneiden lassen.

Moderatorin: Haben Sie Schwestern?

Dr. Muhammad Wahdan: Ja.

Moderatorin: Sind sie beschnitten worden?

Dr. Muhammad Wahdan: Lassen Sie mich erzählen was wir taten. Wir brachten meine jungen Schwestern zu einem spezialisierten Arzt, der sagte, dass eine von beiden die Beschneidung bräuchte und die andere nicht. Wir führten die Khifadh-Beschneidung bei derjenigen durch, die sie benötigte und wir führten sie bei derjenigen, die sie nicht benötigte, nicht durch.

Dr. Malika Zarrar: Wir müssen Saudi-Arabien den Krieg erklären. Wir müssen zum Schwert greifen und sie bekämpfen, denn diese praktizieren das nicht in Saudi-Arabien oder in den Golfstaaten.

Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass alle Prostituierten beschnitten worden sind.

Dr. Muhammad Wahdan: Im Jahre 2001 hat das Zentrum für Bevölkerungsforschung an der Al-Azhar-Universität eine Untersuchung durchgeführt, um die Keuschheit der ägyptischen Mädchen und den Zusammenhalt der ägyptischen Familie zu erforschen. Man untersuchte einen repräsentativen Querschnitt der ägyptischen Bevölkerung. Man entdeckte verschiedene Faktoren der Keuschheit der ägyptischen Mädchen.

Das erste ist die Khifadh-Beschneidung der Mädchen. Der zweite Faktor ist die Sittsamkeit, der dritte ist die von der Mutter ausgeübte Überwachung des töchterlichen Verhaltens und schließlich, viertens, die Einhaltung der Gebete.

Moderatorin: Wird das Mädchen gefragt, ob sie beschnitten warden will oder nicht?

Dr. Muhammad Wahdan: Nein. Wir fragen den Doktor, der dann die Entscheidung trifft.

Dr. Malika Zarrar: Gott helfe uns.

Moderatorin: Und was ist mit der Meinung des Mädchens?

Dr. Muhammad Wahdan: Was meinen Sie damit?

Moderatorin: Was ist, wenn sie sagt: Ich will nicht beschnitten werden. Was geschieht dann?

Dr. Muhammad Wahdan: Wenn ein Mädchen sagt, sie will das nicht, so steht ihr das zu. Gar kein Problem.

Moderatorin: Kommt das aber in der Realität vor?

Dr. Muhammad Wahdan: Ich habe keinen Bezug zur Realität. Ich spreche darüber wie die Dinge sein sollten.

Moderatorin: Sie sind ein religiöser Scheich, der Al-Azhar-Universität. Sie können doch nicht sagen, Sie hätten keinen Bezug zur Realität.

Dr. Muhammad Wahdan: Realität ist ein Fehler, wir müssen sie korrigieren.

In Ägypten haben wir viereinhalb Millionen alte Jungfern. Die Definition für alte Jungfer ist eine Frau, die dreißig Jahre alt geworden ist ohne jemals ein Heiratsangebot erhalten zu haben. Wir haben ein veritables Problem mit den alten Jungfern der arabischen Welt und das letzte, was wir für sie wollen, ist, sexuell erregt zu sein. Beschneidung für die Mädchen die es brauchen wird sie keusch, würdig und rein machen.

So weit das Fernsehinterview mit den beiden ägyptischen Sachkundigen, ausgestrahlt, vielleicht bezeichend, nicht in Ägypten sondern in Kuwait. Ins Deutsche von Jacques Auvergne

Im Juni 2007 wurde bekannt, Ägypten habe nach dem Tod des zwölfjährigen Mädchens Budour Ahmad Shaker ein generelles Verbot gegen die Klitoridektomie ausgesprochen. In derselben Quelle (1) wird bekannt gegeben, dass bereits ein Jahrzehnt früher, 1997, ein landesweites Verbot der FGM, nämlich der Klitoridektomie ausgesprochen worden sei, was betonen mag, dass die Amputation der gesamten Klitoris fortan zu bestrafen wäre. Leider bleibt die Aussage unklar. Wie viel Klitorisgewebe dem Mädchen nämlich amputiert wird liege vermutlich auch nach den Verboten von 1997 und 2007 ganz im Ermessen des „muslimischen Arztes“. Ägyptens First Lady, Suzanne Mubarak, äußerte sich 2007 beschneidungskritisch (5).

Das aber heißt, das Dr. Muhammed Wahdan nach wie vor als Maßstab für die „Wissenschaftlichkeit“ der ägyptischen Kinderheilkunde und Gynäkologie gelten darf.

Bereits 1996 gab das ägyptische Gesundheitsministerium bekannt (2), dass zumindest Angehörige staatlicher Kliniken sich nicht länger an Mädchenbeschneidungen beteiligen dürfen. Auf eine Definition, ob hierbei eine „ärztlich empfohlene“ (nach Wahdan) Teilamputation der Klitoris eingeschlossen sei wurde allerdings großzügig verzichtet.

Dr. Saed Thabat, Professor für Gynäkologie am Kairoer Kasr El Aini Ausbildungshospital, erwies sich 1996 jedoch als begeisterter Befürworter der FGM, so diese nur in staatlichen Kliniken und von geschultem Personal durchgeführt werde (2). Dr. Thabat teilt entsprechende schriftliche Handreichungen an seine Studenten aus, eingeschlossen eine Abhandlung mit einer Begründung, warum die FGM gesunder für jede Frau sei: „Sowohl der Islam als auch die Medizin stimmen hierin überein und loben die Vorzüge der Frauenbeschneidung.“

Saed weiter: „Unbeschnittene Mädchen wollen mehr Sex haben als für sie gesund ist. Und sie sind anfälliger für Infektionen und Krebserkrankungen.“ Dem, ironisch gesagt, beherzten Engagement der ägyptischen Gesundheitsbehörden, im Ernst: der schwammigen Absage an die FGM im Jahre 1996 ging der bekannt gewordene Tod eines elfjährigen Mädchens voraus.

In diesen Tagen, wir schreiben Juni 2008, scheint sich der angeblich genitalfreundliche Wortnebel zum wiederholten Male von den Ufern des Nils aus zu verbreiten: Wieder einmal (3) wird behauptet, Ägypten mache Ernst mit einem Verbot der Frauenbeschneidung.

Und damit ist die Kette der vielen kleinen und großen offiziellen Verbote der totalen Klitoridektomie oder auch der pharaonischen Beschneidung oder auch einer anderen Beschneidungsform, Ägypten legt sich da nicht so gerne fest, keineswegs ausreichend beleuchtet.

1995 etwa untersagte Gesundheitsminister Ismail Sallam die Durchführung von Frauenbeschneidungen in staatlichen Krankenhäusern. Gut, könnte man meinen: Die drohende Medikalisierung einer archaischen Praxis wird hier klar erkannt und beherzt verboten. Was aber war diesem heldenhaften Tun nur um ein Jahr vorausgegangen?

1994 wurde ein Dekret erlassen, das alle staatlichen Krankenhäuser anwies, einen Tag in der Woche zur Durchführung der FGM zu reservieren (2). In Ägypten ist man sehr flexibel.

Juni 2008. Ägypten verbietet die Frauenbeschneidung (3). Nun ja, bekannte Muster wiederzuerkennen gibt der menschlichen Psyche Gewissheit und Halt.

Das Leben besteht aus Wiederholungen. Egyptian health minister bans female circumcision. Alle Jahre wieder.

2008 allerdings murrte die vor genau 80 Jahren von Hassan al-Banna in Ägypten gegründete al-ichwān al-muslimūn, mithin die dschihadistische Muslimbruderschaft erstmalig vernehmlich laut gegen dieses soundsovielte Verbot und will den Rechtsweg einlegen, um ein derartig „unislamisches Verhalten“ wie es das der FGM-Gegnerschaft nun einmal sei, nachhaltig zu unterbinden (3). Man darf gespannt sein: Wird sich die Muslimbruderschaft als Befürworter der FGM outen? Kuscht die Al-Azhar? Protestiert die Bundesregierung, wenn ja, wofür?

Jeden Tag werden in Ägypten Mädchenbeschneidungen durchgeführt.

Wir wünschen Dr. Malika Zarrar Kraft und Erfolg bei ihrem an der menschlichen Vernunft und an den universellen Menschenrechten orientierten Kampf gegen die weibliche Genitalverstümmelung.

Minister wie Herr Sallam und Scheichs wie Herr Wahdan werden noch einige Zeit dabei erfolgreich sein, den Mädchen und Frauen Ägyptens das Recht auf körperliche namentlich genitale Unversehrtheit unzugänglich zu halten. In Dörfer und Regionen die FGM praktizieren, sollten wir sonnen- und erlebnishungrige Touristen ganz bewusst nicht reisen.

Bloggerin Lisa Wynn verbrachte dreieinhalb Jahre in Kairo und berichtet, dass mit einer einzigen Ausnahme niemand auch nur ein Wörtchen über das nicht besprechbare Thema Frauenbeschneidung verliert. „It was a non-issue“ nennt Lynn das im herrlich bündigen Englischen: „Das war ein Unthema.“ Studierende sahen sich nicht in der Lage, das Wort Frauenbeschneidung vor der koedukativ zusammengesetzten Gruppe auch nur laut auszusprechen. Diese Erfahrung macht deutlich, dass eine ganze Nation ein Ritual duldet und kultiviert, ohne dass auch nur die jungen Eliten dagegen aufzumucken wagen. Offensichtlich ist das symptomatisch für den Zustand aller islamischen Gesellschaften zwischen Marokko und Malaysia.

Fassen wir zusammen: Erstens bleibt Frauenbeschneidung etwas Unbesprechbares. Zweitens findet sie statt. Und drittens wird sie immer wieder offiziell verboten. Die Akteure der arbeitsteiligen islamischen Gesellschaften kultivieren eine vernetzte und flexible Rhetorik.

Vielleicht sollten wir Imperialisten und Eurozentriker die ägyptischen FGM-Verbote gar nicht wörtlich nehmen sondern als einen gequält geäußerten Wunsch erkennen.

Als den Wunsch nach dem Wechsel des Gesprächsthemas.

Jacques Auvergne

1. Zum nebulösen Verbot von 2007

http://www.guardian.co.uk/world/2007/jun/30/gender.humanrights

2. Zum legendären Verbot von 1996

http://www.bmj.com/cgi/content/full/313/7052/249

3. Zum fabelhaften Verbot von 2008

http://www.dradio.de/nachrichten/200806081500/4

4. Bloggerin Lisa Wynn

http://culturematters.wordpress.com/2007/07/04/new-ban-on-female-circumcision-in-egypt/

5. Suzanne Mubarak auch „so was von gegen FGM“. 2007

http://news.bbc.co.uk/2/hi/middle_east/6251426.stm

Oktober 2007. Gute Quelle, thanks to Lisa Wynn

http://afp.google.com/article/ALeqM5jUPmjsbBS7ci0dIjRL33BR3vvc8A

An vielen Stellen auf der Welt wird erfolgreich gegen die uralte und damit durchaus auch vorislamische FGM vorgegangen. Die gute Hoffnung im weltweiten Kampf aller zeitgemäß denkenden Menschen sind Organsationen wie terre des femmes, (i)ntact, Forward Germany und Wadi. Diese sind die Fachleute in Sachen FGM, teilweise Experten für einzelne Regionen so WADI e. V. für den kurdischen Nordirak, einem Gebiet, in dem FGM überhaupt erst durch WADI e. V. für die Weltöffentlichkeit und Wissenschaft entdeckt wurde. Die bekannte Frauenrechtsorganisation terre des femmes hat beispielsweise von Anfang an die NGO Bangr Nooma in Burkina-Faso unterstützt

terre des femmes

http://www.terre-des-femmes.de/

(i)ntact

http://www.intact-ev.de/

Forward-Germany

http://www.forward-germany.de/

„Stop FGM in Kurdistan!“ (Wadi e. V.)

http://www.stopfgmkurdistan.org/

WADI

http://www.wadinet.de/projekte/frauen/fgm/kampagne.htm

Maimouna – der Film. Ein Film von Fabiola Maldonado und Ulrike Sülzle. Filmemacherin Ulrike Sülzle verstarb nach langer Krankheit am 11. Mai 2008. Der Film beschreibt das Leben von Maimouna Ouédraogo, der großen Aktivistin gegen Genitalverstümmelung an Frauen in Burkina Faso. Terre des femmes unterstützt seit 1998 die dort tätige NGO Bangr Nooma

http://www.maimouna-derfilm.de/

Zur NGO Bangr Nooma

http://www.frauen-lubu.de/bangrnooma.html